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Mittwoch, 16. Dezember 2020

Gib dem Kind einen Namen

Wir Menschen haben für alles einen Namen. Von Gegenständen, über Menschen, bis hin zum kleinsten Teilchen haben wir Bezeichnungen vergeben. Ist der kleinste Unterschied zu erkennen, muss eine neue Betitelung her, um der Andersartigkeit Ausdruck zu verleihen. Und auch uns als Menschen wird, sobald wir diese Erde betreten, ein Name gegeben. Oftmals bereitet werdenden Eltern gerade das die meisten Schwierigkeiten. Denn bei jeder Bezeichnung schwingt automatisch eine Bewertung mit.

Unsere Welt ist in Kategorien unterteilt und wir folgen festen Schemata, um uns in unserem sozioökonomischen Umfeld orientieren zu können. Nach Piaget adaptieren wir bereits in frühster Kindheit neue Informationen zu vorhandenen Schemata. Dadurch erstellen wir uns nach und nach einen Baum der Logik und des Verständnisses. Wir beobachten und werten. Wir lernen zu erkennen und zu unterscheiden. 

Kindern werden neue Begriffe oft beigebracht, indem Erwachsene auf Gegenstände zeigen und sagen, was sie sehen. Oder sie hindern die Kinder daran, etwas in den Mund zu stecken und geben dem Kind zu verstehen, dass das ekelig oder dreckig ist. Sobald wir auf der Welt sind, errichten die Menschen um uns herum, unser Weltverständnis und unseren Umgang mit uns und dem Umfeld, mit dem wir tagtäglich in Aktion treten.

Schon früh lernen wir außerdem, uns gegebenen Namen entsprechend zu verhalten. Wir sind Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde, Schüler, Lehrer und so weiter. Daran sind feste Erwartungen geknüpft, die wir erfüllen müssen. Genauso wie wir im Gegenzug etwas von unserem Gegenüber erwarten, wenn wir ihn unseren Freund nennen.

Es scheint, als könne sich der Mensch nur zurechtfinden, wenn er seine Umwelt labelt. Alles muss eine Bedeutung haben, jede Beziehung einen Namen tragen. Wir brauchen klare Strukturen und Rahmenbedingungen. Nur so kann das Miteinander funktionieren. Es sind festgeschrieben Statuten, denen wir uns schwer bis gar nicht entziehen können. Verhalten Menschen sich anders, sind sie Systemsprenger oder schlicht unfähig, sich anzupassen. Vielleicht bezeichnen wir sie auch als Querulanten und unangenehme Zeitgenossen. Immerhin brauchen wir auch dafür einen Namen und eine Wertung. Wir brauchen für alles und jeden Schubladen. Erst das Einsortieren in die jeweilige Kategorie ermöglicht es uns, unser Verhalten und unsere Denkweise anzupassen.

Haben wir deshalb Angst vor den dunklen Wesen, die in der Nacht lauern? Weil sie namenlose Gestalten sind, die wir nicht greifen können? Oder ist es vielmehr die Furcht davor, ein Mensch könnte aus der Reihe tanzen und sich entgegen seiner Kategorie verhalten? Wie groß ist doch das Entsetzen, wenn sich der Nachbar als unmoralische, verbrecherische Person entpuppt? Dann sagen die Menschen, sie hätten das nie von ihrem Nachbarn erwartet. Und wie auch? Die Bezeichnung Nachbar umfasst eben ganz spezielle Verhaltensweisen und Eigenschaften. Alles darüber hinaus wird ausgeblendet oder am Ende sogar verblendet.

Die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Neue Situationen, die keinem Schema zu entsprechen scheinen, werden daher oftmals sehr unterschiedlich bewertet. Die Menschen geben ein- und derselben Situation mitunter viele unterschiedliche Namen. Wir versuchen, das Unbekannte mit Bekannten in Einklang zu bringen. Das nennt sich in der Entwicklungspsychologie Assimilation. Die unterschiedliche Assimilation zweier Menschen birgt eine Menge Konfliktpotenzial. Insbesondere dann, wenn ein jeder meint, sein eigenes Konzept verteidigen zu müssen, um am Ende sich selbst zu schützen. Die Reibung ist meistens auch nur erträglich, weil es im Kern eben doch diesen einen gemeinsamen Nenner an Werten gibt. Wobei auch das sicher seine Grenzen hat…

Fällt es mir deshalb schwer, die Dinge beim Namen zu nennen? Die Bezeichnung „Ding“ ist letztlich ein Platzhalter, der es uns ermöglicht, eine Sache weitgehend wertfrei zu betrachten. Wenn ich sage, dass Dinge passiert sind, dann erlaube ich mir, eine eigene Wertung zu haben. Ich werde nicht gezwungen, die gesellschaftliche Bedeutung zu adaptieren. Was mir wiederum die Freiheit lässt, mit diesen Erlebnissen auf meine eigene Art umgehen zu können. Ich schaffe mir eine Art Schlupfloch.

Wohnt der Betitelung der Tatsachen der eigentliche Schmerz inne? Immerhin wird mir gesagt, wie ich mich wegen dieser oder jener Phänomene fühlen soll. Es gibt so viele Worte, mit denen sich die inneren Vorgänge beschreiben lassen. Sie können in Formen gegossen und betrachtet werden. Sie können analysiert, bewertet und korrigiert werden. Die Beschreibungen sind jedoch viel zu oft mangelhaft. Sie bilden nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes ab. Zumindest fühlt es sich so an. Ich muss mich mit Worten erklären, die von Menschen erfunden wurden, die Außenstehende sind. Oftmals fühle ich mich wie jemand, der aus einer anderen Kultur kommt und sich durch die Sprachbarriere nicht richtig verständigen kann. Und nicht selten stoße ich auf Unverständnis oder gar Ablehnung, weil ich eben nicht so bin, wie die vielen anderen. 

Ich habe Schwierigkeiten in dieser Welt, weil ich dem Stempel, der mir aufgedrückt wurde, nicht entsprechen möchte. In mir ist dieser brennende Wunsch, mich von den Fesseln dieser Gesellschaft zu befreien. Denn ich bin sehr müde geworden. Ich bin müde, die Rollen zu spielen, die mir das Leben gab.

Bei einer der Therapiesitzungen fragte ich Dr. Freud, ob ich auch dann Probleme hätte, in dieser Welt zurecht zu kommen, wenn die Gesellschaft andere Werte hätte. Wäre der Leidensdruck der gleiche, wäre ich anders sozialisiert worden? Lebte ich nicht in dieser Gesellschaft, die ihre ganz eigenen Wert- und Moralvorstellungen hat? Wäre mein inneres Entsetzen dann noch vorhanden? Bräuchte ich überhaupt eine Therapie, gäbe es diese Zerrissenheit nicht, die bloß existiert, weil meine innere Welt so konträr zur äußeren ist? Mal ganz abgesehen davon, dass eine solche Welt ein furchtbarer Ort wäre, kann ich keine Antwort auf diese Frage finden. Und am Ende ist sie auch irrelevant. Denn ich lebe nun mal in genau dieser Gesellschaft mit genau diesen Werten, Regeln und Normen. Und letztlich leide ich, weil eben diese Konzepte in meinem Leben mit den Füßen getreten wurden.

Nun wird von mir erwartet, dass ich die Werte der anderen übernehme und all die Namen, die ich lernte, zu vergessen. Ich soll einsehen, dass Beziehungen anders funktionieren und andere Erwartungen stellen.

Ich finde das alles sehr verwirrend und weiß manchmal nicht, was ich tun soll. Ich habe oft das Gefühl, es nicht richtig machen zu können oder mich zu doof anzustellen. Dann verfalle ich in erlernte Muster und verkrieche mich in meiner eigenen kleinen Welt. Schließlich ist es das, was ich kenne und was mir vermeintlichen Schutz bietet.

Es ist nämlich so: mit der Korrektur eines Begriffes und einer damit verknüpften Bewertung ist es nicht getan. Denn ist Wurzel bereits vergiftet, hat das sogar Auswirkungen auf das kleinste Blatt. 


 

Wolkentänzerin

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin

Freitag, 28. August 2020

Projizierte Identität

Gestern war wieder Therapie. Und es war wieder enorm anstrengend und verwirrend. Immerhin haben wir nun entschieden, dass es zu einer Zusammenarbeit kommen wird. Unter der Prämisse, dass ich Bescheid gebe, wenn ich eine Krise habe und dann gegebenenfalls in eine Klinik gehen werde. Schließlich könne keiner von uns beiden einschätzen, was in mir passiert, wenn ich anfange, über die Dinge in mir zu sprechen. 

Wobei das Sprechen sowieso so eine Sache ist. Die Psychoanalyse basiert auf der freien Assoziation. Das bedeutet, dass sich der Therapeut im Hintergrund hält, sodass der Klient den Raum füllen und über alles reden kann, was in ihm vorgeht. 

Allerdings fällt es mir enorm schwer, von mir aus loszuplappern. Ich warte immer darauf, dass mir jemand Fragen stellt und mir somit die Erlaubnis erteilt, den Raum einzunehmen. Ja, ich brauche die Legitimation existieren zu dürfen. 

Ich erklärte ihm, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich ein Mensch mögen könnte. Dass ich es nicht glauben kann, ganz gleich wie oft mein Gegenüber es mir auch sagen mag. Vielmehr bin ich davon überzeugt, ein Monster zu sein. Ein Mensch, der anderen bloß Schaden zufügt und sich deshalb lieber fernhalten sollte. Ich habe schreckliche Angst davor, dass der andere erkennen könnte, dass mit mir etwas nicht stimmt und sich dann abwendet und geht. 

Dr. Freud (ich werde ihn nun einfach im weiteren Verlauf so nennen) erklärte mir, dass ich mich mit der Projektion meiner Eltern auf mich identifiziert habe. Sie waren und sind wohl tatsächlich davon überzeugt, all das Schlechte sei nur passiert, weil ich eine so furchtbare Tochter war und bin. Dadurch haben sie sich selbst entlastet, weil sie mir die Verantwortung übertrugen. 

Zwischendurch wurde Dr. Freud sehr laut und hat meine Eltern als Monster und Perverse bezeichnet. Er wurde sehr emotional, was mich absolut verwirrt hat. Er fragte mich, ob mir bewusst sei, dass er das tue, weil ich es nicht könne. Naja, das macht es aber nicht unbedingt leichter. Ich meine, natürlich ist mir bewusst, dass ich lernen muss, die Dinge mit Emotionen zu verknüpfen und dadurch richtig einordnen zu können. Doch dieser unsagbare innere Schmerz ist einfach nur heftig. Es fühlt sich an, als würde ich innerlich bluten und dabei hilflos zusehen, weil ich nicht weiß, wie ich die Blutung stillen soll.

Ich habe wohl eine starke Persönlichkeitsstörung, weil ich all die Dinge, die meine Eltern mir antaten, nun mir selbst antue. Immer und immer wieder. Die erlernten Überzeugungen sitzen so tief, dass ich enorm viel Therapie brauche. Ein niederschmetterndes Urteil. Ich weiß, dass es naiv klingt, aber ich habe bis zuletzt gehofft, dass es vielleicht doch einen magischen Schalter gibt, den ich umlegen und endlich „normal“ sein könnte. Nix da. Er rechnet mit drei Jahren intensiver Therapie bis ich ansatzweise mit dem Erlebten zurechtkommen kann. Drei Jahre. Drei verdammt anstrengende Jahre voller Kampf und Schmerz.

Es widerstrebt mir, jemanden für meine Lage verantwortlich zu machen. Immerhin bin ich eine erwachsene Frau und kann eigene Entscheidungen treffen. Aber so deutlich mitgeteilt zu bekommen, wie stark mein Ich eingeengt und von mir klein gehalten wird, macht mich sprachlos. Meine Eltern haben meine Seele vergiftet und es wird mich so viel Kraft kosten, es loszuwerden. Wobei es am Ende keine Garantie dafür gibt, dass es funktionieren wird.

Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob es all den Aufwand und Schmerz wert ist. Ich möchte gerade an einen einsamen Ort gehen und so laut schreien wie es mir nur irgend möglich ist. Ich möchte das Brennen in mir löschen. Ich möchte die erdrückende Schwere in mir loswerden. Ich möchte mir die Haut abziehen. Ich möchte mir den Kopf abreißen. Ich möchte mir den Schädel einschlagen. Ich möchte mir schlimmste Dinge antun. Ich möchte aufhören zu existieren.

Meine Mutter sagte oft zu mir, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nie geboren worden wäre, weil allen dann viel Leid erspart geblieben wäre. Und weißt du was, Mutter? Ich glaube, damit hattest du tatsächlich recht…

Wolkentänzerin

 


Dienstag, 18. August 2020

Abgetaucht

Langsam tauche ich meinen Kopf unter Wasser. Ich spüre die Kälte auf meiner Haut. Kann wahrnehmen, wie meine Haut mit jeder weiteren Sekunde an Temperatur verliert. Das Wasser ist derart kalt, dass es mir wie Brennen vorkommt. Allmählich fühle ich den Druck auf meinem Brustkorb. Ich kann nicht atmen. Mit all meiner Kraft stelle ich mich gegen das Verlangen, aufzutauchen und nach Luft zu japsen. Mein Körper kämpft gegen meinen Geist. Ich fange an zu zucken. Ich genieße die Panik, die in mir aufsteigt. Für einen Moment habe ich die absolute Kontrolle über mich. Ich habe das Gefühl, über mein Leben genauso wie über meinen Tod bestimmen zu können. Und ich koste diesen Moment in vollen Zügen aus. Bis ich schließlich keuchend und vollkommen erschöpft an die Wasseroberfläche zurückkehre. Noch immer den süßen Geschmack des Todes auf meinen Lippen.

Die letzten Wochen können durchaus als kraftraubend bezeichnet werden. Ich hatte erste Therapiesitzungen. Naja, mehr Erstgespräche. Doch die hatten es in sich. Bei einem Psychoanalytiker hatte ich bisher vier Sitzungen. Er ist sich jedoch noch unsicher, ob das mit uns funktionieren könnte, da er den Grad der Traumatisierung nicht abschätzen kann. Und ich bin ihm dabei wohl auch keine große Hilfe. Denn ich habe mich ein Stück weit geöffnet und möchte mich nicht damit auseinandersetzen müssen, dass es „umsonst“ gewesen sein könnte. Schließlich hat schon das bisschen, das ich erzählte, vieles in mir ausgelöst. Vor allem eine riesige Menge Schmerz, Traurigkeit und eine Ahnung von jenen Fesseln, die noch immer in mir sind. Der Therapeut bezeichnete mich als verschachtelt und innerlich stark verknotet. Er sagte, ich wirke wie erstarrt.

Wir sprachen darüber, dass es mir schwerfällt, meine Gedanken und Gefühle verbal mit jemandem zu teilen. Dass ich stets die Zuhörerin bin und mich in den Hintergrund stelle. Wir sprachen über meine Eltern und auch grob über die Dinge, die waren. Mich intensiv damit auseinanderzusetzen, welches eingeschränkte Leben ich führe, tat mir sehr weh. Mir vor Augen zu führen, dass ich diese Einsamkeit und die Mauer des Schweigens schon so lange mit mir herumtrage, hat mich enorm traurig gemacht.

Der Therapeut geht davon aus, dass vor mir ein sehr weiter Weg liegt, der viele Jahre in Anspruch nehmen wird. Aber was habe ich denn auch erwartet? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich erwartet habe. Obwohl, doch, wahrscheinlich habe ich eine Wunderheilung erwartet. Ein paar Gespräche und et voila kommt eine perfekt an die Gesellschaft angepasste Wolkentänzerin dabei heraus. Ja, ich weiß, ich hatte schon clevere Ideen…

Die Gespräche haben mich in jedem Fall enorm aufgewühlt und eine Lawine an Emotionen losgetreten. Ich fühle all das, was das kleine Kind in mir fühlte. Da ist viel Verletzung, aber auch Unsicherheit, Angst und Schrecken. Und ich frage mich, warum Verarbeitung bedeutet, nochmal durch die absolute Hölle gehen zu müssen.

Zu allem Überfluss hatte ich außerdem noch Kontakt zu meinen Eltern. Meine Mutter rief mich aus heiterem Himmel an und wollte von mir, dass ich mich für meinen Vater einsetze. Dieser hatte sich nämlich in eine, naja, nennen wir es „ungünstige“ Situation gebracht. Meine Mutter verlangte von mir, dass ich ihn da rausboxe. Immerhin sei es meine Pflicht als Tochter und allmählich auch mal an der Zeit, dass ich etwas zurückgebe. Schließlich hätten sie mich großgezogen und sich den Ar*** für mich und meine Brüder aufgerissen. Sie hätten sogar ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um uns alles zu ermöglichen, was wir brauchen. Ja, klar, bis auf Liebe und eine unversehrte Kindheit vielleicht. Aber das ist sicher Meckern auf hohem Niveau, oder Mutter? Ich war von diesem Anruf so perplex, dass es mir die Stimme verschlug. Mir fehlten die Worte. Es war das erste Gespräch seit einer gefühlten Ewigkeit und meine Mutter tat einfach so, als wäre nie etwas gewesen. Nein, stattdessen hatte sie sogar die Unverfrorenheit, mir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen. Sie drückte genau die Knöpfe, die mir mein Leben so schwer machen. Sie erzählte mir, dass mein Vater schwere Depressionen habe und das im Grunde ja auch meine Schuld sei, weil ich den Kontakt abgebrochen habe. Ohja, das wird der einzige Grund sein, weshalb er psychisch erkrankte. Einen anderen Grund kann es letztlich natürlich auch nicht geben. Am Ende sagte meine Mutter dann noch, dass sie mir von meinem Vater ausrichten soll, dass er jetzt verstehen könnte, wie ich mich damals fühlte. Moment! Bitte was? Das habe ich jetzt nicht gehört. Er kann verstehen, wie ich mich fühlte? Soll das ein Scherz sein? Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass er Grund für den größten Schmerz in mir ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in der Klinik war und für ein Wochenende heimkehrte und ihr mir sagtet, ich solle erst wieder nach Hause kommen, wenn ich gesund wäre. Dabei wart ihr der Grund dafür, dass ich mich umbringen wollte. Daran ist nichts zu verstehen. Aber okay, ihr hattet eben schon immer eure eigene Wahrheit. Nach der ihr niemals etwas falsch gemacht habt. Nach der mein Vater ein wundervoller Vater und meine Mutter eine großartige Mutter war… Bevor das Gespräch endete, in dem ich übrigens kaum ein Wort hervorbrachte, sagte meine Mutter, dass Gott unsere Familie besonders segne, sodass er uns immer wieder Prüfungen schicke, um uns immer wieder die Möglichkeit zu bieten, unsere Unerschütterlichkeit unter Beweis zu stellen.

Was soll ich sagen? Ich habe nicht getan, worum meine Mutter mich bat. Zum einen das schlicht nicht im Bereich meiner Möglichkeiten. Zum anderen hat mein Vater etwas getan, das mich zutiefst erschüttert hat und mir vor Augen führte, dass er sich kein bisschen verändert hat. Vielmehr hat es mich mit meiner Verantwortlichkeit konfrontiert. Damit, dass ich letztlich tatenlos zuschaue und es nicht verhindere. Doch ich wehre mich dagegen, mich auch nur einen weiteren Tag verantwortlich für meine Eltern zu fühlen. Es geht nicht. Und ich weiß, dass ich mich damit schuldig mache. Aber es geht eben nicht. Punkt.

Drei Tage später kontaktierte mich mein Vater. Er hatte mir mehrere Nachrichten geschrieben und mich einige Male angerufen. Irgendwann ging ich dran. Schlau kann man das wohl definitiv nicht nennen. Er sagte mir, dass der Hund meiner Eltern verstorben sei. Eine tatsächlich sehr traurige Nachricht. Ich hing enorm an diesem Hund und habe wundervolle Erinnerungen an ihn. Er erzählte mir, dass meine Mutter einen Nervenzusammenbruch habe und er nicht wisse, was er tun solle. Moment! Seit wann bin ich die Telefonseelsorge für meine Eltern? Wann genau ist das eigentlich passiert? Was genau hat sie dazu veranlasst, zu glauben, ihre Sorgen würden bei mir Anklang finden? Was in den letzten Jahren hat ihnen das Gefühl vermittelt, ich wäre für die Art des Kontakts empfänglich? Mir hat es sofort die Sprache verschlagen. Allein seine Stimme zu hören, war schon zu viel. Er nannte mich seine „Prinzessin“ und sagte mir, wie lieb er mich habe und wie sehr er mich vermissen würde. Ich habe mich so dreckig und klein gefühlt. Er sagte außerdem, dass er nur derart in der Miesere stecke, weil ich keinen Kontakt mehr wolle. Dass er diese Dinge nur getan habe, weil er mich so vermisse. Klar, das soll mich nochmal davon überzeugen, dass es meine Pflicht ist, dich rauszuboxen. Mich für dich einzusetzen und sagen, was für ein toller Mensch du bist. Ich war rasend vor Wut. Doch ich schluckte diese Wut herunter und hörte ihm zu. Ich ließ ihn über mich drüber walzen. Ich war unfähig, meine Grenzen aufzuzeigen und mich für mich stark zu machen. Mit jedem weitern Wort, das in mein Ohr drang, verschwand ich ein Stück mehr. Das Gespräch endete mit einer Empfehlung meinerseits dazu, wie er meiner Mutter helfen könnte. Wow, was für eine Meisterleistung – nur eben nicht von mir.

Ich habe sogar darüber nachgedacht, ob meine Eltern spezielle Antennen haben. Was für ein Zufall es doch ist, dass ich eine Therapie beginne und versuche, meine traumatische Kindheit und Jugend zu verarbeiten und just in dem Augenblick melden sich meine Eltern bei mir.

Wobei ich auch auf eine gewisse Art froh über diesen Kontakt war. Denn er hat mir einmal mehr deutlich gemacht, wie meine Eltern sind. Sie haben sich nicht geändert. Und auch, wenn das bedeutet, dass ich niemals die Liebe erhalten werde, die ich mir von ihnen wünsche, hat es mir gezeigt, dass ich nicht verrückt bin. Ich bilde mir diese Dinge nicht ein. Mein Vater tut einige Dinge noch immer und sieht nicht ein, wie falsch das ist. Und meine Mutter beschützt ihn, wie sie es auch schon damals tat. Und all das begründen sie mit göttlichem Segen und ihrem treuen Glauben. Täten ihre Worte und Taten mir nicht so weh, könnte ich tatsächlich Mitleid mit ihnen empfinden.

 

Erneut tauche ich meinen Kopf in das kalte Nass und lausche dem Rauschen in meinen Ohren. Irgendwann muss es mir doch gelingen, den Kampf zu gewinnen und endlich die süße Ruhe zu erlangen, die ich mir so sehnlich wünsche. Irgendwann muss ich dem Sog, der sich mein Leben nennt, doch entkommen können. Irgendwann…

 

Wolkentänzerin