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Samstag, 18. Dezember 2021

Lautloser Schrei

 Was stimmt bloß nicht mit mir? Wohin mit all dem inneren Druck? Doch für immer gehen? Oder bleiben und aushalten? Ich drehe mich im Kreis. Oder dreht sich die Welt, während ich stehengeblieben bin? Herauskatapultiert worden, weil das Entsetzen so groß war? 

Ich brauche Beschäftigung, sonst drehe ich noch durch. Oder bin ich das längst? Ist das vielleicht des Pudels Kern? 

Sinnlose Worte werden aneinandergereiht, in die Welt hinausgespuckt, weil es irgendwie raus muss. Weil es sonst nicht ausgesprochen werden kann. Nur Getippe auf einer Tastatur ist möglich. Alles andere zu bedrohlich. Zu schwierig. 

Ich möchte schreien. Mir die Seele aus dem Leid krakelen. Doch es bleibt bei dem Wunsch. Mehr passiert nicht. Stattdessen bleibt der Druck hängen und verstopft mich von innen. Ich bekomme kaum noch Luft, habe Angst. Wann geht diese miese Dunkelheit endlich weg? Wann?



Wolkentänzerin


Sonntag, 21. Februar 2021

Die Komplimentefalle

Als ich jünger war, hatte ich nie das Gefühl, mich könne jemand mögen. Ich habe mich stets als Außenseiterin gesehen, die nirgendwo hineinzupassen schien. Es gab kaum Freunde in meinem Leben. Keinen Menschen, auf den ich mich zu hundert Prozent hätte verlassen können. Niemand, dem ich zugebilligt hätte, meinen inneren Kern zu sehen. Ich fing früh damit an, eine gewisse Scharade zu spielen. Bis zur Perfektion kreierte ich einen Menschen, den ich nach außen hin präsentieren wollte.

Seit ich denken kann, ist da diese unermessliche Scham. Ich schäme mich ob meiner Selbst. In sozialen Kontexten bin ich enorm unsicher und denke, mein Gegenüber könne mich überhaupt nicht mögen. Ich halte mich für hässlich. Blickt mich jemand an oder gehen zwei Menschen hinter mir her, glaube ich, sie würden sich über mich lustig machen, weil ich so komisch aussehe. Mal ganz abgesehen davon, dass das ziemlich egozentrisch ist, ist es definitiv kein schönes Gedankengut. Macht mir ein Mensch ein Kompliment, wird mir übel und mich überkommt eine intensive Beklemmung. Einerseits freue ich mich. Keine Frage. Doch auf der anderen Seite ist da diese unbändige Angst. Angst davor, derjenige mache sich bloß einen Spaß aus mir. Als wolle er mir eine Falle stellen. Denn ich fürchte, mein Gegenüber habe das Kompliment geäußert, um zu sehen, ob ich darauf eingehe. Tue ich es, wird er mich auslachen und mich fragen, wie ich annehmen könne, dass das erstgemeint war. Immerhin ist es doch sehr abwegig, dass das Gesagte tatsächlich stimmen könnte.

Ich weiß, dass das Ablehnen von Komplimenten häufig mit kokettieren verwechselt werden kann. Und vielleicht ist es im Kern das gleiche Motiv, das dahintersteckt. Doch ich kann nur sagen, dass ich nicht möchte, dass mein Gegenüber das Gesagte wiederholt. Ich möchte, es einfach nicht hören. Es ist mir schlicht und ergreifend höchst unangenehm und beschämt mich. In meinem Kopf werden zudem all die vernichtenden Stimmen laut und quälen mich.

Es gibt vieles, was mir unangenehm ist und Angst in mir auslöst: Menschenansammlungen, Situationen, in denen ich im Fokus stehe wie Vorträge, Behördengänge oder Arztbesuche, die erwähnten Komplimente und Gespräche, in denen ich mich behaupten muss. Sicher könnten dieser Auflistung noch weitere Punkte hinzugefügt werden, doch ich möchte es an dieser Stelle dabei belassen.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffen kann, mit diesen Dingen umzugehen zu lernen. Doch ich denke, ich werde es in die morgige Therapiesitzung mit Dr. Freud mitnehmen und schauen, was sich daraus entwickeln wird. 


 

Wolkentänzerin

Freitag, 19. Februar 2021

Zwei Universen in einer Welt

Dr. Freud hat vorgeschlagen, dass wir uns nun zu Beginn jeder Therapiesitzung mit dem Motiv der Schuld beschäftigen. Zum einen denkt er, dass das eine gute Möglichkeit sei, dem Schweigen entgegenzuwirken. Und, zum anderen meint er, dass die Schuld eins der größten Themen in mir sei.

Zum zweiten Punkt finde ich weder ein Argument der Zustimmung noch der Ablehnung. Ich möchte gerne sagen, dass ich mich nicht aus falschen Gründen schuldig fühle. Dass diese Empfindung seine Berechtigung habe und wir nichts daran ändern müssen. Immerhin muss es so sein. Es ist richtig, dass sich die eiskalte Hand der übermächtigen Schuld um meinen Hals legt und mir dann und wann die Luft abdrückt. Nichts anderes habe ich verdient. Nichts anderes wäre auch nur ansatzweise in Ordnung. Gleichzeitig weiß und spüre ich irgendwo in mir, dass es eben nicht in Ordnung ist. Dass ich eben keine Schuld an so manch erschütternden Augenblick trage.

Doch welchen Unterschied macht das? Mir ist bewusst, dass ich die Schuld ablegen muss, um ein Stück in die Richtung der Freiheit zu gehen. Denn die Schuld ist jenes Empfinden, das mir einen Grund gibt, mich einzuschränken und zu maßregeln. Ich habe Buße zu tun und kann mir daher keine Freimütigkeit gewähren. Wie sollte das auch möglich sein?

Führe ich mir vor Augen, welche desaströsen Auswirkungen mein Verhalten mitunter auslöste, möchte ich im Boden versinken. Ja, ich habe viele Entscheidungen nicht aus freien Stücken gefällt, aber so fühlt es sich eben nicht an. Ich sehe die Momente vor meinem inneren Auge und blicke in einen Spiegel, der die Tatsachen verzerrt. Zumindest, wenn ich Dr. Freud Glauben schenken möchte.

Letztlich scheitere ich an mir selbst, weil ich nicht bereit bin, die Erlebnisse umzudeuten und ihnen einen neuen Wert zu geben. Denn ändern wir die Variablen, erhalten wir ein anderes Endergebnis. Ich fürchte mich davor und daher bleibe ich stehen. Verteidige meinen Standpunkt und bestätige meine eigenen toxischen Gedankengänge und Handlungsweisen.

Derzeit fühlt es sich an, als führe ich zwei Leben. Wie zwei Paralleluniversen, zwischen denen ich stetig hin- und herreise. Und eine Stimme in mir sagt mir, dass das nicht der Realität entspricht. Diese Stimme zwingt mich, hinzusehen und zu erkennen, dass es keine zwei Welten sind, sondern bloß mein Leben ist. Mein Leben, dass ich zu gewissen Teilen von mir abgespalten habe. Du das Abstoßen einiger Lebenssequenzen habe ich jedoch auch Empfindungen und Lebendigkeit eingebüßt. Und ja, ich habe immense Angst davor, lebendig zu werden und mich den Dingen zu stellen. Ich wehre mich dagegen und das ist mir absolut bewusst. Ich spüre den Drang in mir, endlich anzufangen, mich den Dämonen zu stellen und in Bewegung zu geraten. Doch ich kann nicht. Ich möchte schreien, weil es so verdammt wehtut und ich will nur noch, dass es aufhört. Aber das wird es nicht. Nicht, wenn ich dem Schmerz und all seinen Begleitern keinen Raum gebe und ihnen zubillige, existieren zu dürfen.

Vor mir liegt eine Zeit voller Erkenntnis und Erfahrung. Ich habe die Chance, zum Leben erwachen zu können. Dafür muss ich jedoch erstmal sterben. Ich muss meine gesamte Identität abwerfen, durch die Hölle gehen und mich Stück für Stück erneut zusammensetzen. Eine Vorstellung, die mir nicht gerade rosig erscheint, doch am Ende die einzige Möglichkeit ist, all das zu überstehen.


Wolkentänzerin

Freitag, 18. Dezember 2020

Alle Jahre wieder

Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr habe ich Magenschmerzen und eine unbeschreibliche Schwere in mir. Meine Gedanken schwirren wie rastlose Fliegen durch meinen Kopf. Kaum einen vermag ich zu greifen. Ich selbst bin ruhelos und weiß nichts mit mir anzufangen. Dann und wann blitzen Erinnerungen auf. Erinnerungen an Weihnachtsfeste, die sich anfühlen, als hätten sie in einem anderen Leben stattgefunden. Und vielleicht ist ja auch etwas dran. Vielleicht ist es tatsächlich ein anderes Leben. Zumindest fühlt es sich in manchen Momenten unendlich weit entfernt an. Doch da gibt es auch die Momente, in denen das Erlebte förmlich spürbar ist. All die Empfindungen jener Zeit werden heiß und unerträglich.

Häufig überkommt mich ein bohrendes, schlechtes Gewissen. Ich fühle mich meiner Mutter gegenüber schuldig, weil ich sie nicht besuchen oder auf andere Weise kontaktieren werde. Es kostet mich enorm viel Kraft – auch, weil ich mich noch immer nicht emotional von ihr trennen konnte. In meinem Inneren bin ich bis heute das verängstigte Kind, das versucht, die mütterliche Liebe zu gewinnen. Die Wahrheit ist jedoch, dass ich sie nicht erhalten werde. Ganz gleich, was ich tue.

Mir ist bewusst, dass ein friedliches Weihnachtsfest wohl eher eine romantisch verklärte und von Hollywood hochstilisierte Vorstellung ist, die sehr selten etwas mit der Realität zu tun hat. Stattdessen entlädt sich an den Feiertagen oftmals jener Stress, der sich über das gesamte Jahr angestaut hat. Das macht mich irgendwie betroffen. Ich meine, wenn die Harmonie nicht der Standard ist, was bedeutet das dann für uns als Menschen? Was bedeutet das für diese Welt, in der wir leben? Wieso gibt es dermaßen viel Wut, Neid, Anfeindung und Hass auf dieser Erde?

Zu Weihnachten explodierte es in meiner Familie regelmäßig. Es war möglich, die Uhr danach zu stellen. Die gesamte Adventszeit über lag eine gefährliche Spannung in der Luft. Wir Kinder hielten dauernd den Atem an, weil wir fürchteten, ein falsches Wort könnte die Eruption verursachen. Schon ein falscher Blick reichte aus, um einen Tobsuchtanfall auszulösen. Infolgedessen wurde uns oft gedroht, sie gäben uns weg. Sie sagten, wir wären nicht länger zu ertragen. Dass wir ihnen ihr Leben zerstörten und ihre Körper ruinierten, weil sie sich für uns kaputt arbeiteten.

Ich hasse Weihnachten nicht. Nein, ich kann durchaus den wundersamen Zauber verstehen, die diese besondere Jahreszeit für viele Menschen bedeutet. Und ich wünsche jedem, dass er/sie es genießen möge. Für mich persönlich ist es nur wahnsinnig anstrengend. Überall die Weihnachtslieder, die Rede von Familienglück und dem trauten Beisammensein. Mir führt das Weihnachtsfest vor Augen, was ich verpasst habe. Es formt den indiskutablen Kontrast zu meinem eigenen Erleben und das ist mitunter nur schwer erträglich.

Zu Weihnachten fühle ich mich am stärksten von dieser Welt entfremdet. Ich kann schlecht mit dem Schein der Harmonie und Liebe umgehen. Und auch, wenn ich weiß, dass es eben häufig nur ein Schein ist, macht es mir sehr zu schaffen.

Doch es gibt einen Hoffnungsstern in dieser düsteren Nacht: auch Weihnachten geht vorbei.

 

Wolkentänzerin

Freitag, 13. November 2020

Long Story Short

 Die Hausaufgabe ist geschrieben. Die Besprechung blieb bisher aus. Ein Gefühl zwischen Freude und Enttäuschung. Zwischen bangen und hoffen. Immer im Zwiespalt. Immer in zwei Welten.

Derzeit fühlt es sich an, als träfen meine beiden Realitäten aufeinander. Ein furchtbarer Crash bahnt sich an und ich kann nichts dagegen tun. Fühle mich wie ein Beobachter bei einem Unfall. Hin- und hergerissen zwischen Faszination und Erschrecken. Ich spüre den Tatendrang – genauso wie die lähmende Hilflosigkeit.

Ich kann nicht atmen. Nein, vielmehr halte ich den Atem seit einer gefühlten Ewigkeit an und warte auf diesen einen entscheidenden Moment. Den Augenblick, in dem ich endlich ausatmen kann. Stattdessen schwebe ich durch die Zeit und weiß nicht mehr, wo oben oder unten ist. Ich habe die Orientierung verloren, weil sich die Dunkelheit in mein Leben geschlichen hat. War sie denn nicht schon immer da? Ja, gewiss, das war sei. Aber eben in mir drin.

Mein Inneres und die Welt dort draußen sind vollkommen unterschiedliche Dimensionen, die ich bisher strikt voneinander zu trennen versuchte. Mein funktionierendes Alltagsich ließ keinen Kompromiss zu. Irgendwie musste ich es eben schaffen, die Aufgaben zu erledigen, die an mich gestellt wurden und auch weiterhin werden. Niemals wollte ich, dass mir jemand ansehen kann, wie es mir geht.

Ein Stück weit habe ich meine Daseinsberechtigung verloren. Schließlich bestand sie darin, anderen Menschen zu helfen. Das schaffe ich derzeit jedoch nicht. Ich habe dafür schlicht und ergreifend keine Kraft. Doch wie kann ich das vor mir rechtfertigen? Wie kann ich es wagen, diesen egoistischen Akt der Therapie in Anspruch zu nehmen und das nicht auszugleichen? Die Stimme meiner Mutter dröhnt so laut in meinem Kopf und zwingt mich in die Knie.

Der Schmerz, über diese Themen zu sprechen oder sie zumindest anzureißen, ist überwältigend. Als ramme mir jemand ein Messer in den Rumpf. Immer und immer wieder. Und ich weiß, dass ich mich mit diesen Themen beschäftigen muss. Doch dieser Schmerz ist dermaßen einnehmend und alles überschattend, dass ich nicht weiß, wie ich das aushalten soll.

Letztlich ist es jedoch so, dass ich nicht aufgeben kann und werde. Ich darf diesen übermächtigen und drängenden Suizidgedanken nicht nachgeben. Denn was passiert, wenn ich es tue? Ich sterbe und das wäre das Ende dieser Geschichte. Was bliebe, wäre Dunkelheit und Schmerz. Diese Dinge blieben, zwar nicht in meinem Leben, aber in den Leben anderer. Es wäre bloß eine Übertragung. Und das kann ich nicht mit mir vereinbaren. Noch nicht.

 



 

Wolkentänzerin

Mittwoch, 23. September 2020

Vom Wollen und Sollen und der Scham, die über allem thront

Woher weiß ein Mensch, dass er etwas will? Dass diese eine Sache genau das Richtige für einen ist? Mir wurde häufig eingeredet, dass ich dieses oder jenes wolle, weil ich mich sonst nicht auf die ein oder andere Art verhielte.

Gestern wurde ich gefragt, was ich will und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich dazu sagen sollte.

Mir wurde eine riesige Chance angeboten. Ich wurde sehr gelobt und mir wurde gesagt, dass ich großes Potential und hohe kognitive Fähigkeiten habe.

Seitdem geht es mir absolut elendig. Ich fühle mich furchtbar. Wie die größte Hochstaplerin der Geschichte. Ich habe riesige Angst, dass sie erkennen werden, dass sie sich in mir getäuscht haben. Dass sie sich irren. Dass all das bloß heiße Luft war.

Dabei möchte ich diese Chance ergreifen. Will ich das wirklich? Was will ich?

Jetzt gerade möchte ich sie anschreien und ihnen sagen, dass sie sich irren. Dass sie mich falsch einschätzen.

Ich habe lediglich meine Arbeit verrichtet. Ich wollte nicht auffallen, sondern im Stillen meine Aufgaben erledigen und sie zufrieden stellen.

Ich habe Magenschmerzen und könnte heulen, weil ich es nicht fassen kann. Wieso ist die Fremdwahrnehmung derart konträr zur Eigenwahrnehmung? Was ist, wenn ich scheitere? Wenn ich mal wieder versage? Daran ist eine Menge Geld und im Falle meines Scheitern letztlich auch eine Menge Schulden geknüpft.

Ich wünsche mir, dass ich mich nicht länger so elendig fühlen muss. Ich glaube nämlich, dass sie falsch liegen. Ich denke nicht, dass ich ein großes Potential habe. Ich glaube nicht, dass bei mir das Gesamtpaket stimmt. Ganz im Gegenteil...

Allerdings ist es eine so großartige Chance. Es scheinen Menschen zu sein, die mir etwas Gutes wollen. Doch das darf nicht sein. Es darf solche Menschen nicht geben. Denn dann formen sie den Kontrast zu den Menschen, die genau das gesollt aber nicht getan haben.

Es klingt vielleicht paradox, aber diese Chance verstärkt meinen Drang, mir das Leben nehmen zu wollen. Schließlich kann ich so nicht wieder verlieren oder es vermasseln.

In mir brodelt es. Mir ist übel. Die Welt um mich herum schwankt bedrohlich. Und ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun soll. Am schlimmsten ist nämlich diese unerträgliche Scham. Dieses heiße Brennen und das Gefühl, all das nicht verdient zu haben.

 

Wolkentänzerin

Sonntag, 20. September 2020

There ain't no future in the past...

 Still und leise höre ich in mich hinein und versuche mich an einer Bestandsaufnahme. Die ist auch mehr als fällig. Zu lange habe ich mal wieder verdrängt und mich in destruktive Muster fallen lassen, weil der innere Druck schlicht und ergreifend zu groß war. Also: Was geht in mir vor? Was empfinde ich? Wo sind meine Gedanken in diesem Moment? Bin in entspannt? Fühle ich mich wohl? Tanze ich auf den Wolken oder kann ich den Boden unter meinen Füßen wahrnehmen?

In mir ist eine bleierne Schwere. Mein Kopf durch einen dichten Nebel verschleiert. Kein einziger Gedanke ist greifbar. Jeder Muskel meines Körpers fühlt sich verspannt an. Meine Fuß- und Fingergelenke schmerzen. Ein Rheumaschub, der mir seit Tagen zu schaffen macht und mich mitunter an der Rand meiner Kraft bringt. Außerdem spüre ich, dass mein Körper sich derzeit viel mit Erinnerungen beschäftigt. Immerhin ist er der Speicher für all das, was uns im Leben begegnet. Unser Körper vergisst nicht, sondern erinnert sich auf seine ganz eigene Art und Weise. Ein eindeutiger Indikator dafür, dass es wieder Zeit wird, den inneren Impulsen und Vorgängen Raum zu geben. Die Kapazität der Verdrängung ist erschöpft.

Oftmals komme ich nicht umher, mich zu fragen, wann all das wohl endlich aufhört. Wann ich mich endlich aus dieser Erstarrung befreien kann. In der Vergangenheit ist schließlich keine Zukunft. Doch „[das] Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ (William Faulkner). Denn für mein Inneres und meinen Körper sind die Erlebnisse noch immer aktuell. Gefangen in einer Zeitschleife, die ich bis heute nicht zu durchbrechen vermag. Mein Gedächtnis unterliegt in diesem Kontext keiner Veränderung.

Dabei ist genau das so wichtig, um im Leben voran zu kommen. Unsere Erlebnisse formen den Kompass, mit dem wir in ungewohnten Situationen Orientierung erlangen können. Wir verlassen uns auf unsere gemachten Erfahrungen, um Entscheidungen zu treffen. Durch persönliche Entwicklung schaffen wir neue Perspektiven und können dadurch unseren ganz individuellen Lebensteppich in einem anderen Licht betrachten. Muster erscheinen auf einmal anders. Farben verlieren oder gewinnen an Intensität. Plötzlich ergeben Situationen einen Sinn und ermöglichen es uns, das Gefühl der Kontinuität und Stabilität zu empfinden.

Traumatische Erfahrungen hingegen sind statisch. Sie verändern sich nicht. Stattdessen existieren sie seit jeher als fragmentierte Splitter in mir. Und wann immer sie traktiert werden, verletzen sie mich. Was wiederum bedeutet, zu einem nicht enden wollenden Albtraum verurteilt zu sein.

All die Therapie, die ich bisher versuchte, fühlte sich an, als kämpfte ich gegen ein überirdisches Wesen. Wann immer ich dieses Monster verwundet hatte, wuchs ihm ein neues Körperteil oder die Wunde heilte schneller als ich gucken konnte. Und auch das Verdrängen hat sein Grenzen. So sehr ich mich auch bemühe, geht das Licht aus, ist der Schrecken präsent.

Ich hätte gerne Hoffnung. Ich möchte gern glauben, dass diese Therapie diesmal Früchte trägt. Dass ich es schaffen kann, die Vergangenheit zu beenden. Dass mein Leben in Bewegung gerät.

Aber wohin mit all der Angst? Augen zu und durch? Zur Not muss eben ein Klinikaufenthalt her.

Doch wer gibt mir das Recht, mich derart wichtig zu nehmen? Ich darf nicht durchhängen. Nicht aufschreien. Nicht auffallen. Ich muss normativ sein. Unauffällig. Unkompliziert. Unsichtbar. Denn was passiert, wenn ich tue, was ich will? Die Menschen fangen an, mich zu bemerken. Sie schauen genauer hin. Von da bis zur Verurteilung und dem Abwenden ist es dann nicht mehr weit.

Bisher tue ich mein Möglichstes, um meinem Umfeld zu gefallen. Immer lächeln. Immer freundlich sein. Immer akzeptieren. Immer helfen. Immer zuhören. Immer runterschlucken. Immer nicken. Immer defensiv. Immer Fragen stellend. Immer im Hintergrund bleibend. Wenn überhaupt, dann lasse ich die Menschen lediglich an der Oberfläche kratzen. Doch niemals mehr. Zu groß ist die Gefahr, sie könnten erkennen, welches Monster ich bin und mich dann zurücklassen. Mir sagen, ich sei unerträglich.

Ich wünschte, ich könnte das Alles etwas lockerer betrachten. Ich wünschte, ich könnte die Signale meines Gegenüber richtig deuten und interpretieren. Ich wünschte, ich könnte damit aufhören, mir den Kopf zu zermartern und mich zu zerfleischen, weil ein sozialer Kontakt nicht so lief wie erhofft. Ich wünschte, ich könnte mich einmal sicher im Umgang mit einem Menschen fühlen und glauben, dass alles gut ist und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Nur einmal.

Aber…I still remember…

Wolkentänzerin

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin

Donnerstag, 18. Juni 2020

Ein (unv)erhoffter Anruf

Seit einer halben Stunde sitze ich nun schon hier und starre auf die kahle, weiße Wand vor mir. Meine Gedanken sind überall, nur nicht da, wo sie sein sollen - im Hier und Jetzt. Noch immer rast mein Herz. Noch immer sind meine Hände eiskalt. Mir ist schlecht. Eine Übelkeit, die im ganzen Körper spürbar ist. Eine Übelkeit, bei der man genau weiß, dass etwas im Argen ist.

Und all das nur wegen eines einzelnen Anrufs. Ein Anruf eines Therapeuten, der mir für nächste Woche einen Termin geben konnte. Oh wow, das geht mir gerade alles etwas schnell. Dabei sollte ich dankbar sein. Immerhin ist es doch genau das, was ich wollte. Außerdem habe ich mir vorgenommen, gelassener mit der Situation umzugehen. Ich wollte positiv an diese Angelegenheit herangehen. Der Achtsamkeit Raum geben und dadurch meine inneren Impulse manipulieren.

Allerdings ist dieser Termin in greifbarer Nähe. Mich trennen lediglich eine Handvoll Tage davon, mich einer völlig fremden Person offenbaren und Worte aussprechen zu müssen, die bereits beim inneren Monolog höllisch wehtun.

Dabei mache ich nicht zum ersten Mal eine Therapie. Im Gegenteil: mir ist das Prozedere sehr vertraut. Außerdem verfüge ich durch mein Studium über ein tieferes Verständnis der menschlichen Psyche und therapeutischen Herangehensweise.

Trotzdem macht mir das gerade eine Heidenangst. Ich verspüre den Drang, den Therapeuten anzurufen und abzusagen. Einfach wieder alles zu verdrängen und davonzulaufen. Denn nur allzu deutlich ist die Erinnerung daran, wie sehr diese Gespräche schmerzen. Da hilft auch alles theoretische Wissen dieser Welt nicht.

Mir dröhnt der Kopf. Mit jeder Sekunde, die vergeht, breitet sich eine bleierne Schwere in mir aus. Ich möchte weinen und die tiefe Traurigkeit aus mir herausschwemmen. Doch keine einzelne Träne schafft es an die Oberfläche. Bin ich bereits dabei, erneut den Weg des Verdrängens zu gehen? Beginnen nun wieder das Kleinreden und das Beschönigen die Oberhand? Wie soll es so mit der Therapie funktionieren?

Es sind eben jene leidigen Stimmen, die in meinem Kopf laut werden und mir sagen wollen, dass ich nicht reden darf. Dass ich kein Recht dazu habe, jemandes Zeit mit meinen lächerlichen Problemen zu vergeuden. Und ja, ich stelle mich selbst in Frage. Der Zweifel, ob eine Therapie tatsächlich notwendig ist, nimmt einen großen Platz in meinem Gedanken ein. Und auch eine gewisse Analyse darüber, was ich von einer Therapie erwarten kann. Denn ich möchte mit einer realistischen Sicht in die Sache hineingehen, um am Ende nicht wegen übertriebener und unangebrachter Erwartungen enttäuscht zu sein.

Denn eines steht fest: ich werde niemals „gesund“ sein. Wobei in dieser Hinsicht eine Unterteilung in die Kategorien „gesund“ und „krank“ weder hilfreich noch notwendig ist. Vielmehr ist der Begriff der Krankheit in diesem Kontext kritisch zu beurteilen. Viel zu häufig wird jemand als „psychisch krank“ bezeichnet, weil er von der Norm abweicht. Doch es führe zu weit, dies an dieser Stelle zu vertiefen.

Mir ist bewusst, dass eine Therapie in meinem Fall keine Wunder vollbringen wird. Dazu sind die durchlaufene Sozialisierung, die erlebte physische und psychische Gewalt und die dadurch entstandenen Schäden zu groß. Niemand kann ungeschehen machen, dass ich Dinge sah und erlebte. Ich kann das Erleben der Gefühle nicht vergessen. Stattdessen haben sich Angst, Scham, Ohnmacht, Schuld, Traurigkeit, Ekel, Wut, Hilflosigkeit, Entsetzen, Misstrauen, Abscheu, Einsamkeit, Ablehnung, Besorgnis, Verlust, Bedauern, Todessehnsucht und viele weitere Empfindungen in mir eingebrannt und es gibt nichts, was daran etwas ändern könnte.

Was genau soll mir eine Therapie dann also bringen? Wozu das Ganze? Nun, ich denke, dieser Schritt ist der einzige, den ich noch tun kann, um nicht den Pfad des Suizides einzuschlagen. Ja, ich sehe es als letzte Chance an, die ich diesem Leben noch gebe. Im Grunde stelle ich diesem Universum eine Art Ultimatum. Das schließt mit ein, dass ich meine letzten Kräfte mobilisiere. Ich werde mitarbeiten und mich draufeinlassen. Ansonsten wäre das ganze Unterfangen sinnfrei, zwecklos und unfair.

Für mich steht jedoch fest, dass dies der letzte Versuch sein wird. Und ich hoffe sehr, dass er Früchte tragen wird…

 

Wolkentänzerin