Warnung

Triggerwarnung! Dieser Blog enthält sensible Inhalte! Bitte lies nicht weiter, wenn es dir nicht gut geht oder spezielle Themen nicht gut für dich sind. Bitte geh achtsam mit dir um!

Freitag, 8. Dezember 2023

Stimmungsvolle Gedanken

 Hallo Welt. Jetzt gerade ist es bereits nach Mitternacht. Viele Menschen liegen bereits im Bett oder versuchen, anderweitig zur Ruhe zu kommen. Ich fand diese Tageszeit schon immer magisch. Unzählige Nächte lang lag ich wach dar, ging in der Dunkelheit spazieren oder saß auf dem Boden in meinem Zimmer und sah meinem Blut dabei zu, wie es fluchtartig meinen Körper zu verlassen schien. In den stillen Stunden, die den Übergang von einem Tag zum nächsten formten, gab es dieses wohltuende Vakuum. In den Momenten tiefster Nacht gab es die Welt da draußen nicht. Doch, obwohl mein Alltag, meine Familie und der Keller in die Ferne rückten, blieben ihre Schatten bestehen. Wie randalierende Geister jagten sie durch meinen Verstand. Ich verbrachte unsagbar viel Zeit damit, nach einer Lösung dafür zu suchen. Wie sich herausstellte, wurden die Stimmen in mir leiser, stimmte ich ihnen zu. Über die Zeit gesellte sich so eine Stimme dazu, die meine Klangfarbe zu besitzen schien. Aber war es wirklich meine Stimme? Sagen wir, die gehört nicht zu mir. Nehmen wir an, dass es sich um eine Tonspur handelt, die allein aus Überlagerung und Illusion erschaffen wurde. Sie gibt sich als meine Stimme aus und könnte damit nicht verkehrter liegen. Aber wo ist dann meine eigene Stimme? Ist sie verloren gegangen? Oder hat sie noch nie existiert? Ich denke, weder, dass sie verschwunden ist, noch, dass sie nie existierte. Vielmehr war sie immer da. Sie ist direkt in mir. Da war sie, das ist sie uns da wird sie sein. 

Zu wissen, dass meine Stimme überlebt hat, beruhigt mich auf eine heilsame Art. Sie mag vielleicht verschüttet worden sein von all den Trümmern meiner Seele. Von all den unerfüllten Wünschen. Von all den unbeantworteten Bedürfnissen. Es ist mir trotzdem gelungen, sie vor dem Inferno, das mein Leben bedeutete, zu schützen. 

Ich bin bereit, genauer hinzuhören. Ich möchte hören, was sie mir zu sagen hat. Ich möchte hören, was das Mädchen niemals sagen durfte. Ich möchte Worte für das Unbeschreibliche finden. Selbst, wenn das bedeutet, grässlichste Seelenschmerzen aushalten zu müssen. Denn, wenn mich meine Stimme eines gelehrt hat, dann, dass ich überleben kann...



Wolkentänzerin


Sonntag, 5. November 2023

Verregnete Mondscheinnächte (Teil 1)

Ich renne. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

Der Weg ist von gigantischen Bäumen gesäumt. Nebel hängt wie ein Grabtuch zwischen den tief verwurzelten Riesen. Ihre erhaben wirkenden Kronen ragen hoch hinauf und präsentieren stolz ihren dunkelgrünen Blattschmuck. Kein einziger Lichtstrahl scheint hell und kräftig genug zu sein, um dieses dicht verzweigte Pflanzendach zu durchdringen. Dieser Ort isst vollständig in eiskalte Dunkelheit gehüllt. Unter meinen Füßen knacken hohl einige modrige Äste und es riecht nach nassen Kiefernnadeln, Laub und sandigem Boden. Ich atme den vertrauten Geruch der Vergänglichkeit ein und für einen Moment erfasst mich nagender Zweifel. Ich überlege innezuhalten. Bis mir das bedrohliche Gejaule und Geknurre wieder bewusstwird. Ich höre, wie es kontinuierlich an Lautstärke und Deutlichkeit gewinnt. Mir sind die Wölfe dicht auf den Fersen. Ein resignierter Seufzer durchzieht mich. Ich bin erschöpft. Meine Muskeln sind übersäuert und mein Herz springt mir förmlich aus der Brust. Dunkles Blut rinnt meinen Körper hinunter. Doch mir ist klar, dass es egal ist. Es ist egal, wie oft ich noch stürzen und mir die Haut aufschürfen werde. Es ist egal, wie oft ich noch fallen und mich verletzen werde. Denn das einzig Entscheidende wird sein, wie schnell ich wieder aufstehen kann. Ob ich es schaffe, bevor mich die Wölfe einholen und zerfleischen werden. Schon jetzt ist mein Vorsprung lächerlich gering und er nimmt stetig ab. Jedoch möchte ich mich auch nicht länger im Unterholz verstecken. Stumm darauf hoffend, dass sie mich nicht finden werden. Wortlose Gebete in den Himmel schickend versuche ich weiterhin, nicht an dem Trauerkloß im Hals zu ersticken. Nein, ich möchte dieser kalten, einsamen Dunkelheit entkommen. Also renne ich. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

Während ich meinen Körper mühsam zu koordinieren versuche, schießen mir unzählige Gedankenfetzen durch den Kopf. Mir wird schwindelig von der Geschwindigkeit, mit der sie durch mich hindurchsausen. Es ist jener Schwindel, für den man sich einen Ausschalter wünscht. Und, dem man nur mit einer Ohnmacht Herr zu werden scheint. Dabei ist dieser Schwindel vielmehr Ausdruck eines Konglomerats unterschiedlichster Empfindungen, für die erst noch Worte erfunden werden müssen. Die Bewusstseinseintrübung und das Gefühl, auf einem Karussell zu stehen, helfen, den Blick im Inneren zu verschleiern. Immerhin darf ich jetzt nicht an jene Moment denken, in denen meine Fluchtversuche grandios gescheitert waren. Auch darf ich nicht darüber nachdenken, was mich außerhalb des Waldes erwarten könnte. Oder daran, was passierte, würden mich die Wölfe doch noch einholen. Was also bleibt? Was bleibt, sind der Schwindel und das Wissen, dass dies die einzige Chance ist, die mir noch zur Verfügung steht. Ich ignoriere alles um mich herum. Ich fokussiere mich ganz auf meine Atmung. Mein Herz rast. Mein Blut rauscht in meinen Ohren. Doch ich renne weiter. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

Plötzlich scheine ich es dann geschafft zu haben. Ich trete aus der Dunkelheit des Waldes heraus. Vor Erleichterung und Erschöpfung möchte ich auf die Knie fallen. Doch noch bin ich nicht in Sicherheit. Zudem verspüre ich eine skeptische Irritation in mir. Irgendetwas stimmt nicht. Ich blicke mich genauer um. Anders als erwartet, scheint hier nicht die Sonne. Noch ist alles in schillernde Farben gehüllt. Stattdessen ist die Welt hier draußen in ein tristes Grau getunkt. Es regnet in Strömen. Die Straßen sind vollkommen verwaist. Nichts deutet auch nur im Ansatz auf Anzeichen von Leben hin. Allmählich dämmert mir, dass der Kampf keineswegs beendet ist. Aus purem Entsetzen und größter Verzweiflung heraus möchte ich schreien. Meiner Kehle entweicht jedoch kein Ton. Stattdessen ergreift der Selbsthass Gestalt von mir. Er flüstert mir all die süßlich klingenden Vorwürfe und Abwertungen ins Ohr. Jene Phrasen, die sich über all die Jahre zu einer unumstößlichen Prophezeiung entwickelten. Sie legten sich wie ein schützendes Korsett um mich. Obwohl ich weiß, dass es zu eng geschnürt wurde, mir die Luft zum Atmen nimmt und meine Knochen bereits deformiert hat, bedeutete sein Ablegen, dass ich in mich zusammensackte. Ich brauche den Selbsthass zur Stabilität. Derweil ist meine Kleidung vom Regen komplett durchnässt worden. Eine Kälte durchzieht meinen Körper, die selbst mein Herz erreicht und mich Erzittern lässt. Ich frage mich, wie lang der Niederschlag wohl schon anhielt. Hatten die hoch gewachsenen und ineinander verwucherten Baumriesen der Weg der Tropfen zur Erde bloß jäh beendet? Waren sie durch den Regen zusätzlich genährt worden? Ist das Blattwerk so mit jedem Jahr, das verging, umso undurchdringbarer und resistenter gegenüber Stürmen und anderer äußerer Einflüsse geworden? Gab es deshalb unter ihnen nur die Dunkelheit, die Wölfe und das Versteck? Ich betrachte die Regentropfen und möchte zynisch lachen, weil mir mein Leben so unendlich absurd und aussichtslos erscheint. Doch dann ist da wieder dieser eine kleine, unzerstörbare Funken, der mich zur Vernunft bringt. Diese nasse Kälte wird mir schließlich umbringen, entziehe ich mich ihr nicht. Ich fasse den Entschluss, die Umgebung auszukundschaften und nach einem Unterschlupf zu suchen. Durch einen unsichtbaren Motor angetrieben, bewege ich mich automatisiert durch die Tristesse. Straßenzüge umgeben mich wie ein verschlungenes Labyrinth und nach einer Weile beschleicht mich das mulmige Gefühl, lediglich im Kreis gelaufen zu sein. Immerhin hatte ich diese sternförmige Kreuzung erst vor einer Weile überquert. Oder irre ich? War ich rechts oder links abgebogen? Fühlte es sich so an, die Orientierung oder gar den Verstand zu verlieren? Pulsierende Panik erfasst mich und verdrängt jedes Körpergefühl. Meine Beine werden taub. Ich bleibe stehen, um nicht auf den harten Asphalt zu stürzen. Reflexartig schlinge ich meine Arme um mich. Ein kläglicher Versuch, mich zusammenhalten zu wollen. Schließlich bin ich schon seit Jahren nur noch ein loser Verbund von Seelenscherben. Unsortiert und flirrend sausen diese Splitter meines Selbst durch mein Sein. Dann und wann schneiden sie mich mit ihren scharfen Kanten und hinterlassen Spuren der Verwüstung. Unmöglich, sie mit bloßer Hand zu ergreifen und wieder zusammenzusetzen. Mich überkommt für einen Moment die Schwere meiner Existenz. Ich setze mich auf die glitschige, mit Moos bedeckte Bordsteinkante. Müde lasse ich meinen Kopf auf meine Knie sinken und vergrabe mein Gesicht in meinen kalten Händen. Mir könnte mein Vorhaben gerade nicht sinnfreier und auswegloser erscheinen. Was bin ich nur für ein Trottel? Wieso machte ich einen Narr aus mir? Unbändige Wut breitet sich in mir aus. Nur mit Mühe kann ich dem Impuls widerstehen, mir den Schädel einzuschlagen. Meine dumme Naivität löst brennende Scham aus und ich frage mich, warum ich überhaupt noch an meiner kläglichen Existenz festhalte? Nichts daran war es wert, am Leben gehalten zu werden. Wann wird es endlich genug sein? Wann begreife ich es endlich? Meine Erbärmlichkeit widert mich an. Ich möchte verschwinden. Mich in winzige Atome zersetzen und in der Atmosphäre aufgehen. Stattdessen stehe ich auf, klopfe mir den Dreck von der Hose und beginne zu rennen. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

Als ich längst die Hoffnung auf eine – wie auch immer geartete – Zivilisation aufgeben wollte, tauchen am Horizont schemenhafte Umrisse schwach beleuchteter Häuser auf. Heiße Tränen der Erleichterung steigen mir in die Augen. Bis. Ja, bis mir bewusstwird, dass diese Empfindung nicht unangebrachter sein könnte. Entfernte Erinnerungen klopfen an meine Gedächtnistür. Bilder entfalten sich vor meinem inneren Auge. Bilder, auf denen meine Besuche bei diesen Häusern eingeprägt sind. Bilder, die erschreckend lebendig wirken. Ich sehe, wie ich fasziniert durch die Fenster blickte. Wie ich gebannt dem freudigen Rumoren im Inneren lausche. Wie ich ängstlich erstarrte, als ich glaubte, entdeckt worden zu sein. Wie mich Selbstekel erfasste, weil ich mir wie eine Spionin oder eher wie ein unwillkommener Eindringling vorkam. Wie ich trotzdem mutig die Hand zum Winken hob. Wie ich enttäuscht feststellte, dass mich niemand sah. Sie sahen durch mich hindurch. Oder betrachteten sie sich selbst? Waren sie zu sehr von ihrer eigenen Reflexion abgelenkt, um mich überhaupt wahrnehmen zu können? Nur manchmal, wenn sie ihre Gesichter angeekelt verzogen, war ich überzeugt davon, dass sie mich erblickt hatten. Desillusioniert blicke ich an mir herunter. Bittere Selbstverachtung legt sich auf meine Seele. Nass, verdreckt und blutverschmiert stehe ich da. Alles an mir ist Ausdruck meiner verwerflichen Herkunft. Erneut möchte ich schreien. Erneut bringe ich keinen Ton hervor. Erneut bleibt alles ohrenbetäubend still. In einiger Entfernung heulen dafür die Wölfe. In ihrem Gejaule schwingen Wut und Hunger mit. Obwohl ich weiß, dass ich selbst mehr Wolf als Mensch bin, treibt mich ihr Geknurre allerdings weiter von ihnen fort. Weiter in Richtung der anmutig wirkenden Häuser. Also renne ich weiter. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben.

Schließlich erreiche ich die stille Siedlung und bleibe an einer Häuserzeile stehen. Mit wild klopfendem Herzen laufe ich an ihr entlang und inspiziere aufmerksam jedes Grundstück, das sich neben mir erstreckt. Vor einem davon verweile ich eine Weile. Es wirkt durch und durch einladend, wohlig, warm. Aus dem mit rotem Backstein verklinkerten Gebäude dringt warmer Kerzenschein nach draußen. Goldener Schimmer umhüllt mich und lässt die Regentropfen erglimmen. Regen kann auch schön sein, sinniere ich, bis ich mir erneut ins Bewusstsein rufe, dass gerade keine Zeit für kitschige, romantisierende Gedanken ist. Ich gehe auf das Haus zu. Gedämpfte, aber wohlklingende Stimmen dringen an mein Ohr. Sehnsucht erfüllt mein Herz. Gleichzeitig steigen jedoch auch Scham und ein schlechtes Gewissen in mir auf. Denn ich weiß, wie dumm, gefährlich und zerstörerisch diese Sehnsucht ist. Ich schäme mich für die Fantasie, irgendwann auch mal ein solches Haus bewohnen zu können. Innehaltend schießt mir eine schmerzhafte Erinnerung durch den Kopf. Vor Jahren hatte ich schon mal an eine solche Tür geklopft. Ich hatte um Unterschlupf gebeten. In dieser tiefsten Not hatte ich erst viel zu spät erkannt, dass der Mensch, der mir geöffnet hatte, in Wahrheit ebenfalls ein Wolf gewesen war. Getarnt in Freundlichkeit, nach der sich mein Ich so sehr verzehrt hatte, übersah ich das Offensichtliche. Ich zahlte damals für meinen Fehler einen Preis, der um ein Haar den Wert meines Lebens betragen hätte. Doch welche Alternative bietet sich mir jetzt? Zurück in den Wald zu gehen, bedeutete den Tod. Hier draußen in der nassen Kälte werde ich es ebenfalls nicht ewig aushalten können. Zögernd nähere ich mich also langsam der Pforte. Ich balle meine eisigen Finger zu einer Faust und hämmere kraftvoll gegen das massive, dunkel lackierte Holz. Gebannt und von Angst erfüllt warte ich auf eine Reaktion. Nichts geschieht. Ich versinke in hohen Wellen der Verzweiflung. Als würde ich in mir selbst ertrinken. Als würde alle Luft von den gewaltigen Fluten der Einsamkeit verdrängt werden. Dem Ersticken nahe geht mir auf, dass mein Klopfen eventuell zu leise gewesen sein könnte. Meine Kraft scheint schließlich aufgebraucht zu sein. Das Hämmern gleicht vielleicht vielmehr einem leisen Pochen. Vernichtende Hoffnungslosigkeit umklammert mein Herz und ich sinke geschlagen zu Boden. Auf der Schwelle verharrend überlege ich, wie meine nächsten Schritte aussähen könnten. Ich beschließe, weiter zu klopfen und es zu versuchen. Selbst, wenn mich niemand hören sollte, wird all das zumindest mit dem Wissen enden, dass ich nicht aufgegeben habe. Nahezu hypnotisch in die Monotonie des Klopfens gehüllt, kehrt irgendwann die Vernunft zurück. Mir wird bewusst, dass ich nicht würdeloser sein könnte. Wer wollte einer erbärmlichen Kreatur wie der meinen ernsthaft die Tür öffnen? Und wenn, dann nicht allein, um sie zu verscheuchen? Selbstekel, Einsamkeit und das Gefühl des Verlassen-Seins. Diese drei Fäden scheinen mein Ich zu weben und sich wie ein wärmender Mantel um meine Seele zu legen. Ein kaltes Herz kann in der verregneten Nacht überleben, denke ich mir, stehe auf und wende mich ab. Ein tiefes Wissen durchzieht mich und mir wird bewusst, dass ich überleben werde. Mit letzter Kraft renne ich los. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

Als ich sicher bin, genügend Abstand zwischen mich und die Häuser gebracht zu haben, verlangsame ich meine Schritte. Ich sollte mich jetzt auf halber Strecke zwischen dunklem Wald und bunter Siedlung befinden. Erschöpft krieche ich in ein Gebüsch am Wegesrand, um mich vor der nassen Dunkelheit zu schützen. Mit vor Müdigkeit brennenden Augen sehe ich mich um. Dichter Nebel hängt tief und träge zwischen dem stacheligen Unterholz. Er bildet eine schützende Dunstmauer zwischen mir und der Welt dort draußen. Ich beschließe, hier zu bleiben, bis sich der Regen verzogen haben wird. Bis ich wieder trocken sein werde. Bis meine Wunden geheilt sein werden. Bis ich mich gesäubert und neue Kleidung angezogen haben werde.  Sodass ich, wenn ich das nächste Mal zu den Häusern gehe, wie die Menschen aussehen werde, die sie bewohnen. Mit dieser mich wärmenden Vorstellung rolle ich mich beruhigt zusammen. Ich betrachte den Nebel. Irgendwie gleicht er einer Wolke. Diesem Gedanken nachhängend sinke ich immer tiefer in den erlösenden Schlaf. Diesmal renne ich nicht…

Egal, wie viel Zeit vergeht. Egal, wie viel ich nachdenke. Egal, wie intensiv ich an mir arbeite. Der Regen und die Dunkelheit bleiben. Einige Mal bin ich deshalb schon krank geworden. Dann verbrachte ich die Tage in die wolkige Dunstmauer gehüllt und mehr im Delirium, als dass ich tatsächlich anwesend gewesen wäre. An Tagen, an denen es mir besser ging, wagte ich mich auf die Straße. Jedes Mal in der Hoffnung, das Wetter könnte umgeschlagen sein. Jedes Mal der gleiche Stich ins Herz, nachdem ich erkannte, dass sich nichts verändert hatte. Die Straße war nach wie vor verwaist, rutschig und lebensunwürdig. Außerdem hörte ich dort draußen das Wolfsgeheul sehr deutlich. Nur im Gestrüpp versteckt, war es annähernd aushaltbar. Das alles war kein Leben. Ich vegetierte bloß vor mich hin. Quasi ein schleichender Suizid. Nach Heidegger hätte ich niemals den Zustand des Seienden erreicht… Da ich hier nicht leben kann, kommt mir oft der Gedanke, zurück in den dunklen Wald zu gehen. Zurück ins Trockene. So verlockend diese Vorstellung ist, so fatal ist sie auch. Ich entscheide, dass dies keine Option sein kann. Komme, was wolle. Und so keimt die Überlegung, erneut zu den Häusern zu gehen. Aber hatte ich mir nicht geschworen, ich würde mich vorher zum Menschen machen? Wer sollte mir öffnen wollen? Könnte ich eine weitere Ablehnung verkraften? Wie könnte ich mich überhaupt jemand zumut wollen? Brachte ich nicht bloß Zerstörung, würde ich in ihre Leben eindringen? Saurer Selbsthass brodelt in mir und verätzt meine Eingeweide. Übelkeit steigt in mir auf. Ich erbreche Galle. Als spuckte ich jegliche Träume und Wünsche aus. Es bleiben Leere und ein bitterer Nachgeschmack. In wohltuende Gleichgültigkeit gewickelt, sinke ich zu Boden. Ich weine trockene Tränen. Ich möchte rennen, ich habe jedoch das Gefühl, dass es mittlerweile zu spät dafür ist…

Irgendwann wird mir schleichend bewusst, dass ich dringend etwas tun muss, will ich nicht gänzlich verschwinden. Ich erinnere mich an die Versprechen, die ich einst zu halten geschworen hatte. Jene bedeutungsvollen Wortstränge, die den letzten Halt zu bieten schienen. Die wie ein Damoklesschwert über mir schwebten und mich mahnend an unverzeihliche Fehler erinnerten. Ja, ich werde sie nicht gewinnen lassen. Ja, ich werde nicht aufhören, den Kampf jeden Tag aufs Neue auszufechten… Und so renne ich auf die Häuser zu. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

Als die schwachen Umrisse in meinem Blickfeld auftauchen, kehrt das mulmige Gefühl zurück. Auch bilde ich mir ein, das Wolfsgeschrei deutlicher zu hören. Ganz so, als wüssten sie um mein Vorhaben. Als wollten sie mich mit Drohgebärden davon abhalten. Selbstvergessen entscheide ich, mich zu einem späteren Zeitpunkt darum zu kümmern. Unbeirrt setze ich meinen ungewissen Weg fort. Bei den Häusern angekommen, nehme ich mir einen Moment, um tief durchzuatmen. Viel zu häufig halte ich die Luft an – ohne es wirklich zu merken. Erst, wenn ich dann bewusst ausatme, spüre ich, wie die innere Spannung abflacht… Ich schlendere schließlich die bebauten Straßen entlang und werde neiderfüllte Blicke durch die Fenster. Wie schön es sein musste, in einem dieser Häuser leben zu können. Eine Weile verharre ich gleichsam verträumt wie wehmütig in einem Vorgarten und lasse all die guten und schlechten Gedanken durch mich hindurchziehen. Ein schweigender Schlagabtausch meiner zwei Herzen. Ein unerbittlicher Kampf um Richtig oder Falsch. Ohne zu wissen, was eigentlich wozu gehört. Die Stimme des Leitwolfs vibriert in meinem Inneren und knurrt, dass ich den Menschen nicht trauen dürfte. Dass die Menschen nie das Große und Ganze sehen werden. Dass sie nie die erhabene Macht des Mondes werden greifen können… Es klingt so vertraut. Es ist so einfach, diese Worte zu glauben. Und doch ist da dieser deutliche spürbare Widerstand. Ich entscheide, dass ich mir meine eigene Meinung bilden möchte. Etwas, das so heftige, unerträgliche Schmerzen auslöst, kann nicht zur Gänze richtig sein, oder? Sollte ich mich irren, werde ich es erfahren. Doch dann sind es allein meine eigenen Erfahrungen. Nicht bloß nachgeplapperte, aufoktroyierte Phrasen. Phrasen, die allein durch ihre iterative Präsenz zu unumstößlichen Wahrheiten mutierten. Nein, kein Platz mehr für Endlosschleifen. Immerhin sind sie immer die Konsequenz eines Fehlers im Programmcode… Mit weichen Knien nähere ich mich nun dem Haus und der einladenden Tür. Alles sieht genauso aus, wie beim letzten Mal. Zögernd balle ich eine Faust und klopfe an. Wieder geschieht nichts. Verzweiflung ergreift meine Seele. Er darf nicht im Recht gewesen sein. Flehend wende ich mich an den Mond. Bis der Selbsthass und -vorwürfe auf den Plan treten. Ich möchte im Erdboden versinken. Oder – und das wäre weitaus schlimmer – zurück in den Wald laufen und mich den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Mit jeder Sekunde, die ich länger vor dieser Tür warte, nimmt die Spannung zu. Bis sie derart intensiv wird, dass sie mich komplett zu zerreißen droht. Hilflosigkeit fließt durch meine Venen und infiziert jede einzelne meiner Zellen mit ihrem Gift. Ein Gift, das scheinbar sehr langsam und qualvoll tötet – dafür aber effektiv. Äußerst effektiv. Was soll ich bloß tun? Mein ganzes Ich erzittert. Fast so, als setzte mich jemand unter Strom. Ich möchte meine Sehnsüchte, Wünsche und Träume erbrechen und in der Bedeutungslosigkeit aufgehen. All die Jahre unter den Wölfen fordern ihren Tribut und ich bin nur allzu bereit, mich ihnen zu ergeben. Ich beschließe, ein letztes Mal zu klopfen, bevor ich mich auf den Weg ins Reich des Nichts machen werde. Vielleicht mit dem erleichternden Wissen darum, dass es das allerletzte Klopfen sein könnte, setze ich an und hämmere vehement gegen die gewaltige Barriere. Nach einem kurzen Abwarten lasse ich das tiefe Verständnis dafür, warum ich alleingelassen werde, in mich einziehen. Das Wissen um meine nicht zu revidierende Schlechtigkeit legt sich wie ein Schleier über meine Seele. Niemand wird kommen. Es ist eine tröstliche Botschaft, weil das bedeutet, dass es keinen Widerspruch mehr gibt. Kein hinderliches was-wäre-wenn. Dann ist es, wie es ist. Mit dem beruhigenden Wissen, dass es endlich vorbei ist, kehre ich der Tür den Rücken zu und hebe den linken Fuß für den ersten Schritt Richtung Freiheit. Doch ich renne nicht. Ich werde nicht mehr rennen so schnell ich kann. Denn ich renne nicht mehr um mein Leben…

Da öffnet plötzlich jemand die Tür. Um ein Haar rutsche ich auf dem Weg aus, weil es mich dermaßen überrascht. Ich habe zu große Angst, um mich umzudrehen und den Menschen anzublicken. Zu stark ist das Gefühl, erwischt worden zu sein und unbändige Wut dafür erwarten zu müssen. Mir wird bewusst, wie dumm ich mich verhalten hatte. Ich habe nicht auf seine Worte gehört und mich damit in größte Gefahr gebracht. Hier gab es keinen Wolf, der darauf aufpasste, dass mich die mächtigeren Wölfe beim Herumtollen nicht fraßen. Oder dafür sorgte, dass ich nicht verhungerte. Hier draußen bin ich auf mich alleingestellt. Lähmende Angst sickert in meinen Körper und lässt mich erstarren. Ein bewegungsloses Tier zu jagen, macht weniger Spaß, erinnere ich mich und bleibe still. Doch auch der Mensch bleibt ruhig. Was hat das zu bedeuten? Ich schließe meine Augen, weil ich das Gefühl habe, meine übrigen Sinne schärfen zu müssen. Ich darf mich nicht darauf verlassen, was ich sehe. Ein Wolf kann viele Gesichter haben. Meine Muskeln schmerzen vor Anstrengung, die es aufzubringen gilt, um diese Erstarrung aufrecht zu halten. Alles in mir sehnt sich nach Entspannung. Was soll ich bloß tun? Ich hasse mich. Ich hasse mich dafür, in diese Miesere geraten zu sein. Ich hasse mich für mein Leben. Ich hasse mich, weil ich es nicht schaffe, meiner erbärmlichen Existenz ein Ende zu setzen. Nach Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, räuspert sich der Mensch mit einem Mal hinter mir. Kurz darauf fragt er mit einem freundlichen Singsang in der Stimme, was ich wolle. Schamesröte ziert mein Gesicht, als mir klar wird, dass ich keine Antwort darauf habe. Zumindest keine, deren bloßes Aussprechen mich nicht mit sofortiger Wirkung in Brand setzen würde. Ich möchte so vieles sagen. Dass ich nicht länger allein bleiben möchte. Dass ich den Regen nicht länger ertrage. Dass ich ohne Obdach bin und riesige Angst habe. Ich möchte von den Wölfen erzählen. Von den Bäumen und ihren riesigen Kronen. Von der Dunkelheit und den vielen Mondscheinnächten. Ich möchte darüber reden, dass ich gerne Gesellschaft hätte. Dass ich gerne einen Blick in das Haus werfen möchte. Dass ich dringend neue Kleidung benötige. Doch all das werde ich mit keinem einzigen Wort erwähnen. Immerhin wäre das vollkommener Wahnsinn. Was bleibt also? Ich drehe mich irgendwann zu dem Menschen um, lächle und sage, dass es ziemlich stark regne. Der Mensch lächelt zurück und bittet mich, kurz zu warten. Panik meldet sich in mir. Mein Alarmsystem meldet Gefahrenstufe rot. Wird er jemand informieren, weil ich einfach vor seinem Haus aufgetaucht bin? Wird er die Wölfe rufen? Wird er überhaupt zurückkehren? Ich komme mir so töricht vor. Und doch gibt es da dieses Gefühl in mir. Eine Empfindung, die die Hoffnung trägt und mir einflüstert, es könnte sich lohnen, noch einen Moment auszuharren. Und schließlich kehrt der Mensch dann zurück. Er kommt einen Schritt auf mich zu und blickt mich an. Reflexartig ducke ich mich und halte abwehrend meine Hände über mich. Der Mensch legt etwas vor sich ab und sagt, dass ich gerne wiederkommen darf. Oder, dass ich bleiben könne, wenn ich es wollte. Ich halte es nicht länger aus. Auf dem Absatz kehrtmachend renne ich los. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

Vollkommen außer Atem und irritiert bleibe ich nach einigen hundert Metern stehen. Ich hasse mich fürs Klopfen. Ich hasse mich fürs Weglaufen. Ich möchte schreien, weil es so sehr in mir schrillt. Ein heftiger Wind zieht indes auf. Mit ausgebreiteten Armen stelle ich mich auf die Straße. Kreiselnd bewege ich mich im Sturm und lasse mich von seiner Kraft mitreißen. Ich drehe mich immer schneller. Bald darauf schließe ich die Augen und ergebe mich dem Orkan, der sowohl um mich herum als auch direkt in mir zu toben scheint. Als sich der Sturm schließlich etwas beruhigt, lege ich mich auf den Boden. Der kalte Asphalt kühlt meine erhitzte Stirn. Die Vernunft kehrt zurück. Ich versuche, die Situation mit dem Menschen rational zu begreifen. Sie hat mich neugierig gemacht. Postwendend schelte ich mich für dieses törichte Verhalten. Ich möchte mich verletzen, weil ich mich so verwerflich und falsch verhalte. Heute spüre ich das innere Gefängnis in seiner gesamten Komplexität und Ausprägung. Tiefer Kummer betrübt mich und ich wünschte, ich hätte niemals geklopft. Ich sehne mich nach meinem Unterschlupf. Und erneut renne ich los. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…

In meinem Versteck angekommen, überprüfe ich, ob alles noch so ist, wie ich es zurückgelassen habe. Das Wolfsgeheul dringt laut an mein Ohr. Die Welt scheint in der Zwischenzeit geschrumpft zu sein. Eine vertraute Beklemmung breitet sich aus. Es ist jene Beklemmung, die ich in den Mondscheinnächten spürte, nachdem die Wölfe aufgehört hatten zu jaulen und ich die restliche Nacht für mich allein hatte. Es ist jene Beklemmung, die die Bedeutung der Welt und des eigenen Lebens auf ein Minimum reduziert. Was bleibt ist eine konzentrierte Lösung. Ein toxischen Gebräu direkt aus der Hölle. Ein Schluck dieser Flüssigkeit genügt, um alle Organe zusammenziehen zu lassen. Der Körper beginnt, sich gequält zu winden. Das eigene Leben erscheint dann nicht länger schützenswert. Das einzige Sehnen kreist nur noch darum, diesen unerträglichen Qualen ein Ende zu bereiten. Selbst, wenn das den eigenen Tod bedeutete. Über die Jahre fand ich Trost in diesem Schmerz. Ich war allein und dem Tod so greifbar nah. Nichts war mehr von Bedeutung. Die Qualen ließen all die anderen Empfindungen in den Hintergrund treten. Sie katapultierten mich aus dem Leben. Wissend, dass ich nie dazugehören könnte, beruhigte ich mich auf eine Art. Ich hatte die Kontrolle über mein Leben. Auf eine Art – meine Art – war ich frei. Frei, weil ich jederzeit gehen konnte… Heute werfe ich mir vor, es nicht getan zu haben. Heute wünsche ich mir, der Schmerz wäre kein so fester Bestandteil meines Lebens. Doch ich weiß, dass ich in diesen Momenten durchhalten muss. Denn ich laufe dann direkt am Abgrund entlang. Der Blick auf die Untiefen gerichtet. Ein einziger, winziger Millimeter kann den Ausgang der Geschichte entscheiden. Er trennt das Leben vom Tod. Als mich ein Wolf einst bei diesem gefährlichen Balanceakt beobachtete, trat er grinsend zu mir und stieß mich in die endlose Tiefe. Nur im letzten Moment griff er nach mir und zog mich mit einem schnellen Ruck zurück nach oben. Meine Beine waren vor Todesangst erschlafft. Ich sackte in mich zusammen. Der Schock lag wie ein Stein in meinem Magen. Ja, ich wollte sterben. Aber nicht durch jemand anderen als durch mich selbst. Es sollte meine alleinige Entscheidung sein. Meine Irritation hatte mich für einen Moment vergessen lassen, dass ich nicht allein war. Panisch sah ich hoch. Mit gefletschten Zähnen stand der Wolf vor mir und sah mich an. Seine Augen funkelten bedrohlich. Die Botschaft war eindeutig. Ich sollte begreifen, dass mein Leben allein in Wolfshand lag. Der Schmerz meldete sich erneut und plötzlich wünschte ich mir, der Wolf hätte meinen Sturz nicht verhindert. In diese Gedanken für einen Augenblick versunken, nahm ich nur entfernt wahr, wie sich ein Schatten auf mich zubewegte. Zu spät erkannte ich, dass der Wolf mit einem kraftvollen Satz auf mich zugesprungen kam. Doch er stieß mich keineswegs in den Abgrund. Nein, er warf mich um und biss mir heftig in den Arm. Mich durchfuhr ein Schmerz, der mir die Luft zum Atmen nahm. Tränen verschleierten meinen Blick. Salzige Leidtropfen wegblinzelnd, betrachtete ich fassungslos meinen Arm. Warum? Wozu sollte das gut sein? Dutzende Fragen flatterten aufgeregt durch meinen Kopf, während ich emotionslos dabei zusah, wie sich die tiefen Krater in meinem Fleisch langsam mit Blut füllten. Wie sie langsam zu Seen heranwuchsen. Wie sie sich anschließend langsam in Flüssen der Zerstörung ergossen. Und, wie sie schließlich den Weg über meine Eiskalte Hand fanden, um den Boden letztlich mit meinem Inneren zu benetzen. Was mir wie eine Ewigkeit vorkam, dauerte in Wahrheit nur wenige Sekunden. Aber das physische Auseinanderreißen meiner eigenen Haut, die sichtliche und fühlbare Verwundung, veränderte kurzzeitig das Raum-Zeit-Gefüge. Und da begriff ich es. Der Biss war keineswegs als kurzfristige Belustigung des Wolfes gedacht. Vielmehr wollte er sicherstellen, dass ich ihm langfristig erhalten blieb. Mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht überreichte mir stumm eine metallene Zahnprothese. Ich drehte sie fasziniert in meinen Händen. Ich begutachtete sie von allen Seiten. Schwach brach das Licht in ihr und ließ sie kostbar glänzen… Seither gab es unzählige Momente, in denen ich dafür sorgte, gebissen zu werden. Und, es gab unzählige Momente, in denen ich mich selbst gebissen hatte. Meist saß ich dann am Rand der Klippe. Die Beine über dem Abgrund baumelnd. Mit den Jahren letzte ich, dass ich es kontrollieren und reglementieren musste. Nie vor Mitternacht. Nie sichtbar. Nie zu viel. Doch in Augenblicken größter Beklemmung, schaffe ich es nicht, mich daran zu halten. Dann muss ich dem Tod zumindest die Hand geben, um mich seiner als Option zu vergewissern. Dann ist der Schmerz in mir so mächtig, dass es den größtmöglichen Alternativreiz braucht. Dann gibt es nur die Hoffnung, Heilung im rohesten Schmerz überhaupt finden zu können… Aufgewühlt laufe ich nun erneut am Abgrund entlang. All das nur, weil ich einem freundlichen Menschen begegnet war. Unruhig fällt mein Blick auf das metallene Gebiss in meiner Hand. Ich will das nicht tun. Verzweifelte, gequälte Schreie suchen vergebens einen Weg an die Oberfläche. Ich fürchte den Schmerz. Bis mir klar wird, dass es nur auf diese Weise überlebbar bleibt. Es ist quietschendes, ziehendes Gefühl, wenn der eiserne Zahn die Haut durchdringt. Wie ein Ventil geschaffen, entweicht allmählich der Druck. Biss um Biss um Biss beginne ich dann zu rennen. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne dem Tod in die Arme, um (hoffentlich) zu überleben…

Donnerstag, 12. Mai 2022

Dunkle Freiheit

 Dunkelheit umhüllt mich. Tiefschwarze Nebelwände ragt massiv in die Höhe und bilden eine undurchdringbare Mauer. Ich bin eingesperrt. Mein Herz schlägt wild in meiner Brust. Ich bekomme keine Luft. Langsam sinke ich zu Boden. Mit meinen Händen versuche ich, den Untergrund zu ertasten. Ein feuchter, modriger Geruch steigt mir in die se. Es ist der vertraute Geruch der Verwesung. Der Vergänglichkeit.

Allmählich gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis. Lange Schatten geben der Szene Struktur und Form. Neben mir entdecke ich einen Rosenbuch. Schwarze Knospen thronen über den Dornen, die sie schützen sollen. Ob sie sich wohl je öffnen werden? Oder werden sie verwesen, noch bevor sie die Chance hatten zu erblühen? 

Ein furchtbares Geräusch unterbricht urplötzlich diesen Gedanken. Sofort stehe ich auf und fahre herum. Angst erfasst mich. Woher kam dieses Krächzen? Ist noch jemand hier? Verzweiflung kriecht in mir empor. Nicht schon wieder. Bitte nicht. Angestrengt versuche ich, mich zu beruhigen. Gerade ist keine Zeit für Gefühle. Ich streife die Emotionen ab und lausche konzentriert in das Dunkel hinein. Schließlich gelingt es mir, die grässlichen Laute zu lokalisieren. Dort hinten in der Ecke kauert eine Gestalt. Hadern überleg ich, was ich nun tun soll. Eine ungute Vorahnung breitet sich in mir aus und lässt mich innehalten. Wäre möglich, dass die Gestalt wieder verschwindet oder zumindest verstummt, wenn ich mich leise verhalte und sie ignoriere? Ich könnte mich vorsichtig in eine andere Ecke bewegen und dort still ausharren. Bis der Spuck vorbei wäre. Ja, das klingt nach einer guten Idee. Zaghaft schleiche ich zur gegenüberliegenden Wand und setze mich in den schützenden Schatten der angrenzenden Ecke. Ich blicke auf und stelle erleichtert fest, dass sich die Gestalt scheinbar nicht bewegt hat. 

Ein eisiger Schauer läuft mir den Rücken herunter. Ich ziehe meine Beine an und schlinge meine Arme herum. Erneut werfe ich einen prüfenden Blick hinüber zu der kleinen Gestalt. Unaufhörlich gibt es weiterhin diese grauenvollen Töne von sich. Es soll aufhören! Bitte verschwinde! Bitte geh! Ich lasse meinen Kopf auf meine Knie sinken und bedecke meine Ohren mit meinen Händen. Ein dumpfes Rauschen nimmt für einen Moment den gesamten Raum in mir ein. Eine kurze. aber kostbare, Sekunde lang bin ich mit mir allein. Lediglich die Zirkulation meines eigenen Blutes ist zu hören. Still fokussiere ich mich auf meinen schnellen, regelmäßigen Puls. 

Plötzlich werde ich ohne Vorwarnung von einer Berührung überrascht, die mein Herz einen Augenblick aus dem Takt bringt. Ich zwinge mich mit aller Kraft, meinen Bick gesenkt zu lasen. Wiederholend ermahne ich mich im inneren Dialog zur Ruhe. Ich sage mir, dass ich jetzt nicht schwach werden darf. An der Stelle meines Arm, an der mich die Gestalt berührte, hat meine Haut begonnen intensiv zu brennen und zu jucken. Mit aller Kraft widerstehe in de Impuls mich zu kratzen. Ich der Gestalt keine Aufmerksamkeit geben - egal welcher Art auch immer. 

Eiskalte, winzige Finger legen sich erneut auf meinen Arm. Ein vehementes Rütteln folgt. Ich beiße die Zähle fest zusammen. Kontrolle bewahren. Das Rütteln wird immer drängender. Verzweiflung ergreift mich. Bitte geh weg! Bitte verschwinde! Bitte...

Bittere Resignation umschließt mein Herz und ich erkenne, dass ich verlieren werde. Also bündle ich meine letzten Kräfte und sehe auf. Meine Augen blicken in eine kleinere Version ihrer selbst. Gleichsam glasige wie stumpfe Pupillen durchdringen mich. Kaum merklich schüttle ich den Kopf. Stumm formuliere ich etwas, wofür es keine Worte gibt. Flehend halte ich dem Blick stand. Bitte geh! Bitte verschwinde! Dann wende ich mich ab. Der Griff der Gestalt wird fester. Erneut blicke ich auf. Meine Augen schweifen über das kleine Wesen hinweg. Es ist schmutzig. Blutige Rinnsale zeichnen eine Landkarte der Zerstörung. Der Körper dieser Gestalt sieht aus wie eine von einem Vulkan heimgesuchte Landschaft. Jegliches Leben vernichtet. Niedergebrannt. Verschüttet. 

Ein gewaltiger Schmerz durchfährt mich. Mir bleibt die Luft aus. Mit einem impulsartigen Stoß schubse ich die Gestalt von mir weg. Ein spitzer Schrei durchdringt die Dunkelheit. Ich richte mich auf. Abwehrkräfte mobilisieren mich. Ich bin in Kampfbereitschaft. Das Wesen rappelt sich mühsam auf. Es weint. Eiserne Härte umfasst mein Herz. Ungnädig blicke ich auf die Gestalt herab. Säuerliche Verachtung rinnt meine Kehle hinab. Der Hass legt sich wie eine schützende Rüstung um mich. Mit ablehnenden Augen blicke ich das Wesen an. Fast lautlos flüstert es mir zu: "Bitte. Hilf mir. Bitte. Sieh mich an. Lass mich nicht allein. Bitte." Die Wut formt ein kaltes Schwert in meiner Hand. Entschlossen richte ich es gegen das Wesen. Bedrohlich schwinge ich es herum und fauche: "Bitte geh! Bitte verschwinde!".

Das Wesen stößt ein entsetzliches Schluchzen aus, das mein Herz zerreißt. Es macht mich wahnsinnig! Bitte, bitte, bitte hör auf! Sei still! 

Langsam gehe ich mit erhobenem Schwert auf das Wesen zu. Meine Geduld ist am Ende. Ich kann nicht mehr. Welches Recht nimmt sich dieses Ding überhaupt heraus? Schließlich hat es uns doch erst hierher gebracht...

Als ich bloß noch einen Schritt entfernt bin, löst sich das Wesen auf. Für einen kurzen Moment verspüre ich Traurigkeit. Eine heiße Träne bahnt sich ihren Weg. Doch dann erkenne ich jene Wahrheit, die so unerträglich ist: ich kann das Wesen nicht töten. Es wird wiederkehren. 

Ich spüre das Gewicht des Schwertes in meiner Hand. Eine schwere Erkenntnis offenbart sich mir. Träge schließe ich die Augen und atme tief durch. Dann ramme ich mir das Schwert mit voller Wucht in den Körper. Lauwarmes Blut tropft auf den Boden. Bevor mich die Dunkelheit vollständig verschlingt, murmle ich mir zu: "Bitte geh...Bitte verschwinde..." Und dann ist sie da: die Freiheit.  



Wolkentänzerin

Donnerstag, 23. Dezember 2021

Lichterglanz

 Ich stehe am See. Eine zarte Eisschicht hat sich auf der Oberfläche gebildet und verleiht der Szene eine mystische Ausstrahlung. Zaghaft fällt ein Lichtstrahl durch die kahlen Äste und lässt den grauen Dunst flimmern. Ein zauberhaftes Spiel zwischen Licht und Kontrasten. Ist es im Leben nicht auch so? Wo Licht ist, ist auch Schatten? Ein Sprichwort, das mir ein wenig zu eindimensional daherkommt und doch trägt es ein Stückchen Wahrheit in sich.

Weihnachten ist die Zeit der Lichter. Überall funkeln kleine Lämpchen um die Wette und durchbrechen so die triste Dezemberlandschaft. Dabei gibt es allerdings auch Unterschiede zu erkennen. Manche Häuser sind in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Andere werden durch grelle, weiße, kalte Lichter geziert. Und wieder andere haben ganze Lichtershows in ihren Gärten. Das gesamte Farbspektrum blitzt und blinkt. 

Denke ich so darüber nach, ist das irgendwie auch auf das Leben übertragbar. Es gibt Menschen, die die Dunkelheit des Lebens mit hellem Licht abzuhalten versuchen. Andere setzen auf bunte, fast schon überdrehte Lichtershows. Manche nutzen einen goldenen Schimmer, der die Nacht durchbricht, sie aber eher einrahmt und in Szene setzt, als sie tatsächlich zu vertreiben. Naja, und dann gibt es noch die Menschen, die keine Lichter verwenden. Die sich vielleicht in der Dunkelheit wohl und sicher fühlen, weil sie dann vor den Augen der anderen verborgen sein können. Letztlich bleibt die Nacht allerdings Bestandteil all unserer Leben. 

Ich krame meine Kopfhörer hervor, um die Stille zu durchbrechen. Es gelingt mir derzeit nicht, die Ruhe auszuhalten. Zu groß ist die innere Spannung, die mich zu zerreißen droht. Also lasse ich den Rythmus auf mich wirken und den Bass mein inneres Schwingen überzeichnen. 

Denke ich an die nächsten Tage kehrt eine Schwermütigkeit in mich ein. Mein Schuldgefühl ist gigantisch. Weihnachten war jene Zeit, in der es so etwas wie Liebe gab. Ein üppig geschmückter Weihnachtsbaum, etliche Geschenke und Gemeinschaft, die harmonisch war. Nein, das ist eine romantische verklärte Sicht fern ab jeder Realität. Weihnacht war der Moment, an dem sich die explosive Stimmung der Adventszeit entlud und die Angst für einen Augenblick verschwand. Meine Eltern wurden versöhnlicher. Eine wohltuende Illusion einer heilen Familie legte sich über das, was zuvor geschen war. Das wochenlange Schweigen meiner Mutter endete. Die Wut wich einer süßlichen Freundlichkeit, die so verlockend war, dass sich keiner von uns ihr entziehen konnte. Wie Schwämme versuchten wir dieses Gefühl in uns aufzusaugen und für die kommende Zeit zu konservieren. Ja, denke ich an die nächste Zeit, verdreht es mir den Magen. Ich möchte euch kontaktieren, euch sagen, wie leid es mir tut. Ich möchte euch um Vergebung anbetteln, um etwas von dem köstlichen Nektar zu bekommen. Jener zuckerhaltige Lösung von der ich mir die so dringliche Erlösung erhoffe. Dabei ist mir rational bewusst, dass all das nicht real ist. Dass ihr nicht zur Liebe fähig seid. Weihnachten war der Versuch, eure eigenen Erfahrungen zu kompensieren. 

Ich habe mehr Mitgefühl mit euch als mit mir selbst. Die Stimmen in mir sagen, dass ich euch gegenüber verpflichtet bin. Dass ich für euer Glück verantwortlich bin. Dass es meine Aufgabe ist, mich um euch zu kümmern. Ihr wichtiger seid als ich. Dass ich egoistisch und ein Monster bin, wenn ich auf mich achte. Mir ist speiübel bei dem Gedanken, euch kontaktieren zu müssen. Ich will das nicht. Es tut mir weh. Aber ich weiß auch, dass ich es noch nicht schaffe, es nicht zu tun. Zu riesig sind die Schuldgefühle. Zu groß der Wunsch danach, doch noch geliebt zu werden. Und zu monströs die Angst vor der Wahrheit. Die Wahrheit, die zu schmerzhaft ist und einen Rattenschwanz nach sich zieht, der (noch) nicht erträglich ist.

 


Wolkentänzerin


Mittwoch, 22. Dezember 2021

Prätherapeutisches Wirrwarr

Gleich ist wieder Therapie. Das letzte Mal dieses Jahr. Dr. Freud hat extra einen Ausweichtermin eingerichtet, damit wir uns nochmal vor Weihnachten zusammensetzen können. 

Ich möchte nicht hingehen. Bin enorm nervös, abgespalten, verwirrt. Mir ist mein Kopf gerade zu viel. 

Wir wollen über Weihnachten sprechen. Heute und früher. Allein bei dem Gedanken möchte ich weglaufen und mich verstecken. Die Vorstellung diese Dinge zu bereden, löst Angst und Unbehagen aus. Ich möchte das vermeiden und davon ablenken. Mich nicht mit diesen Momenten konfrontieren müssen. Dabei weiß ich, dass es notwendig ist. Dass ich hinsehen und aushalten muss. Nur so hört es vielleicht irgendwann auf. Vielleicht. 


Wolkentänzerin


Dienstag, 21. Dezember 2021

World Spins Madly On

I woke up and wished that I was dead

With an aching in my head
I lay motionless in bed
I thought of you and where you'd gone
And let the world spin madly on
And everything that I said I'd do
Like make the world brand new
And take the time for you
I just got lost and slept
Right through the dawn
And the world spins madly on
I let the day go by
I always say goodbye
I watch the stars from my window sill
The whole world is moving
And I'm standing still
I woke up and wished that I was dead
With an aching in my head
I lay motionless in bed
The night is here and the day is gone
And the world spins madly on
I thought of you and where you'd gone
And the world spins madly on
And the world spins madly on
And the world spins madly on
And on
And on
Hey, ah
Hey, ah
Hey, ah



Wolkentänzerin

Montag, 20. Dezember 2021

Montagsverwirrung

 Ich blicke in den Spiegel. Die letzte Stunde verbrachte ich damit, meine rote Mähne mit einem Lockenstab zu bändigen. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Meine Haare sind das Einzige, das ich an mir mag. Für einen Moment schaue ich mir selbst in die Augen und erkenne meine Eltern darin. Ich habe seine Augen. Manchmal blitzen Erinnerungen auf, wenn mich mein eigener Blick trifft. Dann überkommt mich die Angst, dass ich Teile von ihnen in mir haben könnte. Dass ich so werden könnte wie sie. 

Mühsam schüttle ich diesen Gedanken von mir ab. Dafür ist jetzt keine Zeit. Zu groß ist die Gefahr, dass ich Dinge aufwühle, die mich außer Gefecht setzen könnten. Nein, nicht jetzt! 

Also krame ich mein Lernzeug hervor und beschäftige mich mit der Implementierung von Algorithmen, mit ihren Bestandteilen und Befehlen. Doch ich kann mich nicht konzentrieren. Mein Geist schweift ständig ab und geht auf Wanderschaft durch meine chaotische Gedankenlandschaft. Mit aller Kraft versuche ich, meinen Fokus zurück auf das Wesentliche zu richten. Das will mir allerdings nicht so recht gelingen. Es nervt mich. Ich habe für meine Zerstreutheit kein Verständnis und keine Geduld. Es ärgert mich, dass ich gerade nicht funktionieren will. Vertraute Beschimpfungen werden in mir laut und ich ergebe mich eine zeitlang dem Selbsthass. Das hilft mir dabei, den eigenen Raum einzuschränken. Ich erlaube mir nicht, mich mit mir auseinanderzusetzen. Mein Alltagsich kehrt zurück und verschließt all die störenden Emotionen in einer massiven Kiste. 

Mir ist bewusst, dass meine Rationalität mir selbst im Weg steht. Ich weiß, dass ich gleich zur Therapie und dort über eben jene Gefühle sprechen muss. Verdrängen hat mich noch nie weit gebracht. Es hat mir meine Existenz gesichert, mehr aber auch nicht. Allerdings weiß ich nicht, wie es anders aushaltbar sein soll. Dr. Freud sagt, ich müsse einen Zugang zu den Empfindungen finden, um die Dinge "verarbeiten" zu können. Ja, klingt pausibel. Aber wie gehe ich mit der Wucht der Dinge um, wenn der Schutzmechanismus fehlt? Wie soll ich der zerstörerischen Brand in mir bekämpfen, wenn ich den Feuerlöscher nicht benutzen kann? Vielleicht bin ich auch schlicht ein zu großer Feigling...



Wolkentänzerin

Sonntag, 19. Dezember 2021

Schützendes Eis

Ich halte es derzeit nicht gut in geschlossenen Räumen aus. Zu groß ist der Drang nach Freiraum. Ich habe das Gefühl, ausbrechen zu müssen. Fühle mich einfach eingeengt. Bekomme keine Luft. Die Nacht ist angebrochen, an Schlaf ist nicht zu denken. Ich muss weglaufen, den Dingen entkommen.

Also ziehe ich mir meine Jacke an und gehe hinaus in die Nacht. Sofort als ich hinaustrete, verschlingt mich die eisige Luft der Nacht und ich fühle mich schlagartig freier. Mit jedem Schritt, den ich mache, bekomme ich besser Luft. 

Ich passiere einige Wohnhäuser auf meinem Weg zum eigentlichen Ziel. Die meisten Häuser liegen im Dunkeln. Kein künstliches Licht verschmutzt die Welt. Die Menschen scheinen zu schlafen. Das beruhigt mich. In der Dunkelheit fühle ich mich sicherer. Als habe sich eine schützende Schicht auf die Welt gelegt. Niemand kann mich sehen. Ich kann ich sein.

Wenn gar nichts mehr geht, dann hilft einzig noch der Wald. Als könnten die hölzernen Riesen meine Einsamkeit verstehen. Immerhin sind auch sie ständig der unerbittlichen Witterung ausgesetzt. Müssen im Winter ihre schmückenden Blätter abwerfen, um zu überleben. Vielleicht ist es ihr Überlebenskampf, der mich fasziniert. 

Meine Füße tragen mich zum nahegelegenden See. Ein wunderschönes Fleckchen Erde. Für einen Moment bleibe ich stehen und blicke auf die spiegelglatte Wasseroberfläche. Das Abbild der am Ufer stehenden Bäume wird vom kalten Nass zurückgeworfen. Eine beeindruckende Szenerie. 

Ich setze mich auf einen moosüberwucherten Baumstumpf und lasse meinen Kopf in meine Hände sinken. Ich bin müde und irgendwie ziemlich durch den Wind. Die Erinnerungen flattern wie schwarze Gestalten durch meinen Geist. Dann und wann greift eine dieser Gestalten mein Inneres an und ein unerbittlicher Kampf um die Vorherrschaft bricht aus. Es ist anstrengend und ich wünsche mir eine Pause. Es ist keine Energie mehr da, um weiterhin gegen die dunklen Wesen zu kämpfen. 

Ein einzelnes, kleines Blatt löst sich von einem kargen Ast und segelt hinuter. Wie in Zeitlupe gleitet es hinuter, bis es schließlich die Oberflächenspannung des Sees in Bewegung versetzen lässt. Winzige Kreise bilden sich auf dem Wasser. Sofort denke ich über die Analogie dieses Naturphänomens mit meinen Gedanken nach. Ein einzelnes Wort hat oft die Kraft, eine Welle auszulösen. Versuche ich dann, wieder Ruhe zu schaffen, verschlimmere ich es bloß und löse ganze Taifune aus. 

Ich komme allmählich zur Ruhe. Allein hier draußen an diesem See fühle ich mich wohl. Das Verlangen keimt in mir auf, in die nassen Massen hineinzuwaten und unterzutauchen. Mich in die Tiefen ziehen zu lassen und endlich befreit zu sein. In meinen Gedanken stelle ich es mir vor und eine kitzelnde Vorfreude erfasst mich. Nein, das geht nicht. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht. Dazu bin ich zu schwach. Diese Erkenntnis tut weh und lässt meinen Selbsthass aufkeimen. Minuten voller Vorwürfe und Selbstzerfleischung beginnen. Am Ende bin ich erschöpft und innerlich leer. 

Langsam erhellt sich der Horizont. Die Sonne hüllt den Himmel in ein sattes Purpur, mächtige Schatten tänzeln über den See. Ein atemberaubendes Lichterspiel voller Eleganz. 

Ich erhebe mich, um meine Rückkehr anzutreten. Für immer verstecken geht eben nicht. 

Unter meinen Füßen knacken vereiste Äste. Quasi ein letzter Lebenshauch fast toter Organismens. Bald werden sie wieder in den Lebenkreislauf zurückgeführt werden. Keine sonderlich schöne Vorstellung für mein Ende, finde ich. Ich möchte nicht in den Lebenszyklus zurückkehren. Nein, ich möchte vollständig ausscheiden. 

Auf meinem Heimweg betrachte ich die vereisten Pflanzen um mich herum. Ist es so auch mit mir? Habe ich immer wieder eine schützende Eisschicht um mein Inneres gelegt? Dann und wann kam ein warmer Schauer und hat einen Teil davon geschmolzen. Doch zu groß war die Angst, als dass ich mich hätte ganz auftauen lassen können. Also zog ich eine weiter Schicht über die kleine Lebenspflanze meines Ichs. Nun ist sie tief vergraben unter etlichen Eisschichten. Ich komme nicht umhin mich zu fragen, was ich mache, wenn all das Eis geschmolzen ist und ich erkenne, dass das kleine Pflänzchen schon längst eingegangen ist? Nicht überleben konnte, weil die Wärme fehlte? Dann doch lieber in Eis erstarrt bleiben und an eine Illusion glauben können. Lieber ein Scheinleben als gar kein Leben. Oder? 


 

Wolkentänzerin


Samstag, 18. Dezember 2021

Der Strand der Verdammnis

Manchmal habe ich das Gefühl, an einem Strand zu sein. Mein Blick auf die bedrohlichen Wellen der Erinnerung gerichtet, die sich schäumend in meine Richtung bewegen. Am tristen grauen Himmel hängen einige schwere Wolken, die sich allmählich in salzige Tränen auflösen und in den eisigen Wassermassen aufgehen. Ein ungnädiger Regenschauer nähert sich also. Doch ich kann nicht fliehen. Denn an den Strand grenzt ein riesiger Zaun an, den ich nicht überwinden kann. Ich sitze in der Falle. Kurz überlege ich, einfach in die Wellen hineinzulaufen und mich ihnen zu ergeben. Doch ich kann nicht. Ich will nicht. Also suche ich Schutz hinter einem riesigen Findling. Allerdings auf der dem Meer zugewandten Seite. Denn ich will nicht, dass die Menschen auf der anderen Seite sehen können, wie ich kämpfe. Ich möchte nicht zum Objekt ihrer neugierigen und verurteilenden Blicke werden. Also klammere ich mich an meinen steinigen Freund und hoffe darauf, dass alles gut werden möge. Die unerbittlichen Wogen drücken mich gegen die glitschige und raue Oberfläche des Steines. Jegliche Luft wird aus meinen Lungen gepresst und ich habe das Gefühl, es nicht auszuhalten. Ich habe Angst und möchte schreien. Doch das geht nicht. Weil mir die Luft fehlt und weil ich keine Aufmerksamkeit erregen möchte. Niemand soll mich so sehen. Diese jämmerliche Gestalt zu Gesicht bekommen, die ich bin.

Ich möchte auf die andere Seite des Zauns. Oder? Ja, das möchte ich. Ich möchte dazugehören. Nur ein einziges Mal in meinem Leben. Ich möchte die Denkmuster abstreifen, die mich in ein Korsett zwängen, dass mich schon fast gänzlich deformiert hat. Ich möchte ein Teil der Gesellschaft sein. Ganz ohne diesen furchtbaren Zynismus. Ohne die Stimmen in mir, die mir süßlichen Selbsthass einflüstern und mir sagen, dass ich zu diesem einsamen Leben an diesem elendigen Strand verdammt bin. Doch dann denke ich mir wieder, dass ich es verdient habe. Dass ich zu viele Dinge angestellt habe, als dass es mir erlaubt sein könnte, ein "freies" Leben führen zu können. Ich bin schuld. Das muss ich sein. Ansonsten ergäbe das alles gar keinen Sinn. Und es muss einen Sinn haben. Es muss logisch erklärbar sein.

Hier sitze ich nun. Im matschigen Sand. Vollständig durchnässt und abgekämpft. Ich versuche mich zu sammeln und mir zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wie ich dieser Hölle entkommen kann. Dabei habe ich doch schon so viel versucht. Oder? Vielleicht ist die Wahrheit auch, dass ich zu viel Angst habe. Dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich auch nur ein Mensch wirklich mögen könnte. Nein, unmöglich. Dafür kenne ich mich zu gut. Oder?

Ich möchte den düsteren Gesalten der Nacht entkommen. Ich möchte den niederschmetternden Wellen mit ihrer mächtigen Zerstörungskraft entkommen. Aber ich weiß nicht wie und das macht mich wahnsinnig. Ich bin es so leid. So so leid...



Wolkentänzerin

Lautloser Schrei

 Was stimmt bloß nicht mit mir? Wohin mit all dem inneren Druck? Doch für immer gehen? Oder bleiben und aushalten? Ich drehe mich im Kreis. Oder dreht sich die Welt, während ich stehengeblieben bin? Herauskatapultiert worden, weil das Entsetzen so groß war? 

Ich brauche Beschäftigung, sonst drehe ich noch durch. Oder bin ich das längst? Ist das vielleicht des Pudels Kern? 

Sinnlose Worte werden aneinandergereiht, in die Welt hinausgespuckt, weil es irgendwie raus muss. Weil es sonst nicht ausgesprochen werden kann. Nur Getippe auf einer Tastatur ist möglich. Alles andere zu bedrohlich. Zu schwierig. 

Ich möchte schreien. Mir die Seele aus dem Leid krakelen. Doch es bleibt bei dem Wunsch. Mehr passiert nicht. Stattdessen bleibt der Druck hängen und verstopft mich von innen. Ich bekomme kaum noch Luft, habe Angst. Wann geht diese miese Dunkelheit endlich weg? Wann?



Wolkentänzerin