Die letzten Minuten verbrachte ich damit, mein schwarzes Notizbuch
durchzublättern. Meistens schreibe ich meine Gedanken in dieses kleine Buch
nieder, da es immer griffbereit ist. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Außerdem
mag ich es, wie die schwarze Tinte langsam in die feinen Fasern des Papiers
sickert. Das sanfte Kratzen der Feder über die unregelmäßige Struktur des
Blattes beruhigt mich auf eine wundersame Weise. Ich kann anhand meiner
verfassten Zeilen sehen, dass sie von mir stammen. Sozusagen ein
handschriftlicher Beleg meiner Seelenschwingungen. Oh wow, das klingt kitschig.
Aber es stimmt. Wenn ich etwas mit meinem Füller schreibe, fühle ich mich
meinem Inneren noch näher. Näher als es beim Tippen der Fall ist.
In dieses Buch packe ich all die Dinge, von denen ich das
Gefühl habe, sie dringend loswerden zu müssen. Ich schreibe belastende Bilder, furchtbare
Träume und Gedankenfetzen hinein. Zudem finden sich Pro-und-Kontra-Listen zu
allen möglichen Themen: Therapie, Klinik, Zukunft, Leben. Sie helfen mir, um
das Wirrwarr in meinem Kopf etwas zu bändigen. Außerdem erstreckt sich eine
Zitatensammlung über viele Seiten hinweg. Hauptsächlich enthält dieses
Sammelsurium Sätze von bekannten Autoren und Philosophen wie Dostojewskij, Kant,
Sartre, Kafka, Arendt uvm. Lese ich ein Buch und stoße auf eine inspirierende
Zeile, wandert sie direkt in mein kleines Büchlein. Deshalb habe ich auch eine Leseliste
angelegt, um nicht all die Titel zu vergessen, die ich unbedingt noch
verschlingen möchte.
Derzeit bin ich dabei, mir „Die Dämonen“ von Dostojewskij zu
Gemüte zu führen. Allerdings brauche ich Ruhe dafür und die finde ich in
letzter Zeit eher selten.
Mein Geist scheint derzeit permanent auf Wanderschaft zu
sein. Er ist schwer greifbar. Mittlerweile ist dieser rastlose Zustand sehr
anstrengend. Ich habe das Gefühl, nicht mehr richtig hier zu sein. Als sei mein
Geist fortgegangen und habe lediglich eine leere Hülle hinterlassen.
Mir ist mittlerweile klar, dass ich Hilfe brauche. Ich muss
eine Therapie anfangen. Denn so geht es einfach nicht weiter. Mir geht allmählich
die Kraft aus. Meine Gedanken werden immer dunkler und es fällt mir zunehmend
schwer, den Lockrufen der Verdammnis zu widerstehen. Ich fühle mich verloren
und habe keinerlei Perspektive für mein Leben. Alles wirkt bloß noch grau und
fad. Ich habe keine Freude mehr in mir. In der letzten Zeit bin ich Stück für
Stück verbittert.
In meinem Hals steckt ein riesiger Kloß und es fühlt sich
an, als erstickte ich an meiner Traurigkeit. Als hätten sich all meine Tränen gesammelt
und einen tiefschwarzen und salzigen See erschaffen. In genau diesem kalten Nass
scheine ich nur zu ertrinken. Und ich glaube, ich habe aufgehört, mich dagegen
zu wehren. Denn was soll es auch bringen?
Ich dachte,
irgendwann könnte ich all die bedrückende Dunkelheit überwinden. Aber die
Wahrheit ist, dass ich es nicht schaffe. Ich fühle mich wie die größte
Versagerin, die diese Welt gesehen hat.
Meine Seele schreit und ich halte es nicht mehr aus. Es ist,
als zerreiße mich eine enorme Kraft von innen. Ich bekomme keine Luft mehr,
weil es so wehtut. Am liebsten möchte ich mich irgendwo hinlegen und niemals
wieder aufstehen. Ich möchte die Augen schließen und an einen anderen Ort
gehen. Ich möchte fliehen und diesem schrecklichen Grauen entkommen. Ich möchte
mich nicht mehr mit meinem Leben auseinandersetzen.
Ich bin so wütend, weil ich nicht unbeschwert leben darf.
Weil jeder kleine Schritt so viel Kraft kostet. Weil ich des Kämpfens überdrüssig
bin.
Ich möchte schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib
schreien. Ich möchte so lange schreien, bis ich das Grauen endlich nicht mehr
spüren kann. Und ich will rennen. Ich will so lange rennen, bis ich die Geister
meines Lebens abgehängt habe.
Wolkentänzerin
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