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Montag, 22. Februar 2021

Die Dunkelheit in Raum und Zeit

Montags ist Therapietag. Zumindest noch. Ab nächster Woche werden es dann zwei Termine pro Woche. Wir steigern uns. Naja, immerhin was die Häufigkeit unserer Gespräche betrifft. Denn was den Inhalt betrifft, bin ich mir über eine Bewertung hinsichtlich etwaiger Fortschritte nicht so sicher.

Heute haben wir wieder über die Schuld gesprochen. Dr. Freud hat erneut wiederholt, dass ich keine Schuld trage, weil ich ein Kind war und lediglich die betreffenden Erwachsenen verantwortlich waren. Das klingt einfach. Zu einfach. Ich kann seine Worte nicht akzeptieren. In mir sträubt sich bei diesen Aussagen alles. Letztlich ist das aber wohl ein gutes Zeichen, oder? Ich meine, ließen mich seine Sätze gänzlich kalt, hieße das im Umkehrschluss, dass die Therapie zweckfrei wäre. Nichts käme in Bewegung. Nichts änderte sich. Vielleicht sollte ich anfangen, es häufiger aus dieser Perspektive zu betrachten.

Während unseres Gespräches tauchten immer wieder Sequenzen meines Lebens vor meinem inneren Auge auf und katapultierten mich eine Zeitlang in eine andere Sphäre. Über all die Jahre habe ich gelernt, die Intrusionen zu kontrollieren. In Situationen, in denen ich mich besonders reglementiere, klappt das auch ganz gut. Ich kann mich zurück ins Hier und Jetzt holen. Allerdings kostet das eine große Portion Kraft und ist daher nicht endlos aufrecht zu halten. Bin ich allein, lasse ich meinen Geist daher oft ziehen. Dann fliege ich durch Raum und Zeit und finde mich an unterschiedlichsten Stellen meines Lebens wieder. Eine Begebenheit führt zur nächsten. Ein Schlüsselreiz jagt den anderen. Auf diese Weise können Stunden vergehen, ohne, dass ich hinterher sagen könnte, ich hätte sie wahrhaftig erlebt. Es sind zeitliche Einheiten meines Lebens, die ich in einer Welt verbrachte, die bloß in mir existiert. Sie besteht aus Ruinen meiner Vergangenheit und kehre ich dann am Ende zurück, bin ich verwirrt, abgekämpft, verletzt und voller Selbsthass.  

Dr. Freud hat mich heute gebeten, ihn an meinen Bilder teilhaben zu lassen. Er möchte wissen, was ich sehe und denke, während wir miteinander sprechen. Ich soll ihm sagen, was ich empfinde. In der Theorie klingt das durchaus machbar. Aber versuche ich es schließlich, bringe ich keinen Ton hervor. Ich komme mir unfassbar dumm, inkompetent und schwach vor. Ich schäme mich für meine Gedanken und fühle mich abrupt unwohl in meiner Haut. Eine Schnittstelle zwischen meiner Seelenwelt und der äußeren Atmosphäre zu schaffen, jagt mir eine Heidenangst ein. Meist stammle ich bloß dämlich vor mich hin und scheitere bereit bei dem Versuch, auch nur einen einzigen sinnvollen Satz von mir zu geben.

Meine Gedanken zu verschriftlichen ist deutlich einfacher. Ich kann meine Finger über die Tastatur schweben lassen und die Buchstaben aneinanderreihen. Zwar lese ich, was ich hier schreibe, aber es hat doch eine gewisse Distanz zu mir. Und auch das Geschriebene hat seine Grenzen. Ich kann umschreiben, was war. Ich kann Metaphern finden und mir damit behelfen. Allerdings bin ich unfähig, die Dinge konkret zu beschreiben. Ihnen eine realistische Form zu geben. Ich spreche die Begriffe nicht aus. Zum einen, weil ich mir noch immer nicht sicher bin, dass sie passen. Und zum anderen, weil mich die Worte schmerzen. Aber das ist wohl eine andere Geschichte und soll an einer anderen Stelle erzählt werden.

Zwischendurch fragte mich Dr. Freud heute, was passieren wird, wenn ich anfange, die Gefühle zu empfinden, die ich vollständig von mir abgespalten habe. Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Mit dieser Frage habe ich mich in letzter Zeit intensiv beschäftigt und einige Szenarien entworfen. Keine davon erscheint mir annähernd rosig. Ja, was ist, wenn ich anfange, zu fühlen? Im Grunde möchte ich es nicht wissen. Doch ich schätze, ich werde es früher oder später herausfinden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Ich bin erschöpft und enorm müde. Nicht nur physisch. Vielmehr habe ich das Gefühl, mich in einer nicht enden wollenden Dunkelheit zu befinden. Jeder Schritt ist wackelig. In meinen Augen sind lediglich die Stäbchen aktiv – alles erscheint grau. Ich kann meine Umgebung nicht mehr erkennen. Sie sind formlosen Umrissen gewichen, die mir Rätsel aufgeben. Ich fühle mich orientierungslos. Mir kommt es vor, als irre ich schon eine Ewigkeit durch die Nacht. Ohne zu wissen, wohin ich eigentlich will. Vielleicht habe ich mich auch nur im Kreis gedreht. Das würde zumindest meine Übelkeit erklären.

Ich möchte bloß noch schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien, weil ich dieses innere Entsetzen nicht ertrage. Es lässt mich nicht in Ruhe und ich fühle einen so mächtigen Schmerz in mir, dass es mir mitunter den Atem raubt.

In meinem Leben habe ich nach außen immer versucht, die Starke zu mimen. Ich habe mir geschworen, niemanden sehen zu lassen, was in mir vorgeht. All meine Kraft verwendete ich dazu, ein funktionierendes Ich zu erschaffen, das sich um andere kümmert und gibt. Ich spüre jedoch, dass ich das nicht mehr leisten kann.

Am liebsten möchte ich aussteigen und den Lebenszug verlassen. Ich möchte all das nicht erneut durchleben. Mich nicht damit beschäftigen, was es mit mir machte. Mich nicht mit diesem Leben auseinandersetzen. Ich möchte mir die Pulsadern aufschneiden und mich verbluten lassen. Ich möchte mich quälen und dafür bestrafen, dass ich bin, wer ich bin. Ich möchte all dem ein gewaltsames Ende setzen. Doch das ist keine Option. Ich weiß, dass diese Gedanken ein Symptom meines Lebens sind. Sie sind ein Teil des toxischen Systems, das ich versuche zu bekämpfen. Gebe ich jetzt auf, war alles tatsächlich und unabänderlich sinnfrei.


 

Wolkentänzerin

Mittwoch, 23. September 2020

Vom Wollen und Sollen und der Scham, die über allem thront

Woher weiß ein Mensch, dass er etwas will? Dass diese eine Sache genau das Richtige für einen ist? Mir wurde häufig eingeredet, dass ich dieses oder jenes wolle, weil ich mich sonst nicht auf die ein oder andere Art verhielte.

Gestern wurde ich gefragt, was ich will und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich dazu sagen sollte.

Mir wurde eine riesige Chance angeboten. Ich wurde sehr gelobt und mir wurde gesagt, dass ich großes Potential und hohe kognitive Fähigkeiten habe.

Seitdem geht es mir absolut elendig. Ich fühle mich furchtbar. Wie die größte Hochstaplerin der Geschichte. Ich habe riesige Angst, dass sie erkennen werden, dass sie sich in mir getäuscht haben. Dass sie sich irren. Dass all das bloß heiße Luft war.

Dabei möchte ich diese Chance ergreifen. Will ich das wirklich? Was will ich?

Jetzt gerade möchte ich sie anschreien und ihnen sagen, dass sie sich irren. Dass sie mich falsch einschätzen.

Ich habe lediglich meine Arbeit verrichtet. Ich wollte nicht auffallen, sondern im Stillen meine Aufgaben erledigen und sie zufrieden stellen.

Ich habe Magenschmerzen und könnte heulen, weil ich es nicht fassen kann. Wieso ist die Fremdwahrnehmung derart konträr zur Eigenwahrnehmung? Was ist, wenn ich scheitere? Wenn ich mal wieder versage? Daran ist eine Menge Geld und im Falle meines Scheitern letztlich auch eine Menge Schulden geknüpft.

Ich wünsche mir, dass ich mich nicht länger so elendig fühlen muss. Ich glaube nämlich, dass sie falsch liegen. Ich denke nicht, dass ich ein großes Potential habe. Ich glaube nicht, dass bei mir das Gesamtpaket stimmt. Ganz im Gegenteil...

Allerdings ist es eine so großartige Chance. Es scheinen Menschen zu sein, die mir etwas Gutes wollen. Doch das darf nicht sein. Es darf solche Menschen nicht geben. Denn dann formen sie den Kontrast zu den Menschen, die genau das gesollt aber nicht getan haben.

Es klingt vielleicht paradox, aber diese Chance verstärkt meinen Drang, mir das Leben nehmen zu wollen. Schließlich kann ich so nicht wieder verlieren oder es vermasseln.

In mir brodelt es. Mir ist übel. Die Welt um mich herum schwankt bedrohlich. Und ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun soll. Am schlimmsten ist nämlich diese unerträgliche Scham. Dieses heiße Brennen und das Gefühl, all das nicht verdient zu haben.

 

Wolkentänzerin

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin

Mittwoch, 17. Juni 2020

Gedankensalat

Die letzten Tage verbrachte ich an der Nordsee. Es tat gut, raus zu kommen und ein wenig Abstand zu den äußeren Belastungen zu gewinnen.

Zwar waren einige weinende Wolken unterwegs, doch gehört ein gewisses Maß an Rauheit wohl irgendwie zur See dazu. Der graue Schleier verlieh dem Strand eine starke Authentizität und erschuf eine komplett andere Welt, die es leicht machte, diesem Leben für einen Moment zu entkommen. Fast erschien es mir, als habe diese Welt aufgehört, sich zu drehen. Der Gedanke, in die salzigen Fluten zu rennen, war sehr verlockend. Den aufgebrachten Wellen dabei zuzusehen, wie sie über den feinen Sand hinüberrollten und ihn gnadenlos mit sich rissen, hatte einen dunklen Zauber in sich, der mir sehr verlockend erschien. Ich fühlte mich eigenartig lebendig an diesem Ort und gleichzeitig erschien mir diese Welt als absolut belangslos. Dieses Fleckchen spiegelte meine Widersprüchlichkeit wider und ermöglichte es mir, tief durchatmen zu können.

So gut das Meer meiner Seele auch tat, ich konnte mich nicht fallen lassen. Zu stark ist meine Gedankenwelt in Aufruhr. Ich habe weitere Termine für Erstgespräche erhalten. Zum Glück liegen sie nicht direkt beieinander, sondern folgen sie in unregelmäßigen Abständen aufeinander. Das weckt in mir die Hoffnung, dass das ganze Prozedere vielleicht nach einer gewissen Zeit nicht mehr so intensiv und anstrengend sein wird. Quasi ein Gewöhnungsprozess. Wer weiß.

Ich weiß nur, dass ich enorm erschöpft bin. Auch an der Nordsee fehlte mir zu einigen Aktivitäten schlichtweg die Kraft. Ich fühle mich wie ein Auto, dem das Benzin ausgegangen ist. Dabei möchte ich mich so gern fortbewegen. Ich möchte weg von hier. Doch wie sehr ich auch an der Zündung drehe, nichts passiert. Ich bin liegen geblieben. Das ist furchtbar und macht mir Angst.

Dabei weiß ich, dass mein Körper mir damit deutliche Signale sendet. Er streikt solange, bis ich endlich anfange, zuzuhören. Es ist wohl tatsächlich an der Zeit, die Seiten umzublättern und zu schauen, was das neue Kapitel mit sich bringt.

Den Dingen kann ich derzeit sowieso nicht entkommen. Immerhin sind diese Themen in den Medien dieser Tage omnipräsent. Fast täglich hört man von neuen Erkenntnissen. Von neuen Tätern. Von neuen Opfern. Als habe jemand in das Hornissennest gestochen. Ich kann dem inneren Entsetzen nicht mehr entkommen, weil es mir von der Welt da draußen tagtäglich vor Augen geführt wird. Weil selbst in sozialen Netzwerken Beiträge dazu angezeigt werden. Aber natürlich nicht mit dem Hinweis, dass es sich dabei um triggernde Inhalte handelt. Nein, sie prasseln ungefiltert und unaufhaltsam auf mich ein. Ich vermeide es mittlerweile schon, das Radio einzuschalten oder mein Smartphone zur Hand zu nehmen. Aber all das hilft nicht viel, denn mein Inneres hat bereits Futter bekommen und das Gedankenkarussell Fahrt aufgenommen.

Und so wird der Wunsch, vor dem ganzen Mist zu fliehen, immer drängender. Ich habe manchmal das Gefühl, als zerplatze mein Kopf. Als gäbe es in meinem Schädel nicht genügend Platz für all die ohnmächtige Angst, das schiere Entsetzen, die unbändige Wut und diesen unerträglichen Druck. Ehrlich, ich habe sogar überlegt, mich mit irgendetwas zuzudröhnen, damit es endlich aufhört. Doch was soll das bringen? Außer weitere Probleme und einen Kontrollverlust, den ich mir nicht leisten kann und will?

Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Zeit bis zu den Terminen nicht noch düsterer wird und dass die Termine an sich, eine Hilfe darstellen. Denn das ist der einzige Strohhalm, an dem ich noch hänge…


 Wolkentänzerin

Mittwoch, 29. April 2020

Ein Brief voller Erinnerung

Hey du,

ja, ich weiß, ich habe dir lange nicht mehr geschrieben. Nicht, weil ich nicht an dich gedacht hätte. Nein, das tue ich sogar sehr häufig. Vielmehr ist es so, dass ich mit den Gefühlen, die du in mir auslöst, nicht immer umgehen kann. Noch immer ist der Schmerz sehr groß. Die Schuld drückt mich bis heute nieder. Und ich werde unweigerlich an eine Zeit erinnert, die viele Narben hinterließ.

Dein Todestag rückt näher. Dieses Jahr ist es schon der zehnte. Ist das zu fassen? Zehn Jahre...das ist mehr als ein Drittel meines Lebens. Und doch fühlt es sich an als seist du erst gestern von dieser Erde gegangen.

Weißt du, ich kann verstehen, weshalb du es getan hast. Warum du dein Leben beendet hast. Ich weiß, was du gefühlt hast. Und doch wünsche ich mir von ganzem Herzen, du hättest es nicht getan. Ich wünschte, ich hätte dir helfen können. Denn ich weiß, wie sehr du dich nach Hilfe gesehnt hast. Es zerfrisst mich zu wissen, dass ich dir keine war. Ich meine, wie hätte ich auch eine sein können? Ich hatte genauso wenig einen Plan vom Leben wie du. Ich hing genauso zwischen den Welten wie du. Aber sind das nicht am Ende dumme Ausreden?

Ich kann mich heute (zum Glück?) nicht mehr an alles erinnern, was damals geschah. Es gelingt mir nicht, die letzten Tage vor deiner Entscheidung zu rekonstruieren. Lediglich einige einzelne Frequenzen blitzen dann und wann in meiner Erinnerung auf. Und schon die genügen, um mich das Gefühl des unbändigen Schreckens wiedererleben zu lassen. Es gibt sogar einen Teil in mir, der deinen Tod bis heute leugnet. Der nicht wahrhaben will, dass du wahrhaftig gestorben bist. Vielleicht auch bloß, um die Last des Versagens tragen zu können – keine Ahnung.

Was wäre wohl aus dir geworden? Wärst du mittlerweile Polizist, ganz so, wie du es dir gewünscht hast? Oder wäre aus dir ein Künstler geworden? Ob wir heute wohl noch Freunde wären? So wie diese bleiben viele Fragen unbeantwortet. Fragen, die in mir schlummern und auf die ich gerne eine Antwort hätte. Ich wüsste gerne, wie du unsere Freundschaft gesehen hast. Ob du mich am Ende vielleicht sogar gehasst hast, weil ich ein dummes Mädchen war, das die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit deiner Not nicht gesehen hat. Die dich im Stich ließ.

Ich weiß, dass ich Anteil an deinem Suizid habe. Ich weiß, dass ich Verantwortung dafür trage. Ich weiß, dass ich viele Fehler machte und dich verletzte. Ich weiß, dass ich es nicht ungeschehen machen kann.

Dein Tod, lieber Freund, hat mein Leben grundlegend verändert. Ich wäre nicht ich, wenn du nicht gegangen wärst. Ich verdanke dir mein Leben. Und ich weiß, dass das nicht fair ist. Ich weiß, dass es andersrum wohl genauso gewesen wäre. Du wärst nicht gegangen, wenn ich gegangen wäre. Wenn ich dir zuvorgekommen wäre. Wenn du gesehen hättest, wie viel Leid durch so etwas entsteht. Ich weiß, dass du heute noch leben würdest, wenn ich gestorben wäre.

Ich schäme mich oft dafür, Suizidgedanken zu haben. Denn ich komme nicht drumherum, mich zu fragen, ob du es in der letzten Sekunde vielleicht sogar bereut hast? Es jedoch zu spät war. Es kein Zurück mehr gab. Und ich? Ich will nicht leben. Wo du eventuell vieles drum gäbest, um nochmal eine Chance zu haben. Was bin ich nur für ein Idiot? Dabei weiß ich, dass ich nicht auf einen Schalter drücken kann und die Gedanken verschwinden. Ebenso wenig wie du es tun konntest. Mir ist klar, dass du die Entscheidung zu sterben nicht aus eigenen Stücken getroffen hast. Du hast den Schmerz, den dein Leben bedeutet hat, nicht mehr ertragen. All die Ungerechtigkeit und das Übel, das dir zugefügt wurde, haben dich krank gemacht, deine Seele zertrümmert und dich ausgehöhlt.

Aus tiefstem Herzen hoffe ich, dass es dir jetzt, wo auch immer du sein mögest, gut geht. Dass du die Seelenqualen loswerden und dich befreien konntest.

Vor Kurzem wollte sich eine gute Freundin von mir das Leben nehmen. Sie hat in letzter Zeit Schlimmes erlebt und kam mit all dem Schmerz nicht mehr zurecht. Ich sagte ihr, sie dürfe es nicht tun, weil es keine Garantie gäbe, dass es ihr wirklich Erlösung brächte. Denn was wäre, wenn die Gedanken nicht aufhören? Wenn sie an einen Ort kommt, an dem alles still ist, bis auf die Stimmen, die sie bis in alle Ewigkeit quälen? Dann doch lieber hier auf der Erde sein, wo es immerhin noch die ein oder andere Ablenkung gibt. Aber wie soll ich selbst an diese Möglichkeit glauben, wo du doch dort oben bist? Wenn ich mir vorstelle, dass du irgendwo bist, wo du weiterhin Seelenleid erfährst, bleibt mir das Herz stehen.

Seit deinem Tod sind schon viele Menschen auf mich zugekommen, die ebenfalls sterben wollten. Die sich mir anvertrauten und meine Hilfe wollten. Und jedes verdammte Mal packt mich die blanke Angst. In mir wird es schlagartig heiß und ich habe das Gefühl zu verbrennen. Ich habe Verlust- und Versagensängste. Mir wird schlecht und ich habe das Empfinden, für ein Menschenleben verantwortlich zu sein. Dann möchte ich weglaufen, weil ich es nicht ertragen würde, wenn jemand nochmal stirbt, weil ich nicht helfen kann. Nie wieder möchte ich erleben, wie mir ein Mensch derart entgleitet. Bitte versteh mich nicht falsch: es macht mich demütig und dankbar, dass Menschen mir vertrauen. Dass sie sich mir öffnen und mich in ihre Seelen blicken lassen. Aber sie suchen sich dafür die falsche Person aus.


Anfänglich dachte ich, dass, wenn ich anderen helfe und ihnen das Leben „rette“, dann kann ich etwas wiedergutmachen. Bis mir aufging, dass ich damit versuchte ein Leben mit einem anderen aufzuwiegen. Doch das funktioniert nicht. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Kein anderes Leben kann dein Leben ersetzen. Nichts kann ungeschehen machen, was passiert ist.

Außerdem fühle ich mich mittlerweile wie die größte Heuchlerin der Welt, wenn ich Menschen davon abrate, sich das Leben zu nehmen. Denn wovon bin ich denn überzeugt? Ich bin davon überzeugt, dass der Tod Erlösung bringt. Zumindest für den Sterbenden. Dagegen kann das Leben die reinste Hölle auf Erden sein. Wenn ich also Menschen davon abhalte, sich das Leben zu nehmen, dann verdamme ich sie dazu, die Seelenqualen dieser Welt weiterhin zu erdulden. Ich rede ihnen ein, dass es schon irgendwann besser würde. Dabei glaube ich nicht daran. Ich glaube nicht, dass es immer ein Happy End gibt. Ich glaube vielmehr, dass es Menschen gibt, die der Dunkelheit niemals entkommen werden. Ich glaube, dass es irreparable Seelenschäden gibt.

Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ein jeder einzelne Suizid viele weitere Leben unwiederbringlich zerstört. Suizid ist ein Gewaltakt, der weite Kreise zieht. Jemand, der sich das Leben nimmt, wird automatisch zum Täter, ob er nun will oder nicht. Selbstmord ist etwas sehr aggressives und Ausdruck größter Wut. Die Schuld bei den Hinterbliebenen wird einkalkuliert, wenn nicht sogar gewollt.

Lieber Freund, ich weiß, dass es bei dir nichts anderes war. Ich weiß, dass du uns Schmerzen zufügen wolltest. Dass du wolltest, dass wir genauso leiden wie du. Und ich weiß, dass du das aus größter Verzweiflung heraus wolltest. Ehrlich gesagt denke ich auch, dass ich es verdient habe.

Bei all den konfusen Gedanken ist eines jedoch klar: du fehlst mir sehr. Ich wünschte, ich könnte mit dir sprechen. Ich wünschte, du wärst noch hier. Ja, ich wünsche mir sehr, du hättest dich nicht umgebracht. Doch es ist wie es ist. Und deshalb wünsche ich dir von ganzem Herzen, dass du an einem Ort voller Licht, Liebe, Freude, Wärme, Lachen, Farbe, Freiheit, Glück, Zufriedenheit, Erlösung und Freunden bist.

Du bist niemals vergessen!
Wolkentänzerin