Warnung

Triggerwarnung! Dieser Blog enthält sensible Inhalte! Bitte lies nicht weiter, wenn es dir nicht gut geht oder spezielle Themen nicht gut für dich sind. Bitte geh achtsam mit dir um!
Posts mit dem Label Chaos werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Chaos werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 22. Dezember 2021

Prätherapeutisches Wirrwarr

Gleich ist wieder Therapie. Das letzte Mal dieses Jahr. Dr. Freud hat extra einen Ausweichtermin eingerichtet, damit wir uns nochmal vor Weihnachten zusammensetzen können. 

Ich möchte nicht hingehen. Bin enorm nervös, abgespalten, verwirrt. Mir ist mein Kopf gerade zu viel. 

Wir wollen über Weihnachten sprechen. Heute und früher. Allein bei dem Gedanken möchte ich weglaufen und mich verstecken. Die Vorstellung diese Dinge zu bereden, löst Angst und Unbehagen aus. Ich möchte das vermeiden und davon ablenken. Mich nicht mit diesen Momenten konfrontieren müssen. Dabei weiß ich, dass es notwendig ist. Dass ich hinsehen und aushalten muss. Nur so hört es vielleicht irgendwann auf. Vielleicht. 


Wolkentänzerin


Montag, 20. Dezember 2021

Montagsverwirrung

 Ich blicke in den Spiegel. Die letzte Stunde verbrachte ich damit, meine rote Mähne mit einem Lockenstab zu bändigen. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Meine Haare sind das Einzige, das ich an mir mag. Für einen Moment schaue ich mir selbst in die Augen und erkenne meine Eltern darin. Ich habe seine Augen. Manchmal blitzen Erinnerungen auf, wenn mich mein eigener Blick trifft. Dann überkommt mich die Angst, dass ich Teile von ihnen in mir haben könnte. Dass ich so werden könnte wie sie. 

Mühsam schüttle ich diesen Gedanken von mir ab. Dafür ist jetzt keine Zeit. Zu groß ist die Gefahr, dass ich Dinge aufwühle, die mich außer Gefecht setzen könnten. Nein, nicht jetzt! 

Also krame ich mein Lernzeug hervor und beschäftige mich mit der Implementierung von Algorithmen, mit ihren Bestandteilen und Befehlen. Doch ich kann mich nicht konzentrieren. Mein Geist schweift ständig ab und geht auf Wanderschaft durch meine chaotische Gedankenlandschaft. Mit aller Kraft versuche ich, meinen Fokus zurück auf das Wesentliche zu richten. Das will mir allerdings nicht so recht gelingen. Es nervt mich. Ich habe für meine Zerstreutheit kein Verständnis und keine Geduld. Es ärgert mich, dass ich gerade nicht funktionieren will. Vertraute Beschimpfungen werden in mir laut und ich ergebe mich eine zeitlang dem Selbsthass. Das hilft mir dabei, den eigenen Raum einzuschränken. Ich erlaube mir nicht, mich mit mir auseinanderzusetzen. Mein Alltagsich kehrt zurück und verschließt all die störenden Emotionen in einer massiven Kiste. 

Mir ist bewusst, dass meine Rationalität mir selbst im Weg steht. Ich weiß, dass ich gleich zur Therapie und dort über eben jene Gefühle sprechen muss. Verdrängen hat mich noch nie weit gebracht. Es hat mir meine Existenz gesichert, mehr aber auch nicht. Allerdings weiß ich nicht, wie es anders aushaltbar sein soll. Dr. Freud sagt, ich müsse einen Zugang zu den Empfindungen finden, um die Dinge "verarbeiten" zu können. Ja, klingt pausibel. Aber wie gehe ich mit der Wucht der Dinge um, wenn der Schutzmechanismus fehlt? Wie soll ich der zerstörerischen Brand in mir bekämpfen, wenn ich den Feuerlöscher nicht benutzen kann? Vielleicht bin ich auch schlicht ein zu großer Feigling...



Wolkentänzerin

Samstag, 18. Dezember 2021

Lautloser Schrei

 Was stimmt bloß nicht mit mir? Wohin mit all dem inneren Druck? Doch für immer gehen? Oder bleiben und aushalten? Ich drehe mich im Kreis. Oder dreht sich die Welt, während ich stehengeblieben bin? Herauskatapultiert worden, weil das Entsetzen so groß war? 

Ich brauche Beschäftigung, sonst drehe ich noch durch. Oder bin ich das längst? Ist das vielleicht des Pudels Kern? 

Sinnlose Worte werden aneinandergereiht, in die Welt hinausgespuckt, weil es irgendwie raus muss. Weil es sonst nicht ausgesprochen werden kann. Nur Getippe auf einer Tastatur ist möglich. Alles andere zu bedrohlich. Zu schwierig. 

Ich möchte schreien. Mir die Seele aus dem Leid krakelen. Doch es bleibt bei dem Wunsch. Mehr passiert nicht. Stattdessen bleibt der Druck hängen und verstopft mich von innen. Ich bekomme kaum noch Luft, habe Angst. Wann geht diese miese Dunkelheit endlich weg? Wann?



Wolkentänzerin


Freitag, 13. November 2020

Long Story Short

 Die Hausaufgabe ist geschrieben. Die Besprechung blieb bisher aus. Ein Gefühl zwischen Freude und Enttäuschung. Zwischen bangen und hoffen. Immer im Zwiespalt. Immer in zwei Welten.

Derzeit fühlt es sich an, als träfen meine beiden Realitäten aufeinander. Ein furchtbarer Crash bahnt sich an und ich kann nichts dagegen tun. Fühle mich wie ein Beobachter bei einem Unfall. Hin- und hergerissen zwischen Faszination und Erschrecken. Ich spüre den Tatendrang – genauso wie die lähmende Hilflosigkeit.

Ich kann nicht atmen. Nein, vielmehr halte ich den Atem seit einer gefühlten Ewigkeit an und warte auf diesen einen entscheidenden Moment. Den Augenblick, in dem ich endlich ausatmen kann. Stattdessen schwebe ich durch die Zeit und weiß nicht mehr, wo oben oder unten ist. Ich habe die Orientierung verloren, weil sich die Dunkelheit in mein Leben geschlichen hat. War sie denn nicht schon immer da? Ja, gewiss, das war sei. Aber eben in mir drin.

Mein Inneres und die Welt dort draußen sind vollkommen unterschiedliche Dimensionen, die ich bisher strikt voneinander zu trennen versuchte. Mein funktionierendes Alltagsich ließ keinen Kompromiss zu. Irgendwie musste ich es eben schaffen, die Aufgaben zu erledigen, die an mich gestellt wurden und auch weiterhin werden. Niemals wollte ich, dass mir jemand ansehen kann, wie es mir geht.

Ein Stück weit habe ich meine Daseinsberechtigung verloren. Schließlich bestand sie darin, anderen Menschen zu helfen. Das schaffe ich derzeit jedoch nicht. Ich habe dafür schlicht und ergreifend keine Kraft. Doch wie kann ich das vor mir rechtfertigen? Wie kann ich es wagen, diesen egoistischen Akt der Therapie in Anspruch zu nehmen und das nicht auszugleichen? Die Stimme meiner Mutter dröhnt so laut in meinem Kopf und zwingt mich in die Knie.

Der Schmerz, über diese Themen zu sprechen oder sie zumindest anzureißen, ist überwältigend. Als ramme mir jemand ein Messer in den Rumpf. Immer und immer wieder. Und ich weiß, dass ich mich mit diesen Themen beschäftigen muss. Doch dieser Schmerz ist dermaßen einnehmend und alles überschattend, dass ich nicht weiß, wie ich das aushalten soll.

Letztlich ist es jedoch so, dass ich nicht aufgeben kann und werde. Ich darf diesen übermächtigen und drängenden Suizidgedanken nicht nachgeben. Denn was passiert, wenn ich es tue? Ich sterbe und das wäre das Ende dieser Geschichte. Was bliebe, wäre Dunkelheit und Schmerz. Diese Dinge blieben, zwar nicht in meinem Leben, aber in den Leben anderer. Es wäre bloß eine Übertragung. Und das kann ich nicht mit mir vereinbaren. Noch nicht.

 



 

Wolkentänzerin

Montag, 12. Oktober 2020

Die prokrastinierte Hausaufgabe

Neben mir liegt ein Blatt Papier. Format A4. Darauf sind 10 Punkte zu finden. Diese Punkte gliedern sich wiederum in die Unterpunkte a)-d).

Dieses schlichte schwarz-weiße Dokument hat mir in den vergangenen zwei Stunden so manche Nerven gekostet. Dabei sind die Fragen, die darauf aufgeführt sind, im Grunde einfach zu beantworten. Ja, naja, so richtig einfach ist es auch wieder nicht - aber immerhin ist es kein Quiz. Es ist lediglich ein Fragebogen zu meiner Familiengeschichte. Dr. Freud möchte die Antworten haben, um den Langzeitantrag bei der Krankenkasse stellen zu können.

Ich habe heute sozusagen Hausaufgaben aufbekommen. Ganz wie zu Schulzeiten. Nur, dass ich diesmal keinen blassen Schimmer habe, was ich schreiben soll.

Bei jedem verfassten Satz, den ich mir nur schwer abringen konnte, säuselt die Stimme in meinem Kopf drauflos. "Wie kannst du nur so über uns reden?", "Du bist eben eine undankbare Egoistin keines gleichen"...

Seit der Therapiesitzung heute ist mir speiübel. Ich fühle mich irgendwie krank. Dieses Mal war es wieder besonders intensiv und anstrengend. Wir haben die Beziehung zu meiner Mutter beleuchtet und ich spüre wieder all die Empfindungen, die ich als Kind wahrgenommen hatte. All der Kummer und die lähmende Hilflosigkeit sind wieder derart präsent, dass es mir schwerfällt, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Ich will hier nicht sitzen und darüber nachdenken. Denn ich ertrage diesen unbeschreiblichen Schmerz nicht. Ich habe das Gefühl, als steche jedes Mal jemand mit einem Messer auf mich ein. Und ich kann mich nicht dagegen wehren. Stattdessen lasse ich es sogar zu, weil ich glaube, dass es langfristig helfen wird. Aber was genau? Dass es irgendwann nicht mehr so wehtut, weil ich abgehärtet bin? Weil ich erkannt habe, dass ich an den inneren Verletzungen nicht sterben werde? Oder bin ich dann vielleicht längst dran gestorben?

Dr. Freud sagt, das Verstehen der Welt hätte mir geholfen zu überleben. Die Zusammenhänge zu kennen, habe mich letztlich gerettet. Allerdings fühlt es sich absolut nicht so an. Vielmehr habe ich das Gefühl, durch all das Verständnis eine umso stärkere Zerrissenheit in mir zu haben. Denn wenn ich weiß, weshalb meine Eltern sich verhielten, wie sie es taten, wie kann ich ihnen das dann noch übelnehmen? Und darf ich das überhaupt? Ohje, jetzt sind wir wieder bei den ganz tiefgründigen und alles entscheidenden Fragen angelangt, auf die es sowieso keine Antwort gibt.

Schade ist, dass ich bei dieser Hausaufgabe nicht abschreiben kann. Wobei ich das sowieso selten tat. Ich hatte immer viel zu große Angst davor, erwischt zu werden und dann aufzufallen. Deshalb habe ich auch noch nie in meinem Leben bei einer Klassenarbeit oder Klausur gespickt. Nicht ein einziges Mal. Darauf bin ich nicht stolz. Vielmehr macht es mich traurig. Am Ende sagt das nämlich nur, dass die Angst seit jeher die Melodie meines Lebens ist.

Doch zurück zum Thema und nicht wieder prokrastinieren. Da fällt mir ein, dass ich kürzlich einen sehr interessanten TED-Talk dazu gehört habe. Dabei ging es unter anderem darum, dass Menschen, die Aufgaben aufschieben, das meist tun, um negative Gefühle zu vermeiden. Es soll daher helfen, sich eine zweite Identität zu schaffen, die die Aufgabensetzung strukturiert und zur Ordnung ruft. Vielleicht sollte ich das mal versuchen. Wobei sich die Frage anschließt, wie der Fragebogen dann am Ende aussieht. Erschaffe ich mir dann in einem Zug gleich fiktive Eltern mit dazu? Abgesehen davon, dass die Expertin das im Podcast so sicher nicht meinte, wäre es auch alles andere als zweckdienlich.

Tja, dieser Blogeintrag hat mir jetzt nicht viel gebracht. Außer der Erkenntnis, dass ich mich von meiner eigentlichen Aufgabe ablenken wollte. Also Schluss damit, wirren Gedanken nachzuhängen und zurück zur Essenz. Immerhin wird dieses Dokument solange über mir schweben, bis ich es endlich vollständig bearbeitet habe.

Ich sollte mir erst dann Gedanken über die Richtig- und Wichtigkeit meiner Antworten machen, wenn ich sie auch tatsächlich niedergeschrieben habe. Alles andere wäre wohl eine allzu vermeidbare Energieverschwendung. 








Wolkentänzerin






Dienstag, 18. August 2020

Abgetaucht

Langsam tauche ich meinen Kopf unter Wasser. Ich spüre die Kälte auf meiner Haut. Kann wahrnehmen, wie meine Haut mit jeder weiteren Sekunde an Temperatur verliert. Das Wasser ist derart kalt, dass es mir wie Brennen vorkommt. Allmählich fühle ich den Druck auf meinem Brustkorb. Ich kann nicht atmen. Mit all meiner Kraft stelle ich mich gegen das Verlangen, aufzutauchen und nach Luft zu japsen. Mein Körper kämpft gegen meinen Geist. Ich fange an zu zucken. Ich genieße die Panik, die in mir aufsteigt. Für einen Moment habe ich die absolute Kontrolle über mich. Ich habe das Gefühl, über mein Leben genauso wie über meinen Tod bestimmen zu können. Und ich koste diesen Moment in vollen Zügen aus. Bis ich schließlich keuchend und vollkommen erschöpft an die Wasseroberfläche zurückkehre. Noch immer den süßen Geschmack des Todes auf meinen Lippen.

Die letzten Wochen können durchaus als kraftraubend bezeichnet werden. Ich hatte erste Therapiesitzungen. Naja, mehr Erstgespräche. Doch die hatten es in sich. Bei einem Psychoanalytiker hatte ich bisher vier Sitzungen. Er ist sich jedoch noch unsicher, ob das mit uns funktionieren könnte, da er den Grad der Traumatisierung nicht abschätzen kann. Und ich bin ihm dabei wohl auch keine große Hilfe. Denn ich habe mich ein Stück weit geöffnet und möchte mich nicht damit auseinandersetzen müssen, dass es „umsonst“ gewesen sein könnte. Schließlich hat schon das bisschen, das ich erzählte, vieles in mir ausgelöst. Vor allem eine riesige Menge Schmerz, Traurigkeit und eine Ahnung von jenen Fesseln, die noch immer in mir sind. Der Therapeut bezeichnete mich als verschachtelt und innerlich stark verknotet. Er sagte, ich wirke wie erstarrt.

Wir sprachen darüber, dass es mir schwerfällt, meine Gedanken und Gefühle verbal mit jemandem zu teilen. Dass ich stets die Zuhörerin bin und mich in den Hintergrund stelle. Wir sprachen über meine Eltern und auch grob über die Dinge, die waren. Mich intensiv damit auseinanderzusetzen, welches eingeschränkte Leben ich führe, tat mir sehr weh. Mir vor Augen zu führen, dass ich diese Einsamkeit und die Mauer des Schweigens schon so lange mit mir herumtrage, hat mich enorm traurig gemacht.

Der Therapeut geht davon aus, dass vor mir ein sehr weiter Weg liegt, der viele Jahre in Anspruch nehmen wird. Aber was habe ich denn auch erwartet? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich erwartet habe. Obwohl, doch, wahrscheinlich habe ich eine Wunderheilung erwartet. Ein paar Gespräche und et voila kommt eine perfekt an die Gesellschaft angepasste Wolkentänzerin dabei heraus. Ja, ich weiß, ich hatte schon clevere Ideen…

Die Gespräche haben mich in jedem Fall enorm aufgewühlt und eine Lawine an Emotionen losgetreten. Ich fühle all das, was das kleine Kind in mir fühlte. Da ist viel Verletzung, aber auch Unsicherheit, Angst und Schrecken. Und ich frage mich, warum Verarbeitung bedeutet, nochmal durch die absolute Hölle gehen zu müssen.

Zu allem Überfluss hatte ich außerdem noch Kontakt zu meinen Eltern. Meine Mutter rief mich aus heiterem Himmel an und wollte von mir, dass ich mich für meinen Vater einsetze. Dieser hatte sich nämlich in eine, naja, nennen wir es „ungünstige“ Situation gebracht. Meine Mutter verlangte von mir, dass ich ihn da rausboxe. Immerhin sei es meine Pflicht als Tochter und allmählich auch mal an der Zeit, dass ich etwas zurückgebe. Schließlich hätten sie mich großgezogen und sich den Ar*** für mich und meine Brüder aufgerissen. Sie hätten sogar ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um uns alles zu ermöglichen, was wir brauchen. Ja, klar, bis auf Liebe und eine unversehrte Kindheit vielleicht. Aber das ist sicher Meckern auf hohem Niveau, oder Mutter? Ich war von diesem Anruf so perplex, dass es mir die Stimme verschlug. Mir fehlten die Worte. Es war das erste Gespräch seit einer gefühlten Ewigkeit und meine Mutter tat einfach so, als wäre nie etwas gewesen. Nein, stattdessen hatte sie sogar die Unverfrorenheit, mir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen. Sie drückte genau die Knöpfe, die mir mein Leben so schwer machen. Sie erzählte mir, dass mein Vater schwere Depressionen habe und das im Grunde ja auch meine Schuld sei, weil ich den Kontakt abgebrochen habe. Ohja, das wird der einzige Grund sein, weshalb er psychisch erkrankte. Einen anderen Grund kann es letztlich natürlich auch nicht geben. Am Ende sagte meine Mutter dann noch, dass sie mir von meinem Vater ausrichten soll, dass er jetzt verstehen könnte, wie ich mich damals fühlte. Moment! Bitte was? Das habe ich jetzt nicht gehört. Er kann verstehen, wie ich mich fühlte? Soll das ein Scherz sein? Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass er Grund für den größten Schmerz in mir ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in der Klinik war und für ein Wochenende heimkehrte und ihr mir sagtet, ich solle erst wieder nach Hause kommen, wenn ich gesund wäre. Dabei wart ihr der Grund dafür, dass ich mich umbringen wollte. Daran ist nichts zu verstehen. Aber okay, ihr hattet eben schon immer eure eigene Wahrheit. Nach der ihr niemals etwas falsch gemacht habt. Nach der mein Vater ein wundervoller Vater und meine Mutter eine großartige Mutter war… Bevor das Gespräch endete, in dem ich übrigens kaum ein Wort hervorbrachte, sagte meine Mutter, dass Gott unsere Familie besonders segne, sodass er uns immer wieder Prüfungen schicke, um uns immer wieder die Möglichkeit zu bieten, unsere Unerschütterlichkeit unter Beweis zu stellen.

Was soll ich sagen? Ich habe nicht getan, worum meine Mutter mich bat. Zum einen das schlicht nicht im Bereich meiner Möglichkeiten. Zum anderen hat mein Vater etwas getan, das mich zutiefst erschüttert hat und mir vor Augen führte, dass er sich kein bisschen verändert hat. Vielmehr hat es mich mit meiner Verantwortlichkeit konfrontiert. Damit, dass ich letztlich tatenlos zuschaue und es nicht verhindere. Doch ich wehre mich dagegen, mich auch nur einen weiteren Tag verantwortlich für meine Eltern zu fühlen. Es geht nicht. Und ich weiß, dass ich mich damit schuldig mache. Aber es geht eben nicht. Punkt.

Drei Tage später kontaktierte mich mein Vater. Er hatte mir mehrere Nachrichten geschrieben und mich einige Male angerufen. Irgendwann ging ich dran. Schlau kann man das wohl definitiv nicht nennen. Er sagte mir, dass der Hund meiner Eltern verstorben sei. Eine tatsächlich sehr traurige Nachricht. Ich hing enorm an diesem Hund und habe wundervolle Erinnerungen an ihn. Er erzählte mir, dass meine Mutter einen Nervenzusammenbruch habe und er nicht wisse, was er tun solle. Moment! Seit wann bin ich die Telefonseelsorge für meine Eltern? Wann genau ist das eigentlich passiert? Was genau hat sie dazu veranlasst, zu glauben, ihre Sorgen würden bei mir Anklang finden? Was in den letzten Jahren hat ihnen das Gefühl vermittelt, ich wäre für die Art des Kontakts empfänglich? Mir hat es sofort die Sprache verschlagen. Allein seine Stimme zu hören, war schon zu viel. Er nannte mich seine „Prinzessin“ und sagte mir, wie lieb er mich habe und wie sehr er mich vermissen würde. Ich habe mich so dreckig und klein gefühlt. Er sagte außerdem, dass er nur derart in der Miesere stecke, weil ich keinen Kontakt mehr wolle. Dass er diese Dinge nur getan habe, weil er mich so vermisse. Klar, das soll mich nochmal davon überzeugen, dass es meine Pflicht ist, dich rauszuboxen. Mich für dich einzusetzen und sagen, was für ein toller Mensch du bist. Ich war rasend vor Wut. Doch ich schluckte diese Wut herunter und hörte ihm zu. Ich ließ ihn über mich drüber walzen. Ich war unfähig, meine Grenzen aufzuzeigen und mich für mich stark zu machen. Mit jedem weitern Wort, das in mein Ohr drang, verschwand ich ein Stück mehr. Das Gespräch endete mit einer Empfehlung meinerseits dazu, wie er meiner Mutter helfen könnte. Wow, was für eine Meisterleistung – nur eben nicht von mir.

Ich habe sogar darüber nachgedacht, ob meine Eltern spezielle Antennen haben. Was für ein Zufall es doch ist, dass ich eine Therapie beginne und versuche, meine traumatische Kindheit und Jugend zu verarbeiten und just in dem Augenblick melden sich meine Eltern bei mir.

Wobei ich auch auf eine gewisse Art froh über diesen Kontakt war. Denn er hat mir einmal mehr deutlich gemacht, wie meine Eltern sind. Sie haben sich nicht geändert. Und auch, wenn das bedeutet, dass ich niemals die Liebe erhalten werde, die ich mir von ihnen wünsche, hat es mir gezeigt, dass ich nicht verrückt bin. Ich bilde mir diese Dinge nicht ein. Mein Vater tut einige Dinge noch immer und sieht nicht ein, wie falsch das ist. Und meine Mutter beschützt ihn, wie sie es auch schon damals tat. Und all das begründen sie mit göttlichem Segen und ihrem treuen Glauben. Täten ihre Worte und Taten mir nicht so weh, könnte ich tatsächlich Mitleid mit ihnen empfinden.

 

Erneut tauche ich meinen Kopf in das kalte Nass und lausche dem Rauschen in meinen Ohren. Irgendwann muss es mir doch gelingen, den Kampf zu gewinnen und endlich die süße Ruhe zu erlangen, die ich mir so sehnlich wünsche. Irgendwann muss ich dem Sog, der sich mein Leben nennt, doch entkommen können. Irgendwann…

 

Wolkentänzerin

Freitag, 5. Juni 2020

Schreien und rennen


Die letzten Minuten verbrachte ich damit, mein schwarzes Notizbuch durchzublättern. Meistens schreibe ich meine Gedanken in dieses kleine Buch nieder, da es immer griffbereit ist. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Außerdem mag ich es, wie die schwarze Tinte langsam in die feinen Fasern des Papiers sickert. Das sanfte Kratzen der Feder über die unregelmäßige Struktur des Blattes beruhigt mich auf eine wundersame Weise. Ich kann anhand meiner verfassten Zeilen sehen, dass sie von mir stammen. Sozusagen ein handschriftlicher Beleg meiner Seelenschwingungen. Oh wow, das klingt kitschig. Aber es stimmt. Wenn ich etwas mit meinem Füller schreibe, fühle ich mich meinem Inneren noch näher. Näher als es beim Tippen der Fall ist.

In dieses Buch packe ich all die Dinge, von denen ich das Gefühl habe, sie dringend loswerden zu müssen. Ich schreibe belastende Bilder, furchtbare Träume und Gedankenfetzen hinein. Zudem finden sich Pro-und-Kontra-Listen zu allen möglichen Themen: Therapie, Klinik, Zukunft, Leben. Sie helfen mir, um das Wirrwarr in meinem Kopf etwas zu bändigen. Außerdem erstreckt sich eine Zitatensammlung über viele Seiten hinweg. Hauptsächlich enthält dieses Sammelsurium Sätze von bekannten Autoren und Philosophen wie Dostojewskij, Kant, Sartre, Kafka, Arendt uvm. Lese ich ein Buch und stoße auf eine inspirierende Zeile, wandert sie direkt in mein kleines Büchlein. Deshalb habe ich auch eine Leseliste angelegt, um nicht all die Titel zu vergessen, die ich unbedingt noch verschlingen möchte.

Derzeit bin ich dabei, mir „Die Dämonen“ von Dostojewskij zu Gemüte zu führen. Allerdings brauche ich Ruhe dafür und die finde ich in letzter Zeit eher selten.

Mein Geist scheint derzeit permanent auf Wanderschaft zu sein. Er ist schwer greifbar. Mittlerweile ist dieser rastlose Zustand sehr anstrengend. Ich habe das Gefühl, nicht mehr richtig hier zu sein. Als sei mein Geist fortgegangen und habe lediglich eine leere Hülle hinterlassen.

Mir ist mittlerweile klar, dass ich Hilfe brauche. Ich muss eine Therapie anfangen. Denn so geht es einfach nicht weiter. Mir geht allmählich die Kraft aus. Meine Gedanken werden immer dunkler und es fällt mir zunehmend schwer, den Lockrufen der Verdammnis zu widerstehen. Ich fühle mich verloren und habe keinerlei Perspektive für mein Leben. Alles wirkt bloß noch grau und fad. Ich habe keine Freude mehr in mir. In der letzten Zeit bin ich Stück für Stück verbittert.

In meinem Hals steckt ein riesiger Kloß und es fühlt sich an, als erstickte ich an meiner Traurigkeit. Als hätten sich all meine Tränen gesammelt und einen tiefschwarzen und salzigen See erschaffen. In genau diesem kalten Nass scheine ich nur zu ertrinken. Und ich glaube, ich habe aufgehört, mich dagegen zu wehren. Denn was soll es auch bringen?

 Ich dachte, irgendwann könnte ich all die bedrückende Dunkelheit überwinden. Aber die Wahrheit ist, dass ich es nicht schaffe. Ich fühle mich wie die größte Versagerin, die diese Welt gesehen hat.

Meine Seele schreit und ich halte es nicht mehr aus. Es ist, als zerreiße mich eine enorme Kraft von innen. Ich bekomme keine Luft mehr, weil es so wehtut. Am liebsten möchte ich mich irgendwo hinlegen und niemals wieder aufstehen. Ich möchte die Augen schließen und an einen anderen Ort gehen. Ich möchte fliehen und diesem schrecklichen Grauen entkommen. Ich möchte mich nicht mehr mit meinem Leben auseinandersetzen.

Ich bin so wütend, weil ich nicht unbeschwert leben darf. Weil jeder kleine Schritt so viel Kraft kostet. Weil ich des Kämpfens überdrüssig bin.

Ich möchte schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien. Ich möchte so lange schreien, bis ich das Grauen endlich nicht mehr spüren kann. Und ich will rennen. Ich will so lange rennen, bis ich die Geister meines Lebens abgehängt habe.

Wolkentänzerin