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Sonntag, 3. Mai 2020

Muttertag

Nächste Woche ist Muttertag. Je näher dieser Tag rückt, desto unruhiger werde ich. Denke ich an meine Mutter, fahren meine Gefühle Achterbahn. Und es kommt nicht selten vor, dass der Wagen entgleist und eine ziemliche Katastrophe auslöst.

Wie oft habe ich dich im Badezimmer gefunden? Du hast deine verletzten Handgelenke gerieben, geschluchzt und warst total fertig, weil ihr euch mal wieder gestritten hattet. Weil du ihn mal wieder provoziert hattest. So gewalttätig er mit seinen Händen war, warst du es mit deinen Worten. Deine Worte konnten wie scharfe Messer ins Fleisch schneiden und tiefe Wunden hinterlassen. Ich habe dich gehasst und gleichzeitig tatst du mir unendlich leid.

Deine Aufgabe als Mutter wäre es gewesen, mir Urvertrauen, Sicherheit und Liebe zu geben. Doch du hast uns Kinder auf die Welt gebracht, um durch uns zu leben. Um dir das zu holen, was deine Mutter dir nicht geben konnte. Du hast die toxischen Familienstrukturen fortgeführt, die du selbst erlebt hattest. Dabei wusstest du doch genau, wie es sich anfühlt.

Kein anderer Mensch hat mir so sehr das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein, wie du es getan hast. Du sagtest mir sogar, ich würde dich krank machen – psychisch und physisch. Und das allein durch meine bloße Existenz. Du gabst mir das Gefühl, dein Leben zu zerstören. Du hast mir die Schuld für deine körperlichen Gebrechen gegeben. Hast gesagt, du würdest dich für uns kaputt arbeiten. 

Wenn ihr euch mal wieder strittet, gabst du uns die Schuld dafür. Weil wir dir nicht genug im Haushalt geholfen hätten, hättet ihr euch in die Haare bekommen. Gleiches sagtest du auch, als er dich fast umbrachte. Du hast du uns die Schuld dafür gegeben, fast gestorben zu sein.

Du nanntest mich eine dreckige Schlampe. Sagtest, so etwas wie mich, wollest du nicht mehr als Tochter haben. Als ich dir mein Herz ausschüttete, sagtest du, ich sei krank im Kopf. Wenn ich mich mal für mich einsetzte und mich dir wiedersetzte, nanntest du mich eine unverbesserliche Egoistin, der die Gefühle anderer egal wären. Du meintest, es sei besser für alle gewesen, wenn ich nicht geboren worden wäre. Dass ich bloß Leid für all die Menschen in meinem Umfeld bedeute.

Ich habe dir all das geglaubt. Habe mich über deine Worte definiert. Deine Meinung von mir hat sich manifestiert und ich bekomme deine Stimme bis heute nicht aus dem Kopf. Deine Stimme ist es, die mich bis heute in den Wahnsinn treibt. Dir mir meine Fähigkeiten abspricht und immer wieder den Zweifel laut macht. Denn für dich war ich niemals gut genug. Ich konnte deinen Anforderungen nicht entsprechen. Dabei habe ich mir alle Mühe gegeben. Doch es war eben nie ausreichend.

Wenn ich mal wieder etwas falsch gemacht hatte, straftest du es mit Schweigen. Du konntest mich tagelang ignorieren. Dieser „Liebes“-Entzug war grausam. Diese gleichsam ungerechte wie oftmals willkürliche Bestrafung ließest du uns besonders dann zuteilwerden, wenn du überfordert warst. Eine Kleinigkeit reichte dann schon aus, um mit deiner unbändigen Wut Bekanntschaft zu machen.

Ich hatte schon immer Angst vor dir. Sobald ich deine Schritte auf der Treppe hörte, erstarrte ich innerlich. Mucksmäuschenstill lauschte ich dem Geräusch der knarzenden Stufen und versuchte herauszuhören, in welcher Stimmung zu wohl warst. Noch heute schrecke ich hoch, wenn jemand die Tür eines Raumes öffnet, in dem ich mich befinde, weil ich fürchte, du könntest auftauchen und mir die Hölle heiß machen. Wenn ich tagsüber im Bett lag, weil er mich in der Nacht mal wieder nicht in Ruhe gelassen hattest, nanntest du mich ein faules Stück. Dann holtest du meine Kleidung aus dem Schrank, schüttetest Kaffe darüber und befahlst mir, die Unordnung zu beseitigen. 

Du hast mich häufig mit anderen Mädchen verglichen und aufgeführt, aus welchen Gründen ich hässlicher bin als sie. Du hast mich unzählige Male in der Öffentlichkeit bloßgestellt.

Du hast mich nicht vor ihm beschützt, sondern warst zu allem Überfluss sogar eifersüchtig auf mich. Du hast mir die Schuld an allem gegeben. Ich war dein ganz persönlicher Sündenbock.

Weißt du, ich wünsche mir von ganzem Herzen, du würdest mir endlich egal. Ich will mich nicht mehr verantwortlich für dich fühlen. Ich will mich nicht länger nach deiner Liebe sehnen, die ich sowieso niemals bekommen werde. Ich will, dass du aus meinem Herzen verschwindest. Denn du hast es nicht verdient, einen Platz darin zu haben.

Aber, weil du meine Mutter bist, fühle ich mich dir gegenüber verpflichtet. Ich mache mir Sorgen um dich, weil ich weiß, wie krank du bist. Ich empfinde unerträgliche Schuld, weil ich dich allein mit ihm gelassen habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dich nicht mehr in meinem Leben haben will. Weil ich denke, dass mir das nicht zusteht. Ich glaube, ein schlechter Mensch zu sein, weil ich schlecht über dich denke und manchmal auch rede. Die Stimmen in mir wollen mir einreden, dass du doch eigentlich eine großartige Mutter gewesen bist und etwas mit MIR nicht stimmt, wenn ich es anders empfinde. Anstatt wütend auf dich zu sein, zerfleische ich mich für meine Gedanken.

Deinetwegen möchte ich niemals Kinder in diese Welt setzen, weil ich Angst habe, ich könnte ihnen das Gleiche antun, was du uns angetan hast.

Du hast zerstörerische Fäden in meinen Lebensteppich verwoben, die ich nicht entfernen kann, ohne den gesamten Stoff zu zerstören. Du hast mir ein Leben gegeben, das mich tagtäglich quält und mir zudem die Verantwortung dafür gegeben.

Du sitzt bis heute wie eine Spinne in ihrem Netz und hältst mich darin fest. Ehrlich, ich wünsche mir oft, du hättest mich einfach gefressen. Denn dann wäre ich zumindest endlich frei...

Wolkentänzerin

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