Warnung

Triggerwarnung! Dieser Blog enthält sensible Inhalte! Bitte lies nicht weiter, wenn es dir nicht gut geht oder spezielle Themen nicht gut für dich sind. Bitte geh achtsam mit dir um!
Posts mit dem Label Schmerz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schmerz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 22. Februar 2021

Die Dunkelheit in Raum und Zeit

Montags ist Therapietag. Zumindest noch. Ab nächster Woche werden es dann zwei Termine pro Woche. Wir steigern uns. Naja, immerhin was die Häufigkeit unserer Gespräche betrifft. Denn was den Inhalt betrifft, bin ich mir über eine Bewertung hinsichtlich etwaiger Fortschritte nicht so sicher.

Heute haben wir wieder über die Schuld gesprochen. Dr. Freud hat erneut wiederholt, dass ich keine Schuld trage, weil ich ein Kind war und lediglich die betreffenden Erwachsenen verantwortlich waren. Das klingt einfach. Zu einfach. Ich kann seine Worte nicht akzeptieren. In mir sträubt sich bei diesen Aussagen alles. Letztlich ist das aber wohl ein gutes Zeichen, oder? Ich meine, ließen mich seine Sätze gänzlich kalt, hieße das im Umkehrschluss, dass die Therapie zweckfrei wäre. Nichts käme in Bewegung. Nichts änderte sich. Vielleicht sollte ich anfangen, es häufiger aus dieser Perspektive zu betrachten.

Während unseres Gespräches tauchten immer wieder Sequenzen meines Lebens vor meinem inneren Auge auf und katapultierten mich eine Zeitlang in eine andere Sphäre. Über all die Jahre habe ich gelernt, die Intrusionen zu kontrollieren. In Situationen, in denen ich mich besonders reglementiere, klappt das auch ganz gut. Ich kann mich zurück ins Hier und Jetzt holen. Allerdings kostet das eine große Portion Kraft und ist daher nicht endlos aufrecht zu halten. Bin ich allein, lasse ich meinen Geist daher oft ziehen. Dann fliege ich durch Raum und Zeit und finde mich an unterschiedlichsten Stellen meines Lebens wieder. Eine Begebenheit führt zur nächsten. Ein Schlüsselreiz jagt den anderen. Auf diese Weise können Stunden vergehen, ohne, dass ich hinterher sagen könnte, ich hätte sie wahrhaftig erlebt. Es sind zeitliche Einheiten meines Lebens, die ich in einer Welt verbrachte, die bloß in mir existiert. Sie besteht aus Ruinen meiner Vergangenheit und kehre ich dann am Ende zurück, bin ich verwirrt, abgekämpft, verletzt und voller Selbsthass.  

Dr. Freud hat mich heute gebeten, ihn an meinen Bilder teilhaben zu lassen. Er möchte wissen, was ich sehe und denke, während wir miteinander sprechen. Ich soll ihm sagen, was ich empfinde. In der Theorie klingt das durchaus machbar. Aber versuche ich es schließlich, bringe ich keinen Ton hervor. Ich komme mir unfassbar dumm, inkompetent und schwach vor. Ich schäme mich für meine Gedanken und fühle mich abrupt unwohl in meiner Haut. Eine Schnittstelle zwischen meiner Seelenwelt und der äußeren Atmosphäre zu schaffen, jagt mir eine Heidenangst ein. Meist stammle ich bloß dämlich vor mich hin und scheitere bereit bei dem Versuch, auch nur einen einzigen sinnvollen Satz von mir zu geben.

Meine Gedanken zu verschriftlichen ist deutlich einfacher. Ich kann meine Finger über die Tastatur schweben lassen und die Buchstaben aneinanderreihen. Zwar lese ich, was ich hier schreibe, aber es hat doch eine gewisse Distanz zu mir. Und auch das Geschriebene hat seine Grenzen. Ich kann umschreiben, was war. Ich kann Metaphern finden und mir damit behelfen. Allerdings bin ich unfähig, die Dinge konkret zu beschreiben. Ihnen eine realistische Form zu geben. Ich spreche die Begriffe nicht aus. Zum einen, weil ich mir noch immer nicht sicher bin, dass sie passen. Und zum anderen, weil mich die Worte schmerzen. Aber das ist wohl eine andere Geschichte und soll an einer anderen Stelle erzählt werden.

Zwischendurch fragte mich Dr. Freud heute, was passieren wird, wenn ich anfange, die Gefühle zu empfinden, die ich vollständig von mir abgespalten habe. Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Mit dieser Frage habe ich mich in letzter Zeit intensiv beschäftigt und einige Szenarien entworfen. Keine davon erscheint mir annähernd rosig. Ja, was ist, wenn ich anfange, zu fühlen? Im Grunde möchte ich es nicht wissen. Doch ich schätze, ich werde es früher oder später herausfinden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Ich bin erschöpft und enorm müde. Nicht nur physisch. Vielmehr habe ich das Gefühl, mich in einer nicht enden wollenden Dunkelheit zu befinden. Jeder Schritt ist wackelig. In meinen Augen sind lediglich die Stäbchen aktiv – alles erscheint grau. Ich kann meine Umgebung nicht mehr erkennen. Sie sind formlosen Umrissen gewichen, die mir Rätsel aufgeben. Ich fühle mich orientierungslos. Mir kommt es vor, als irre ich schon eine Ewigkeit durch die Nacht. Ohne zu wissen, wohin ich eigentlich will. Vielleicht habe ich mich auch nur im Kreis gedreht. Das würde zumindest meine Übelkeit erklären.

Ich möchte bloß noch schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien, weil ich dieses innere Entsetzen nicht ertrage. Es lässt mich nicht in Ruhe und ich fühle einen so mächtigen Schmerz in mir, dass es mir mitunter den Atem raubt.

In meinem Leben habe ich nach außen immer versucht, die Starke zu mimen. Ich habe mir geschworen, niemanden sehen zu lassen, was in mir vorgeht. All meine Kraft verwendete ich dazu, ein funktionierendes Ich zu erschaffen, das sich um andere kümmert und gibt. Ich spüre jedoch, dass ich das nicht mehr leisten kann.

Am liebsten möchte ich aussteigen und den Lebenszug verlassen. Ich möchte all das nicht erneut durchleben. Mich nicht damit beschäftigen, was es mit mir machte. Mich nicht mit diesem Leben auseinandersetzen. Ich möchte mir die Pulsadern aufschneiden und mich verbluten lassen. Ich möchte mich quälen und dafür bestrafen, dass ich bin, wer ich bin. Ich möchte all dem ein gewaltsames Ende setzen. Doch das ist keine Option. Ich weiß, dass diese Gedanken ein Symptom meines Lebens sind. Sie sind ein Teil des toxischen Systems, das ich versuche zu bekämpfen. Gebe ich jetzt auf, war alles tatsächlich und unabänderlich sinnfrei.


 

Wolkentänzerin

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin

Dienstag, 18. August 2020

Abgetaucht

Langsam tauche ich meinen Kopf unter Wasser. Ich spüre die Kälte auf meiner Haut. Kann wahrnehmen, wie meine Haut mit jeder weiteren Sekunde an Temperatur verliert. Das Wasser ist derart kalt, dass es mir wie Brennen vorkommt. Allmählich fühle ich den Druck auf meinem Brustkorb. Ich kann nicht atmen. Mit all meiner Kraft stelle ich mich gegen das Verlangen, aufzutauchen und nach Luft zu japsen. Mein Körper kämpft gegen meinen Geist. Ich fange an zu zucken. Ich genieße die Panik, die in mir aufsteigt. Für einen Moment habe ich die absolute Kontrolle über mich. Ich habe das Gefühl, über mein Leben genauso wie über meinen Tod bestimmen zu können. Und ich koste diesen Moment in vollen Zügen aus. Bis ich schließlich keuchend und vollkommen erschöpft an die Wasseroberfläche zurückkehre. Noch immer den süßen Geschmack des Todes auf meinen Lippen.

Die letzten Wochen können durchaus als kraftraubend bezeichnet werden. Ich hatte erste Therapiesitzungen. Naja, mehr Erstgespräche. Doch die hatten es in sich. Bei einem Psychoanalytiker hatte ich bisher vier Sitzungen. Er ist sich jedoch noch unsicher, ob das mit uns funktionieren könnte, da er den Grad der Traumatisierung nicht abschätzen kann. Und ich bin ihm dabei wohl auch keine große Hilfe. Denn ich habe mich ein Stück weit geöffnet und möchte mich nicht damit auseinandersetzen müssen, dass es „umsonst“ gewesen sein könnte. Schließlich hat schon das bisschen, das ich erzählte, vieles in mir ausgelöst. Vor allem eine riesige Menge Schmerz, Traurigkeit und eine Ahnung von jenen Fesseln, die noch immer in mir sind. Der Therapeut bezeichnete mich als verschachtelt und innerlich stark verknotet. Er sagte, ich wirke wie erstarrt.

Wir sprachen darüber, dass es mir schwerfällt, meine Gedanken und Gefühle verbal mit jemandem zu teilen. Dass ich stets die Zuhörerin bin und mich in den Hintergrund stelle. Wir sprachen über meine Eltern und auch grob über die Dinge, die waren. Mich intensiv damit auseinanderzusetzen, welches eingeschränkte Leben ich führe, tat mir sehr weh. Mir vor Augen zu führen, dass ich diese Einsamkeit und die Mauer des Schweigens schon so lange mit mir herumtrage, hat mich enorm traurig gemacht.

Der Therapeut geht davon aus, dass vor mir ein sehr weiter Weg liegt, der viele Jahre in Anspruch nehmen wird. Aber was habe ich denn auch erwartet? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich erwartet habe. Obwohl, doch, wahrscheinlich habe ich eine Wunderheilung erwartet. Ein paar Gespräche und et voila kommt eine perfekt an die Gesellschaft angepasste Wolkentänzerin dabei heraus. Ja, ich weiß, ich hatte schon clevere Ideen…

Die Gespräche haben mich in jedem Fall enorm aufgewühlt und eine Lawine an Emotionen losgetreten. Ich fühle all das, was das kleine Kind in mir fühlte. Da ist viel Verletzung, aber auch Unsicherheit, Angst und Schrecken. Und ich frage mich, warum Verarbeitung bedeutet, nochmal durch die absolute Hölle gehen zu müssen.

Zu allem Überfluss hatte ich außerdem noch Kontakt zu meinen Eltern. Meine Mutter rief mich aus heiterem Himmel an und wollte von mir, dass ich mich für meinen Vater einsetze. Dieser hatte sich nämlich in eine, naja, nennen wir es „ungünstige“ Situation gebracht. Meine Mutter verlangte von mir, dass ich ihn da rausboxe. Immerhin sei es meine Pflicht als Tochter und allmählich auch mal an der Zeit, dass ich etwas zurückgebe. Schließlich hätten sie mich großgezogen und sich den Ar*** für mich und meine Brüder aufgerissen. Sie hätten sogar ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um uns alles zu ermöglichen, was wir brauchen. Ja, klar, bis auf Liebe und eine unversehrte Kindheit vielleicht. Aber das ist sicher Meckern auf hohem Niveau, oder Mutter? Ich war von diesem Anruf so perplex, dass es mir die Stimme verschlug. Mir fehlten die Worte. Es war das erste Gespräch seit einer gefühlten Ewigkeit und meine Mutter tat einfach so, als wäre nie etwas gewesen. Nein, stattdessen hatte sie sogar die Unverfrorenheit, mir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen. Sie drückte genau die Knöpfe, die mir mein Leben so schwer machen. Sie erzählte mir, dass mein Vater schwere Depressionen habe und das im Grunde ja auch meine Schuld sei, weil ich den Kontakt abgebrochen habe. Ohja, das wird der einzige Grund sein, weshalb er psychisch erkrankte. Einen anderen Grund kann es letztlich natürlich auch nicht geben. Am Ende sagte meine Mutter dann noch, dass sie mir von meinem Vater ausrichten soll, dass er jetzt verstehen könnte, wie ich mich damals fühlte. Moment! Bitte was? Das habe ich jetzt nicht gehört. Er kann verstehen, wie ich mich fühlte? Soll das ein Scherz sein? Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass er Grund für den größten Schmerz in mir ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in der Klinik war und für ein Wochenende heimkehrte und ihr mir sagtet, ich solle erst wieder nach Hause kommen, wenn ich gesund wäre. Dabei wart ihr der Grund dafür, dass ich mich umbringen wollte. Daran ist nichts zu verstehen. Aber okay, ihr hattet eben schon immer eure eigene Wahrheit. Nach der ihr niemals etwas falsch gemacht habt. Nach der mein Vater ein wundervoller Vater und meine Mutter eine großartige Mutter war… Bevor das Gespräch endete, in dem ich übrigens kaum ein Wort hervorbrachte, sagte meine Mutter, dass Gott unsere Familie besonders segne, sodass er uns immer wieder Prüfungen schicke, um uns immer wieder die Möglichkeit zu bieten, unsere Unerschütterlichkeit unter Beweis zu stellen.

Was soll ich sagen? Ich habe nicht getan, worum meine Mutter mich bat. Zum einen das schlicht nicht im Bereich meiner Möglichkeiten. Zum anderen hat mein Vater etwas getan, das mich zutiefst erschüttert hat und mir vor Augen führte, dass er sich kein bisschen verändert hat. Vielmehr hat es mich mit meiner Verantwortlichkeit konfrontiert. Damit, dass ich letztlich tatenlos zuschaue und es nicht verhindere. Doch ich wehre mich dagegen, mich auch nur einen weiteren Tag verantwortlich für meine Eltern zu fühlen. Es geht nicht. Und ich weiß, dass ich mich damit schuldig mache. Aber es geht eben nicht. Punkt.

Drei Tage später kontaktierte mich mein Vater. Er hatte mir mehrere Nachrichten geschrieben und mich einige Male angerufen. Irgendwann ging ich dran. Schlau kann man das wohl definitiv nicht nennen. Er sagte mir, dass der Hund meiner Eltern verstorben sei. Eine tatsächlich sehr traurige Nachricht. Ich hing enorm an diesem Hund und habe wundervolle Erinnerungen an ihn. Er erzählte mir, dass meine Mutter einen Nervenzusammenbruch habe und er nicht wisse, was er tun solle. Moment! Seit wann bin ich die Telefonseelsorge für meine Eltern? Wann genau ist das eigentlich passiert? Was genau hat sie dazu veranlasst, zu glauben, ihre Sorgen würden bei mir Anklang finden? Was in den letzten Jahren hat ihnen das Gefühl vermittelt, ich wäre für die Art des Kontakts empfänglich? Mir hat es sofort die Sprache verschlagen. Allein seine Stimme zu hören, war schon zu viel. Er nannte mich seine „Prinzessin“ und sagte mir, wie lieb er mich habe und wie sehr er mich vermissen würde. Ich habe mich so dreckig und klein gefühlt. Er sagte außerdem, dass er nur derart in der Miesere stecke, weil ich keinen Kontakt mehr wolle. Dass er diese Dinge nur getan habe, weil er mich so vermisse. Klar, das soll mich nochmal davon überzeugen, dass es meine Pflicht ist, dich rauszuboxen. Mich für dich einzusetzen und sagen, was für ein toller Mensch du bist. Ich war rasend vor Wut. Doch ich schluckte diese Wut herunter und hörte ihm zu. Ich ließ ihn über mich drüber walzen. Ich war unfähig, meine Grenzen aufzuzeigen und mich für mich stark zu machen. Mit jedem weitern Wort, das in mein Ohr drang, verschwand ich ein Stück mehr. Das Gespräch endete mit einer Empfehlung meinerseits dazu, wie er meiner Mutter helfen könnte. Wow, was für eine Meisterleistung – nur eben nicht von mir.

Ich habe sogar darüber nachgedacht, ob meine Eltern spezielle Antennen haben. Was für ein Zufall es doch ist, dass ich eine Therapie beginne und versuche, meine traumatische Kindheit und Jugend zu verarbeiten und just in dem Augenblick melden sich meine Eltern bei mir.

Wobei ich auch auf eine gewisse Art froh über diesen Kontakt war. Denn er hat mir einmal mehr deutlich gemacht, wie meine Eltern sind. Sie haben sich nicht geändert. Und auch, wenn das bedeutet, dass ich niemals die Liebe erhalten werde, die ich mir von ihnen wünsche, hat es mir gezeigt, dass ich nicht verrückt bin. Ich bilde mir diese Dinge nicht ein. Mein Vater tut einige Dinge noch immer und sieht nicht ein, wie falsch das ist. Und meine Mutter beschützt ihn, wie sie es auch schon damals tat. Und all das begründen sie mit göttlichem Segen und ihrem treuen Glauben. Täten ihre Worte und Taten mir nicht so weh, könnte ich tatsächlich Mitleid mit ihnen empfinden.

 

Erneut tauche ich meinen Kopf in das kalte Nass und lausche dem Rauschen in meinen Ohren. Irgendwann muss es mir doch gelingen, den Kampf zu gewinnen und endlich die süße Ruhe zu erlangen, die ich mir so sehnlich wünsche. Irgendwann muss ich dem Sog, der sich mein Leben nennt, doch entkommen können. Irgendwann…

 

Wolkentänzerin

Sonntag, 3. Mai 2020

Muttertag

Nächste Woche ist Muttertag. Je näher dieser Tag rückt, desto unruhiger werde ich. Denke ich an meine Mutter, fahren meine Gefühle Achterbahn. Und es kommt nicht selten vor, dass der Wagen entgleist und eine ziemliche Katastrophe auslöst.

Wie oft habe ich dich im Badezimmer gefunden? Du hast deine verletzten Handgelenke gerieben, geschluchzt und warst total fertig, weil ihr euch mal wieder gestritten hattet. Weil du ihn mal wieder provoziert hattest. So gewalttätig er mit seinen Händen war, warst du es mit deinen Worten. Deine Worte konnten wie scharfe Messer ins Fleisch schneiden und tiefe Wunden hinterlassen. Ich habe dich gehasst und gleichzeitig tatst du mir unendlich leid.

Deine Aufgabe als Mutter wäre es gewesen, mir Urvertrauen, Sicherheit und Liebe zu geben. Doch du hast uns Kinder auf die Welt gebracht, um durch uns zu leben. Um dir das zu holen, was deine Mutter dir nicht geben konnte. Du hast die toxischen Familienstrukturen fortgeführt, die du selbst erlebt hattest. Dabei wusstest du doch genau, wie es sich anfühlt.

Kein anderer Mensch hat mir so sehr das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein, wie du es getan hast. Du sagtest mir sogar, ich würde dich krank machen – psychisch und physisch. Und das allein durch meine bloße Existenz. Du gabst mir das Gefühl, dein Leben zu zerstören. Du hast mir die Schuld für deine körperlichen Gebrechen gegeben. Hast gesagt, du würdest dich für uns kaputt arbeiten. 

Wenn ihr euch mal wieder strittet, gabst du uns die Schuld dafür. Weil wir dir nicht genug im Haushalt geholfen hätten, hättet ihr euch in die Haare bekommen. Gleiches sagtest du auch, als er dich fast umbrachte. Du hast du uns die Schuld dafür gegeben, fast gestorben zu sein.

Du nanntest mich eine dreckige Schlampe. Sagtest, so etwas wie mich, wollest du nicht mehr als Tochter haben. Als ich dir mein Herz ausschüttete, sagtest du, ich sei krank im Kopf. Wenn ich mich mal für mich einsetzte und mich dir wiedersetzte, nanntest du mich eine unverbesserliche Egoistin, der die Gefühle anderer egal wären. Du meintest, es sei besser für alle gewesen, wenn ich nicht geboren worden wäre. Dass ich bloß Leid für all die Menschen in meinem Umfeld bedeute.

Ich habe dir all das geglaubt. Habe mich über deine Worte definiert. Deine Meinung von mir hat sich manifestiert und ich bekomme deine Stimme bis heute nicht aus dem Kopf. Deine Stimme ist es, die mich bis heute in den Wahnsinn treibt. Dir mir meine Fähigkeiten abspricht und immer wieder den Zweifel laut macht. Denn für dich war ich niemals gut genug. Ich konnte deinen Anforderungen nicht entsprechen. Dabei habe ich mir alle Mühe gegeben. Doch es war eben nie ausreichend.

Wenn ich mal wieder etwas falsch gemacht hatte, straftest du es mit Schweigen. Du konntest mich tagelang ignorieren. Dieser „Liebes“-Entzug war grausam. Diese gleichsam ungerechte wie oftmals willkürliche Bestrafung ließest du uns besonders dann zuteilwerden, wenn du überfordert warst. Eine Kleinigkeit reichte dann schon aus, um mit deiner unbändigen Wut Bekanntschaft zu machen.

Ich hatte schon immer Angst vor dir. Sobald ich deine Schritte auf der Treppe hörte, erstarrte ich innerlich. Mucksmäuschenstill lauschte ich dem Geräusch der knarzenden Stufen und versuchte herauszuhören, in welcher Stimmung zu wohl warst. Noch heute schrecke ich hoch, wenn jemand die Tür eines Raumes öffnet, in dem ich mich befinde, weil ich fürchte, du könntest auftauchen und mir die Hölle heiß machen. Wenn ich tagsüber im Bett lag, weil er mich in der Nacht mal wieder nicht in Ruhe gelassen hattest, nanntest du mich ein faules Stück. Dann holtest du meine Kleidung aus dem Schrank, schüttetest Kaffe darüber und befahlst mir, die Unordnung zu beseitigen. 

Du hast mich häufig mit anderen Mädchen verglichen und aufgeführt, aus welchen Gründen ich hässlicher bin als sie. Du hast mich unzählige Male in der Öffentlichkeit bloßgestellt.

Du hast mich nicht vor ihm beschützt, sondern warst zu allem Überfluss sogar eifersüchtig auf mich. Du hast mir die Schuld an allem gegeben. Ich war dein ganz persönlicher Sündenbock.

Weißt du, ich wünsche mir von ganzem Herzen, du würdest mir endlich egal. Ich will mich nicht mehr verantwortlich für dich fühlen. Ich will mich nicht länger nach deiner Liebe sehnen, die ich sowieso niemals bekommen werde. Ich will, dass du aus meinem Herzen verschwindest. Denn du hast es nicht verdient, einen Platz darin zu haben.

Aber, weil du meine Mutter bist, fühle ich mich dir gegenüber verpflichtet. Ich mache mir Sorgen um dich, weil ich weiß, wie krank du bist. Ich empfinde unerträgliche Schuld, weil ich dich allein mit ihm gelassen habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dich nicht mehr in meinem Leben haben will. Weil ich denke, dass mir das nicht zusteht. Ich glaube, ein schlechter Mensch zu sein, weil ich schlecht über dich denke und manchmal auch rede. Die Stimmen in mir wollen mir einreden, dass du doch eigentlich eine großartige Mutter gewesen bist und etwas mit MIR nicht stimmt, wenn ich es anders empfinde. Anstatt wütend auf dich zu sein, zerfleische ich mich für meine Gedanken.

Deinetwegen möchte ich niemals Kinder in diese Welt setzen, weil ich Angst habe, ich könnte ihnen das Gleiche antun, was du uns angetan hast.

Du hast zerstörerische Fäden in meinen Lebensteppich verwoben, die ich nicht entfernen kann, ohne den gesamten Stoff zu zerstören. Du hast mir ein Leben gegeben, das mich tagtäglich quält und mir zudem die Verantwortung dafür gegeben.

Du sitzt bis heute wie eine Spinne in ihrem Netz und hältst mich darin fest. Ehrlich, ich wünsche mir oft, du hättest mich einfach gefressen. Denn dann wäre ich zumindest endlich frei...

Wolkentänzerin

Freitag, 3. April 2020

Total Banane

Hallo Welt,

lange ist es her, dass ich meine Gedanken auf diese Weise niederschrieb. Irgendwie dachte ich, wenn ich es nicht aufschreibe, ist es weniger real. Vielleicht war ich auch der Meinung, meine Worte seien überflüssig und es mache keinen Unterschied, ob ich etwas sage oder es lasse. Letztlich ist es aber auch unerheblich, was mich dazu bewog, nicht mehr zu schreiben. Denn was ist auf dieser Welt schon wichtig?

Ich habe mir sehr oft gewünscht, die Welt möge aufhören, sich zu drehen. Dass sie für eine Weile innehalte. Ich habe nicht verstanden, wie den Menschen all das Leid dieser Welt so egal sein kann. Weshalb die Zeit stetig weiterläuft und überall Freude und Oberflächlichkeit zu beobachten sind. Es war mir zuwider und es befremdete mich. Tja, jetzt habe ich den Salat. Immerhin hat die Welt jetzt eine Krise und alles ist irgendwie aus den Fugen geraten. Mir scheint, als sei mein Inneres nach außen gekehrt worden. Als sei die momentan omnipräsente Atmosphäre Spiegel meiner inneren Empfindung. All die Negativität, Angst und das Leid der Vielen macht mir enorm zu schaffen und ich erkenne, dass mein Wunsch pure Naivität war.

Leider brauche ich die vermeintliche Unbeschwertheit der Welt. Mich dürstet nach der freudig herumtollenden Gesellschaft. Ich sehne mich sogar nach der Oberflächlichkeit. Was für eine paradoxe Aussage. Aber es ist wahr. Letztlich habe ich nämlich festgestellt, dass eben jene Oberflächlichkeit und unbeschwerte Freude es sind, die mich überleben lassen. Die den Kontrast zu meiner Dunkelheit formen. Ich kann das Haus verlassen und gewinne Abstand zu meinen inneren Dämonen. Ich kann mich berieseln lassen und bekomme die Ablenkung, nach der meine Seele lechzt. Ja, es ist sogar wichtig für mich, meine Maske tragen zu können.

Nun ist die Erde jedoch in Dunkelheit gehüllt und mir geht allmählich die Puste aus. Egal, wohin ich sehe, beherrscht Sorge, Angst und Leid das Leben der Menschen. Das raubt mir meine Kraft. Ich kann dem Schmerz nicht entkommen. Das macht mich müde. Sehr müde. Ich bin ausgelaugt und finde keine Ruhe. Die Gedanken kreisen unentwegt in meinem Kopf und drehen munter ihre Runden. Ich fühle mich unsichtbarer als eh schon. Und so wächst in mir das Verlangen, mich zu verkriechen und zu verschwinden. Meinem Impuls endlich nachzugeben. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ach bitte, was soll das bringen? Warum den Kopf in den Sand stecken? Warum? Weil diese Zeit mir das Gefühl der unerträglichen Einsamkeit verleiht. Weil es mich mit Themen konfrontiert, die ich schier nicht aushalte. Weil es auf Wunden drückt, die noch immer nicht verheilt sind. Weil ich diese Welt als einen schrecklichen Ort empfinde.

Ich habe mich schon lange nicht mehr so einsam, verlassen und verletzt gefühlt und ich habe keinen blassen Schimmer, was ich dagegen tun soll. Und was noch schlimmer ist: ich habe keine Ahnung, wofür ich kämpfen soll. Weshalb ich weiterleben sollte. Wozu den Schmerz noch länger ertragen? Mir fehlt jeglicher Lebenssinn.

Es begann vor ein paar Monaten. Ich fiel in ein tiefes Loch und seitdem ist der Keim des Zweifels stetig gewachsen. Ein monströser Unfriede hat sich in mir ausgebreitet und mich in die Knie gezwungen.

Dieser Kampf mit mir selbst geht nun schon so lange. Ich kann es selbst nicht mehr hören. Immer wieder das Gleiche. Immer die Selbstzweifel und der -hass. Hinzukommen die vielen Bilder, die mich das Schrecken gelehrt haben. All die Erinnerungsfetzen, die wie unzählige Fliegen im meinen Kopf herumflattern und mich in den Wahnsinn treiben.

Ich habe es versucht. Ja, ich habe versucht, ein ganz normales Leben zu führen. Habe verdrängt und mich auf das Hier und Jetzt konzentriert. Doch es klappt nicht. Ich bin an einem Punkt, an dem es nicht mehr geht. Ich muss Farbe bekennen und mich der Wahrheit stellen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es nicht packe. Denn was wäre die Alternative?

Wolkentänzerin

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Die Nacht umhüllt den Wald


Langsam und zaghaft setze ich sachte einen Fuß vor den anderen und gehe den dunklen Pfad entlang. Mein Blick ist auf den schlammigen Boden gerichtet, um nicht den Halt zu verlieren. Es ist mir schleierhaft, wie ich hierhergekommen bin. Und was noch wichtiger ist: ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich wieder hier wegkommen soll. Mir steigt ein modriger unangenehm beißender Geruch in die Nase. Mittlerweile gleicht meine Bewegung eher einem labilen Straucheln. Mir ist bitterkalt und meine Hände schmerzen. Vielleicht das Zeichen für einen nahenden Rheumaschub.

Ich stecke meine Hände in die Taschen meines gefütterten Mantels und setze meinen Weg fort. Bin ich nicht auf der Suche nach Etwas? Läuft mir nicht die Zeit davon? Warum renne ich nicht los? Warum rufe ich nicht nach ihm? Warum werde ich immer langsamer? Um mich herum wird es allmählich immer dunkler. Ich weiß, dass die hereinbrechende Finsternis meine Schritte wackliger und unsicherer machen wird. Doch was wäre dazu die Alternative? Soll ich nun stehenbleiben, mir einen Unterschlupf suchen und bis zum Sonnenaufgang dort ausharren? Bergt der Wald in der Nacht nicht abscheuliche Gefahren? Oder sind das alles bloß Märchen, die man Kindern erzählt, damit sie sich nicht nachts in den Dickichten der Bäume herumtreiben?

Ich habe mit Wäldern in der Nacht so meine eigenen Erfahrungen gemacht. Ich saß mitunter stundenlang in einer kleinen Hütte im Wald und lauschte meiner Umgebung. Das leise Knacken, wenn ein Tier über die herumliegenden Äste lief. Das beruhigende Rascheln des Laubes, das vom Wind gestreichelt wurde. Das Klopfen eines Spechtes, der intensiv an seinem neuen Heim baute. All jene Geräusche wurden zum Soundtrack meiner Gedanken. Ich genoss die Augenblicke in dieser anmutigen Natur und konnte all meine bedrückenden Probleme vergessen. Vollkommen in Sicherheit gehüllt, saß ich stundenlang da und las, schrieb oder hörte leise Musik. Mit jeder Minute, die verstrich, atmete meine Seele auf. Ich war überzeugt, dass nichts diese Idylle zerstören könnte. Doch ich sollte mich irren.

Nachdem mein lieber Freund sich eben jenen Wald aussuchte, um seinen Frieden zu finden, habe ich diesen Ort gemieden. Ich konnte ihn nicht betreten, ohne mir vorzustellen, wie er an einen Baum gelehnt, dort saß, um sein Leben kämpfte und es verlor. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie eine Bekannt mir erzählte, wie sie ihn auffanden. Dieses Bild werde ich niemals aus meinem Kopf bekommen können. Auch wenn all das nun schon fast neun Jahre her ist, so bleibt das Empfinden tagaktuell.

Nach einigen Monaten suchte ich den Wald wieder auf. Doch es war nicht mehr der magische Ort der Sicherheit und des Wohlfühlens. Er hatte nun etwas Morbides an sich. Ganz so als läge ein Fluch auf ihm. Ich konnte die Wege nicht mehr entlanglaufen, ohne mir vorstellen zu müssen, dass er bei der nächsten Abbiegung tot an einem der Bäume sitzen würde.

Damals entgingen meine Freundinnen und ich nur knapp dem Auffinden unseres Freundes. Wir waren bloß einige Schritte von ihm entfernt, als ein unerwarteter Anruf uns in eine andere Richtung lenkte. Wie Ironie scheint es, dass der Erhalt seiner Abschiedsbriefe uns davor bewahrte, seine Leiche zu finden. 

Wo ich so davon schreibe, wird mir bewusst, dass ich schon lange nicht mehr an diese Tage dachte. Zwar gehe ich immer mal wieder auf den Friedhof und besuche ihn. Doch ich hatte noch nie das Gefühl, dass er wirklich dort sei. Für mich ist die Vorstellung, dass er an dieser Stelle in einem Sarg unter der Erde liegt, viel zu abwegig. Viel zu schrecklich und viel zu schmerzhaft. Mir erscheint das Bild, wie er lebendig, hüpfend und vor allem lachend durch den Wald läuft, deutlich tröstlicher. Allerdings kommt diese Vorstellung, egal wie sehr ich mich bemühe, nicht in meinem Herzen an. Nein, stattdessen sehe ich ihn, wie er dasitzt, mit einer Plastiktüte über seinem Kopf, um sein Leben ringend. Ich kann es nicht vergessen, nicht ausblenden, nicht durch Abweichendes ersetzen.

Erschöpft lasse ich mich auf einen Baumstumpf sinken. Resigniert lasse ich mich hängen und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Ich kann die drängenden Tränen nicht mehr aufhalten und lasse ihnen nun ihren Lauf. Ich schmecke den salzigen Geschmack des Versagens. Denn ich komme zu spät. Ich habe ihn nicht gerettet. Doch hat er nicht seine ganze Hoffnung auf mich gesetzt? Ich stehe auf und fange an, seinen Namen zu schreien. Kein Mucks ertönt als Antwort. Wäre ich nur früher losgelaufen. Plötzlich höre ich ein Geräusch und laufe los. Doch ich komme nicht rechtzeitig: gerade als ich ihn erreiche, macht er seinen letzten Atemzug und sackt in sich zusammen.  

Schweißgebadet wache ich auf und weiß, ich habe es heute Nacht wieder nicht geschafft, ihn aufzuhalten. Wird dieser Traum jemals anders enden?

Wolkentänzerin