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Montag, 12. Oktober 2020

Die prokrastinierte Hausaufgabe

Neben mir liegt ein Blatt Papier. Format A4. Darauf sind 10 Punkte zu finden. Diese Punkte gliedern sich wiederum in die Unterpunkte a)-d).

Dieses schlichte schwarz-weiße Dokument hat mir in den vergangenen zwei Stunden so manche Nerven gekostet. Dabei sind die Fragen, die darauf aufgeführt sind, im Grunde einfach zu beantworten. Ja, naja, so richtig einfach ist es auch wieder nicht - aber immerhin ist es kein Quiz. Es ist lediglich ein Fragebogen zu meiner Familiengeschichte. Dr. Freud möchte die Antworten haben, um den Langzeitantrag bei der Krankenkasse stellen zu können.

Ich habe heute sozusagen Hausaufgaben aufbekommen. Ganz wie zu Schulzeiten. Nur, dass ich diesmal keinen blassen Schimmer habe, was ich schreiben soll.

Bei jedem verfassten Satz, den ich mir nur schwer abringen konnte, säuselt die Stimme in meinem Kopf drauflos. "Wie kannst du nur so über uns reden?", "Du bist eben eine undankbare Egoistin keines gleichen"...

Seit der Therapiesitzung heute ist mir speiübel. Ich fühle mich irgendwie krank. Dieses Mal war es wieder besonders intensiv und anstrengend. Wir haben die Beziehung zu meiner Mutter beleuchtet und ich spüre wieder all die Empfindungen, die ich als Kind wahrgenommen hatte. All der Kummer und die lähmende Hilflosigkeit sind wieder derart präsent, dass es mir schwerfällt, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Ich will hier nicht sitzen und darüber nachdenken. Denn ich ertrage diesen unbeschreiblichen Schmerz nicht. Ich habe das Gefühl, als steche jedes Mal jemand mit einem Messer auf mich ein. Und ich kann mich nicht dagegen wehren. Stattdessen lasse ich es sogar zu, weil ich glaube, dass es langfristig helfen wird. Aber was genau? Dass es irgendwann nicht mehr so wehtut, weil ich abgehärtet bin? Weil ich erkannt habe, dass ich an den inneren Verletzungen nicht sterben werde? Oder bin ich dann vielleicht längst dran gestorben?

Dr. Freud sagt, das Verstehen der Welt hätte mir geholfen zu überleben. Die Zusammenhänge zu kennen, habe mich letztlich gerettet. Allerdings fühlt es sich absolut nicht so an. Vielmehr habe ich das Gefühl, durch all das Verständnis eine umso stärkere Zerrissenheit in mir zu haben. Denn wenn ich weiß, weshalb meine Eltern sich verhielten, wie sie es taten, wie kann ich ihnen das dann noch übelnehmen? Und darf ich das überhaupt? Ohje, jetzt sind wir wieder bei den ganz tiefgründigen und alles entscheidenden Fragen angelangt, auf die es sowieso keine Antwort gibt.

Schade ist, dass ich bei dieser Hausaufgabe nicht abschreiben kann. Wobei ich das sowieso selten tat. Ich hatte immer viel zu große Angst davor, erwischt zu werden und dann aufzufallen. Deshalb habe ich auch noch nie in meinem Leben bei einer Klassenarbeit oder Klausur gespickt. Nicht ein einziges Mal. Darauf bin ich nicht stolz. Vielmehr macht es mich traurig. Am Ende sagt das nämlich nur, dass die Angst seit jeher die Melodie meines Lebens ist.

Doch zurück zum Thema und nicht wieder prokrastinieren. Da fällt mir ein, dass ich kürzlich einen sehr interessanten TED-Talk dazu gehört habe. Dabei ging es unter anderem darum, dass Menschen, die Aufgaben aufschieben, das meist tun, um negative Gefühle zu vermeiden. Es soll daher helfen, sich eine zweite Identität zu schaffen, die die Aufgabensetzung strukturiert und zur Ordnung ruft. Vielleicht sollte ich das mal versuchen. Wobei sich die Frage anschließt, wie der Fragebogen dann am Ende aussieht. Erschaffe ich mir dann in einem Zug gleich fiktive Eltern mit dazu? Abgesehen davon, dass die Expertin das im Podcast so sicher nicht meinte, wäre es auch alles andere als zweckdienlich.

Tja, dieser Blogeintrag hat mir jetzt nicht viel gebracht. Außer der Erkenntnis, dass ich mich von meiner eigentlichen Aufgabe ablenken wollte. Also Schluss damit, wirren Gedanken nachzuhängen und zurück zur Essenz. Immerhin wird dieses Dokument solange über mir schweben, bis ich es endlich vollständig bearbeitet habe.

Ich sollte mir erst dann Gedanken über die Richtig- und Wichtigkeit meiner Antworten machen, wenn ich sie auch tatsächlich niedergeschrieben habe. Alles andere wäre wohl eine allzu vermeidbare Energieverschwendung. 








Wolkentänzerin






Sonntag, 20. September 2020

There ain't no future in the past...

 Still und leise höre ich in mich hinein und versuche mich an einer Bestandsaufnahme. Die ist auch mehr als fällig. Zu lange habe ich mal wieder verdrängt und mich in destruktive Muster fallen lassen, weil der innere Druck schlicht und ergreifend zu groß war. Also: Was geht in mir vor? Was empfinde ich? Wo sind meine Gedanken in diesem Moment? Bin in entspannt? Fühle ich mich wohl? Tanze ich auf den Wolken oder kann ich den Boden unter meinen Füßen wahrnehmen?

In mir ist eine bleierne Schwere. Mein Kopf durch einen dichten Nebel verschleiert. Kein einziger Gedanke ist greifbar. Jeder Muskel meines Körpers fühlt sich verspannt an. Meine Fuß- und Fingergelenke schmerzen. Ein Rheumaschub, der mir seit Tagen zu schaffen macht und mich mitunter an der Rand meiner Kraft bringt. Außerdem spüre ich, dass mein Körper sich derzeit viel mit Erinnerungen beschäftigt. Immerhin ist er der Speicher für all das, was uns im Leben begegnet. Unser Körper vergisst nicht, sondern erinnert sich auf seine ganz eigene Art und Weise. Ein eindeutiger Indikator dafür, dass es wieder Zeit wird, den inneren Impulsen und Vorgängen Raum zu geben. Die Kapazität der Verdrängung ist erschöpft.

Oftmals komme ich nicht umher, mich zu fragen, wann all das wohl endlich aufhört. Wann ich mich endlich aus dieser Erstarrung befreien kann. In der Vergangenheit ist schließlich keine Zukunft. Doch „[das] Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ (William Faulkner). Denn für mein Inneres und meinen Körper sind die Erlebnisse noch immer aktuell. Gefangen in einer Zeitschleife, die ich bis heute nicht zu durchbrechen vermag. Mein Gedächtnis unterliegt in diesem Kontext keiner Veränderung.

Dabei ist genau das so wichtig, um im Leben voran zu kommen. Unsere Erlebnisse formen den Kompass, mit dem wir in ungewohnten Situationen Orientierung erlangen können. Wir verlassen uns auf unsere gemachten Erfahrungen, um Entscheidungen zu treffen. Durch persönliche Entwicklung schaffen wir neue Perspektiven und können dadurch unseren ganz individuellen Lebensteppich in einem anderen Licht betrachten. Muster erscheinen auf einmal anders. Farben verlieren oder gewinnen an Intensität. Plötzlich ergeben Situationen einen Sinn und ermöglichen es uns, das Gefühl der Kontinuität und Stabilität zu empfinden.

Traumatische Erfahrungen hingegen sind statisch. Sie verändern sich nicht. Stattdessen existieren sie seit jeher als fragmentierte Splitter in mir. Und wann immer sie traktiert werden, verletzen sie mich. Was wiederum bedeutet, zu einem nicht enden wollenden Albtraum verurteilt zu sein.

All die Therapie, die ich bisher versuchte, fühlte sich an, als kämpfte ich gegen ein überirdisches Wesen. Wann immer ich dieses Monster verwundet hatte, wuchs ihm ein neues Körperteil oder die Wunde heilte schneller als ich gucken konnte. Und auch das Verdrängen hat sein Grenzen. So sehr ich mich auch bemühe, geht das Licht aus, ist der Schrecken präsent.

Ich hätte gerne Hoffnung. Ich möchte gern glauben, dass diese Therapie diesmal Früchte trägt. Dass ich es schaffen kann, die Vergangenheit zu beenden. Dass mein Leben in Bewegung gerät.

Aber wohin mit all der Angst? Augen zu und durch? Zur Not muss eben ein Klinikaufenthalt her.

Doch wer gibt mir das Recht, mich derart wichtig zu nehmen? Ich darf nicht durchhängen. Nicht aufschreien. Nicht auffallen. Ich muss normativ sein. Unauffällig. Unkompliziert. Unsichtbar. Denn was passiert, wenn ich tue, was ich will? Die Menschen fangen an, mich zu bemerken. Sie schauen genauer hin. Von da bis zur Verurteilung und dem Abwenden ist es dann nicht mehr weit.

Bisher tue ich mein Möglichstes, um meinem Umfeld zu gefallen. Immer lächeln. Immer freundlich sein. Immer akzeptieren. Immer helfen. Immer zuhören. Immer runterschlucken. Immer nicken. Immer defensiv. Immer Fragen stellend. Immer im Hintergrund bleibend. Wenn überhaupt, dann lasse ich die Menschen lediglich an der Oberfläche kratzen. Doch niemals mehr. Zu groß ist die Gefahr, sie könnten erkennen, welches Monster ich bin und mich dann zurücklassen. Mir sagen, ich sei unerträglich.

Ich wünschte, ich könnte das Alles etwas lockerer betrachten. Ich wünschte, ich könnte die Signale meines Gegenüber richtig deuten und interpretieren. Ich wünschte, ich könnte damit aufhören, mir den Kopf zu zermartern und mich zu zerfleischen, weil ein sozialer Kontakt nicht so lief wie erhofft. Ich wünschte, ich könnte mich einmal sicher im Umgang mit einem Menschen fühlen und glauben, dass alles gut ist und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Nur einmal.

Aber…I still remember…

Wolkentänzerin

Freitag, 28. August 2020

Projizierte Identität

Gestern war wieder Therapie. Und es war wieder enorm anstrengend und verwirrend. Immerhin haben wir nun entschieden, dass es zu einer Zusammenarbeit kommen wird. Unter der Prämisse, dass ich Bescheid gebe, wenn ich eine Krise habe und dann gegebenenfalls in eine Klinik gehen werde. Schließlich könne keiner von uns beiden einschätzen, was in mir passiert, wenn ich anfange, über die Dinge in mir zu sprechen. 

Wobei das Sprechen sowieso so eine Sache ist. Die Psychoanalyse basiert auf der freien Assoziation. Das bedeutet, dass sich der Therapeut im Hintergrund hält, sodass der Klient den Raum füllen und über alles reden kann, was in ihm vorgeht. 

Allerdings fällt es mir enorm schwer, von mir aus loszuplappern. Ich warte immer darauf, dass mir jemand Fragen stellt und mir somit die Erlaubnis erteilt, den Raum einzunehmen. Ja, ich brauche die Legitimation existieren zu dürfen. 

Ich erklärte ihm, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich ein Mensch mögen könnte. Dass ich es nicht glauben kann, ganz gleich wie oft mein Gegenüber es mir auch sagen mag. Vielmehr bin ich davon überzeugt, ein Monster zu sein. Ein Mensch, der anderen bloß Schaden zufügt und sich deshalb lieber fernhalten sollte. Ich habe schreckliche Angst davor, dass der andere erkennen könnte, dass mit mir etwas nicht stimmt und sich dann abwendet und geht. 

Dr. Freud (ich werde ihn nun einfach im weiteren Verlauf so nennen) erklärte mir, dass ich mich mit der Projektion meiner Eltern auf mich identifiziert habe. Sie waren und sind wohl tatsächlich davon überzeugt, all das Schlechte sei nur passiert, weil ich eine so furchtbare Tochter war und bin. Dadurch haben sie sich selbst entlastet, weil sie mir die Verantwortung übertrugen. 

Zwischendurch wurde Dr. Freud sehr laut und hat meine Eltern als Monster und Perverse bezeichnet. Er wurde sehr emotional, was mich absolut verwirrt hat. Er fragte mich, ob mir bewusst sei, dass er das tue, weil ich es nicht könne. Naja, das macht es aber nicht unbedingt leichter. Ich meine, natürlich ist mir bewusst, dass ich lernen muss, die Dinge mit Emotionen zu verknüpfen und dadurch richtig einordnen zu können. Doch dieser unsagbare innere Schmerz ist einfach nur heftig. Es fühlt sich an, als würde ich innerlich bluten und dabei hilflos zusehen, weil ich nicht weiß, wie ich die Blutung stillen soll.

Ich habe wohl eine starke Persönlichkeitsstörung, weil ich all die Dinge, die meine Eltern mir antaten, nun mir selbst antue. Immer und immer wieder. Die erlernten Überzeugungen sitzen so tief, dass ich enorm viel Therapie brauche. Ein niederschmetterndes Urteil. Ich weiß, dass es naiv klingt, aber ich habe bis zuletzt gehofft, dass es vielleicht doch einen magischen Schalter gibt, den ich umlegen und endlich „normal“ sein könnte. Nix da. Er rechnet mit drei Jahren intensiver Therapie bis ich ansatzweise mit dem Erlebten zurechtkommen kann. Drei Jahre. Drei verdammt anstrengende Jahre voller Kampf und Schmerz.

Es widerstrebt mir, jemanden für meine Lage verantwortlich zu machen. Immerhin bin ich eine erwachsene Frau und kann eigene Entscheidungen treffen. Aber so deutlich mitgeteilt zu bekommen, wie stark mein Ich eingeengt und von mir klein gehalten wird, macht mich sprachlos. Meine Eltern haben meine Seele vergiftet und es wird mich so viel Kraft kosten, es loszuwerden. Wobei es am Ende keine Garantie dafür gibt, dass es funktionieren wird.

Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob es all den Aufwand und Schmerz wert ist. Ich möchte gerade an einen einsamen Ort gehen und so laut schreien wie es mir nur irgend möglich ist. Ich möchte das Brennen in mir löschen. Ich möchte die erdrückende Schwere in mir loswerden. Ich möchte mir die Haut abziehen. Ich möchte mir den Kopf abreißen. Ich möchte mir den Schädel einschlagen. Ich möchte mir schlimmste Dinge antun. Ich möchte aufhören zu existieren.

Meine Mutter sagte oft zu mir, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nie geboren worden wäre, weil allen dann viel Leid erspart geblieben wäre. Und weißt du was, Mutter? Ich glaube, damit hattest du tatsächlich recht…

Wolkentänzerin

 


Donnerstag, 18. Juni 2020

Ein (unv)erhoffter Anruf

Seit einer halben Stunde sitze ich nun schon hier und starre auf die kahle, weiße Wand vor mir. Meine Gedanken sind überall, nur nicht da, wo sie sein sollen - im Hier und Jetzt. Noch immer rast mein Herz. Noch immer sind meine Hände eiskalt. Mir ist schlecht. Eine Übelkeit, die im ganzen Körper spürbar ist. Eine Übelkeit, bei der man genau weiß, dass etwas im Argen ist.

Und all das nur wegen eines einzelnen Anrufs. Ein Anruf eines Therapeuten, der mir für nächste Woche einen Termin geben konnte. Oh wow, das geht mir gerade alles etwas schnell. Dabei sollte ich dankbar sein. Immerhin ist es doch genau das, was ich wollte. Außerdem habe ich mir vorgenommen, gelassener mit der Situation umzugehen. Ich wollte positiv an diese Angelegenheit herangehen. Der Achtsamkeit Raum geben und dadurch meine inneren Impulse manipulieren.

Allerdings ist dieser Termin in greifbarer Nähe. Mich trennen lediglich eine Handvoll Tage davon, mich einer völlig fremden Person offenbaren und Worte aussprechen zu müssen, die bereits beim inneren Monolog höllisch wehtun.

Dabei mache ich nicht zum ersten Mal eine Therapie. Im Gegenteil: mir ist das Prozedere sehr vertraut. Außerdem verfüge ich durch mein Studium über ein tieferes Verständnis der menschlichen Psyche und therapeutischen Herangehensweise.

Trotzdem macht mir das gerade eine Heidenangst. Ich verspüre den Drang, den Therapeuten anzurufen und abzusagen. Einfach wieder alles zu verdrängen und davonzulaufen. Denn nur allzu deutlich ist die Erinnerung daran, wie sehr diese Gespräche schmerzen. Da hilft auch alles theoretische Wissen dieser Welt nicht.

Mir dröhnt der Kopf. Mit jeder Sekunde, die vergeht, breitet sich eine bleierne Schwere in mir aus. Ich möchte weinen und die tiefe Traurigkeit aus mir herausschwemmen. Doch keine einzelne Träne schafft es an die Oberfläche. Bin ich bereits dabei, erneut den Weg des Verdrängens zu gehen? Beginnen nun wieder das Kleinreden und das Beschönigen die Oberhand? Wie soll es so mit der Therapie funktionieren?

Es sind eben jene leidigen Stimmen, die in meinem Kopf laut werden und mir sagen wollen, dass ich nicht reden darf. Dass ich kein Recht dazu habe, jemandes Zeit mit meinen lächerlichen Problemen zu vergeuden. Und ja, ich stelle mich selbst in Frage. Der Zweifel, ob eine Therapie tatsächlich notwendig ist, nimmt einen großen Platz in meinem Gedanken ein. Und auch eine gewisse Analyse darüber, was ich von einer Therapie erwarten kann. Denn ich möchte mit einer realistischen Sicht in die Sache hineingehen, um am Ende nicht wegen übertriebener und unangebrachter Erwartungen enttäuscht zu sein.

Denn eines steht fest: ich werde niemals „gesund“ sein. Wobei in dieser Hinsicht eine Unterteilung in die Kategorien „gesund“ und „krank“ weder hilfreich noch notwendig ist. Vielmehr ist der Begriff der Krankheit in diesem Kontext kritisch zu beurteilen. Viel zu häufig wird jemand als „psychisch krank“ bezeichnet, weil er von der Norm abweicht. Doch es führe zu weit, dies an dieser Stelle zu vertiefen.

Mir ist bewusst, dass eine Therapie in meinem Fall keine Wunder vollbringen wird. Dazu sind die durchlaufene Sozialisierung, die erlebte physische und psychische Gewalt und die dadurch entstandenen Schäden zu groß. Niemand kann ungeschehen machen, dass ich Dinge sah und erlebte. Ich kann das Erleben der Gefühle nicht vergessen. Stattdessen haben sich Angst, Scham, Ohnmacht, Schuld, Traurigkeit, Ekel, Wut, Hilflosigkeit, Entsetzen, Misstrauen, Abscheu, Einsamkeit, Ablehnung, Besorgnis, Verlust, Bedauern, Todessehnsucht und viele weitere Empfindungen in mir eingebrannt und es gibt nichts, was daran etwas ändern könnte.

Was genau soll mir eine Therapie dann also bringen? Wozu das Ganze? Nun, ich denke, dieser Schritt ist der einzige, den ich noch tun kann, um nicht den Pfad des Suizides einzuschlagen. Ja, ich sehe es als letzte Chance an, die ich diesem Leben noch gebe. Im Grunde stelle ich diesem Universum eine Art Ultimatum. Das schließt mit ein, dass ich meine letzten Kräfte mobilisiere. Ich werde mitarbeiten und mich draufeinlassen. Ansonsten wäre das ganze Unterfangen sinnfrei, zwecklos und unfair.

Für mich steht jedoch fest, dass dies der letzte Versuch sein wird. Und ich hoffe sehr, dass er Früchte tragen wird…

 

Wolkentänzerin

Sonntag, 7. Juni 2020

Wurzelloser Baum

Ehrlich gesagt, ich wäre gern ein wurzelloser Baum. Ich wünschte, es gäbe keine Vergangenheit. Ja, ich wäre gerne eine Tabula rasa – ein Blatt, das bloß darauf wartet, beschriftet zu werden. 

Stattdessen habe ich Wurzeln. Ich habe einen Ursprung, der mich zu dem machte, was ich heute bin. Jeder Moment, jede Begegnung, jedes Ereignis hat seinen ganz eigenen Anteil an meiner Entwicklung geleistet. So manch ein schicksalhafter Augenblick stellte die Weichen für den weiteren Verlauf meines Lebens. Eine Verkettung vieler unterschiedlicher Glieder. Es ist wie bei einer Maschine: Erst das Ineinandergreifen der einzelnen Zähne der Räder bewirkt, dass die Mechanik in Gang gesetzt wird. So wird beispielsweise durch die Kraft des Wassers ein Mühlenrad angetrieben und schließlich auf das Mahlwerk übersetzt, um Mehl zu produzieren. Getreu dem Motto: Aktion = Reaktion? 

Wäre es demnach nicht folgerichtig zu behaupten, dass Geschehen A Geschehen B bewirkte? Dass es C ohne B gar nicht gäbe? Würde dadurch nicht die Verantwortung gänzlich ausgeklammert? Ich meine, dann kann ich mich doch immer darauf berufen, diverse Dinge nur getan zu haben, weil am Anfang der Kausalkette Tag X stand und mich in vorgegebene Bahnen drängte.

Historiker versuchen seit Ende des Zweiten Weltkriegs eben jenes Phänomen zu erklären. Wie konnte es dazu kommen, dass ein Mensch wie Hitler an die Macht kommen konnte? Weshalb waren ihm derart viele Menschen scheinbar blind gefolgt und hatten seine Befehle ausgeführt - selbst als das bedeutete, unschuldige Menschen brutal niederzumetzeln? Es gibt keine eindeutige Antwort darauf.
Die einen glauben, der Grundstein sei schon durch den Ersten Weltkrieg oder, besser gesagt, durch dessen Ausgang gelegt worden. Die übertriebenen Reparationszahlungen, die Dolchstoßlegende und die hohen Kriegsverluste stellten die Weimarer Republik unter keinen guten Stern. Die Weltwirtschaftskrise, die ansteigende Verelendung der Bevölkerung und die schwächelnde Industrie bewirkten, dass die Menschen den Versprechen der NSDAP einfach nur noch glauben wollten. Also war dieses finstere Kapitel deutscher Geschichte bloß ein Ineinandergreifen unterschiedlichster Zahnräder, das in einer Katastrophe endete, die keiner wirklich wollte? 

Anderen sind davon überzeugt, dass diverse sozialpsychologische Mechanismen griffen und die Leute zu kopflosen Akteuren mutierten. Es gibt etliche Studiendesigns, die sich der Frage widmen, welche Ursachen vorlagen, die dieses gesamtgesellschaftliche Versagen erklären könnten. Da gibt es Phänomene wie die Deindividuation, die Verantwortungsdiffusion oder den Autoritätsgehorsam. 

Insbesondere das Milgram-Experiment stach dabei heraus. Stanley Milgram, ein amerikanischer Psychologe, überlegte sich einen Versuch, um die These „Germans are different“ zu überprüfen. Man ging bis dato davon aus, dass die Deutschen einen besonderen Gehorsam innehätten und es daher überhaupt erst zum Holocaust hätte kommen können. Wie sich herausstellte, war die Annahme falsch. Unter bestimmten Umständen kann es jedem von uns passieren, Anweisungen zu befolgen, die anderen schaden. 

Hannah Arendt beschrieb dieses multifaktorielle Phänomen in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Sie berichtete vom Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Eichmann in Jerusalem und kam letztlich zu der Feststellung, dass das Böse nicht in Form von Monstern auftrete, sondern in erschreckend durchschnittlichen Gestalten. Bedingt durch den Totalitarismus gaben die Menschen ihre eigene Identität auf und wurden zu einer blind agierenden Masse. Die Einzelperson gewann die vermeintliche Freiheit durch Aufgabe der Fähigkeit zu denken und sich selbst reflektieren zu können. Das Ergebnis war der Verfall moralischer Instanzen und ein zerstörerischer Mob. 

Doch ist es tatsächlich so einfach? Die Menschen dachten halt nicht nach und haben sich hinter dem Nebenmann versteckt? Gemäß des Spruchs „macht doch jeder“? 

Ich persönlich bin ein Mensch, der mit enormen moralischen Antennen ausgerüstet wurde. Sobald etwas auch nur ansatzweise unmoralisch sein könnte, breitet sich ein mulmiges Gefühl in mir aus. Das betrifft nicht bloß moralische Gesetze, sondern erstreckt sich über jegliche Regeln. Ob diese nun gesellschaftlich, institutionell, familiär oder religiös determiniert wurden, ist dabei total egal. Ich halte mich an die Regeln. Beispielweise könnte ich nicht nachts um drei in einer verkehrsberuhigten Straße über eine rote Fußgängerampel laufen. Nein, ich bleibe solange stehen, bis das grüne Männchen mir erlaubt, die Straße passieren zu dürfen. 

Wahrscheinlich macht mich das zu einem recht höflichen und rücksichtsvollen Menschen. Doch viel zu häufig steht mir genau das im Weg. Ich kann nicht ausgelassen sein, weil sich das nicht gehört. Ich kann nicht sagen, was ich will, weil ich das nicht darf. Ich kann mich selbst nicht an die erste Stelle setzen, weil ich nicht egoistisch sein darf. Es gibt Unmengen solcher Regeln und Verbote. Bei jedem Verstoß bekomme ich riesige Angst. Angst vor den Konsequenzen. Angst vor Bestrafung. Angst vor mir selbst. 

Mir ist absolut bewusst, dass ich mich in meinem Denken von den allermeisten Menschen unterscheide. Ich brauche deutlich länger als andere, um mich auf etwas Neues einlassen zu können. Ich bin vorsichtig und gehe in meinem Kopf die etlichen Pro-und-Kontra-Listen immer und immer wieder durch. Bevor ich etwas tue, wäge ich alle möglichen Konsequenzen ab und hinterfrage meine Motive. Ich versuche, mich stets selbst zu reflektieren und zu hinterfragen. Und all die Mühe ist bloß motiviert von meiner unsagbaren Angst, doch das Monster zu sein, was sie in mir meinten zu sehen.
Ich weiß auch, dass die Moral für viele Leute ein flexibles Maß ist, das sich in jeder Situation beliebig verändern lässt und somit stets eine Argumentation für das eigene Handeln liefert. 

Ja, mir ist natürlich bewusst, dass es ethische Fragen gibt, die nicht ohne weitere Diskussion gelöst werden können. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff des moralischen oder ethischen Dilemmas.
Aber ich bin der Meinung, dass ein Mensch erst dann empathisch entscheiden kann, wenn er den Schmerz selbst gefühlt hat. 

Um nochmal auf die Deindividuation zurückzukommen, die in totalitaristischen Herrschaftsformen zu absolutem Terror führen kann, so könnte auch ich mit dem Strom schwimmen und beispielsweise Fleisch essen. Immerhin ist der Verzehr von tierischen Produkten in unserem Kulturkreis ein Teil frühster Erziehung. Die Ideologie des Karnismus ist ebenso weit verbreitet und selbstverständlich wie der Brauch an Weihnachten einen Baum aufzustellen. Es besteht scheinbar nicht die Notwendigkeit, diese Überzeugungen zu hinterfragen. Nein, stattdessen folgt man der Masse. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang bereits unser Sprachgebrauch. Der Philosoph Martin Heidegger wies bereits darauf hin, dass wir allein durch unsere Formulierungen und die jeweilige Wortbenutzung eine Entfremdung von uns selbst schaffen. Denn wer genau steckt denn hinter dem „man“? Wir sprechen von der großen Masse und machen uns alle zu etwas Gewöhnlichem. Es ist eine Einebnung hin zum Allgemeinheitsbrei. 

Es ist bewiesen, dass Kühe ihr Leben lang darunter leiden, ihre Kälber verloren zu haben. Denn es ist gängige Praxis, den Mutterkühen ihre Jungen kurz nach der Geburt wegzunehmen. Schließlich würden diese ja die Milch trinken. Das geht natürlich nicht, weil die ja an den menschlichen Kunden verkauft werden soll. Eine artfremde Spezies, die die Muttermilch einer anderen Spezies trinkt. Das gäbe es bei keinem anderen Tier – außer vielleicht in Notfällen. Doch sicher nicht aus reinem Vergnügen. Wie dem auch sei: die Kuh verliert ihr Kind. Damit andere weiterhin den Nutzen an ihr haben. Sollte das Kalb weiblich sein, hat es das gleiche Schicksal vor sich wie jenes, das seine Mutter bereits erlitt. Ist es männlich, so wird es direkt umgebracht. Immerhin ist dieses Geschöpf dann wertlos. Wie kann das mit dem Gedanken göttlicher Schöpfung vereinbar sein? Wie kann ein Wesen, das von Gott geschaffen wurde, wertlos sein? Welch eine Grausamkeit, einem Lebewesen eine Aufgabe zuzuweisen und dann zu entscheiden, dass das Lebewesen keine Daseinsberechtigung hat, wenn es eben jene von Menschen erdachte Aufgabe nicht erfüllt. 

Kant sagte etwas, das mir dazu sehr passend erscheint: „Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde“.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die nun behaupteten, dass die Würde ausschließlich dem Menschen vorbehalten sei. Doch das Wort ‚Würde‘ an sich bedeutet schlicht und ergreifend ‚wert‘. Ich persönlich finde, dass ein jedes Lebewesen wert ist zu leben. Und ich persönlich weiß, was es bedeutet, sein eigenes Kind abgeben zu müssen, weil es lediglich um deren und meinen Nutzen ging. Es war eine schlichte Kosten-Nutzen-Relation, die zum Nachteil meines Würmchens ausging. Also wurde beschlossen, dass mein Würmchen keine Daseinsberechtigung habe. 

Also wie kann ich einem fühlenden Wesen solche Schmerzen zufügen, wenn ich doch weiß, was das bedeutet? Insbesondere unter dem Aspekt des eigentlichen Nutzens. Die Milch wäre für mich bloß ein Konsumgut kurzer Dauer. Und am Ende ist die gesundheitliche Auswirkung auf meinen Körper sogar eine schädliche. Denn diese Muttermilch ist nicht für mich – einen Menschen – gemacht. Sie ist dafür da, ein kleines Kalb innerhalb kürzester Zeit stark und groß zu füttern. Warum sollte ich also unter Berücksichtigung all dieser Faktoren Milch trinken wollen? Nur, weil man das schon immer so gemacht hat? Das ist für mich persönlich keine schlüssige Erklärung. Das ist für mich vielmehr eine Erklärung, die bloß von Deindividuation zeugt: der Mensch vertraut der Mehrheit und denkt nicht eigenständig nach. 

Ich habe den Titel dieses Textes nicht ohne Grund gewählt. Denn natürlich habe ich wie alle Menschen Wurzeln, die es mir erst ermöglichten, heranzuwachsen und zu meiner heutigen Persönlichkeit zu werden. 

All die vielen Begebenheiten haben ihren Teil zu meinem Ich beigetragen. Klar, diese Teile waren immer mal größer und mal kleiner. Und doch hatten sie alle eine Auswirkung. Nun ist es jedoch eine biologische Tatsache, dass wir nicht bloß aus metaphysischen Zusammenhängen bestehen. Nein, uns allen liegt eine DNS-Struktur zugrunde, die unseren ganz individuellen Bauplan enthält. Und dank Mendel, Crick und Watson wissen wir auch, dass in jedem neuen Menschen die Hälfte Mutter und die Hälfte Vater steckt. 

Ich habe die Gene meiner Mutter geerbt. Ich bin ein Teil ihrer Selbst. Ich habe unglaublich Angst, wie sie zu sein oder es noch zu werden. Ich habe Angst, dass die Brutalität meines Vaters in meinen Adern fließt. Ich fürchte mich davor, dass meine Wurzeln irgendwann über meine Baumkrone bestimmen werden. Mich ergreift Panik, wenn ich daran denke, dass mein Ursprung die Form meiner Verästelungen vorgeben könnte. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich töten möchte: weil ich diesen Dingen ein Ende setzen möchte. 

Natürlich weiß ich auch, dass das, rein biologisch, totaler Quatsch ist. Immerhin hat unsere DNS keine direkte Auswirkung auf unser Handeln. Ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, sind die unterschiedlichen Umwelteinflüsse, denen ein jedes Leben ausgesetzt ist. 
  

Auf dem Bild steht: „Fest und stark ist der Baum, der unablässig Windstößen ausgesetzt war. Denn im Kampf festigen und verstärken sich seine Wurzeln“ – Seneca. Demnach müssten meine Wurzeln enorm stark sein und sagt das nicht umso mehr, dass in mir das Böse leben muss? Immerhin sind das doch meine Wurzeln? Wie soll ein Baum wachsen und gedeihen, wenn seine Wurzeln vergiftet wurden? Entsteht dann nicht automatisch ein vergifteter Baum? Funktioniert so nicht jegliches Leben? Es muss doch Auswirkungen haben. Nichts im Leben bleibt ohne Konsequenz. Warum sollte das bei mir anders sein?


In gewisser Weise habe ich es immer gehandhabt, wie das Prinzip vom „Bildnis des Dorian Grey“. Ich habe meine Seele und Empfindungen abgespaltet und ausgelagert. Ausgelagert ist wahrscheinlich nicht die treffende Beschreibung, aber es hilft zur Veranschaulichung. Ganz wie Dorian, wünschte ich mir, dass dem Bild die Dinge geschähen. Ich redete mir ein, dass es mich nicht beträfe.
Dass ich einem Trugschluss aufgesessen war, erkenne ich erst heute. Denn das hat, im Grunde genommen, alles nur noch schlimmer gemacht. Ich dachte, dass ich gelernt hätte, mit all dem umzugehen. Dabei habe ich lediglich verdrängt und meine eigene Verletzlichkeit und die Schäden verleugnet. Es ist, als sähe ich mich heute das erste Mal wahrhaftig im Spiegel. Es ist, als begegnete ich mir selbst zum allerersten Mal in meinem Leben. Und ich kann es nicht fassen. Ich kann nicht glauben, dass die Reflexion wahrhaftig ich sein soll. Ich bin damit nicht einverstanden und doch macht das keinen Unterschied. Denn das da, das bin ich. 

Es macht mich hilflos. Hilflos, weil ich es nicht ändern kann. Ich muss mich damit auseinandersetzen, egal, wie weh es tun wird. Egal, was am Ende dann noch von mir übrig sein wird. Denn das ist die traurige Wahrheit: für mich gibt es nur diese Optionen. Und das ist nicht fair. Es ist nicht fair! Es ist nicht fair, was geschehen ist. 


An dieser Stelle möchte ich schließen. Es sind eine Menge unterschiedlichster Gedanken gewesen, derer ich mich entledigt habe. Ich habe das Gefühl, alles Mögliche aufschreiben zu müssen, um mich selbst nicht zu vergessen. Ja, ich zwinge mich förmlich dazu, all dieses Zeug aufzuschreiben, damit ich etwas von mir vor Augen sehe und mit dieser Welt in Kontakt bleibe. Denn ich spüre, dass das Gefühl immer drängender wird. Dass ich gehen will und doch kämpfe ich dagegen an. Ich merke, dass ich mich selbst immer mehr aufgebe. Ich fühle mich wie eine leere Hülle, deren Inneres bereits an einen anderen Ort gewandert ist. Diese Zeilen sind der klägliche Versuch, mich zu fokussieren und im Hier und Jetzt zu bleiben. Dieser Zustand quält mich und ich kenne keinen Ausweg mehr. Es soll aufhören und mich endlich in Ruhe lassen.


Wolkentänzerin