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Sonntag, 7. Juni 2020

Wurzelloser Baum

Ehrlich gesagt, ich wäre gern ein wurzelloser Baum. Ich wünschte, es gäbe keine Vergangenheit. Ja, ich wäre gerne eine Tabula rasa – ein Blatt, das bloß darauf wartet, beschriftet zu werden. 

Stattdessen habe ich Wurzeln. Ich habe einen Ursprung, der mich zu dem machte, was ich heute bin. Jeder Moment, jede Begegnung, jedes Ereignis hat seinen ganz eigenen Anteil an meiner Entwicklung geleistet. So manch ein schicksalhafter Augenblick stellte die Weichen für den weiteren Verlauf meines Lebens. Eine Verkettung vieler unterschiedlicher Glieder. Es ist wie bei einer Maschine: Erst das Ineinandergreifen der einzelnen Zähne der Räder bewirkt, dass die Mechanik in Gang gesetzt wird. So wird beispielsweise durch die Kraft des Wassers ein Mühlenrad angetrieben und schließlich auf das Mahlwerk übersetzt, um Mehl zu produzieren. Getreu dem Motto: Aktion = Reaktion? 

Wäre es demnach nicht folgerichtig zu behaupten, dass Geschehen A Geschehen B bewirkte? Dass es C ohne B gar nicht gäbe? Würde dadurch nicht die Verantwortung gänzlich ausgeklammert? Ich meine, dann kann ich mich doch immer darauf berufen, diverse Dinge nur getan zu haben, weil am Anfang der Kausalkette Tag X stand und mich in vorgegebene Bahnen drängte.

Historiker versuchen seit Ende des Zweiten Weltkriegs eben jenes Phänomen zu erklären. Wie konnte es dazu kommen, dass ein Mensch wie Hitler an die Macht kommen konnte? Weshalb waren ihm derart viele Menschen scheinbar blind gefolgt und hatten seine Befehle ausgeführt - selbst als das bedeutete, unschuldige Menschen brutal niederzumetzeln? Es gibt keine eindeutige Antwort darauf.
Die einen glauben, der Grundstein sei schon durch den Ersten Weltkrieg oder, besser gesagt, durch dessen Ausgang gelegt worden. Die übertriebenen Reparationszahlungen, die Dolchstoßlegende und die hohen Kriegsverluste stellten die Weimarer Republik unter keinen guten Stern. Die Weltwirtschaftskrise, die ansteigende Verelendung der Bevölkerung und die schwächelnde Industrie bewirkten, dass die Menschen den Versprechen der NSDAP einfach nur noch glauben wollten. Also war dieses finstere Kapitel deutscher Geschichte bloß ein Ineinandergreifen unterschiedlichster Zahnräder, das in einer Katastrophe endete, die keiner wirklich wollte? 

Anderen sind davon überzeugt, dass diverse sozialpsychologische Mechanismen griffen und die Leute zu kopflosen Akteuren mutierten. Es gibt etliche Studiendesigns, die sich der Frage widmen, welche Ursachen vorlagen, die dieses gesamtgesellschaftliche Versagen erklären könnten. Da gibt es Phänomene wie die Deindividuation, die Verantwortungsdiffusion oder den Autoritätsgehorsam. 

Insbesondere das Milgram-Experiment stach dabei heraus. Stanley Milgram, ein amerikanischer Psychologe, überlegte sich einen Versuch, um die These „Germans are different“ zu überprüfen. Man ging bis dato davon aus, dass die Deutschen einen besonderen Gehorsam innehätten und es daher überhaupt erst zum Holocaust hätte kommen können. Wie sich herausstellte, war die Annahme falsch. Unter bestimmten Umständen kann es jedem von uns passieren, Anweisungen zu befolgen, die anderen schaden. 

Hannah Arendt beschrieb dieses multifaktorielle Phänomen in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Sie berichtete vom Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Eichmann in Jerusalem und kam letztlich zu der Feststellung, dass das Böse nicht in Form von Monstern auftrete, sondern in erschreckend durchschnittlichen Gestalten. Bedingt durch den Totalitarismus gaben die Menschen ihre eigene Identität auf und wurden zu einer blind agierenden Masse. Die Einzelperson gewann die vermeintliche Freiheit durch Aufgabe der Fähigkeit zu denken und sich selbst reflektieren zu können. Das Ergebnis war der Verfall moralischer Instanzen und ein zerstörerischer Mob. 

Doch ist es tatsächlich so einfach? Die Menschen dachten halt nicht nach und haben sich hinter dem Nebenmann versteckt? Gemäß des Spruchs „macht doch jeder“? 

Ich persönlich bin ein Mensch, der mit enormen moralischen Antennen ausgerüstet wurde. Sobald etwas auch nur ansatzweise unmoralisch sein könnte, breitet sich ein mulmiges Gefühl in mir aus. Das betrifft nicht bloß moralische Gesetze, sondern erstreckt sich über jegliche Regeln. Ob diese nun gesellschaftlich, institutionell, familiär oder religiös determiniert wurden, ist dabei total egal. Ich halte mich an die Regeln. Beispielweise könnte ich nicht nachts um drei in einer verkehrsberuhigten Straße über eine rote Fußgängerampel laufen. Nein, ich bleibe solange stehen, bis das grüne Männchen mir erlaubt, die Straße passieren zu dürfen. 

Wahrscheinlich macht mich das zu einem recht höflichen und rücksichtsvollen Menschen. Doch viel zu häufig steht mir genau das im Weg. Ich kann nicht ausgelassen sein, weil sich das nicht gehört. Ich kann nicht sagen, was ich will, weil ich das nicht darf. Ich kann mich selbst nicht an die erste Stelle setzen, weil ich nicht egoistisch sein darf. Es gibt Unmengen solcher Regeln und Verbote. Bei jedem Verstoß bekomme ich riesige Angst. Angst vor den Konsequenzen. Angst vor Bestrafung. Angst vor mir selbst. 

Mir ist absolut bewusst, dass ich mich in meinem Denken von den allermeisten Menschen unterscheide. Ich brauche deutlich länger als andere, um mich auf etwas Neues einlassen zu können. Ich bin vorsichtig und gehe in meinem Kopf die etlichen Pro-und-Kontra-Listen immer und immer wieder durch. Bevor ich etwas tue, wäge ich alle möglichen Konsequenzen ab und hinterfrage meine Motive. Ich versuche, mich stets selbst zu reflektieren und zu hinterfragen. Und all die Mühe ist bloß motiviert von meiner unsagbaren Angst, doch das Monster zu sein, was sie in mir meinten zu sehen.
Ich weiß auch, dass die Moral für viele Leute ein flexibles Maß ist, das sich in jeder Situation beliebig verändern lässt und somit stets eine Argumentation für das eigene Handeln liefert. 

Ja, mir ist natürlich bewusst, dass es ethische Fragen gibt, die nicht ohne weitere Diskussion gelöst werden können. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff des moralischen oder ethischen Dilemmas.
Aber ich bin der Meinung, dass ein Mensch erst dann empathisch entscheiden kann, wenn er den Schmerz selbst gefühlt hat. 

Um nochmal auf die Deindividuation zurückzukommen, die in totalitaristischen Herrschaftsformen zu absolutem Terror führen kann, so könnte auch ich mit dem Strom schwimmen und beispielsweise Fleisch essen. Immerhin ist der Verzehr von tierischen Produkten in unserem Kulturkreis ein Teil frühster Erziehung. Die Ideologie des Karnismus ist ebenso weit verbreitet und selbstverständlich wie der Brauch an Weihnachten einen Baum aufzustellen. Es besteht scheinbar nicht die Notwendigkeit, diese Überzeugungen zu hinterfragen. Nein, stattdessen folgt man der Masse. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang bereits unser Sprachgebrauch. Der Philosoph Martin Heidegger wies bereits darauf hin, dass wir allein durch unsere Formulierungen und die jeweilige Wortbenutzung eine Entfremdung von uns selbst schaffen. Denn wer genau steckt denn hinter dem „man“? Wir sprechen von der großen Masse und machen uns alle zu etwas Gewöhnlichem. Es ist eine Einebnung hin zum Allgemeinheitsbrei. 

Es ist bewiesen, dass Kühe ihr Leben lang darunter leiden, ihre Kälber verloren zu haben. Denn es ist gängige Praxis, den Mutterkühen ihre Jungen kurz nach der Geburt wegzunehmen. Schließlich würden diese ja die Milch trinken. Das geht natürlich nicht, weil die ja an den menschlichen Kunden verkauft werden soll. Eine artfremde Spezies, die die Muttermilch einer anderen Spezies trinkt. Das gäbe es bei keinem anderen Tier – außer vielleicht in Notfällen. Doch sicher nicht aus reinem Vergnügen. Wie dem auch sei: die Kuh verliert ihr Kind. Damit andere weiterhin den Nutzen an ihr haben. Sollte das Kalb weiblich sein, hat es das gleiche Schicksal vor sich wie jenes, das seine Mutter bereits erlitt. Ist es männlich, so wird es direkt umgebracht. Immerhin ist dieses Geschöpf dann wertlos. Wie kann das mit dem Gedanken göttlicher Schöpfung vereinbar sein? Wie kann ein Wesen, das von Gott geschaffen wurde, wertlos sein? Welch eine Grausamkeit, einem Lebewesen eine Aufgabe zuzuweisen und dann zu entscheiden, dass das Lebewesen keine Daseinsberechtigung hat, wenn es eben jene von Menschen erdachte Aufgabe nicht erfüllt. 

Kant sagte etwas, das mir dazu sehr passend erscheint: „Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde“.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die nun behaupteten, dass die Würde ausschließlich dem Menschen vorbehalten sei. Doch das Wort ‚Würde‘ an sich bedeutet schlicht und ergreifend ‚wert‘. Ich persönlich finde, dass ein jedes Lebewesen wert ist zu leben. Und ich persönlich weiß, was es bedeutet, sein eigenes Kind abgeben zu müssen, weil es lediglich um deren und meinen Nutzen ging. Es war eine schlichte Kosten-Nutzen-Relation, die zum Nachteil meines Würmchens ausging. Also wurde beschlossen, dass mein Würmchen keine Daseinsberechtigung habe. 

Also wie kann ich einem fühlenden Wesen solche Schmerzen zufügen, wenn ich doch weiß, was das bedeutet? Insbesondere unter dem Aspekt des eigentlichen Nutzens. Die Milch wäre für mich bloß ein Konsumgut kurzer Dauer. Und am Ende ist die gesundheitliche Auswirkung auf meinen Körper sogar eine schädliche. Denn diese Muttermilch ist nicht für mich – einen Menschen – gemacht. Sie ist dafür da, ein kleines Kalb innerhalb kürzester Zeit stark und groß zu füttern. Warum sollte ich also unter Berücksichtigung all dieser Faktoren Milch trinken wollen? Nur, weil man das schon immer so gemacht hat? Das ist für mich persönlich keine schlüssige Erklärung. Das ist für mich vielmehr eine Erklärung, die bloß von Deindividuation zeugt: der Mensch vertraut der Mehrheit und denkt nicht eigenständig nach. 

Ich habe den Titel dieses Textes nicht ohne Grund gewählt. Denn natürlich habe ich wie alle Menschen Wurzeln, die es mir erst ermöglichten, heranzuwachsen und zu meiner heutigen Persönlichkeit zu werden. 

All die vielen Begebenheiten haben ihren Teil zu meinem Ich beigetragen. Klar, diese Teile waren immer mal größer und mal kleiner. Und doch hatten sie alle eine Auswirkung. Nun ist es jedoch eine biologische Tatsache, dass wir nicht bloß aus metaphysischen Zusammenhängen bestehen. Nein, uns allen liegt eine DNS-Struktur zugrunde, die unseren ganz individuellen Bauplan enthält. Und dank Mendel, Crick und Watson wissen wir auch, dass in jedem neuen Menschen die Hälfte Mutter und die Hälfte Vater steckt. 

Ich habe die Gene meiner Mutter geerbt. Ich bin ein Teil ihrer Selbst. Ich habe unglaublich Angst, wie sie zu sein oder es noch zu werden. Ich habe Angst, dass die Brutalität meines Vaters in meinen Adern fließt. Ich fürchte mich davor, dass meine Wurzeln irgendwann über meine Baumkrone bestimmen werden. Mich ergreift Panik, wenn ich daran denke, dass mein Ursprung die Form meiner Verästelungen vorgeben könnte. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich töten möchte: weil ich diesen Dingen ein Ende setzen möchte. 

Natürlich weiß ich auch, dass das, rein biologisch, totaler Quatsch ist. Immerhin hat unsere DNS keine direkte Auswirkung auf unser Handeln. Ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, sind die unterschiedlichen Umwelteinflüsse, denen ein jedes Leben ausgesetzt ist. 
  

Auf dem Bild steht: „Fest und stark ist der Baum, der unablässig Windstößen ausgesetzt war. Denn im Kampf festigen und verstärken sich seine Wurzeln“ – Seneca. Demnach müssten meine Wurzeln enorm stark sein und sagt das nicht umso mehr, dass in mir das Böse leben muss? Immerhin sind das doch meine Wurzeln? Wie soll ein Baum wachsen und gedeihen, wenn seine Wurzeln vergiftet wurden? Entsteht dann nicht automatisch ein vergifteter Baum? Funktioniert so nicht jegliches Leben? Es muss doch Auswirkungen haben. Nichts im Leben bleibt ohne Konsequenz. Warum sollte das bei mir anders sein?


In gewisser Weise habe ich es immer gehandhabt, wie das Prinzip vom „Bildnis des Dorian Grey“. Ich habe meine Seele und Empfindungen abgespaltet und ausgelagert. Ausgelagert ist wahrscheinlich nicht die treffende Beschreibung, aber es hilft zur Veranschaulichung. Ganz wie Dorian, wünschte ich mir, dass dem Bild die Dinge geschähen. Ich redete mir ein, dass es mich nicht beträfe.
Dass ich einem Trugschluss aufgesessen war, erkenne ich erst heute. Denn das hat, im Grunde genommen, alles nur noch schlimmer gemacht. Ich dachte, dass ich gelernt hätte, mit all dem umzugehen. Dabei habe ich lediglich verdrängt und meine eigene Verletzlichkeit und die Schäden verleugnet. Es ist, als sähe ich mich heute das erste Mal wahrhaftig im Spiegel. Es ist, als begegnete ich mir selbst zum allerersten Mal in meinem Leben. Und ich kann es nicht fassen. Ich kann nicht glauben, dass die Reflexion wahrhaftig ich sein soll. Ich bin damit nicht einverstanden und doch macht das keinen Unterschied. Denn das da, das bin ich. 

Es macht mich hilflos. Hilflos, weil ich es nicht ändern kann. Ich muss mich damit auseinandersetzen, egal, wie weh es tun wird. Egal, was am Ende dann noch von mir übrig sein wird. Denn das ist die traurige Wahrheit: für mich gibt es nur diese Optionen. Und das ist nicht fair. Es ist nicht fair! Es ist nicht fair, was geschehen ist. 


An dieser Stelle möchte ich schließen. Es sind eine Menge unterschiedlichster Gedanken gewesen, derer ich mich entledigt habe. Ich habe das Gefühl, alles Mögliche aufschreiben zu müssen, um mich selbst nicht zu vergessen. Ja, ich zwinge mich förmlich dazu, all dieses Zeug aufzuschreiben, damit ich etwas von mir vor Augen sehe und mit dieser Welt in Kontakt bleibe. Denn ich spüre, dass das Gefühl immer drängender wird. Dass ich gehen will und doch kämpfe ich dagegen an. Ich merke, dass ich mich selbst immer mehr aufgebe. Ich fühle mich wie eine leere Hülle, deren Inneres bereits an einen anderen Ort gewandert ist. Diese Zeilen sind der klägliche Versuch, mich zu fokussieren und im Hier und Jetzt zu bleiben. Dieser Zustand quält mich und ich kenne keinen Ausweg mehr. Es soll aufhören und mich endlich in Ruhe lassen.


Wolkentänzerin

2 Kommentare:

  1. Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Wenn ich nicht schreibe, ist es so als würde ich einfach verschwinden. Wenn ich etwas aufschreibe, existiert es, und dann existiere ich auch.
    Ich wünschte ich wüsste, was ich dir raten soll. Ich würde dir gerne ein paar hilfreiche Worte da lassen, aber gerade kann ich nicht mal mir selbst helfen. Jedenfalls bist du nicht alleine.
    Ganz liebe Grüße.

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    1. Vielen lieben Dank für deine Worte! Ich wünsche dir ganz viel Kraft und eine große Portion Licht. Gib nicht auf!
      Ebenfalls ganz liebe Grüße
      Wolkentänzerin

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