Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr habe ich Magenschmerzen und eine unbeschreibliche Schwere in mir. Meine Gedanken schwirren wie rastlose Fliegen durch meinen Kopf. Kaum einen vermag ich zu greifen. Ich selbst bin ruhelos und weiß nichts mit mir anzufangen. Dann und wann blitzen Erinnerungen auf. Erinnerungen an Weihnachtsfeste, die sich anfühlen, als hätten sie in einem anderen Leben stattgefunden. Und vielleicht ist ja auch etwas dran. Vielleicht ist es tatsächlich ein anderes Leben. Zumindest fühlt es sich in manchen Momenten unendlich weit entfernt an. Doch da gibt es auch die Momente, in denen das Erlebte förmlich spürbar ist. All die Empfindungen jener Zeit werden heiß und unerträglich.
Häufig überkommt mich ein bohrendes, schlechtes Gewissen. Ich fühle mich meiner Mutter gegenüber schuldig, weil ich sie nicht besuchen oder auf andere Weise kontaktieren werde. Es kostet mich enorm viel Kraft – auch, weil ich mich noch immer nicht emotional von ihr trennen konnte. In meinem Inneren bin ich bis heute das verängstigte Kind, das versucht, die mütterliche Liebe zu gewinnen. Die Wahrheit ist jedoch, dass ich sie nicht erhalten werde. Ganz gleich, was ich tue.
Mir ist bewusst, dass ein friedliches Weihnachtsfest wohl eher eine romantisch verklärte und von Hollywood hochstilisierte Vorstellung ist, die sehr selten etwas mit der Realität zu tun hat. Stattdessen entlädt sich an den Feiertagen oftmals jener Stress, der sich über das gesamte Jahr angestaut hat. Das macht mich irgendwie betroffen. Ich meine, wenn die Harmonie nicht der Standard ist, was bedeutet das dann für uns als Menschen? Was bedeutet das für diese Welt, in der wir leben? Wieso gibt es dermaßen viel Wut, Neid, Anfeindung und Hass auf dieser Erde?
Zu Weihnachten explodierte es in meiner Familie regelmäßig. Es war möglich, die Uhr danach zu stellen. Die gesamte Adventszeit über lag eine gefährliche Spannung in der Luft. Wir Kinder hielten dauernd den Atem an, weil wir fürchteten, ein falsches Wort könnte die Eruption verursachen. Schon ein falscher Blick reichte aus, um einen Tobsuchtanfall auszulösen. Infolgedessen wurde uns oft gedroht, sie gäben uns weg. Sie sagten, wir wären nicht länger zu ertragen. Dass wir ihnen ihr Leben zerstörten und ihre Körper ruinierten, weil sie sich für uns kaputt arbeiteten.
Ich hasse Weihnachten nicht. Nein, ich kann durchaus den wundersamen Zauber verstehen, die diese besondere Jahreszeit für viele Menschen bedeutet. Und ich wünsche jedem, dass er/sie es genießen möge. Für mich persönlich ist es nur wahnsinnig anstrengend. Überall die Weihnachtslieder, die Rede von Familienglück und dem trauten Beisammensein. Mir führt das Weihnachtsfest vor Augen, was ich verpasst habe. Es formt den indiskutablen Kontrast zu meinem eigenen Erleben und das ist mitunter nur schwer erträglich.
Zu Weihnachten fühle ich mich am stärksten von dieser Welt entfremdet. Ich kann schlecht mit dem Schein der Harmonie und Liebe umgehen. Und auch, wenn ich weiß, dass es eben häufig nur ein Schein ist, macht es mir sehr zu schaffen.
Doch es gibt einen Hoffnungsstern in dieser düsteren Nacht: auch Weihnachten geht vorbei.
Wolkentänzerin
