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Samstag, 18. Dezember 2021

Der Strand der Verdammnis

Manchmal habe ich das Gefühl, an einem Strand zu sein. Mein Blick auf die bedrohlichen Wellen der Erinnerung gerichtet, die sich schäumend in meine Richtung bewegen. Am tristen grauen Himmel hängen einige schwere Wolken, die sich allmählich in salzige Tränen auflösen und in den eisigen Wassermassen aufgehen. Ein ungnädiger Regenschauer nähert sich also. Doch ich kann nicht fliehen. Denn an den Strand grenzt ein riesiger Zaun an, den ich nicht überwinden kann. Ich sitze in der Falle. Kurz überlege ich, einfach in die Wellen hineinzulaufen und mich ihnen zu ergeben. Doch ich kann nicht. Ich will nicht. Also suche ich Schutz hinter einem riesigen Findling. Allerdings auf der dem Meer zugewandten Seite. Denn ich will nicht, dass die Menschen auf der anderen Seite sehen können, wie ich kämpfe. Ich möchte nicht zum Objekt ihrer neugierigen und verurteilenden Blicke werden. Also klammere ich mich an meinen steinigen Freund und hoffe darauf, dass alles gut werden möge. Die unerbittlichen Wogen drücken mich gegen die glitschige und raue Oberfläche des Steines. Jegliche Luft wird aus meinen Lungen gepresst und ich habe das Gefühl, es nicht auszuhalten. Ich habe Angst und möchte schreien. Doch das geht nicht. Weil mir die Luft fehlt und weil ich keine Aufmerksamkeit erregen möchte. Niemand soll mich so sehen. Diese jämmerliche Gestalt zu Gesicht bekommen, die ich bin.

Ich möchte auf die andere Seite des Zauns. Oder? Ja, das möchte ich. Ich möchte dazugehören. Nur ein einziges Mal in meinem Leben. Ich möchte die Denkmuster abstreifen, die mich in ein Korsett zwängen, dass mich schon fast gänzlich deformiert hat. Ich möchte ein Teil der Gesellschaft sein. Ganz ohne diesen furchtbaren Zynismus. Ohne die Stimmen in mir, die mir süßlichen Selbsthass einflüstern und mir sagen, dass ich zu diesem einsamen Leben an diesem elendigen Strand verdammt bin. Doch dann denke ich mir wieder, dass ich es verdient habe. Dass ich zu viele Dinge angestellt habe, als dass es mir erlaubt sein könnte, ein "freies" Leben führen zu können. Ich bin schuld. Das muss ich sein. Ansonsten ergäbe das alles gar keinen Sinn. Und es muss einen Sinn haben. Es muss logisch erklärbar sein.

Hier sitze ich nun. Im matschigen Sand. Vollständig durchnässt und abgekämpft. Ich versuche mich zu sammeln und mir zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wie ich dieser Hölle entkommen kann. Dabei habe ich doch schon so viel versucht. Oder? Vielleicht ist die Wahrheit auch, dass ich zu viel Angst habe. Dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich auch nur ein Mensch wirklich mögen könnte. Nein, unmöglich. Dafür kenne ich mich zu gut. Oder?

Ich möchte den düsteren Gesalten der Nacht entkommen. Ich möchte den niederschmetternden Wellen mit ihrer mächtigen Zerstörungskraft entkommen. Aber ich weiß nicht wie und das macht mich wahnsinnig. Ich bin es so leid. So so leid...



Wolkentänzerin

Dienstag, 23. Februar 2021

Seelendunst

Dienstage sind Wolkentage. Sie sind die Tage danach. Nach der Therapie. Der Staub, der montags aufgewirbelt wird, flirrt dienstags durch die Luft. Wie winzig kleine Splitter tanzt er über die Oberfläche. Vielleicht sind es Fragmente meiner Seele, die durch die Atmosphäre geschleudert werden. Orientierungslos schwirren sie über der Oberfläche dahin. Ein jedes wird von der Sonne angestrahlt und reflektiert auf seine ganz eigene Weise. Ein säuselnder Wind trägt die Seelenteile mal weiter weg und mal näher zu mir heran. Doch scheinbar fehlt dem pudrigen Nebel die eine bestimmte Anziehungskraft, um sich wieder zu legen. Stattdessen hält die Verstreuung an und macht sich breit. Der Seelendunst nimmt mir die Sicht und macht mir das Atmen schwer. Ich fühle mich wie in einer Wolke. Manchmal bleibe ich wie angewurzelt stehen und blicke fasziniert in die glitzernden Splitter. Dann bewegen mich die unterschiedlichsten Gedanken und ich fühle mich, als wäre ich einer vollkommen anderen Welt.

An Dienstagen fehlt mir oft der Kontakt zu dieser Erde. Ich höre, was die Menschen um mich herum sagen und ich nehme meine Aufgaben wahr. Aber ich bin nicht präsent. Eine unbeschreibliche Taubheit erfüllt mich. Sicher ein Abwehrmechanismus, um mich den Gefühlen nicht stellen zu müssen. Mein Nervensystem ist derart überreizt, dass es sich zum Eigenschutz runterfährt. Außerdem friere ich dienstags übermäßig stark. Mir läuft es ständig eiskalt den Rücken hinunter. Sowohl äußerlich als innerlich.

Dieser Zustand ist schwer änderbar und ich verurteile mich dafür. Ein gefundenes Fressen für mich, mich zu kritisieren und abzuwerten. Daher werde ich mich gleich auf mein Fahrrad schwingen, um mich nicht wieder anderweitig zu verletzen und so versuchen, dem Nebel und mir für einen Moment zu entkommen. Wobei vor sich selbst wegzulaufen wohl niemals die beste Lösung ist. Für den Augenblick ist das jedoch das Einzige, womit ich mir zu helfen weiß.


 

Wolkentänzerin

Mittwoch, 17. Juni 2020

Gedankensalat

Die letzten Tage verbrachte ich an der Nordsee. Es tat gut, raus zu kommen und ein wenig Abstand zu den äußeren Belastungen zu gewinnen.

Zwar waren einige weinende Wolken unterwegs, doch gehört ein gewisses Maß an Rauheit wohl irgendwie zur See dazu. Der graue Schleier verlieh dem Strand eine starke Authentizität und erschuf eine komplett andere Welt, die es leicht machte, diesem Leben für einen Moment zu entkommen. Fast erschien es mir, als habe diese Welt aufgehört, sich zu drehen. Der Gedanke, in die salzigen Fluten zu rennen, war sehr verlockend. Den aufgebrachten Wellen dabei zuzusehen, wie sie über den feinen Sand hinüberrollten und ihn gnadenlos mit sich rissen, hatte einen dunklen Zauber in sich, der mir sehr verlockend erschien. Ich fühlte mich eigenartig lebendig an diesem Ort und gleichzeitig erschien mir diese Welt als absolut belangslos. Dieses Fleckchen spiegelte meine Widersprüchlichkeit wider und ermöglichte es mir, tief durchatmen zu können.

So gut das Meer meiner Seele auch tat, ich konnte mich nicht fallen lassen. Zu stark ist meine Gedankenwelt in Aufruhr. Ich habe weitere Termine für Erstgespräche erhalten. Zum Glück liegen sie nicht direkt beieinander, sondern folgen sie in unregelmäßigen Abständen aufeinander. Das weckt in mir die Hoffnung, dass das ganze Prozedere vielleicht nach einer gewissen Zeit nicht mehr so intensiv und anstrengend sein wird. Quasi ein Gewöhnungsprozess. Wer weiß.

Ich weiß nur, dass ich enorm erschöpft bin. Auch an der Nordsee fehlte mir zu einigen Aktivitäten schlichtweg die Kraft. Ich fühle mich wie ein Auto, dem das Benzin ausgegangen ist. Dabei möchte ich mich so gern fortbewegen. Ich möchte weg von hier. Doch wie sehr ich auch an der Zündung drehe, nichts passiert. Ich bin liegen geblieben. Das ist furchtbar und macht mir Angst.

Dabei weiß ich, dass mein Körper mir damit deutliche Signale sendet. Er streikt solange, bis ich endlich anfange, zuzuhören. Es ist wohl tatsächlich an der Zeit, die Seiten umzublättern und zu schauen, was das neue Kapitel mit sich bringt.

Den Dingen kann ich derzeit sowieso nicht entkommen. Immerhin sind diese Themen in den Medien dieser Tage omnipräsent. Fast täglich hört man von neuen Erkenntnissen. Von neuen Tätern. Von neuen Opfern. Als habe jemand in das Hornissennest gestochen. Ich kann dem inneren Entsetzen nicht mehr entkommen, weil es mir von der Welt da draußen tagtäglich vor Augen geführt wird. Weil selbst in sozialen Netzwerken Beiträge dazu angezeigt werden. Aber natürlich nicht mit dem Hinweis, dass es sich dabei um triggernde Inhalte handelt. Nein, sie prasseln ungefiltert und unaufhaltsam auf mich ein. Ich vermeide es mittlerweile schon, das Radio einzuschalten oder mein Smartphone zur Hand zu nehmen. Aber all das hilft nicht viel, denn mein Inneres hat bereits Futter bekommen und das Gedankenkarussell Fahrt aufgenommen.

Und so wird der Wunsch, vor dem ganzen Mist zu fliehen, immer drängender. Ich habe manchmal das Gefühl, als zerplatze mein Kopf. Als gäbe es in meinem Schädel nicht genügend Platz für all die ohnmächtige Angst, das schiere Entsetzen, die unbändige Wut und diesen unerträglichen Druck. Ehrlich, ich habe sogar überlegt, mich mit irgendetwas zuzudröhnen, damit es endlich aufhört. Doch was soll das bringen? Außer weitere Probleme und einen Kontrollverlust, den ich mir nicht leisten kann und will?

Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Zeit bis zu den Terminen nicht noch düsterer wird und dass die Termine an sich, eine Hilfe darstellen. Denn das ist der einzige Strohhalm, an dem ich noch hänge…


 Wolkentänzerin