Ehrlich gesagt,
ich wäre gern ein wurzelloser Baum. Ich wünschte, es gäbe keine Vergangenheit.
Ja, ich wäre gerne eine Tabula rasa – ein Blatt, das bloß darauf wartet,
beschriftet zu werden.
Stattdessen habe
ich Wurzeln. Ich habe einen Ursprung, der mich zu dem machte, was ich heute
bin. Jeder Moment, jede Begegnung, jedes Ereignis hat seinen ganz eigenen
Anteil an meiner Entwicklung geleistet. So manch ein schicksalhafter Augenblick
stellte die Weichen für den weiteren Verlauf meines Lebens. Eine Verkettung
vieler unterschiedlicher Glieder. Es ist wie bei einer Maschine: Erst das
Ineinandergreifen der einzelnen Zähne der Räder bewirkt, dass die Mechanik in
Gang gesetzt wird. So wird beispielsweise durch die Kraft des Wassers ein
Mühlenrad angetrieben und schließlich auf das Mahlwerk übersetzt, um Mehl zu
produzieren. Getreu dem Motto: Aktion = Reaktion?
Wäre es demnach
nicht folgerichtig zu behaupten, dass Geschehen A Geschehen B bewirkte? Dass es
C ohne B gar nicht gäbe? Würde dadurch nicht die Verantwortung gänzlich
ausgeklammert? Ich meine, dann kann ich mich doch immer darauf berufen, diverse
Dinge nur getan zu haben, weil am Anfang der Kausalkette Tag X stand und mich
in vorgegebene Bahnen drängte.
Historiker
versuchen seit Ende des Zweiten Weltkriegs eben jenes Phänomen zu erklären. Wie
konnte es dazu kommen, dass ein Mensch wie Hitler an die Macht kommen konnte?
Weshalb waren ihm derart viele Menschen scheinbar blind gefolgt und hatten
seine Befehle ausgeführt - selbst als das bedeutete, unschuldige Menschen
brutal niederzumetzeln? Es gibt keine eindeutige Antwort darauf.
Die einen
glauben, der Grundstein sei schon durch den Ersten Weltkrieg oder, besser
gesagt, durch dessen Ausgang gelegt worden. Die übertriebenen
Reparationszahlungen, die Dolchstoßlegende und die hohen Kriegsverluste stellten
die Weimarer Republik unter keinen guten Stern. Die Weltwirtschaftskrise, die
ansteigende Verelendung der Bevölkerung und die schwächelnde Industrie
bewirkten, dass die Menschen den Versprechen der NSDAP einfach nur noch glauben
wollten. Also war dieses finstere Kapitel deutscher Geschichte bloß ein
Ineinandergreifen unterschiedlichster Zahnräder, das in einer Katastrophe
endete, die keiner wirklich wollte?
Anderen sind
davon überzeugt, dass diverse sozialpsychologische Mechanismen griffen und die
Leute zu kopflosen Akteuren mutierten. Es gibt etliche Studiendesigns, die sich
der Frage widmen, welche Ursachen vorlagen, die dieses gesamtgesellschaftliche
Versagen erklären könnten. Da gibt es Phänomene wie die Deindividuation, die
Verantwortungsdiffusion oder den Autoritätsgehorsam.
Insbesondere das
Milgram-Experiment stach dabei heraus. Stanley Milgram, ein amerikanischer
Psychologe, überlegte sich einen Versuch, um die These „Germans are different“
zu überprüfen. Man ging bis dato davon aus, dass die Deutschen einen besonderen
Gehorsam innehätten und es daher überhaupt erst zum Holocaust hätte kommen
können. Wie sich herausstellte, war die Annahme falsch. Unter bestimmten
Umständen kann es jedem von uns passieren, Anweisungen zu befolgen, die anderen
schaden.
Hannah Arendt
beschrieb dieses multifaktorielle Phänomen in ihrem Buch „Eichmann
in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.
Sie berichtete vom Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Eichmann in Jerusalem
und kam letztlich zu der Feststellung, dass das Böse nicht in Form von Monstern
auftrete, sondern in erschreckend durchschnittlichen Gestalten. Bedingt durch
den Totalitarismus gaben die Menschen ihre eigene Identität auf und wurden zu
einer blind agierenden Masse. Die Einzelperson gewann die vermeintliche
Freiheit durch Aufgabe der Fähigkeit zu denken und sich selbst reflektieren zu
können. Das Ergebnis war der Verfall moralischer Instanzen und ein
zerstörerischer Mob.
Doch ist es
tatsächlich so einfach? Die Menschen dachten halt nicht nach und haben sich
hinter dem Nebenmann versteckt? Gemäß des Spruchs „macht doch jeder“?
Ich persönlich
bin ein Mensch, der mit enormen moralischen Antennen ausgerüstet wurde. Sobald
etwas auch nur ansatzweise unmoralisch sein könnte, breitet sich ein mulmiges
Gefühl in mir aus. Das betrifft nicht bloß moralische Gesetze, sondern
erstreckt sich über jegliche Regeln. Ob diese nun gesellschaftlich,
institutionell, familiär oder religiös determiniert wurden, ist dabei total
egal. Ich halte mich an die Regeln. Beispielweise könnte ich nicht nachts um
drei in einer verkehrsberuhigten Straße über eine rote Fußgängerampel laufen.
Nein, ich bleibe solange stehen, bis das grüne Männchen mir erlaubt, die Straße
passieren zu dürfen.
Wahrscheinlich
macht mich das zu einem recht höflichen und rücksichtsvollen Menschen. Doch
viel zu häufig steht mir genau das im Weg. Ich kann nicht ausgelassen sein,
weil sich das nicht gehört. Ich kann nicht sagen, was ich will, weil ich das
nicht darf. Ich kann mich selbst nicht an die erste Stelle setzen, weil ich
nicht egoistisch sein darf. Es gibt Unmengen solcher Regeln und Verbote. Bei
jedem Verstoß bekomme ich riesige Angst. Angst vor den Konsequenzen. Angst vor
Bestrafung. Angst vor mir selbst.
Mir ist absolut
bewusst, dass ich mich in meinem Denken von den allermeisten Menschen
unterscheide. Ich brauche deutlich länger als andere, um mich auf etwas Neues
einlassen zu können. Ich bin vorsichtig und gehe in meinem Kopf die etlichen
Pro-und-Kontra-Listen immer und immer wieder durch. Bevor ich etwas tue, wäge
ich alle möglichen Konsequenzen ab und hinterfrage meine Motive. Ich versuche,
mich stets selbst zu reflektieren und zu hinterfragen. Und all die Mühe ist
bloß motiviert von meiner unsagbaren Angst, doch das Monster zu sein, was sie
in mir meinten zu sehen.
Ich weiß auch,
dass die Moral für viele Leute ein flexibles Maß ist, das sich in jeder
Situation beliebig verändern lässt und somit stets eine Argumentation für das
eigene Handeln liefert.
Ja, mir ist
natürlich bewusst, dass es ethische Fragen gibt, die nicht ohne weitere
Diskussion gelöst werden können. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff des
moralischen oder ethischen Dilemmas.
Aber ich bin der
Meinung, dass ein Mensch erst dann empathisch entscheiden kann, wenn er den
Schmerz selbst gefühlt hat.
Um nochmal auf
die Deindividuation zurückzukommen, die in totalitaristischen Herrschaftsformen
zu absolutem Terror führen kann, so könnte auch ich mit dem Strom schwimmen und
beispielsweise Fleisch essen. Immerhin ist der Verzehr von tierischen Produkten
in unserem Kulturkreis ein Teil frühster Erziehung. Die Ideologie des Karnismus
ist ebenso weit verbreitet und selbstverständlich wie der Brauch an Weihnachten
einen Baum aufzustellen. Es besteht scheinbar nicht die Notwendigkeit, diese
Überzeugungen zu hinterfragen. Nein, stattdessen folgt man der Masse.
Interessant ist
in diesem Zusammenhang bereits unser Sprachgebrauch. Der Philosoph Martin
Heidegger wies bereits darauf hin, dass wir allein durch unsere Formulierungen
und die jeweilige Wortbenutzung eine Entfremdung von uns selbst schaffen. Denn
wer genau steckt denn hinter dem „man“? Wir sprechen von der großen Masse und
machen uns alle zu etwas Gewöhnlichem. Es ist eine Einebnung hin zum Allgemeinheitsbrei.
Es ist bewiesen,
dass Kühe ihr Leben lang darunter leiden, ihre Kälber verloren zu haben. Denn
es ist gängige Praxis, den Mutterkühen ihre Jungen kurz nach der Geburt
wegzunehmen. Schließlich würden diese ja die Milch trinken. Das geht natürlich
nicht, weil die ja an den menschlichen Kunden verkauft werden soll. Eine
artfremde Spezies, die die Muttermilch einer anderen Spezies trinkt. Das gäbe
es bei keinem anderen Tier – außer vielleicht in Notfällen. Doch sicher nicht
aus reinem Vergnügen. Wie dem auch sei: die Kuh verliert ihr Kind. Damit andere
weiterhin den Nutzen an ihr haben. Sollte das Kalb weiblich sein, hat es das
gleiche Schicksal vor sich wie jenes, das seine Mutter bereits erlitt. Ist es
männlich, so wird es direkt umgebracht. Immerhin ist dieses Geschöpf dann
wertlos. Wie kann das mit dem Gedanken göttlicher Schöpfung vereinbar sein? Wie
kann ein Wesen, das von Gott geschaffen wurde, wertlos sein? Welch eine
Grausamkeit, einem Lebewesen eine Aufgabe zuzuweisen und dann zu entscheiden,
dass das Lebewesen keine Daseinsberechtigung hat, wenn es eben jene von
Menschen erdachte Aufgabe nicht erfüllt.
Kant sagte
etwas, das mir dazu sehr passend erscheint: „Im Reiche der Zwecke hat alles
entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle
kann auch etwas anderes, als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen
Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde“.
Es mag sein,
dass es Menschen gibt, die nun behaupteten, dass die Würde ausschließlich dem
Menschen vorbehalten sei. Doch das Wort ‚Würde‘ an sich bedeutet schlicht und
ergreifend ‚wert‘. Ich persönlich finde, dass ein jedes Lebewesen wert ist zu
leben. Und ich persönlich weiß, was es bedeutet, sein eigenes Kind abgeben zu
müssen, weil es lediglich um deren und meinen Nutzen ging. Es war eine
schlichte Kosten-Nutzen-Relation, die zum Nachteil meines Würmchens ausging.
Also wurde beschlossen, dass mein Würmchen keine Daseinsberechtigung habe.
Also wie kann
ich einem fühlenden Wesen solche Schmerzen zufügen, wenn ich doch weiß, was das
bedeutet? Insbesondere unter dem Aspekt des eigentlichen Nutzens. Die Milch
wäre für mich bloß ein Konsumgut kurzer Dauer. Und am Ende ist die
gesundheitliche Auswirkung auf meinen Körper sogar eine schädliche. Denn diese
Muttermilch ist nicht für mich – einen Menschen – gemacht. Sie ist dafür da,
ein kleines Kalb innerhalb kürzester Zeit stark und groß zu füttern. Warum
sollte ich also unter Berücksichtigung all dieser Faktoren Milch trinken
wollen? Nur, weil man das schon immer so gemacht hat? Das ist für mich
persönlich keine schlüssige Erklärung. Das ist für mich vielmehr eine
Erklärung, die bloß von Deindividuation zeugt: der Mensch vertraut der Mehrheit
und denkt nicht eigenständig nach.
Ich habe den
Titel dieses Textes nicht ohne Grund gewählt. Denn natürlich habe ich wie alle
Menschen Wurzeln, die es mir erst ermöglichten, heranzuwachsen und zu meiner
heutigen Persönlichkeit zu werden.
All die vielen
Begebenheiten haben ihren Teil zu meinem Ich beigetragen. Klar, diese Teile
waren immer mal größer und mal kleiner. Und doch hatten sie alle eine
Auswirkung. Nun ist es jedoch eine biologische Tatsache, dass wir nicht bloß
aus metaphysischen Zusammenhängen bestehen. Nein, uns allen liegt eine
DNS-Struktur zugrunde, die unseren ganz individuellen Bauplan enthält. Und dank
Mendel, Crick und Watson wissen wir auch, dass in jedem neuen Menschen die
Hälfte Mutter und die Hälfte Vater steckt.
Ich habe die
Gene meiner Mutter geerbt. Ich bin ein Teil ihrer Selbst. Ich habe unglaublich
Angst, wie sie zu sein oder es noch zu werden. Ich habe Angst, dass die
Brutalität meines Vaters in meinen Adern fließt. Ich fürchte mich davor, dass
meine Wurzeln irgendwann über meine Baumkrone bestimmen werden. Mich ergreift
Panik, wenn ich daran denke, dass mein Ursprung die Form meiner
Verästelungen vorgeben könnte. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich töten
möchte: weil ich diesen Dingen ein Ende setzen möchte.
Natürlich weiß
ich auch, dass das, rein biologisch, totaler Quatsch ist. Immerhin hat unsere
DNS keine direkte Auswirkung auf unser Handeln. Ebenso wichtig, wenn nicht
sogar wichtiger, sind die unterschiedlichen Umwelteinflüsse, denen ein jedes
Leben ausgesetzt ist.
Auf dem Bild steht:
„Fest und stark ist der Baum, der unablässig Windstößen ausgesetzt war. Denn im
Kampf festigen und verstärken sich seine Wurzeln“ – Seneca. Demnach müssten
meine Wurzeln enorm stark sein und sagt das nicht umso mehr, dass in mir das
Böse leben muss? Immerhin sind das doch meine Wurzeln? Wie soll ein Baum wachsen
und gedeihen, wenn seine Wurzeln vergiftet wurden? Entsteht dann nicht
automatisch ein vergifteter Baum? Funktioniert so nicht jegliches Leben? Es
muss doch Auswirkungen haben. Nichts im Leben bleibt ohne Konsequenz. Warum
sollte das bei mir anders sein?
In gewisser
Weise habe ich es immer gehandhabt, wie das Prinzip vom „Bildnis des Dorian
Grey“. Ich habe meine Seele und Empfindungen abgespaltet und ausgelagert.
Ausgelagert ist wahrscheinlich nicht die treffende Beschreibung, aber es hilft
zur Veranschaulichung. Ganz wie Dorian, wünschte ich mir, dass dem Bild die
Dinge geschähen. Ich redete mir ein, dass es mich nicht beträfe.
Dass ich einem Trugschluss aufgesessen war, erkenne ich erst
heute. Denn das hat, im Grunde genommen, alles nur noch schlimmer gemacht. Ich
dachte, dass ich gelernt hätte, mit all dem umzugehen. Dabei habe ich lediglich
verdrängt und meine eigene Verletzlichkeit und die Schäden verleugnet. Es ist,
als sähe ich mich heute das erste Mal wahrhaftig im Spiegel. Es ist, als
begegnete ich mir selbst zum allerersten Mal in meinem Leben. Und ich kann es
nicht fassen. Ich kann nicht glauben, dass die Reflexion wahrhaftig ich sein
soll. Ich bin damit nicht einverstanden und doch macht das keinen Unterschied.
Denn das da, das bin ich.
Es macht mich
hilflos. Hilflos, weil ich es nicht ändern kann. Ich muss mich damit
auseinandersetzen, egal, wie weh es tun wird. Egal, was am Ende dann noch von
mir übrig sein wird. Denn das ist die traurige Wahrheit: für mich gibt es nur
diese Optionen. Und das ist nicht fair. Es ist nicht fair! Es ist nicht fair,
was geschehen ist.
An dieser Stelle möchte ich
schließen. Es sind eine Menge unterschiedlichster Gedanken gewesen, derer ich
mich entledigt habe. Ich habe das Gefühl, alles Mögliche aufschreiben zu
müssen, um mich selbst nicht zu vergessen. Ja, ich zwinge mich förmlich dazu,
all dieses Zeug aufzuschreiben, damit ich etwas von mir vor Augen sehe und mit
dieser Welt in Kontakt bleibe. Denn ich spüre, dass das Gefühl immer drängender
wird. Dass ich gehen will und doch kämpfe ich dagegen an. Ich merke, dass ich
mich selbst immer mehr aufgebe. Ich fühle mich wie eine leere Hülle, deren
Inneres bereits an einen anderen Ort gewandert ist. Diese Zeilen sind der
klägliche Versuch, mich zu fokussieren und im Hier und Jetzt zu bleiben. Dieser
Zustand quält mich und ich kenne keinen Ausweg mehr. Es soll aufhören und mich
endlich in Ruhe lassen.
Wolkentänzerin

Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Wenn ich nicht schreibe, ist es so als würde ich einfach verschwinden. Wenn ich etwas aufschreibe, existiert es, und dann existiere ich auch.
AntwortenLöschenIch wünschte ich wüsste, was ich dir raten soll. Ich würde dir gerne ein paar hilfreiche Worte da lassen, aber gerade kann ich nicht mal mir selbst helfen. Jedenfalls bist du nicht alleine.
Ganz liebe Grüße.
Vielen lieben Dank für deine Worte! Ich wünsche dir ganz viel Kraft und eine große Portion Licht. Gib nicht auf!
LöschenEbenfalls ganz liebe Grüße
Wolkentänzerin