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Donnerstag, 23. Dezember 2021

Lichterglanz

 Ich stehe am See. Eine zarte Eisschicht hat sich auf der Oberfläche gebildet und verleiht der Szene eine mystische Ausstrahlung. Zaghaft fällt ein Lichtstrahl durch die kahlen Äste und lässt den grauen Dunst flimmern. Ein zauberhaftes Spiel zwischen Licht und Kontrasten. Ist es im Leben nicht auch so? Wo Licht ist, ist auch Schatten? Ein Sprichwort, das mir ein wenig zu eindimensional daherkommt und doch trägt es ein Stückchen Wahrheit in sich.

Weihnachten ist die Zeit der Lichter. Überall funkeln kleine Lämpchen um die Wette und durchbrechen so die triste Dezemberlandschaft. Dabei gibt es allerdings auch Unterschiede zu erkennen. Manche Häuser sind in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Andere werden durch grelle, weiße, kalte Lichter geziert. Und wieder andere haben ganze Lichtershows in ihren Gärten. Das gesamte Farbspektrum blitzt und blinkt. 

Denke ich so darüber nach, ist das irgendwie auch auf das Leben übertragbar. Es gibt Menschen, die die Dunkelheit des Lebens mit hellem Licht abzuhalten versuchen. Andere setzen auf bunte, fast schon überdrehte Lichtershows. Manche nutzen einen goldenen Schimmer, der die Nacht durchbricht, sie aber eher einrahmt und in Szene setzt, als sie tatsächlich zu vertreiben. Naja, und dann gibt es noch die Menschen, die keine Lichter verwenden. Die sich vielleicht in der Dunkelheit wohl und sicher fühlen, weil sie dann vor den Augen der anderen verborgen sein können. Letztlich bleibt die Nacht allerdings Bestandteil all unserer Leben. 

Ich krame meine Kopfhörer hervor, um die Stille zu durchbrechen. Es gelingt mir derzeit nicht, die Ruhe auszuhalten. Zu groß ist die innere Spannung, die mich zu zerreißen droht. Also lasse ich den Rythmus auf mich wirken und den Bass mein inneres Schwingen überzeichnen. 

Denke ich an die nächsten Tage kehrt eine Schwermütigkeit in mich ein. Mein Schuldgefühl ist gigantisch. Weihnachten war jene Zeit, in der es so etwas wie Liebe gab. Ein üppig geschmückter Weihnachtsbaum, etliche Geschenke und Gemeinschaft, die harmonisch war. Nein, das ist eine romantische verklärte Sicht fern ab jeder Realität. Weihnacht war der Moment, an dem sich die explosive Stimmung der Adventszeit entlud und die Angst für einen Augenblick verschwand. Meine Eltern wurden versöhnlicher. Eine wohltuende Illusion einer heilen Familie legte sich über das, was zuvor geschen war. Das wochenlange Schweigen meiner Mutter endete. Die Wut wich einer süßlichen Freundlichkeit, die so verlockend war, dass sich keiner von uns ihr entziehen konnte. Wie Schwämme versuchten wir dieses Gefühl in uns aufzusaugen und für die kommende Zeit zu konservieren. Ja, denke ich an die nächste Zeit, verdreht es mir den Magen. Ich möchte euch kontaktieren, euch sagen, wie leid es mir tut. Ich möchte euch um Vergebung anbetteln, um etwas von dem köstlichen Nektar zu bekommen. Jener zuckerhaltige Lösung von der ich mir die so dringliche Erlösung erhoffe. Dabei ist mir rational bewusst, dass all das nicht real ist. Dass ihr nicht zur Liebe fähig seid. Weihnachten war der Versuch, eure eigenen Erfahrungen zu kompensieren. 

Ich habe mehr Mitgefühl mit euch als mit mir selbst. Die Stimmen in mir sagen, dass ich euch gegenüber verpflichtet bin. Dass ich für euer Glück verantwortlich bin. Dass es meine Aufgabe ist, mich um euch zu kümmern. Ihr wichtiger seid als ich. Dass ich egoistisch und ein Monster bin, wenn ich auf mich achte. Mir ist speiübel bei dem Gedanken, euch kontaktieren zu müssen. Ich will das nicht. Es tut mir weh. Aber ich weiß auch, dass ich es noch nicht schaffe, es nicht zu tun. Zu riesig sind die Schuldgefühle. Zu groß der Wunsch danach, doch noch geliebt zu werden. Und zu monströs die Angst vor der Wahrheit. Die Wahrheit, die zu schmerzhaft ist und einen Rattenschwanz nach sich zieht, der (noch) nicht erträglich ist.

 


Wolkentänzerin


1 Kommentar:

  1. und? einigermaßen gut überstanden? .... bei uns war zum ersten mal die älteste tochter nicht dabei. es hat die stimmung unerwartet stark beinflußt.

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