Dunkelheit umhüllt mich. Tiefschwarze Nebelwände ragt massiv in die Höhe und bilden eine undurchdringbare Mauer. Ich bin eingesperrt. Mein Herz schlägt wild in meiner Brust. Ich bekomme keine Luft. Langsam sinke ich zu Boden. Mit meinen Händen versuche ich, den Untergrund zu ertasten. Ein feuchter, modriger Geruch steigt mir in die se. Es ist der vertraute Geruch der Verwesung. Der Vergänglichkeit.
Allmählich gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis. Lange Schatten geben der Szene Struktur und Form. Neben mir entdecke ich einen Rosenbuch. Schwarze Knospen thronen über den Dornen, die sie schützen sollen. Ob sie sich wohl je öffnen werden? Oder werden sie verwesen, noch bevor sie die Chance hatten zu erblühen?
Ein furchtbares Geräusch unterbricht urplötzlich diesen Gedanken. Sofort stehe ich auf und fahre herum. Angst erfasst mich. Woher kam dieses Krächzen? Ist noch jemand hier? Verzweiflung kriecht in mir empor. Nicht schon wieder. Bitte nicht. Angestrengt versuche ich, mich zu beruhigen. Gerade ist keine Zeit für Gefühle. Ich streife die Emotionen ab und lausche konzentriert in das Dunkel hinein. Schließlich gelingt es mir, die grässlichen Laute zu lokalisieren. Dort hinten in der Ecke kauert eine Gestalt. Hadern überleg ich, was ich nun tun soll. Eine ungute Vorahnung breitet sich in mir aus und lässt mich innehalten. Wäre möglich, dass die Gestalt wieder verschwindet oder zumindest verstummt, wenn ich mich leise verhalte und sie ignoriere? Ich könnte mich vorsichtig in eine andere Ecke bewegen und dort still ausharren. Bis der Spuck vorbei wäre. Ja, das klingt nach einer guten Idee. Zaghaft schleiche ich zur gegenüberliegenden Wand und setze mich in den schützenden Schatten der angrenzenden Ecke. Ich blicke auf und stelle erleichtert fest, dass sich die Gestalt scheinbar nicht bewegt hat.
Ein eisiger Schauer läuft mir den Rücken herunter. Ich ziehe meine Beine an und schlinge meine Arme herum. Erneut werfe ich einen prüfenden Blick hinüber zu der kleinen Gestalt. Unaufhörlich gibt es weiterhin diese grauenvollen Töne von sich. Es soll aufhören! Bitte verschwinde! Bitte geh! Ich lasse meinen Kopf auf meine Knie sinken und bedecke meine Ohren mit meinen Händen. Ein dumpfes Rauschen nimmt für einen Moment den gesamten Raum in mir ein. Eine kurze. aber kostbare, Sekunde lang bin ich mit mir allein. Lediglich die Zirkulation meines eigenen Blutes ist zu hören. Still fokussiere ich mich auf meinen schnellen, regelmäßigen Puls.
Plötzlich werde ich ohne Vorwarnung von einer Berührung überrascht, die mein Herz einen Augenblick aus dem Takt bringt. Ich zwinge mich mit aller Kraft, meinen Bick gesenkt zu lasen. Wiederholend ermahne ich mich im inneren Dialog zur Ruhe. Ich sage mir, dass ich jetzt nicht schwach werden darf. An der Stelle meines Arm, an der mich die Gestalt berührte, hat meine Haut begonnen intensiv zu brennen und zu jucken. Mit aller Kraft widerstehe in de Impuls mich zu kratzen. Ich der Gestalt keine Aufmerksamkeit geben - egal welcher Art auch immer.
Eiskalte, winzige Finger legen sich erneut auf meinen Arm. Ein vehementes Rütteln folgt. Ich beiße die Zähle fest zusammen. Kontrolle bewahren. Das Rütteln wird immer drängender. Verzweiflung ergreift mich. Bitte geh weg! Bitte verschwinde! Bitte...
Bittere Resignation umschließt mein Herz und ich erkenne, dass ich verlieren werde. Also bündle ich meine letzten Kräfte und sehe auf. Meine Augen blicken in eine kleinere Version ihrer selbst. Gleichsam glasige wie stumpfe Pupillen durchdringen mich. Kaum merklich schüttle ich den Kopf. Stumm formuliere ich etwas, wofür es keine Worte gibt. Flehend halte ich dem Blick stand. Bitte geh! Bitte verschwinde! Dann wende ich mich ab. Der Griff der Gestalt wird fester. Erneut blicke ich auf. Meine Augen schweifen über das kleine Wesen hinweg. Es ist schmutzig. Blutige Rinnsale zeichnen eine Landkarte der Zerstörung. Der Körper dieser Gestalt sieht aus wie eine von einem Vulkan heimgesuchte Landschaft. Jegliches Leben vernichtet. Niedergebrannt. Verschüttet.
Ein gewaltiger Schmerz durchfährt mich. Mir bleibt die Luft aus. Mit einem impulsartigen Stoß schubse ich die Gestalt von mir weg. Ein spitzer Schrei durchdringt die Dunkelheit. Ich richte mich auf. Abwehrkräfte mobilisieren mich. Ich bin in Kampfbereitschaft. Das Wesen rappelt sich mühsam auf. Es weint. Eiserne Härte umfasst mein Herz. Ungnädig blicke ich auf die Gestalt herab. Säuerliche Verachtung rinnt meine Kehle hinab. Der Hass legt sich wie eine schützende Rüstung um mich. Mit ablehnenden Augen blicke ich das Wesen an. Fast lautlos flüstert es mir zu: "Bitte. Hilf mir. Bitte. Sieh mich an. Lass mich nicht allein. Bitte." Die Wut formt ein kaltes Schwert in meiner Hand. Entschlossen richte ich es gegen das Wesen. Bedrohlich schwinge ich es herum und fauche: "Bitte geh! Bitte verschwinde!".
Das Wesen stößt ein entsetzliches Schluchzen aus, das mein Herz zerreißt. Es macht mich wahnsinnig! Bitte, bitte, bitte hör auf! Sei still!
Langsam gehe ich mit erhobenem Schwert auf das Wesen zu. Meine Geduld ist am Ende. Ich kann nicht mehr. Welches Recht nimmt sich dieses Ding überhaupt heraus? Schließlich hat es uns doch erst hierher gebracht...
Als ich bloß noch einen Schritt entfernt bin, löst sich das Wesen auf. Für einen kurzen Moment verspüre ich Traurigkeit. Eine heiße Träne bahnt sich ihren Weg. Doch dann erkenne ich jene Wahrheit, die so unerträglich ist: ich kann das Wesen nicht töten. Es wird wiederkehren.
Ich spüre das Gewicht des Schwertes in meiner Hand. Eine schwere Erkenntnis offenbart sich mir. Träge schließe ich die Augen und atme tief durch. Dann ramme ich mir das Schwert mit voller Wucht in den Körper. Lauwarmes Blut tropft auf den Boden. Bevor mich die Dunkelheit vollständig verschlingt, murmle ich mir zu: "Bitte geh...Bitte verschwinde..." Und dann ist sie da: die Freiheit.
Wolkentänzerin

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