Wie es der Titel schon sagt, habe ich mich in letzter Zeit
häufig mit der Widersprüchlichkeit des Menschen befasst. Es ist jenes Phänomen,
das mir die meisten Rätsel aufgibt und mich in meinem eigenen Leben am
stärksten beeinflusst.
Ich selbst habe viele ambivalente Gefühlsregungen in mir. So
möchte ich gerne sterben und gleichzeitig gerne leben. Ich liebe meine Eltern
und gleichzeitig hasse ich sie mit jeder Faser meines Seins. Ich wünsche mir
Nähe und sehne mich gleichzeitig nach Distanz. Ich möchte meine Vergangenheit
aufarbeiten und gleichzeitig möchte ich sie verdrängen. Dieser Liste könnten
noch etliche Punkte hinzugefügt werden, doch daraus ließe sich wohl ein eigenständiges
Thema machen.
Wir alle leben nach vorgegebenen Strukturen. Bereits in frühster
Kindheit werden uns Rollen zugewiesen, nach denen wir uns zu verhalten haben.
Das betrifft das Geschlecht, die Position in der Familienhierarchie, aber auch die
soziale Stellung, die unsere Familie innehat. Wir lernen, dass es Regeln gibt,
an die wir uns halten müssen. Und wir lernen auch die Konsequenzen eines Bruchs
dieser Regeln kennen. Manchmal kommt es auch vor, dass wir Dinge lernen, von
denen uns niemand wirklich sagen kann, wozu sie in der heutigen Zeit gut sein
sollen. Sie wurden eben schon immer so gemacht – so ist das nun mal.
All diese Konzepte hören nicht mit Ende unserer Pubertät
auf. Mit Eintritt in die Welt der Erwachsenen warten eine Menge weiterer „Fahrpläne“
auf uns, die wir erfüllen sollen, wenn wir ein angesehener Teil dieser Gesellschaft
sein möchten. Dazu zählen weiterhin die Rollenvorstellungen, die berufliche
Laufbahn, aber auch die Selbstverwirklichung und eine gewisse Konsumfähigkeit.
Dabei gibt es eine treibende Kraft: die kognitive Dissonanz.
Dieser psychologische Begriff meint das Streben danach, innere Spannungszustände
aufzulösen. Denn in jedem von uns gibt es unzählige Widersprüche, die gelöst
werden müssen, wenn wir funktionieren wollen. Es gibt sozusagen einen
Entscheidungszwang. Und wie Entscheidungen es so an sich haben, ist jede Wahl
für etwas ebenfalls eine Wahl gegen etwas. Manchmal kommt es auch vor, dass wir
unsere Prinzipien über Board werfen, um eine Entscheidung rechtfertigen zu
können. In den meisten Fällen unterwerfen wir uns jedoch unseren Wertvorstellungen
und handeln diesen entsprechend. Macht uns das nicht glücklich, reden wir uns
ein, dass unser Verzicht oder unsere Einschränkungen einer größeren Sache
dienen und daher richtig sind. Ende der inneren Diskussion – her mit der
inneren Konsistenz. Koste es, was es wolle.
Dabei sind jene Konstrukte, denen wir uns im Leben unterwerfen, mitunter veraltet. In Bezug auf die Moral denke ich häufig an Nietzsche. Ich
stimme nicht allen seinen Thesen zu und letztlich soll es auch gar nicht um
seine Erläuterungen gehen. Allerdings hat mich seine Moralkritik nachdenklich
gestimmt. Er ist nämlich der Meinung, die Moral, die wir heute kennen, wurde damals
geschaffen, um die Herrschenden in die Schranken zu weisen. So waren all die
Verhaltensweisen, die die Reichen an den Tag legten, moralisch verwerflich.
Fraglich ist jedoch, inwiefern diese Moralvorstellungen
heute noch Bestand haben. Halten wir uns dadurch nicht bewusst klein?
Sicher, der Mensch lebt in einer künstlich geschaffenen
Gemeinschaft. Es muss etwas geben, das unser Zusammenleben ermöglicht. Denn auf
natürliche Weise ist das undenkbar. Unsere globale Gesellschaft braucht einen
gemeinsamen Nenner, damit es mit der Kooperation funktioniert. Denn warum
sollte ich mich einbringen, wenn ich nichts davon habe? Es braucht also einen
Anreiz.
Die heutige Großgemeinschaft der Menschen wurde durch das Zauberwort
„Geld“ geeint. Allerdings macht Geld leider noch keinen moralischen Menschen. Es
bedarf also weiterer Parameter, um ein friedliches Zusammenleben zu garantieren.
Wobei wohl „möglichst friedlich“ treffender wäre. Immerhin gibt es in unserer
schönen Welt unzählige Konflikte. Und das nicht nur, weil man sich nicht auf den
einen allgemeingültigen moralischen Katalog einigen kann.
Zwar gibt es Länderbündnisse, die zustimmen konnten, dass es unumstößliche Annahmen zum Menschen und seinen Rechten gibt.
Doch werden diese beileibe nicht überall umgesetzt. Auch da braucht es wieder
den unermüdlichen Einsatz von Menschen, um das Durchsetzen dieser Regeln zu
fördern.
Das führt mich zu einer meiner liebsten Fragen: Weshalb ist
der Mensch das einzige Tier auf diesem Planeten, das Freude daran empfindet,
anderen Menschen Leid zuzufügen?
Doch bevor ich komplett abschweife, zurück zum Thema:
Ich persönlich halte es für eine gute Sache, dass wir eine Moral
haben. Dass wir uns täglich neu die Frage stellen, ob neue Innovationen, Forschungen
und Gesetze dem Maßstab der Ethik gerecht werden.
Doch ich finde, es gibt auch gefährliche Konzepte, die dem
Menschen mit auf den Weg gegeben werden. Beispielsweise das Konstrukt der „bedingungslosen
Liebe“. Meines Erachtens nach sollte keinem Kind beigebracht werden, dass es so
etwas wie bedingungslose Liebe gäbe.
Ich habe meine Eltern bedingungslos geliebt. Ich dachte, es
sei meine Pflicht, ihnen Wertschätzung entgegenzubringen. Komme, was wolle. Und
ich denke noch heute so. Ich habe das Gedankengut in mir, meine Eltern lieben
zu müssen. Immerhin haben sie mir mein Leben gegeben und mich großgezogen.
Die Wahrheit ist jedoch, dass sie mich verletzt, gedemütigt
und mir irreparable Schäden zufügten. Ich ertrug diese Dinge, weil ich dachte,
dass ich sie bedingungslos lieben müsste. Meine Eltern ließen den Wunsch in mir
wachsen, lieber tot sein zu wollen. Meine Eltern pflanzten den Selbsthass in
mir. Sie nahmen mir meine Fähigkeit, anderen Menschen vertrauen zu können. Sie
legten die Negativität in mich hinein.
Meine Eltern ließen mich Bekanntschaft mit der tiefsten
Dunkelheit machen, die diese Welt zu bieten hat. Meine Eltern ketteten mich mit
dem Modell der bedingungslosen Liebe an sich und halten mich bis heute damit
gefangen. Meine Eltern haben ein rostiges Messer in mein Herz gerammt und dabei
zugesehen, wie ich verblute. Und wozu? Um eigene Befriedigung daraus zu ziehen.
Was lernen Kinder also, wenn ihnen gesagt wird, dass es
bedingungslose Liebe gäbe? Nicht ohne Grund bleiben viele Menschen in toxischen
und unglücklichen Beziehungen. Sie glauben, sie müssten ihren Partner mit allen
Ecken und Kanten lieben. Immerhin funktioniert es so, oder? Das kann nicht
richtig sein. Liebe ist immer an Bedingungen geknüpft. Denn wie nennt man
Liebe, die sich anfühlt, als sei man in der Hölle? Das ist keine Liebe. Das ist
Abhängigkeit. Ich denke, es ist wichtig, das voneinander zu unterscheiden.
Aber natürlich sind Beziehungen und das gesellschaftliche
Miteinander vielschichtiger. Es spielen immer eine Reihe weiterer Argumente und
Umstände mit.
Zum Beispiel der Wunsch nach Kontrolle und Erklärbarkeit. Schließlich
sind Hilflosigkeit und Machtlosigkeit zwei schwer erträgliche Gefühlszustände.
Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele Angsterkrankungen auf
diesen beiden Empfindungen basieren.
Was tut der Mensch also? Er schafft sich eine für ihn
logische Erklärung. Was daraus entstehen kann, ist besonders in der derzeitigen
Situation zu beobachten: Verschwörungstheorien werden konzipiert und Sündenböcke
stilisiert. Der Vorteil daraus ist, dass sowohl Hilflosigkeit als auch
Machtlosigkeit verschwinden. Ein Schuldiger wurde identifiziert und der Mensch
ist nicht länger in den Fängen eines unberechenbaren Zufalls. Es ermöglicht dem
Menschen, aktiv gegen die Situation vorzugehen. Also protestieren die Menschen
gegen das Staatssystem, mächtige Menschen oder verordnete Einschränkungen. Der
Mensch gewinnt sein Machtgefühl zurück. Wie gefährlich das ist, erkennen die
meisten erst dann, wenn es bereits zu spät ist. Wenn diese Überzeugungen Teil
des Weltbilds geworden sind, ist es enorm schwer, sie wieder loszuwerden.
Dabei helfen solche Annahmen meist auch
nicht, mit der eigenen Bewältigung dieser Empfindungen umzugehen. Im Gegenteil: es bedarf immer wieder neuer Erklärungen und Sündenböcke, um mit unerklärbaren Phänomenen umzugehen.
Dabei helfen solche Annahmen meist auch
nicht, mit der eigenen Bewältigung dieser Empfindungen umzugehen. Im Gegenteil: es bedarf immer wieder neuer Erklärungen und Sündenböcke, um mit unerklärbaren Phänomenen umzugehen.
Allerdings bin ich wohl die Falsche, um dahingehend Ratschläge zu äußern. Denn ich selbst kompensiere meine Gefühle auch nur allzu oft und allzu gern. Ich will nicht wahrhaben, dass all das, was mir geschah, unerklärbar ist. Wobei es letztlich schon erklärbar ist. Jedoch ist die wissenschaftliche Erklärung nicht annähernd zufriedenstellend. All die Studien und Forschungsergebnisse liefern mir keine Erklärung für den Schmerz, den ich empfinde. Sie geben mir keinen Trost für den unfassbaren Verrat. All die Theorien erschienen mir viel zu weit weg und geben mir keinen Halt. Sie stellen kein Gegengewicht zu den Langzeitfolgen dar, mit denen ich zu kämpfen habe. Ja, ich weiß nun, welche Umstände ein Verhalten bedingen kann, wie ich es erlebte. Aber ich begreife trotzdem nicht, weshalb mein Vater. Weshalb meine Mutter. Weshalb ich.
Daher ist es einfacher für mich, mir selbst die Schuld zu geben.
Wenn ich mir sage, dass ich es provoziert habe. Dass ich mich falsch verhielt
oder dass ich es doch alles so wollte. Denn der Umkehrschluss ist inakzeptabel.
Wenn ich anfange, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, bin ich eine Figur in
einem Spiel, dessen Regeln lediglich von anderen bestimmt wurden.
Und so lege ich auch heute noch Verhaltensmuster an den Tag,
die mich in meiner Meinung bestätigen sollen. Mir ist absolut bewusst, dass mir
das am Ende im Grunde bloß schadet. Nur bin ich leider in diesem Teufelskreis
gefangen. Die unbändige Angst vor dem, was auf der anderen Seite auf mich lauert,
blockiert mich derart, dass ich nicht fähig bin, mich zu befreien. So sehr ich
es mir auch wünsche.
Wolkentänzerin
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