Wir Menschen haben für alles einen Namen. Von Gegenständen, über Menschen, bis hin zum kleinsten Teilchen haben wir Bezeichnungen vergeben. Ist der kleinste Unterschied zu erkennen, muss eine neue Betitelung her, um der Andersartigkeit Ausdruck zu verleihen. Und auch uns als Menschen wird, sobald wir diese Erde betreten, ein Name gegeben. Oftmals bereitet werdenden Eltern gerade das die meisten Schwierigkeiten. Denn bei jeder Bezeichnung schwingt automatisch eine Bewertung mit.
Unsere Welt ist in Kategorien unterteilt und wir folgen festen Schemata, um uns in unserem sozioökonomischen Umfeld orientieren zu können. Nach Piaget adaptieren wir bereits in frühster Kindheit neue Informationen zu vorhandenen Schemata. Dadurch erstellen wir uns nach und nach einen Baum der Logik und des Verständnisses. Wir beobachten und werten. Wir lernen zu erkennen und zu unterscheiden.
Kindern werden neue Begriffe oft beigebracht, indem Erwachsene auf Gegenstände zeigen und sagen, was sie sehen. Oder sie hindern die Kinder daran, etwas in den Mund zu stecken und geben dem Kind zu verstehen, dass das ekelig oder dreckig ist. Sobald wir auf der Welt sind, errichten die Menschen um uns herum, unser Weltverständnis und unseren Umgang mit uns und dem Umfeld, mit dem wir tagtäglich in Aktion treten.
Schon früh lernen wir außerdem, uns gegebenen Namen entsprechend zu verhalten. Wir sind Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde, Schüler, Lehrer und so weiter. Daran sind feste Erwartungen geknüpft, die wir erfüllen müssen. Genauso wie wir im Gegenzug etwas von unserem Gegenüber erwarten, wenn wir ihn unseren Freund nennen.
Es scheint, als könne sich der Mensch nur zurechtfinden, wenn er seine Umwelt labelt. Alles muss eine Bedeutung haben, jede Beziehung einen Namen tragen. Wir brauchen klare Strukturen und Rahmenbedingungen. Nur so kann das Miteinander funktionieren. Es sind festgeschrieben Statuten, denen wir uns schwer bis gar nicht entziehen können. Verhalten Menschen sich anders, sind sie Systemsprenger oder schlicht unfähig, sich anzupassen. Vielleicht bezeichnen wir sie auch als Querulanten und unangenehme Zeitgenossen. Immerhin brauchen wir auch dafür einen Namen und eine Wertung. Wir brauchen für alles und jeden Schubladen. Erst das Einsortieren in die jeweilige Kategorie ermöglicht es uns, unser Verhalten und unsere Denkweise anzupassen.
Haben wir deshalb Angst vor den dunklen Wesen, die in der Nacht lauern? Weil sie namenlose Gestalten sind, die wir nicht greifen können? Oder ist es vielmehr die Furcht davor, ein Mensch könnte aus der Reihe tanzen und sich entgegen seiner Kategorie verhalten? Wie groß ist doch das Entsetzen, wenn sich der Nachbar als unmoralische, verbrecherische Person entpuppt? Dann sagen die Menschen, sie hätten das nie von ihrem Nachbarn erwartet. Und wie auch? Die Bezeichnung Nachbar umfasst eben ganz spezielle Verhaltensweisen und Eigenschaften. Alles darüber hinaus wird ausgeblendet oder am Ende sogar verblendet.
Die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Neue Situationen, die keinem Schema zu entsprechen scheinen, werden daher oftmals sehr unterschiedlich bewertet. Die Menschen geben ein- und derselben Situation mitunter viele unterschiedliche Namen. Wir versuchen, das Unbekannte mit Bekannten in Einklang zu bringen. Das nennt sich in der Entwicklungspsychologie Assimilation. Die unterschiedliche Assimilation zweier Menschen birgt eine Menge Konfliktpotenzial. Insbesondere dann, wenn ein jeder meint, sein eigenes Konzept verteidigen zu müssen, um am Ende sich selbst zu schützen. Die Reibung ist meistens auch nur erträglich, weil es im Kern eben doch diesen einen gemeinsamen Nenner an Werten gibt. Wobei auch das sicher seine Grenzen hat…
Fällt es mir deshalb schwer, die Dinge beim Namen zu nennen? Die Bezeichnung „Ding“ ist letztlich ein Platzhalter, der es uns ermöglicht, eine Sache weitgehend wertfrei zu betrachten. Wenn ich sage, dass Dinge passiert sind, dann erlaube ich mir, eine eigene Wertung zu haben. Ich werde nicht gezwungen, die gesellschaftliche Bedeutung zu adaptieren. Was mir wiederum die Freiheit lässt, mit diesen Erlebnissen auf meine eigene Art umgehen zu können. Ich schaffe mir eine Art Schlupfloch.
Wohnt der Betitelung der Tatsachen der eigentliche Schmerz inne? Immerhin wird mir gesagt, wie ich mich wegen dieser oder jener Phänomene fühlen soll. Es gibt so viele Worte, mit denen sich die inneren Vorgänge beschreiben lassen. Sie können in Formen gegossen und betrachtet werden. Sie können analysiert, bewertet und korrigiert werden. Die Beschreibungen sind jedoch viel zu oft mangelhaft. Sie bilden nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes ab. Zumindest fühlt es sich so an. Ich muss mich mit Worten erklären, die von Menschen erfunden wurden, die Außenstehende sind. Oftmals fühle ich mich wie jemand, der aus einer anderen Kultur kommt und sich durch die Sprachbarriere nicht richtig verständigen kann. Und nicht selten stoße ich auf Unverständnis oder gar Ablehnung, weil ich eben nicht so bin, wie die vielen anderen.
Ich habe Schwierigkeiten in dieser Welt, weil ich dem Stempel, der mir aufgedrückt wurde, nicht entsprechen möchte. In mir ist dieser brennende Wunsch, mich von den Fesseln dieser Gesellschaft zu befreien. Denn ich bin sehr müde geworden. Ich bin müde, die Rollen zu spielen, die mir das Leben gab.
Bei einer der Therapiesitzungen fragte ich Dr. Freud, ob ich auch dann Probleme hätte, in dieser Welt zurecht zu kommen, wenn die Gesellschaft andere Werte hätte. Wäre der Leidensdruck der gleiche, wäre ich anders sozialisiert worden? Lebte ich nicht in dieser Gesellschaft, die ihre ganz eigenen Wert- und Moralvorstellungen hat? Wäre mein inneres Entsetzen dann noch vorhanden? Bräuchte ich überhaupt eine Therapie, gäbe es diese Zerrissenheit nicht, die bloß existiert, weil meine innere Welt so konträr zur äußeren ist? Mal ganz abgesehen davon, dass eine solche Welt ein furchtbarer Ort wäre, kann ich keine Antwort auf diese Frage finden. Und am Ende ist sie auch irrelevant. Denn ich lebe nun mal in genau dieser Gesellschaft mit genau diesen Werten, Regeln und Normen. Und letztlich leide ich, weil eben diese Konzepte in meinem Leben mit den Füßen getreten wurden.
Nun wird von mir erwartet, dass ich die Werte der anderen übernehme und all die Namen, die ich lernte, zu vergessen. Ich soll einsehen, dass Beziehungen anders funktionieren und andere Erwartungen stellen.
Ich finde das alles sehr verwirrend und weiß manchmal nicht, was ich tun soll. Ich habe oft das Gefühl, es nicht richtig machen zu können oder mich zu doof anzustellen. Dann verfalle ich in erlernte Muster und verkrieche mich in meiner eigenen kleinen Welt. Schließlich ist es das, was ich kenne und was mir vermeintlichen Schutz bietet.
Es ist nämlich so: mit der Korrektur eines Begriffes und einer damit verknüpften Bewertung ist es nicht getan. Denn ist Wurzel bereits vergiftet, hat das sogar Auswirkungen auf das kleinste Blatt.
Wolkentänzerin



