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Samstag, 18. Dezember 2021

Der Strand der Verdammnis

Manchmal habe ich das Gefühl, an einem Strand zu sein. Mein Blick auf die bedrohlichen Wellen der Erinnerung gerichtet, die sich schäumend in meine Richtung bewegen. Am tristen grauen Himmel hängen einige schwere Wolken, die sich allmählich in salzige Tränen auflösen und in den eisigen Wassermassen aufgehen. Ein ungnädiger Regenschauer nähert sich also. Doch ich kann nicht fliehen. Denn an den Strand grenzt ein riesiger Zaun an, den ich nicht überwinden kann. Ich sitze in der Falle. Kurz überlege ich, einfach in die Wellen hineinzulaufen und mich ihnen zu ergeben. Doch ich kann nicht. Ich will nicht. Also suche ich Schutz hinter einem riesigen Findling. Allerdings auf der dem Meer zugewandten Seite. Denn ich will nicht, dass die Menschen auf der anderen Seite sehen können, wie ich kämpfe. Ich möchte nicht zum Objekt ihrer neugierigen und verurteilenden Blicke werden. Also klammere ich mich an meinen steinigen Freund und hoffe darauf, dass alles gut werden möge. Die unerbittlichen Wogen drücken mich gegen die glitschige und raue Oberfläche des Steines. Jegliche Luft wird aus meinen Lungen gepresst und ich habe das Gefühl, es nicht auszuhalten. Ich habe Angst und möchte schreien. Doch das geht nicht. Weil mir die Luft fehlt und weil ich keine Aufmerksamkeit erregen möchte. Niemand soll mich so sehen. Diese jämmerliche Gestalt zu Gesicht bekommen, die ich bin.

Ich möchte auf die andere Seite des Zauns. Oder? Ja, das möchte ich. Ich möchte dazugehören. Nur ein einziges Mal in meinem Leben. Ich möchte die Denkmuster abstreifen, die mich in ein Korsett zwängen, dass mich schon fast gänzlich deformiert hat. Ich möchte ein Teil der Gesellschaft sein. Ganz ohne diesen furchtbaren Zynismus. Ohne die Stimmen in mir, die mir süßlichen Selbsthass einflüstern und mir sagen, dass ich zu diesem einsamen Leben an diesem elendigen Strand verdammt bin. Doch dann denke ich mir wieder, dass ich es verdient habe. Dass ich zu viele Dinge angestellt habe, als dass es mir erlaubt sein könnte, ein "freies" Leben führen zu können. Ich bin schuld. Das muss ich sein. Ansonsten ergäbe das alles gar keinen Sinn. Und es muss einen Sinn haben. Es muss logisch erklärbar sein.

Hier sitze ich nun. Im matschigen Sand. Vollständig durchnässt und abgekämpft. Ich versuche mich zu sammeln und mir zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wie ich dieser Hölle entkommen kann. Dabei habe ich doch schon so viel versucht. Oder? Vielleicht ist die Wahrheit auch, dass ich zu viel Angst habe. Dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich auch nur ein Mensch wirklich mögen könnte. Nein, unmöglich. Dafür kenne ich mich zu gut. Oder?

Ich möchte den düsteren Gesalten der Nacht entkommen. Ich möchte den niederschmetternden Wellen mit ihrer mächtigen Zerstörungskraft entkommen. Aber ich weiß nicht wie und das macht mich wahnsinnig. Ich bin es so leid. So so leid...



Wolkentänzerin

Montag, 11. Januar 2021

Wunschlose Wünsche

Heute war die bisher schlimmste Sitzung bei Dr. Freud. Ich bin einem inneren Dämonen begegnet, der ein enormes Zerstörungspotenzial besitzt und mir eine Heidenangst einjagt. Mir ist etwas über die Lippen gekommen, dass ich bisher noch niemals in meinem Leben vermocht habe auszusprechen. Doch ich fühle mich deshalb nicht erleichtert oder besser. Vielmehr möchte ich mich am liebsten zerfleischen. Woher dieser Drang kommt, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es, weil ich mich so dermaßen schäme. Vielleicht ist es auch, weil ich das Gefühl habe, ein Gesetz gebrochen zu haben und nun die Strafe erwarten zu müssen.

Seit heute Nacht hat mich mein Rheuma wieder fest im Griff. Meine Handgelenke, Füße und Knie sitzen mit Entzündungen zu. Einige Mal riss mich der Ruheschmerz diese Nacht aus dem Schlaf. Ich mochte meinen Körper noch nie, aber in diesen Momenten könnte mein Hass auf mich selbst nicht größer sein. Manchmal stelle ich mir vor, dass all die Erinnerungen wie eine toxische Flüssigkeit durch meine zahlreichen Adern fließt und mich von innen zerfrisst. Als habe sich die Negativität auf meinen Organismus übertragen. Als hätten sich meine Suizidgedanken verselbstständigt und sich einen Weg aus meinem Gehirn hin zu allen anderen Zellen erschlichen. Unaufhaltsam sorgen sie nun für meinen Niedergang. Wer weiß…

Dr. Freud hat mich gefragt, welche Wünsche ich habe. Er ist nicht der Erste, der mir diese Frage stellt. Von Zeit zu Zeit denke ich, dass dieser Frage ein wundersamer Zauber innewohnen muss. Als wäre die Antwort darauf die Lösung für all meine Probleme. Finde ich nur die korrekte Erwiderung habe ich eine Prüfung bestanden und bin würdig, die nächste Stufe zu erreichen. Zuweilen kommt es mir auch so vor, als wolle mir mein Gegenüber damit eine Falle stellen. Vertrau mir und verrate mir deine Wünsche. Dir wird auch nichts passieren. Ich halte es nicht für klug, darauf einzugehen und mich zum Gespött der Nation zu machen. Welch eine Lachfigur machte ich aus mir, äußerte ich meine innersten Sehnsüchte, nur um zu erkennen, wie abwegig das ist. Wie töricht wäre ich, wenn ich glaubte, es gäbe auch nur den Funken einer Chance, dass meine Wünsche Realität werden könnten?

Außerdem ist das Äußern von Wünschen immer mit einer gewissen Gefahr verbunden. Der Gegenüber erhält dadurch ein gewisses Maß an Macht über mich. Dieses Risiko ist mir definitiv zu hoch. Und ich spreche dabei nicht von Wünschen, die den Alltag betreffen. Denn, ja, ich habe berufliche Wünsche, die ich auch versuche zu erreichen. Ich spreche von jenen Wünschen, die einen jeden von uns ausmachen. Von den Sehnsüchten, die mitunter tief verborgen in uns schlummern und darauf warten, dass wir uns ihrer annehmen. Jene Wünsche, die sich in Leidenschaft transformieren können, wenn ihnen der Raum zur Entfaltung gegeben wird.

Ja, ich habe auch solche Wünsche. In meinem ganz persönlichen Universum verbinde ich mit diesen Sehnsüchten jedoch nichts Positives. Ich verachte mich dafür, ein derartiges Gedankengut in mir zu tragen. Dann und wann bestrafe ich mich, weil ich es nicht akzeptieren kann, derart töricht zu sein. In solchen Momenten sind die Stimmen in meinem Kopf wie ein Orkan des Bösen. Ich höre dann all die Worte, die all die Menschen über all die Jahre zu mir sagten. In solchen Momenten wünsche ich mir dann nur noch, dieses Leben zu beenden und endlich Erlösung zu finden.

Ich möchte kein Mensch sein, der Wünsche in sich trägt. Denn viel zu oft hat mich das in meinem Leben bereits zu Fall gebracht. Ich habe mich sosehr nach dem Stillen meiner Sehnsucht verzehrt, dass ich die Gefahr aus dem Blick verlor und unachtsam wurde.

Es gab eine Vielzahl an Menschen, die mir sagten, ich solle ihnen vertrauen. Die sagten, sie meinten es gut mit mir. Die mich anlächelten, mir die Hand reichten und mich mit allerlei süßlicher Versprechen lockten. Nur, um mich anschließend in den finsteren Abgrund zu ziehen. Sie spielten mit meinen Wünschen und saugten mir dabei meine Lebensenergie aus. Sie versprachen mir das Blaue vom Himmel und nahmen mir doch jegliches Licht.

Ich mache an dieser Stelle niemandem einen Vorwurf. Immerhin war es meine eigene Dummheit. Es war mein dummes Streben nach der Erfüllung meiner Wünsche, das mich derart angreifbar machte. Ich war ein leichtes Ziel, weil ich dermaßen leichtgläubig und naiv war. Das werde ich mir wohl niemals verzeihen können.

Somit muss ich Dr. Freud enttäuschen, denn ich werde ihm nicht sagen, welche Wünsche ich habe. Nochmal falle ich nicht darauf rein.

Wolkentänzerin


 

Freitag, 18. Dezember 2020

Alle Jahre wieder

Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr habe ich Magenschmerzen und eine unbeschreibliche Schwere in mir. Meine Gedanken schwirren wie rastlose Fliegen durch meinen Kopf. Kaum einen vermag ich zu greifen. Ich selbst bin ruhelos und weiß nichts mit mir anzufangen. Dann und wann blitzen Erinnerungen auf. Erinnerungen an Weihnachtsfeste, die sich anfühlen, als hätten sie in einem anderen Leben stattgefunden. Und vielleicht ist ja auch etwas dran. Vielleicht ist es tatsächlich ein anderes Leben. Zumindest fühlt es sich in manchen Momenten unendlich weit entfernt an. Doch da gibt es auch die Momente, in denen das Erlebte förmlich spürbar ist. All die Empfindungen jener Zeit werden heiß und unerträglich.

Häufig überkommt mich ein bohrendes, schlechtes Gewissen. Ich fühle mich meiner Mutter gegenüber schuldig, weil ich sie nicht besuchen oder auf andere Weise kontaktieren werde. Es kostet mich enorm viel Kraft – auch, weil ich mich noch immer nicht emotional von ihr trennen konnte. In meinem Inneren bin ich bis heute das verängstigte Kind, das versucht, die mütterliche Liebe zu gewinnen. Die Wahrheit ist jedoch, dass ich sie nicht erhalten werde. Ganz gleich, was ich tue.

Mir ist bewusst, dass ein friedliches Weihnachtsfest wohl eher eine romantisch verklärte und von Hollywood hochstilisierte Vorstellung ist, die sehr selten etwas mit der Realität zu tun hat. Stattdessen entlädt sich an den Feiertagen oftmals jener Stress, der sich über das gesamte Jahr angestaut hat. Das macht mich irgendwie betroffen. Ich meine, wenn die Harmonie nicht der Standard ist, was bedeutet das dann für uns als Menschen? Was bedeutet das für diese Welt, in der wir leben? Wieso gibt es dermaßen viel Wut, Neid, Anfeindung und Hass auf dieser Erde?

Zu Weihnachten explodierte es in meiner Familie regelmäßig. Es war möglich, die Uhr danach zu stellen. Die gesamte Adventszeit über lag eine gefährliche Spannung in der Luft. Wir Kinder hielten dauernd den Atem an, weil wir fürchteten, ein falsches Wort könnte die Eruption verursachen. Schon ein falscher Blick reichte aus, um einen Tobsuchtanfall auszulösen. Infolgedessen wurde uns oft gedroht, sie gäben uns weg. Sie sagten, wir wären nicht länger zu ertragen. Dass wir ihnen ihr Leben zerstörten und ihre Körper ruinierten, weil sie sich für uns kaputt arbeiteten.

Ich hasse Weihnachten nicht. Nein, ich kann durchaus den wundersamen Zauber verstehen, die diese besondere Jahreszeit für viele Menschen bedeutet. Und ich wünsche jedem, dass er/sie es genießen möge. Für mich persönlich ist es nur wahnsinnig anstrengend. Überall die Weihnachtslieder, die Rede von Familienglück und dem trauten Beisammensein. Mir führt das Weihnachtsfest vor Augen, was ich verpasst habe. Es formt den indiskutablen Kontrast zu meinem eigenen Erleben und das ist mitunter nur schwer erträglich.

Zu Weihnachten fühle ich mich am stärksten von dieser Welt entfremdet. Ich kann schlecht mit dem Schein der Harmonie und Liebe umgehen. Und auch, wenn ich weiß, dass es eben häufig nur ein Schein ist, macht es mir sehr zu schaffen.

Doch es gibt einen Hoffnungsstern in dieser düsteren Nacht: auch Weihnachten geht vorbei.

 

Wolkentänzerin

Sonntag, 20. September 2020

There ain't no future in the past...

 Still und leise höre ich in mich hinein und versuche mich an einer Bestandsaufnahme. Die ist auch mehr als fällig. Zu lange habe ich mal wieder verdrängt und mich in destruktive Muster fallen lassen, weil der innere Druck schlicht und ergreifend zu groß war. Also: Was geht in mir vor? Was empfinde ich? Wo sind meine Gedanken in diesem Moment? Bin in entspannt? Fühle ich mich wohl? Tanze ich auf den Wolken oder kann ich den Boden unter meinen Füßen wahrnehmen?

In mir ist eine bleierne Schwere. Mein Kopf durch einen dichten Nebel verschleiert. Kein einziger Gedanke ist greifbar. Jeder Muskel meines Körpers fühlt sich verspannt an. Meine Fuß- und Fingergelenke schmerzen. Ein Rheumaschub, der mir seit Tagen zu schaffen macht und mich mitunter an der Rand meiner Kraft bringt. Außerdem spüre ich, dass mein Körper sich derzeit viel mit Erinnerungen beschäftigt. Immerhin ist er der Speicher für all das, was uns im Leben begegnet. Unser Körper vergisst nicht, sondern erinnert sich auf seine ganz eigene Art und Weise. Ein eindeutiger Indikator dafür, dass es wieder Zeit wird, den inneren Impulsen und Vorgängen Raum zu geben. Die Kapazität der Verdrängung ist erschöpft.

Oftmals komme ich nicht umher, mich zu fragen, wann all das wohl endlich aufhört. Wann ich mich endlich aus dieser Erstarrung befreien kann. In der Vergangenheit ist schließlich keine Zukunft. Doch „[das] Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ (William Faulkner). Denn für mein Inneres und meinen Körper sind die Erlebnisse noch immer aktuell. Gefangen in einer Zeitschleife, die ich bis heute nicht zu durchbrechen vermag. Mein Gedächtnis unterliegt in diesem Kontext keiner Veränderung.

Dabei ist genau das so wichtig, um im Leben voran zu kommen. Unsere Erlebnisse formen den Kompass, mit dem wir in ungewohnten Situationen Orientierung erlangen können. Wir verlassen uns auf unsere gemachten Erfahrungen, um Entscheidungen zu treffen. Durch persönliche Entwicklung schaffen wir neue Perspektiven und können dadurch unseren ganz individuellen Lebensteppich in einem anderen Licht betrachten. Muster erscheinen auf einmal anders. Farben verlieren oder gewinnen an Intensität. Plötzlich ergeben Situationen einen Sinn und ermöglichen es uns, das Gefühl der Kontinuität und Stabilität zu empfinden.

Traumatische Erfahrungen hingegen sind statisch. Sie verändern sich nicht. Stattdessen existieren sie seit jeher als fragmentierte Splitter in mir. Und wann immer sie traktiert werden, verletzen sie mich. Was wiederum bedeutet, zu einem nicht enden wollenden Albtraum verurteilt zu sein.

All die Therapie, die ich bisher versuchte, fühlte sich an, als kämpfte ich gegen ein überirdisches Wesen. Wann immer ich dieses Monster verwundet hatte, wuchs ihm ein neues Körperteil oder die Wunde heilte schneller als ich gucken konnte. Und auch das Verdrängen hat sein Grenzen. So sehr ich mich auch bemühe, geht das Licht aus, ist der Schrecken präsent.

Ich hätte gerne Hoffnung. Ich möchte gern glauben, dass diese Therapie diesmal Früchte trägt. Dass ich es schaffen kann, die Vergangenheit zu beenden. Dass mein Leben in Bewegung gerät.

Aber wohin mit all der Angst? Augen zu und durch? Zur Not muss eben ein Klinikaufenthalt her.

Doch wer gibt mir das Recht, mich derart wichtig zu nehmen? Ich darf nicht durchhängen. Nicht aufschreien. Nicht auffallen. Ich muss normativ sein. Unauffällig. Unkompliziert. Unsichtbar. Denn was passiert, wenn ich tue, was ich will? Die Menschen fangen an, mich zu bemerken. Sie schauen genauer hin. Von da bis zur Verurteilung und dem Abwenden ist es dann nicht mehr weit.

Bisher tue ich mein Möglichstes, um meinem Umfeld zu gefallen. Immer lächeln. Immer freundlich sein. Immer akzeptieren. Immer helfen. Immer zuhören. Immer runterschlucken. Immer nicken. Immer defensiv. Immer Fragen stellend. Immer im Hintergrund bleibend. Wenn überhaupt, dann lasse ich die Menschen lediglich an der Oberfläche kratzen. Doch niemals mehr. Zu groß ist die Gefahr, sie könnten erkennen, welches Monster ich bin und mich dann zurücklassen. Mir sagen, ich sei unerträglich.

Ich wünschte, ich könnte das Alles etwas lockerer betrachten. Ich wünschte, ich könnte die Signale meines Gegenüber richtig deuten und interpretieren. Ich wünschte, ich könnte damit aufhören, mir den Kopf zu zermartern und mich zu zerfleischen, weil ein sozialer Kontakt nicht so lief wie erhofft. Ich wünschte, ich könnte mich einmal sicher im Umgang mit einem Menschen fühlen und glauben, dass alles gut ist und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Nur einmal.

Aber…I still remember…

Wolkentänzerin

Sonntag, 7. Juni 2020

Wurzelloser Baum

Ehrlich gesagt, ich wäre gern ein wurzelloser Baum. Ich wünschte, es gäbe keine Vergangenheit. Ja, ich wäre gerne eine Tabula rasa – ein Blatt, das bloß darauf wartet, beschriftet zu werden. 

Stattdessen habe ich Wurzeln. Ich habe einen Ursprung, der mich zu dem machte, was ich heute bin. Jeder Moment, jede Begegnung, jedes Ereignis hat seinen ganz eigenen Anteil an meiner Entwicklung geleistet. So manch ein schicksalhafter Augenblick stellte die Weichen für den weiteren Verlauf meines Lebens. Eine Verkettung vieler unterschiedlicher Glieder. Es ist wie bei einer Maschine: Erst das Ineinandergreifen der einzelnen Zähne der Räder bewirkt, dass die Mechanik in Gang gesetzt wird. So wird beispielsweise durch die Kraft des Wassers ein Mühlenrad angetrieben und schließlich auf das Mahlwerk übersetzt, um Mehl zu produzieren. Getreu dem Motto: Aktion = Reaktion? 

Wäre es demnach nicht folgerichtig zu behaupten, dass Geschehen A Geschehen B bewirkte? Dass es C ohne B gar nicht gäbe? Würde dadurch nicht die Verantwortung gänzlich ausgeklammert? Ich meine, dann kann ich mich doch immer darauf berufen, diverse Dinge nur getan zu haben, weil am Anfang der Kausalkette Tag X stand und mich in vorgegebene Bahnen drängte.

Historiker versuchen seit Ende des Zweiten Weltkriegs eben jenes Phänomen zu erklären. Wie konnte es dazu kommen, dass ein Mensch wie Hitler an die Macht kommen konnte? Weshalb waren ihm derart viele Menschen scheinbar blind gefolgt und hatten seine Befehle ausgeführt - selbst als das bedeutete, unschuldige Menschen brutal niederzumetzeln? Es gibt keine eindeutige Antwort darauf.
Die einen glauben, der Grundstein sei schon durch den Ersten Weltkrieg oder, besser gesagt, durch dessen Ausgang gelegt worden. Die übertriebenen Reparationszahlungen, die Dolchstoßlegende und die hohen Kriegsverluste stellten die Weimarer Republik unter keinen guten Stern. Die Weltwirtschaftskrise, die ansteigende Verelendung der Bevölkerung und die schwächelnde Industrie bewirkten, dass die Menschen den Versprechen der NSDAP einfach nur noch glauben wollten. Also war dieses finstere Kapitel deutscher Geschichte bloß ein Ineinandergreifen unterschiedlichster Zahnräder, das in einer Katastrophe endete, die keiner wirklich wollte? 

Anderen sind davon überzeugt, dass diverse sozialpsychologische Mechanismen griffen und die Leute zu kopflosen Akteuren mutierten. Es gibt etliche Studiendesigns, die sich der Frage widmen, welche Ursachen vorlagen, die dieses gesamtgesellschaftliche Versagen erklären könnten. Da gibt es Phänomene wie die Deindividuation, die Verantwortungsdiffusion oder den Autoritätsgehorsam. 

Insbesondere das Milgram-Experiment stach dabei heraus. Stanley Milgram, ein amerikanischer Psychologe, überlegte sich einen Versuch, um die These „Germans are different“ zu überprüfen. Man ging bis dato davon aus, dass die Deutschen einen besonderen Gehorsam innehätten und es daher überhaupt erst zum Holocaust hätte kommen können. Wie sich herausstellte, war die Annahme falsch. Unter bestimmten Umständen kann es jedem von uns passieren, Anweisungen zu befolgen, die anderen schaden. 

Hannah Arendt beschrieb dieses multifaktorielle Phänomen in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Sie berichtete vom Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Eichmann in Jerusalem und kam letztlich zu der Feststellung, dass das Böse nicht in Form von Monstern auftrete, sondern in erschreckend durchschnittlichen Gestalten. Bedingt durch den Totalitarismus gaben die Menschen ihre eigene Identität auf und wurden zu einer blind agierenden Masse. Die Einzelperson gewann die vermeintliche Freiheit durch Aufgabe der Fähigkeit zu denken und sich selbst reflektieren zu können. Das Ergebnis war der Verfall moralischer Instanzen und ein zerstörerischer Mob. 

Doch ist es tatsächlich so einfach? Die Menschen dachten halt nicht nach und haben sich hinter dem Nebenmann versteckt? Gemäß des Spruchs „macht doch jeder“? 

Ich persönlich bin ein Mensch, der mit enormen moralischen Antennen ausgerüstet wurde. Sobald etwas auch nur ansatzweise unmoralisch sein könnte, breitet sich ein mulmiges Gefühl in mir aus. Das betrifft nicht bloß moralische Gesetze, sondern erstreckt sich über jegliche Regeln. Ob diese nun gesellschaftlich, institutionell, familiär oder religiös determiniert wurden, ist dabei total egal. Ich halte mich an die Regeln. Beispielweise könnte ich nicht nachts um drei in einer verkehrsberuhigten Straße über eine rote Fußgängerampel laufen. Nein, ich bleibe solange stehen, bis das grüne Männchen mir erlaubt, die Straße passieren zu dürfen. 

Wahrscheinlich macht mich das zu einem recht höflichen und rücksichtsvollen Menschen. Doch viel zu häufig steht mir genau das im Weg. Ich kann nicht ausgelassen sein, weil sich das nicht gehört. Ich kann nicht sagen, was ich will, weil ich das nicht darf. Ich kann mich selbst nicht an die erste Stelle setzen, weil ich nicht egoistisch sein darf. Es gibt Unmengen solcher Regeln und Verbote. Bei jedem Verstoß bekomme ich riesige Angst. Angst vor den Konsequenzen. Angst vor Bestrafung. Angst vor mir selbst. 

Mir ist absolut bewusst, dass ich mich in meinem Denken von den allermeisten Menschen unterscheide. Ich brauche deutlich länger als andere, um mich auf etwas Neues einlassen zu können. Ich bin vorsichtig und gehe in meinem Kopf die etlichen Pro-und-Kontra-Listen immer und immer wieder durch. Bevor ich etwas tue, wäge ich alle möglichen Konsequenzen ab und hinterfrage meine Motive. Ich versuche, mich stets selbst zu reflektieren und zu hinterfragen. Und all die Mühe ist bloß motiviert von meiner unsagbaren Angst, doch das Monster zu sein, was sie in mir meinten zu sehen.
Ich weiß auch, dass die Moral für viele Leute ein flexibles Maß ist, das sich in jeder Situation beliebig verändern lässt und somit stets eine Argumentation für das eigene Handeln liefert. 

Ja, mir ist natürlich bewusst, dass es ethische Fragen gibt, die nicht ohne weitere Diskussion gelöst werden können. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff des moralischen oder ethischen Dilemmas.
Aber ich bin der Meinung, dass ein Mensch erst dann empathisch entscheiden kann, wenn er den Schmerz selbst gefühlt hat. 

Um nochmal auf die Deindividuation zurückzukommen, die in totalitaristischen Herrschaftsformen zu absolutem Terror führen kann, so könnte auch ich mit dem Strom schwimmen und beispielsweise Fleisch essen. Immerhin ist der Verzehr von tierischen Produkten in unserem Kulturkreis ein Teil frühster Erziehung. Die Ideologie des Karnismus ist ebenso weit verbreitet und selbstverständlich wie der Brauch an Weihnachten einen Baum aufzustellen. Es besteht scheinbar nicht die Notwendigkeit, diese Überzeugungen zu hinterfragen. Nein, stattdessen folgt man der Masse. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang bereits unser Sprachgebrauch. Der Philosoph Martin Heidegger wies bereits darauf hin, dass wir allein durch unsere Formulierungen und die jeweilige Wortbenutzung eine Entfremdung von uns selbst schaffen. Denn wer genau steckt denn hinter dem „man“? Wir sprechen von der großen Masse und machen uns alle zu etwas Gewöhnlichem. Es ist eine Einebnung hin zum Allgemeinheitsbrei. 

Es ist bewiesen, dass Kühe ihr Leben lang darunter leiden, ihre Kälber verloren zu haben. Denn es ist gängige Praxis, den Mutterkühen ihre Jungen kurz nach der Geburt wegzunehmen. Schließlich würden diese ja die Milch trinken. Das geht natürlich nicht, weil die ja an den menschlichen Kunden verkauft werden soll. Eine artfremde Spezies, die die Muttermilch einer anderen Spezies trinkt. Das gäbe es bei keinem anderen Tier – außer vielleicht in Notfällen. Doch sicher nicht aus reinem Vergnügen. Wie dem auch sei: die Kuh verliert ihr Kind. Damit andere weiterhin den Nutzen an ihr haben. Sollte das Kalb weiblich sein, hat es das gleiche Schicksal vor sich wie jenes, das seine Mutter bereits erlitt. Ist es männlich, so wird es direkt umgebracht. Immerhin ist dieses Geschöpf dann wertlos. Wie kann das mit dem Gedanken göttlicher Schöpfung vereinbar sein? Wie kann ein Wesen, das von Gott geschaffen wurde, wertlos sein? Welch eine Grausamkeit, einem Lebewesen eine Aufgabe zuzuweisen und dann zu entscheiden, dass das Lebewesen keine Daseinsberechtigung hat, wenn es eben jene von Menschen erdachte Aufgabe nicht erfüllt. 

Kant sagte etwas, das mir dazu sehr passend erscheint: „Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde“.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die nun behaupteten, dass die Würde ausschließlich dem Menschen vorbehalten sei. Doch das Wort ‚Würde‘ an sich bedeutet schlicht und ergreifend ‚wert‘. Ich persönlich finde, dass ein jedes Lebewesen wert ist zu leben. Und ich persönlich weiß, was es bedeutet, sein eigenes Kind abgeben zu müssen, weil es lediglich um deren und meinen Nutzen ging. Es war eine schlichte Kosten-Nutzen-Relation, die zum Nachteil meines Würmchens ausging. Also wurde beschlossen, dass mein Würmchen keine Daseinsberechtigung habe. 

Also wie kann ich einem fühlenden Wesen solche Schmerzen zufügen, wenn ich doch weiß, was das bedeutet? Insbesondere unter dem Aspekt des eigentlichen Nutzens. Die Milch wäre für mich bloß ein Konsumgut kurzer Dauer. Und am Ende ist die gesundheitliche Auswirkung auf meinen Körper sogar eine schädliche. Denn diese Muttermilch ist nicht für mich – einen Menschen – gemacht. Sie ist dafür da, ein kleines Kalb innerhalb kürzester Zeit stark und groß zu füttern. Warum sollte ich also unter Berücksichtigung all dieser Faktoren Milch trinken wollen? Nur, weil man das schon immer so gemacht hat? Das ist für mich persönlich keine schlüssige Erklärung. Das ist für mich vielmehr eine Erklärung, die bloß von Deindividuation zeugt: der Mensch vertraut der Mehrheit und denkt nicht eigenständig nach. 

Ich habe den Titel dieses Textes nicht ohne Grund gewählt. Denn natürlich habe ich wie alle Menschen Wurzeln, die es mir erst ermöglichten, heranzuwachsen und zu meiner heutigen Persönlichkeit zu werden. 

All die vielen Begebenheiten haben ihren Teil zu meinem Ich beigetragen. Klar, diese Teile waren immer mal größer und mal kleiner. Und doch hatten sie alle eine Auswirkung. Nun ist es jedoch eine biologische Tatsache, dass wir nicht bloß aus metaphysischen Zusammenhängen bestehen. Nein, uns allen liegt eine DNS-Struktur zugrunde, die unseren ganz individuellen Bauplan enthält. Und dank Mendel, Crick und Watson wissen wir auch, dass in jedem neuen Menschen die Hälfte Mutter und die Hälfte Vater steckt. 

Ich habe die Gene meiner Mutter geerbt. Ich bin ein Teil ihrer Selbst. Ich habe unglaublich Angst, wie sie zu sein oder es noch zu werden. Ich habe Angst, dass die Brutalität meines Vaters in meinen Adern fließt. Ich fürchte mich davor, dass meine Wurzeln irgendwann über meine Baumkrone bestimmen werden. Mich ergreift Panik, wenn ich daran denke, dass mein Ursprung die Form meiner Verästelungen vorgeben könnte. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich töten möchte: weil ich diesen Dingen ein Ende setzen möchte. 

Natürlich weiß ich auch, dass das, rein biologisch, totaler Quatsch ist. Immerhin hat unsere DNS keine direkte Auswirkung auf unser Handeln. Ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, sind die unterschiedlichen Umwelteinflüsse, denen ein jedes Leben ausgesetzt ist. 
  

Auf dem Bild steht: „Fest und stark ist der Baum, der unablässig Windstößen ausgesetzt war. Denn im Kampf festigen und verstärken sich seine Wurzeln“ – Seneca. Demnach müssten meine Wurzeln enorm stark sein und sagt das nicht umso mehr, dass in mir das Böse leben muss? Immerhin sind das doch meine Wurzeln? Wie soll ein Baum wachsen und gedeihen, wenn seine Wurzeln vergiftet wurden? Entsteht dann nicht automatisch ein vergifteter Baum? Funktioniert so nicht jegliches Leben? Es muss doch Auswirkungen haben. Nichts im Leben bleibt ohne Konsequenz. Warum sollte das bei mir anders sein?


In gewisser Weise habe ich es immer gehandhabt, wie das Prinzip vom „Bildnis des Dorian Grey“. Ich habe meine Seele und Empfindungen abgespaltet und ausgelagert. Ausgelagert ist wahrscheinlich nicht die treffende Beschreibung, aber es hilft zur Veranschaulichung. Ganz wie Dorian, wünschte ich mir, dass dem Bild die Dinge geschähen. Ich redete mir ein, dass es mich nicht beträfe.
Dass ich einem Trugschluss aufgesessen war, erkenne ich erst heute. Denn das hat, im Grunde genommen, alles nur noch schlimmer gemacht. Ich dachte, dass ich gelernt hätte, mit all dem umzugehen. Dabei habe ich lediglich verdrängt und meine eigene Verletzlichkeit und die Schäden verleugnet. Es ist, als sähe ich mich heute das erste Mal wahrhaftig im Spiegel. Es ist, als begegnete ich mir selbst zum allerersten Mal in meinem Leben. Und ich kann es nicht fassen. Ich kann nicht glauben, dass die Reflexion wahrhaftig ich sein soll. Ich bin damit nicht einverstanden und doch macht das keinen Unterschied. Denn das da, das bin ich. 

Es macht mich hilflos. Hilflos, weil ich es nicht ändern kann. Ich muss mich damit auseinandersetzen, egal, wie weh es tun wird. Egal, was am Ende dann noch von mir übrig sein wird. Denn das ist die traurige Wahrheit: für mich gibt es nur diese Optionen. Und das ist nicht fair. Es ist nicht fair! Es ist nicht fair, was geschehen ist. 


An dieser Stelle möchte ich schließen. Es sind eine Menge unterschiedlichster Gedanken gewesen, derer ich mich entledigt habe. Ich habe das Gefühl, alles Mögliche aufschreiben zu müssen, um mich selbst nicht zu vergessen. Ja, ich zwinge mich förmlich dazu, all dieses Zeug aufzuschreiben, damit ich etwas von mir vor Augen sehe und mit dieser Welt in Kontakt bleibe. Denn ich spüre, dass das Gefühl immer drängender wird. Dass ich gehen will und doch kämpfe ich dagegen an. Ich merke, dass ich mich selbst immer mehr aufgebe. Ich fühle mich wie eine leere Hülle, deren Inneres bereits an einen anderen Ort gewandert ist. Diese Zeilen sind der klägliche Versuch, mich zu fokussieren und im Hier und Jetzt zu bleiben. Dieser Zustand quält mich und ich kenne keinen Ausweg mehr. Es soll aufhören und mich endlich in Ruhe lassen.


Wolkentänzerin