Hallo Welt. Jetzt gerade ist es bereits nach Mitternacht. Viele Menschen liegen bereits im Bett oder versuchen, anderweitig zur Ruhe zu kommen. Ich fand diese Tageszeit schon immer magisch. Unzählige Nächte lang lag ich wach dar, ging in der Dunkelheit spazieren oder saß auf dem Boden in meinem Zimmer und sah meinem Blut dabei zu, wie es fluchtartig meinen Körper zu verlassen schien. In den stillen Stunden, die den Übergang von einem Tag zum nächsten formten, gab es dieses wohltuende Vakuum. In den Momenten tiefster Nacht gab es die Welt da draußen nicht. Doch, obwohl mein Alltag, meine Familie und der Keller in die Ferne rückten, blieben ihre Schatten bestehen. Wie randalierende Geister jagten sie durch meinen Verstand. Ich verbrachte unsagbar viel Zeit damit, nach einer Lösung dafür zu suchen. Wie sich herausstellte, wurden die Stimmen in mir leiser, stimmte ich ihnen zu. Über die Zeit gesellte sich so eine Stimme dazu, die meine Klangfarbe zu besitzen schien. Aber war es wirklich meine Stimme? Sagen wir, die gehört nicht zu mir. Nehmen wir an, dass es sich um eine Tonspur handelt, die allein aus Überlagerung und Illusion erschaffen wurde. Sie gibt sich als meine Stimme aus und könnte damit nicht verkehrter liegen. Aber wo ist dann meine eigene Stimme? Ist sie verloren gegangen? Oder hat sie noch nie existiert? Ich denke, weder, dass sie verschwunden ist, noch, dass sie nie existierte. Vielmehr war sie immer da. Sie ist direkt in mir. Da war sie, das ist sie uns da wird sie sein.
Zu wissen, dass meine Stimme überlebt hat, beruhigt mich auf eine heilsame Art. Sie mag vielleicht verschüttet worden sein von all den Trümmern meiner Seele. Von all den unerfüllten Wünschen. Von all den unbeantworteten Bedürfnissen. Es ist mir trotzdem gelungen, sie vor dem Inferno, das mein Leben bedeutete, zu schützen.
Ich bin bereit, genauer hinzuhören. Ich möchte hören, was sie mir zu sagen hat. Ich möchte hören, was das Mädchen niemals sagen durfte. Ich möchte Worte für das Unbeschreibliche finden. Selbst, wenn das bedeutet, grässlichste Seelenschmerzen aushalten zu müssen. Denn, wenn mich meine Stimme eines gelehrt hat, dann, dass ich überleben kann...
Wolkentänzerin
