Warnung

Triggerwarnung! Dieser Blog enthält sensible Inhalte! Bitte lies nicht weiter, wenn es dir nicht gut geht oder spezielle Themen nicht gut für dich sind. Bitte geh achtsam mit dir um!
Posts mit dem Label Versagen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Versagen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin

Dienstag, 9. Juni 2020

Von der Angst und ihren Freunden

In den letzten beiden Tagen habe ich mit neun Therapeuten gesprochen. Mittlerweile komme ich mir vor wie eine kaputte Schallplatte. Es war enorm anstrengend und hat mich einige Wunden wieder deutlich wahrnehmen lassen.

Immerhin musste ich zugeben, dass ich an einem Punkt angelangt bin, an dem es einfach nicht mehr geht. Ich benötige Hilfe. Es fühlt sich wie ein Eingeständnis für meine Schwäche und mein Versagen an. Und letztlich ist es auch nichts anderes. Doch so sehr ich mir auch einreden will, dass das gar nichts Schlechtes bedeutet, ich schaffe es nicht, mich davon tatsächlich zu überzeugen.
Schon in absehbarer Zeit habe ich einige Erstgespräche. Die ganze Angelegenheit nimmt also schon bald Fahrt auf. Wie es mir damit geht? Ich habe keine Ahnung. Wobei doch, eigentlich habe ich eine Ahnung. Ich habe eine beschissene Angst davor.

Wovor genau ich Angst habe?

Ich fürchte mich davor, den Monstern ins Gesicht blicken zu müssen. Ich habe Angst, das Monster zu finden, das ich schon immer in mir vermute. Ich habe Angst, noch mehr Gründe zu haben, nicht mehr leben zu wollen. Ich habe Angst, dass mir jemand sagt, dass es für mich keine Hoffnung mehr gibt.
Du denkst, dass das abwegig ist? Ja, vielleicht hast du damit recht. Aber wie das mit der Angst nun mal so ist: sie ist vollkommen irrational.

Die Angst hat dafür gesorgt, dass unsere Vorfahren überlebten. Die Angst mobilisiert unsere Kräfte. Denn wenn wir Angst haben, feuern unsere Neuronen drauflos. In unserem Gehirn werden Hormone ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass unser gesamtes Nervensystem in Alarmbereitschaft ist. Unser Körper wird darauf vorbereitet, blitzschnell reagieren zu können oder auch zu erstarren.

Oftmals kann die lähmende Angst in vielen Regionen des Körper wahrgenommen werden und hat dabei immer eine andere Form. Sie erscheint als dicker Kloß im Hals. Aber auch als schwere Steine im Magen. Sie macht sich als vehementes Pochen im Hinterkopf bemerkbar. Sie kommt als unerträgliches Dröhnen im Schädel, das einen glauben lässt, der eigene Kopf platze gleich. Und sie zeigt sich durch die eiskalten Hände, die sich partout nicht erwärmen lassen wollen.

Ich habe große Furcht vor den Terminen, die nun anstehen. Es kommt mir vor, als schlage ich ein neues Kapitel auf und ich weiß nicht, was mich erwartet. Welche schicksalhaften Wendungen die Geschichte nehmen wird.

Doch über allem steht das Wissen, dass ich nicht länger durchhalten kann. Ich bin am Ende meiner Kraft. Ich packe das allein nicht mehr. Und wenn das bedeutet, dass ich mich jemand öffnen muss, dann soll es so sein. Welche Wahl habe ich schon? Welche Wahl hatte ich je?

In meinem Kopf ist diese eine Stimme. Die Stimme, die mir sagt, dass ich es nicht verdient habe, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die mich fragt, wie ich auf die Idee komme, mir das Recht zuzusprechen, über all den Scheiß zu reden.

Langsam werde ich wirklich wahnsinnig. Ich meine, klar, ich hatte schon immer einen Dachschaden. Wie könnte das nach all den Dingen auch anders sein. Aber ich war nicht so kaputt. Nicht so von der Rolle. Nicht derart destruktiv. Nicht so verbittert. Nicht so einsam. 

Das ist totaler Bullshit. Es gab durchaus Phasen, in denen ich genau so war. Es ist nichts Neues. Ich bin lediglich älter geworden und meine Dunkelheit hat dadurch mehr Tiefgang erhalten.

So Schluss für heute. Ich werden nun den Diffuser anschalten und mich von feinem Lavendelnebel umhüllen lassen. Dann werde ich mir meine Kopfhörer aufsetzen und mich von Dire Straits beschallen und an einen anderen Ort träumen lassen. Vielleicht hilft es ja dabei, meine Seele etwas zu beruhigen und mich durch diese Nacht kommen zu lassen.


Wolkentänzerin

Freitag, 5. Juni 2020

Schreien und rennen


Die letzten Minuten verbrachte ich damit, mein schwarzes Notizbuch durchzublättern. Meistens schreibe ich meine Gedanken in dieses kleine Buch nieder, da es immer griffbereit ist. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Außerdem mag ich es, wie die schwarze Tinte langsam in die feinen Fasern des Papiers sickert. Das sanfte Kratzen der Feder über die unregelmäßige Struktur des Blattes beruhigt mich auf eine wundersame Weise. Ich kann anhand meiner verfassten Zeilen sehen, dass sie von mir stammen. Sozusagen ein handschriftlicher Beleg meiner Seelenschwingungen. Oh wow, das klingt kitschig. Aber es stimmt. Wenn ich etwas mit meinem Füller schreibe, fühle ich mich meinem Inneren noch näher. Näher als es beim Tippen der Fall ist.

In dieses Buch packe ich all die Dinge, von denen ich das Gefühl habe, sie dringend loswerden zu müssen. Ich schreibe belastende Bilder, furchtbare Träume und Gedankenfetzen hinein. Zudem finden sich Pro-und-Kontra-Listen zu allen möglichen Themen: Therapie, Klinik, Zukunft, Leben. Sie helfen mir, um das Wirrwarr in meinem Kopf etwas zu bändigen. Außerdem erstreckt sich eine Zitatensammlung über viele Seiten hinweg. Hauptsächlich enthält dieses Sammelsurium Sätze von bekannten Autoren und Philosophen wie Dostojewskij, Kant, Sartre, Kafka, Arendt uvm. Lese ich ein Buch und stoße auf eine inspirierende Zeile, wandert sie direkt in mein kleines Büchlein. Deshalb habe ich auch eine Leseliste angelegt, um nicht all die Titel zu vergessen, die ich unbedingt noch verschlingen möchte.

Derzeit bin ich dabei, mir „Die Dämonen“ von Dostojewskij zu Gemüte zu führen. Allerdings brauche ich Ruhe dafür und die finde ich in letzter Zeit eher selten.

Mein Geist scheint derzeit permanent auf Wanderschaft zu sein. Er ist schwer greifbar. Mittlerweile ist dieser rastlose Zustand sehr anstrengend. Ich habe das Gefühl, nicht mehr richtig hier zu sein. Als sei mein Geist fortgegangen und habe lediglich eine leere Hülle hinterlassen.

Mir ist mittlerweile klar, dass ich Hilfe brauche. Ich muss eine Therapie anfangen. Denn so geht es einfach nicht weiter. Mir geht allmählich die Kraft aus. Meine Gedanken werden immer dunkler und es fällt mir zunehmend schwer, den Lockrufen der Verdammnis zu widerstehen. Ich fühle mich verloren und habe keinerlei Perspektive für mein Leben. Alles wirkt bloß noch grau und fad. Ich habe keine Freude mehr in mir. In der letzten Zeit bin ich Stück für Stück verbittert.

In meinem Hals steckt ein riesiger Kloß und es fühlt sich an, als erstickte ich an meiner Traurigkeit. Als hätten sich all meine Tränen gesammelt und einen tiefschwarzen und salzigen See erschaffen. In genau diesem kalten Nass scheine ich nur zu ertrinken. Und ich glaube, ich habe aufgehört, mich dagegen zu wehren. Denn was soll es auch bringen?

 Ich dachte, irgendwann könnte ich all die bedrückende Dunkelheit überwinden. Aber die Wahrheit ist, dass ich es nicht schaffe. Ich fühle mich wie die größte Versagerin, die diese Welt gesehen hat.

Meine Seele schreit und ich halte es nicht mehr aus. Es ist, als zerreiße mich eine enorme Kraft von innen. Ich bekomme keine Luft mehr, weil es so wehtut. Am liebsten möchte ich mich irgendwo hinlegen und niemals wieder aufstehen. Ich möchte die Augen schließen und an einen anderen Ort gehen. Ich möchte fliehen und diesem schrecklichen Grauen entkommen. Ich möchte mich nicht mehr mit meinem Leben auseinandersetzen.

Ich bin so wütend, weil ich nicht unbeschwert leben darf. Weil jeder kleine Schritt so viel Kraft kostet. Weil ich des Kämpfens überdrüssig bin.

Ich möchte schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien. Ich möchte so lange schreien, bis ich das Grauen endlich nicht mehr spüren kann. Und ich will rennen. Ich will so lange rennen, bis ich die Geister meines Lebens abgehängt habe.

Wolkentänzerin

Sonntag, 3. Mai 2020

Muttertag

Nächste Woche ist Muttertag. Je näher dieser Tag rückt, desto unruhiger werde ich. Denke ich an meine Mutter, fahren meine Gefühle Achterbahn. Und es kommt nicht selten vor, dass der Wagen entgleist und eine ziemliche Katastrophe auslöst.

Wie oft habe ich dich im Badezimmer gefunden? Du hast deine verletzten Handgelenke gerieben, geschluchzt und warst total fertig, weil ihr euch mal wieder gestritten hattet. Weil du ihn mal wieder provoziert hattest. So gewalttätig er mit seinen Händen war, warst du es mit deinen Worten. Deine Worte konnten wie scharfe Messer ins Fleisch schneiden und tiefe Wunden hinterlassen. Ich habe dich gehasst und gleichzeitig tatst du mir unendlich leid.

Deine Aufgabe als Mutter wäre es gewesen, mir Urvertrauen, Sicherheit und Liebe zu geben. Doch du hast uns Kinder auf die Welt gebracht, um durch uns zu leben. Um dir das zu holen, was deine Mutter dir nicht geben konnte. Du hast die toxischen Familienstrukturen fortgeführt, die du selbst erlebt hattest. Dabei wusstest du doch genau, wie es sich anfühlt.

Kein anderer Mensch hat mir so sehr das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein, wie du es getan hast. Du sagtest mir sogar, ich würde dich krank machen – psychisch und physisch. Und das allein durch meine bloße Existenz. Du gabst mir das Gefühl, dein Leben zu zerstören. Du hast mir die Schuld für deine körperlichen Gebrechen gegeben. Hast gesagt, du würdest dich für uns kaputt arbeiten. 

Wenn ihr euch mal wieder strittet, gabst du uns die Schuld dafür. Weil wir dir nicht genug im Haushalt geholfen hätten, hättet ihr euch in die Haare bekommen. Gleiches sagtest du auch, als er dich fast umbrachte. Du hast du uns die Schuld dafür gegeben, fast gestorben zu sein.

Du nanntest mich eine dreckige Schlampe. Sagtest, so etwas wie mich, wollest du nicht mehr als Tochter haben. Als ich dir mein Herz ausschüttete, sagtest du, ich sei krank im Kopf. Wenn ich mich mal für mich einsetzte und mich dir wiedersetzte, nanntest du mich eine unverbesserliche Egoistin, der die Gefühle anderer egal wären. Du meintest, es sei besser für alle gewesen, wenn ich nicht geboren worden wäre. Dass ich bloß Leid für all die Menschen in meinem Umfeld bedeute.

Ich habe dir all das geglaubt. Habe mich über deine Worte definiert. Deine Meinung von mir hat sich manifestiert und ich bekomme deine Stimme bis heute nicht aus dem Kopf. Deine Stimme ist es, die mich bis heute in den Wahnsinn treibt. Dir mir meine Fähigkeiten abspricht und immer wieder den Zweifel laut macht. Denn für dich war ich niemals gut genug. Ich konnte deinen Anforderungen nicht entsprechen. Dabei habe ich mir alle Mühe gegeben. Doch es war eben nie ausreichend.

Wenn ich mal wieder etwas falsch gemacht hatte, straftest du es mit Schweigen. Du konntest mich tagelang ignorieren. Dieser „Liebes“-Entzug war grausam. Diese gleichsam ungerechte wie oftmals willkürliche Bestrafung ließest du uns besonders dann zuteilwerden, wenn du überfordert warst. Eine Kleinigkeit reichte dann schon aus, um mit deiner unbändigen Wut Bekanntschaft zu machen.

Ich hatte schon immer Angst vor dir. Sobald ich deine Schritte auf der Treppe hörte, erstarrte ich innerlich. Mucksmäuschenstill lauschte ich dem Geräusch der knarzenden Stufen und versuchte herauszuhören, in welcher Stimmung zu wohl warst. Noch heute schrecke ich hoch, wenn jemand die Tür eines Raumes öffnet, in dem ich mich befinde, weil ich fürchte, du könntest auftauchen und mir die Hölle heiß machen. Wenn ich tagsüber im Bett lag, weil er mich in der Nacht mal wieder nicht in Ruhe gelassen hattest, nanntest du mich ein faules Stück. Dann holtest du meine Kleidung aus dem Schrank, schüttetest Kaffe darüber und befahlst mir, die Unordnung zu beseitigen. 

Du hast mich häufig mit anderen Mädchen verglichen und aufgeführt, aus welchen Gründen ich hässlicher bin als sie. Du hast mich unzählige Male in der Öffentlichkeit bloßgestellt.

Du hast mich nicht vor ihm beschützt, sondern warst zu allem Überfluss sogar eifersüchtig auf mich. Du hast mir die Schuld an allem gegeben. Ich war dein ganz persönlicher Sündenbock.

Weißt du, ich wünsche mir von ganzem Herzen, du würdest mir endlich egal. Ich will mich nicht mehr verantwortlich für dich fühlen. Ich will mich nicht länger nach deiner Liebe sehnen, die ich sowieso niemals bekommen werde. Ich will, dass du aus meinem Herzen verschwindest. Denn du hast es nicht verdient, einen Platz darin zu haben.

Aber, weil du meine Mutter bist, fühle ich mich dir gegenüber verpflichtet. Ich mache mir Sorgen um dich, weil ich weiß, wie krank du bist. Ich empfinde unerträgliche Schuld, weil ich dich allein mit ihm gelassen habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dich nicht mehr in meinem Leben haben will. Weil ich denke, dass mir das nicht zusteht. Ich glaube, ein schlechter Mensch zu sein, weil ich schlecht über dich denke und manchmal auch rede. Die Stimmen in mir wollen mir einreden, dass du doch eigentlich eine großartige Mutter gewesen bist und etwas mit MIR nicht stimmt, wenn ich es anders empfinde. Anstatt wütend auf dich zu sein, zerfleische ich mich für meine Gedanken.

Deinetwegen möchte ich niemals Kinder in diese Welt setzen, weil ich Angst habe, ich könnte ihnen das Gleiche antun, was du uns angetan hast.

Du hast zerstörerische Fäden in meinen Lebensteppich verwoben, die ich nicht entfernen kann, ohne den gesamten Stoff zu zerstören. Du hast mir ein Leben gegeben, das mich tagtäglich quält und mir zudem die Verantwortung dafür gegeben.

Du sitzt bis heute wie eine Spinne in ihrem Netz und hältst mich darin fest. Ehrlich, ich wünsche mir oft, du hättest mich einfach gefressen. Denn dann wäre ich zumindest endlich frei...

Wolkentänzerin

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Die Nacht umhüllt den Wald


Langsam und zaghaft setze ich sachte einen Fuß vor den anderen und gehe den dunklen Pfad entlang. Mein Blick ist auf den schlammigen Boden gerichtet, um nicht den Halt zu verlieren. Es ist mir schleierhaft, wie ich hierhergekommen bin. Und was noch wichtiger ist: ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich wieder hier wegkommen soll. Mir steigt ein modriger unangenehm beißender Geruch in die Nase. Mittlerweile gleicht meine Bewegung eher einem labilen Straucheln. Mir ist bitterkalt und meine Hände schmerzen. Vielleicht das Zeichen für einen nahenden Rheumaschub.

Ich stecke meine Hände in die Taschen meines gefütterten Mantels und setze meinen Weg fort. Bin ich nicht auf der Suche nach Etwas? Läuft mir nicht die Zeit davon? Warum renne ich nicht los? Warum rufe ich nicht nach ihm? Warum werde ich immer langsamer? Um mich herum wird es allmählich immer dunkler. Ich weiß, dass die hereinbrechende Finsternis meine Schritte wackliger und unsicherer machen wird. Doch was wäre dazu die Alternative? Soll ich nun stehenbleiben, mir einen Unterschlupf suchen und bis zum Sonnenaufgang dort ausharren? Bergt der Wald in der Nacht nicht abscheuliche Gefahren? Oder sind das alles bloß Märchen, die man Kindern erzählt, damit sie sich nicht nachts in den Dickichten der Bäume herumtreiben?

Ich habe mit Wäldern in der Nacht so meine eigenen Erfahrungen gemacht. Ich saß mitunter stundenlang in einer kleinen Hütte im Wald und lauschte meiner Umgebung. Das leise Knacken, wenn ein Tier über die herumliegenden Äste lief. Das beruhigende Rascheln des Laubes, das vom Wind gestreichelt wurde. Das Klopfen eines Spechtes, der intensiv an seinem neuen Heim baute. All jene Geräusche wurden zum Soundtrack meiner Gedanken. Ich genoss die Augenblicke in dieser anmutigen Natur und konnte all meine bedrückenden Probleme vergessen. Vollkommen in Sicherheit gehüllt, saß ich stundenlang da und las, schrieb oder hörte leise Musik. Mit jeder Minute, die verstrich, atmete meine Seele auf. Ich war überzeugt, dass nichts diese Idylle zerstören könnte. Doch ich sollte mich irren.

Nachdem mein lieber Freund sich eben jenen Wald aussuchte, um seinen Frieden zu finden, habe ich diesen Ort gemieden. Ich konnte ihn nicht betreten, ohne mir vorzustellen, wie er an einen Baum gelehnt, dort saß, um sein Leben kämpfte und es verlor. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie eine Bekannt mir erzählte, wie sie ihn auffanden. Dieses Bild werde ich niemals aus meinem Kopf bekommen können. Auch wenn all das nun schon fast neun Jahre her ist, so bleibt das Empfinden tagaktuell.

Nach einigen Monaten suchte ich den Wald wieder auf. Doch es war nicht mehr der magische Ort der Sicherheit und des Wohlfühlens. Er hatte nun etwas Morbides an sich. Ganz so als läge ein Fluch auf ihm. Ich konnte die Wege nicht mehr entlanglaufen, ohne mir vorstellen zu müssen, dass er bei der nächsten Abbiegung tot an einem der Bäume sitzen würde.

Damals entgingen meine Freundinnen und ich nur knapp dem Auffinden unseres Freundes. Wir waren bloß einige Schritte von ihm entfernt, als ein unerwarteter Anruf uns in eine andere Richtung lenkte. Wie Ironie scheint es, dass der Erhalt seiner Abschiedsbriefe uns davor bewahrte, seine Leiche zu finden. 

Wo ich so davon schreibe, wird mir bewusst, dass ich schon lange nicht mehr an diese Tage dachte. Zwar gehe ich immer mal wieder auf den Friedhof und besuche ihn. Doch ich hatte noch nie das Gefühl, dass er wirklich dort sei. Für mich ist die Vorstellung, dass er an dieser Stelle in einem Sarg unter der Erde liegt, viel zu abwegig. Viel zu schrecklich und viel zu schmerzhaft. Mir erscheint das Bild, wie er lebendig, hüpfend und vor allem lachend durch den Wald läuft, deutlich tröstlicher. Allerdings kommt diese Vorstellung, egal wie sehr ich mich bemühe, nicht in meinem Herzen an. Nein, stattdessen sehe ich ihn, wie er dasitzt, mit einer Plastiktüte über seinem Kopf, um sein Leben ringend. Ich kann es nicht vergessen, nicht ausblenden, nicht durch Abweichendes ersetzen.

Erschöpft lasse ich mich auf einen Baumstumpf sinken. Resigniert lasse ich mich hängen und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Ich kann die drängenden Tränen nicht mehr aufhalten und lasse ihnen nun ihren Lauf. Ich schmecke den salzigen Geschmack des Versagens. Denn ich komme zu spät. Ich habe ihn nicht gerettet. Doch hat er nicht seine ganze Hoffnung auf mich gesetzt? Ich stehe auf und fange an, seinen Namen zu schreien. Kein Mucks ertönt als Antwort. Wäre ich nur früher losgelaufen. Plötzlich höre ich ein Geräusch und laufe los. Doch ich komme nicht rechtzeitig: gerade als ich ihn erreiche, macht er seinen letzten Atemzug und sackt in sich zusammen.  

Schweißgebadet wache ich auf und weiß, ich habe es heute Nacht wieder nicht geschafft, ihn aufzuhalten. Wird dieser Traum jemals anders enden?

Wolkentänzerin