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Donnerstag, 12. Mai 2022

Dunkle Freiheit

 Dunkelheit umhüllt mich. Tiefschwarze Nebelwände ragt massiv in die Höhe und bilden eine undurchdringbare Mauer. Ich bin eingesperrt. Mein Herz schlägt wild in meiner Brust. Ich bekomme keine Luft. Langsam sinke ich zu Boden. Mit meinen Händen versuche ich, den Untergrund zu ertasten. Ein feuchter, modriger Geruch steigt mir in die se. Es ist der vertraute Geruch der Verwesung. Der Vergänglichkeit.

Allmählich gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis. Lange Schatten geben der Szene Struktur und Form. Neben mir entdecke ich einen Rosenbuch. Schwarze Knospen thronen über den Dornen, die sie schützen sollen. Ob sie sich wohl je öffnen werden? Oder werden sie verwesen, noch bevor sie die Chance hatten zu erblühen? 

Ein furchtbares Geräusch unterbricht urplötzlich diesen Gedanken. Sofort stehe ich auf und fahre herum. Angst erfasst mich. Woher kam dieses Krächzen? Ist noch jemand hier? Verzweiflung kriecht in mir empor. Nicht schon wieder. Bitte nicht. Angestrengt versuche ich, mich zu beruhigen. Gerade ist keine Zeit für Gefühle. Ich streife die Emotionen ab und lausche konzentriert in das Dunkel hinein. Schließlich gelingt es mir, die grässlichen Laute zu lokalisieren. Dort hinten in der Ecke kauert eine Gestalt. Hadern überleg ich, was ich nun tun soll. Eine ungute Vorahnung breitet sich in mir aus und lässt mich innehalten. Wäre möglich, dass die Gestalt wieder verschwindet oder zumindest verstummt, wenn ich mich leise verhalte und sie ignoriere? Ich könnte mich vorsichtig in eine andere Ecke bewegen und dort still ausharren. Bis der Spuck vorbei wäre. Ja, das klingt nach einer guten Idee. Zaghaft schleiche ich zur gegenüberliegenden Wand und setze mich in den schützenden Schatten der angrenzenden Ecke. Ich blicke auf und stelle erleichtert fest, dass sich die Gestalt scheinbar nicht bewegt hat. 

Ein eisiger Schauer läuft mir den Rücken herunter. Ich ziehe meine Beine an und schlinge meine Arme herum. Erneut werfe ich einen prüfenden Blick hinüber zu der kleinen Gestalt. Unaufhörlich gibt es weiterhin diese grauenvollen Töne von sich. Es soll aufhören! Bitte verschwinde! Bitte geh! Ich lasse meinen Kopf auf meine Knie sinken und bedecke meine Ohren mit meinen Händen. Ein dumpfes Rauschen nimmt für einen Moment den gesamten Raum in mir ein. Eine kurze. aber kostbare, Sekunde lang bin ich mit mir allein. Lediglich die Zirkulation meines eigenen Blutes ist zu hören. Still fokussiere ich mich auf meinen schnellen, regelmäßigen Puls. 

Plötzlich werde ich ohne Vorwarnung von einer Berührung überrascht, die mein Herz einen Augenblick aus dem Takt bringt. Ich zwinge mich mit aller Kraft, meinen Bick gesenkt zu lasen. Wiederholend ermahne ich mich im inneren Dialog zur Ruhe. Ich sage mir, dass ich jetzt nicht schwach werden darf. An der Stelle meines Arm, an der mich die Gestalt berührte, hat meine Haut begonnen intensiv zu brennen und zu jucken. Mit aller Kraft widerstehe in de Impuls mich zu kratzen. Ich der Gestalt keine Aufmerksamkeit geben - egal welcher Art auch immer. 

Eiskalte, winzige Finger legen sich erneut auf meinen Arm. Ein vehementes Rütteln folgt. Ich beiße die Zähle fest zusammen. Kontrolle bewahren. Das Rütteln wird immer drängender. Verzweiflung ergreift mich. Bitte geh weg! Bitte verschwinde! Bitte...

Bittere Resignation umschließt mein Herz und ich erkenne, dass ich verlieren werde. Also bündle ich meine letzten Kräfte und sehe auf. Meine Augen blicken in eine kleinere Version ihrer selbst. Gleichsam glasige wie stumpfe Pupillen durchdringen mich. Kaum merklich schüttle ich den Kopf. Stumm formuliere ich etwas, wofür es keine Worte gibt. Flehend halte ich dem Blick stand. Bitte geh! Bitte verschwinde! Dann wende ich mich ab. Der Griff der Gestalt wird fester. Erneut blicke ich auf. Meine Augen schweifen über das kleine Wesen hinweg. Es ist schmutzig. Blutige Rinnsale zeichnen eine Landkarte der Zerstörung. Der Körper dieser Gestalt sieht aus wie eine von einem Vulkan heimgesuchte Landschaft. Jegliches Leben vernichtet. Niedergebrannt. Verschüttet. 

Ein gewaltiger Schmerz durchfährt mich. Mir bleibt die Luft aus. Mit einem impulsartigen Stoß schubse ich die Gestalt von mir weg. Ein spitzer Schrei durchdringt die Dunkelheit. Ich richte mich auf. Abwehrkräfte mobilisieren mich. Ich bin in Kampfbereitschaft. Das Wesen rappelt sich mühsam auf. Es weint. Eiserne Härte umfasst mein Herz. Ungnädig blicke ich auf die Gestalt herab. Säuerliche Verachtung rinnt meine Kehle hinab. Der Hass legt sich wie eine schützende Rüstung um mich. Mit ablehnenden Augen blicke ich das Wesen an. Fast lautlos flüstert es mir zu: "Bitte. Hilf mir. Bitte. Sieh mich an. Lass mich nicht allein. Bitte." Die Wut formt ein kaltes Schwert in meiner Hand. Entschlossen richte ich es gegen das Wesen. Bedrohlich schwinge ich es herum und fauche: "Bitte geh! Bitte verschwinde!".

Das Wesen stößt ein entsetzliches Schluchzen aus, das mein Herz zerreißt. Es macht mich wahnsinnig! Bitte, bitte, bitte hör auf! Sei still! 

Langsam gehe ich mit erhobenem Schwert auf das Wesen zu. Meine Geduld ist am Ende. Ich kann nicht mehr. Welches Recht nimmt sich dieses Ding überhaupt heraus? Schließlich hat es uns doch erst hierher gebracht...

Als ich bloß noch einen Schritt entfernt bin, löst sich das Wesen auf. Für einen kurzen Moment verspüre ich Traurigkeit. Eine heiße Träne bahnt sich ihren Weg. Doch dann erkenne ich jene Wahrheit, die so unerträglich ist: ich kann das Wesen nicht töten. Es wird wiederkehren. 

Ich spüre das Gewicht des Schwertes in meiner Hand. Eine schwere Erkenntnis offenbart sich mir. Träge schließe ich die Augen und atme tief durch. Dann ramme ich mir das Schwert mit voller Wucht in den Körper. Lauwarmes Blut tropft auf den Boden. Bevor mich die Dunkelheit vollständig verschlingt, murmle ich mir zu: "Bitte geh...Bitte verschwinde..." Und dann ist sie da: die Freiheit.  



Wolkentänzerin

Dienstag, 5. Mai 2020

Die Wohnung. Der Bunker. Das Kind.

So schwer es mir gestern fiel, meine Gedanken niederzuschreiben, so einfach fällt es mir heute. Ich weiß nicht, was den Anlass dazu gegeben hat. Die Worte sprudeln heute auf jeden Fall wie eine unter Druck stehende Fontäne aus mir heraus. Es fühlt sich an, als habe jemand das Ventil aufgedreht. Ich kann mit jedem Buchstaben die ersehnte Erleichterung deutlich wahrnehmen.

Keine Ahnung warum, aber ich muss schon den gesamten Tag über an mein inneres Kind denken. Dabei hege ich keine große Sympathie oder gar Empathie für diese kleine Gestalt, die in mir lebt. Es wäre sogar richtig zu sagen, dass ich dieses winzige Geschöpf in mir hasse. Ich wünschte, ich könnte diesen Teil meiner Persönlichkeit aus mir herausschneiden. Tja, ich habe es sogar versucht – es hat leider nicht funktioniert.

Um mich mir selbst erklärbar zu machen, habe ich einige Bilder entwickelt, die es mir ermöglichen, mich meinem Inneren anzunähern. Es hilft mir, innere Vorgänge als Metaphern auszudrücken. Dann sind sie zwar plastisch und verstehbar, aber auch entmystifiziert und etwas weniger schmerzhaft.

Ich stelle mir mein Innenleben gern als Wohnung vor. Dort gibt es unterschiedliche Räume. Keiner gleicht dem anderen und alle haben ihren eigenen Sinn.
Zum einen ist dort das Wohnzimmer. Es nimmt den meisten Platz in meiner Wohnung ein. Lediglich ein Holzofen an einer steinernen Wand versorgt diesen Ort mit warmem Licht und sorgt für eine schummrige Atmosphäre. Das Mobiliar sagt mir leider nicht ganz zu. Denn wie alle anderen Räume in meiner Wohnung wurde es zu großen Teilen nicht von mir selbst ausgesucht. Es wurde von jenen Menschen ausgesucht, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind und mich zu dem machten, was ich heute bin.
Allerdings tröstet mich ein riesiges Bücherregal über diese Tatsache hinweg. Es erstreckt sich über die gesamte Breite einer der Wände. Die Welt der Bücher war schon immer essenziell für mich. Wenn die Last der Realität mich zu zerquetschen drohte, nahm ich mir eins meiner Lieblingsbücher zur Hand und tauchte in eine andere Welt ab. Sozusagen eine Wolke aus Papier und Tinte.
Ansonsten befindet sich in meinem Wohnzimmer noch ein Sofa und eine flauschige Decke.
Wird mir die Welt vor meinen Augen zu unerträglich, ziehe ich mich in mich zurück, setze mich auf das Sofa, decke mich zu und nehme mir ein Buch zur Hand. Meistens leisten mir dann all die Tiere Gesellschaft, die mich eine gewisse Zeit meines Lebens begleitet haben. Erst vor Kurzem starb mein über alles geliebter Kater in meinen Armen. Ein herber Verlust, den ich noch nicht ganz überwunden habe. Er war definitiv der beste Seelentröster, den ich hätte haben können. So habe ich ihn immerhin noch gedanklich bei mir.

Zusätzlich zum Wohnzimmer gibt es in meiner Wohnung noch einen kleinen Raum und einen Bunker.
In den Bunker flüchte ich immer dann, wenn ich den intensiven Bildern und dem Wiedererleben nicht entkommen kann. Wenn ich das Gefühl habe, dass zwischen den Monstern und mir kaum noch Abstand ist. Wenn die Bewohner, die ebenfalls in meiner Wohnung leben, nicht mehr zu kontrollieren sind. Wenn ich bei ihnen mit guten Worten nichts mehr erreichen kann. Wenn die Zerstörungskraft meiner inneren Dämonen zu groß wird. Wenn ich das Gefühl habe, von innen heraus zu verbrennen. Wenn ich blanke Angst vor mir selbst habe. 
Dann verschanze ich mich in einer Festung aus dicken Mauern und einer massiven Stahltür. Dorthin gelangt kein Ton, kein Licht, kein Leben. In diesem Bunker ist nichts als tiefstes Schwarz. Alles hört auf zu existieren. Dort kann ich aufhören zu kämpfen. Dort kann ich mich für einen Moment ergeben und ins Nichts fallen lassen.
Der Besuch dieses Ortes ist leider enorm anstrengend. Alles abzuschalten und mich vollkommen taub zu machen, bedarf einer Menge Kraft. Außerdem lässt es mich den Geschmack von Freiheit kosten. Ein Geschmack wie süßlicher Nektar, der sich in meinem Mund ausbreitet und mir den Durst auf mehr beschert.
Daher ist der Aufenthalt in meinem Schutzbau zeitlich limitiert. Ich darf mich dieser Versuchung nicht zu stark hingeben. Denn je länger ich dortbleibe, desto größer wird das Risiko, dass ich nicht mehr zurückkehre.

Ja, und dann gibt es da noch diesen einen ganz besonderen Bewohner. Ein Wesen, das ich nur allzu gern loswürde: mein inneres Kind.
Ich kann mit dieser kleinen Gestalt nicht umgehen. Nicht selten löst es schier unerträgliche Gefühle in mir aus. Gefühle, die mein Herz zum Zerspringen bringen.
Also schmiedete ich einen Plan. Ich dachte, wenn ich aufhöre, diesem winzigen Wesen Aufmerksamkeit zu schenken, dann verschwindet es vielleicht von allein. Quasi eine ressourcenschonende Problemlösung.
Doch Fehlanzeige. Stattdessen fing das Kind irgendwann an zu jammern. Erst sehr leise, kaum wahrnehmbar. Dann steigerte sich die Lautstärke, bis es sich irgendwann zu einem grässlichen Schreien entwickelt hatte. Ich versuchte, dem Lärm mit Musik entgegenzuwirken. Also setzte ich mir Kopfhörer auf und ließ meine Ohren unter anderem von Alice Cooper mit „Poison“ betäuben (die Ironie daran ging mir erst viel später auf). Tatsächlich half es auch. Zumindest für eine Weile. Bis die Gestalt darauf reagierte, indem es sich direkt vor mich stellte und mich einfach nur anstarrte. Dieser vorwurfsvolle, verletzte Blick durchdrang jede Zelle meines Seins und durchstach mich wie tausende Nadelstiche.
Als Ergebnis daraus richtete ich meinem inneren Kind ein eigenes Zimmer ein. Ich dachte, wenn es merkt, dass es einen festen Platz in meiner Wohnung hat, beruhigt es sich und lässt mich in Ruhe. Mein Vorhaben schien anfänglich auch Früchte zu tragen. Naja, bis es dann wieder anfing zu schluchzen. Und egal, was ich auch versuchte, ich konnte es nicht trösten. Offen gestanden, waren meine Versuche auch eher halbherziger Natur. Denn mein Mitleid für dieses Kind hält sich mehr als in Grenzen. Ich finde es abstoßend. Ich finde, es hat kein Recht, derart schwach und jämmerlich zu sein. Immerhin hat es sich die ganze Miesere, in der es steckt, doch selbst eingebrockt.
Irgendwann ging ich dazu über, die nervtötende Gestalt in seinem Zimmer einzusperren. Es half nichts. Sie tauchte immer wieder vor mir auf. Meine Geduld war zunehmend am Ende und meine Hilflosigkeit verwandelte sich in Wut. Ich schrie das Kind an. Ich beschimpfte es. Ich versuchte sogar, es umzubringen. Es verschwand daraufhin auch. Allerdings nur, um nach ein paar Tagen noch entsetzlich dreinschauender wiederzukehren. Der Schuss ging gehörig nach hinten los.
Mittlerweile will ich bloß noch, dass es endlich still ist. Dabei weiß ich, dass das nur gelingt, wenn ich anerkenne, dass ich dieses Kind war und bin. Dass dieses Kind Abbild meiner inneren Wunden und unverarbeiteten Traumata ist.

Ach man, was für ein verdammter Mist das doch alles ist. Warum tun Menschen einem so weh und zwingen einem dann auch noch die elendige Aufgabe auf, die ganze Hölle erneut zu durchleben? Ich meine, weshalb muss der Mensch zum Wiederkäuer werden, um schlechte Dinge zu verarbeiten, während positive Empfindungen niemals wieder so intensiv werden wie im Moment des Erlebens? Klar, wenn einem ein rostiges Messer im Körper steckt, muss man es wohl oder übel herausziehen, um nicht Gefahr zu laufen, an einer Sepsis zu sterben. Aber fair ist das definitiv nicht. Wobei, was ist in dieser Welt schon fair?

Wolkentänzerin