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Freitag, 5. Juni 2020

Schreien und rennen


Die letzten Minuten verbrachte ich damit, mein schwarzes Notizbuch durchzublättern. Meistens schreibe ich meine Gedanken in dieses kleine Buch nieder, da es immer griffbereit ist. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Außerdem mag ich es, wie die schwarze Tinte langsam in die feinen Fasern des Papiers sickert. Das sanfte Kratzen der Feder über die unregelmäßige Struktur des Blattes beruhigt mich auf eine wundersame Weise. Ich kann anhand meiner verfassten Zeilen sehen, dass sie von mir stammen. Sozusagen ein handschriftlicher Beleg meiner Seelenschwingungen. Oh wow, das klingt kitschig. Aber es stimmt. Wenn ich etwas mit meinem Füller schreibe, fühle ich mich meinem Inneren noch näher. Näher als es beim Tippen der Fall ist.

In dieses Buch packe ich all die Dinge, von denen ich das Gefühl habe, sie dringend loswerden zu müssen. Ich schreibe belastende Bilder, furchtbare Träume und Gedankenfetzen hinein. Zudem finden sich Pro-und-Kontra-Listen zu allen möglichen Themen: Therapie, Klinik, Zukunft, Leben. Sie helfen mir, um das Wirrwarr in meinem Kopf etwas zu bändigen. Außerdem erstreckt sich eine Zitatensammlung über viele Seiten hinweg. Hauptsächlich enthält dieses Sammelsurium Sätze von bekannten Autoren und Philosophen wie Dostojewskij, Kant, Sartre, Kafka, Arendt uvm. Lese ich ein Buch und stoße auf eine inspirierende Zeile, wandert sie direkt in mein kleines Büchlein. Deshalb habe ich auch eine Leseliste angelegt, um nicht all die Titel zu vergessen, die ich unbedingt noch verschlingen möchte.

Derzeit bin ich dabei, mir „Die Dämonen“ von Dostojewskij zu Gemüte zu führen. Allerdings brauche ich Ruhe dafür und die finde ich in letzter Zeit eher selten.

Mein Geist scheint derzeit permanent auf Wanderschaft zu sein. Er ist schwer greifbar. Mittlerweile ist dieser rastlose Zustand sehr anstrengend. Ich habe das Gefühl, nicht mehr richtig hier zu sein. Als sei mein Geist fortgegangen und habe lediglich eine leere Hülle hinterlassen.

Mir ist mittlerweile klar, dass ich Hilfe brauche. Ich muss eine Therapie anfangen. Denn so geht es einfach nicht weiter. Mir geht allmählich die Kraft aus. Meine Gedanken werden immer dunkler und es fällt mir zunehmend schwer, den Lockrufen der Verdammnis zu widerstehen. Ich fühle mich verloren und habe keinerlei Perspektive für mein Leben. Alles wirkt bloß noch grau und fad. Ich habe keine Freude mehr in mir. In der letzten Zeit bin ich Stück für Stück verbittert.

In meinem Hals steckt ein riesiger Kloß und es fühlt sich an, als erstickte ich an meiner Traurigkeit. Als hätten sich all meine Tränen gesammelt und einen tiefschwarzen und salzigen See erschaffen. In genau diesem kalten Nass scheine ich nur zu ertrinken. Und ich glaube, ich habe aufgehört, mich dagegen zu wehren. Denn was soll es auch bringen?

 Ich dachte, irgendwann könnte ich all die bedrückende Dunkelheit überwinden. Aber die Wahrheit ist, dass ich es nicht schaffe. Ich fühle mich wie die größte Versagerin, die diese Welt gesehen hat.

Meine Seele schreit und ich halte es nicht mehr aus. Es ist, als zerreiße mich eine enorme Kraft von innen. Ich bekomme keine Luft mehr, weil es so wehtut. Am liebsten möchte ich mich irgendwo hinlegen und niemals wieder aufstehen. Ich möchte die Augen schließen und an einen anderen Ort gehen. Ich möchte fliehen und diesem schrecklichen Grauen entkommen. Ich möchte mich nicht mehr mit meinem Leben auseinandersetzen.

Ich bin so wütend, weil ich nicht unbeschwert leben darf. Weil jeder kleine Schritt so viel Kraft kostet. Weil ich des Kämpfens überdrüssig bin.

Ich möchte schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien. Ich möchte so lange schreien, bis ich das Grauen endlich nicht mehr spüren kann. Und ich will rennen. Ich will so lange rennen, bis ich die Geister meines Lebens abgehängt habe.

Wolkentänzerin

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