Mittwoch, 6. Dezember 2017

Geliebt werden

Vor ein paar Minuten schrieb ich mir einen Teil meiner Gedanken von der Seele. Und nun spüre ich, dass dort noch so viel mehr schlummert. Ich sprach lange Zeit nicht mehr über meine Empfindungen. Tief verschlossen in der hintersten Ecke meines Seins habe ich sie versteckt – in der Hoffnung, dass sie dann still bleiben und ich ein normaleres Leben führen könnte. Doch meine Erwartung war naiv gewesen. Wie konnte ich erwarten, dass mein Wesen auf einmal eine andere Gestalt annimmt, nur weil ich alles verdrängte? Seit wann verschwindet etwas, nur weil man die Augen davor verschließt?
Vor ein paar Wochen begann ein neuer Lebensabschnitt für mich. Ich verließ meine Komfortzone und fing ein neues Projekt an. In der Hoffnung, der Tapetenwechsel täte mir gut. Würde meine negativen Lebenseinstellungen ein bisschen verbessern und mir neuen Aufschwung verleihen. Ich war motiviert und voller Erwartungen. Vielleicht hatte ich zu viele Erwartungen.
Immer wenn ich glaube, dass sich nun alles zum besseren hinwendet, passiert etwas, das mich komplett aus der Bahn wirft. Und wenn es nur unterbewusst geschieht. Es geschieht. Vielleicht ist es auch eine selbsterfüllende Prophezeiung, ich weiß es nicht. Doch ich weiß, dass ich anders bin. Ich empfinde anders und ich reagiere anders.
Seit ich denken kann, war ich nie richtig. Ich konnte nichts richtigmachen und war immer ein Störfaktor im Leben meiner Eltern. Ich war da, um gewisse Befehle auszuführen, doch selbst das machte ich nie richtig. Auf Grund unterschiedlichster Faktoren hatte ich nie wirklich Freunde. Bekannte, ja, aber nicht wirkliche Freunde. Wie sollte das auch gehen? Wie soll eine Freundschaft entstehen, wenn der gegenüber nie mein wahres Gesicht sehen wird?
Ich bin ein überaus angepasster Mensch. Seit ich klein bin, wurde ich darauf getrimmt, die Wünsche anderer zu erfüllen. Ich war der Punchingball meiner Mutter, das Spielzeug meines Vaters, der Sündenbock meiner Brüder. Meine Rolle war klar. Ich tat, was von mir verlangt wurde. Egal wie perfide es war, egal wie sehr ich darunter litt, egal wie sehr es mich zerstörte, ich tat es. Ich tat es, weil ich die angepriesene Liebe wollte. Viel zu spät erkannte ich, dass diese Liebe sich bloß als solche ausgab. In Wahrheit war es tödliches Gift.
Die Krux an der Geschichte ist, dass dieses Gift noch immer in mir schlummert. Es verpestet mein Leben und entzieht mir jegliche Lebensfreude. Bis heute suche ich nach Liebe und kann sie doch nicht empfinden. Ich kann mich nicht lieben lassen. Ich suche nach dem Fehler im System. Denn ich kann nicht glauben, dass es eine Liebe gibt, die heilen und nicht verletzen will.
Zudem bin ich unfähig, mich selbst als liebenswertes Wesen zu betrachten. Ich verachte mich, weil ich genau weiß, dass ich nicht perfekt bin. Kein Mensch ist perfekt. Doch ich habe den Anspruch in mir, es sein zu müssen.
Wenn ich einen Menschen gernhabe, bekomme ich sofort Angst. Angst, dieser Mensch könnte entdecken, wie wenig ich tatsächlich wert bin. Nein, im Grunde habe ich furchtbare Angst davor, dass meine Eltern Recht gehabt haben könnten. Dass ich wirklich das Monster bin, von dem sie immer sprachen. Oftmals stellte ich mir auch die Frage, ob ein Mensch gut werden kann, wenn er in Mitten von Bösem aufwächst. Kann ein Mensch lieben, wenn er nie Liebe erfuhr? Kann ein Mensch lieben, der sich hasst?
Ich bin unfähig Freundschaften zu bilden, weil ich nicht daran glauben kann, dass mich jemand mögen könnte. Alles was ich kann, ist auf den einen Tag zu warten. Auf den Tag, an dem ich wieder alles verliere. Und ich weiß, dass es kommen wird. So oder so.
Wolkentänzerin

Monolog



Hallo Welt,

wir haben uns schon länger nicht gehört. Heute komme ich endlich mal wieder dazu, meine Gedanken zu formulieren und hoffentlich auch loszuwerden. Mir drückt schon eine längere Zeit der Schuh und es geht mir ziemlich schlecht. Dabei hätte ich allen Grund, zufrieden zu sein. Ich habe eines meiner Etappenziele mit Bravur erreicht, konnte auf ein weiteres hinarbeiten und könnte somit stolz auf meine Leistung sein. Doch das mag mir einfach nicht gelingen. 

Selbst als ich mit meiner Leistung hätte mehr als zufrieden sein können, konnte ich es nicht, sondern verlangte nach einer zweiten Chance um es noch besser zu machen. Erst später hinterfragte ich dieses Verhalten und mir wurde bewusst, dass ich es nicht meinetwegen tat. Ich wollte Menschen beeindrucken, deren Liebe ich mir bis heute noch wünsche. Die Liebe meiner Eltern. Doch ich werde sie so oder so nicht bekommen. Egal wie sehr ich mich anstrenge. Egal wie sehr mich nach dieser Liebe dürstet – ich werde sie nicht erlangen.
Derzeit habe ich kaum Energie, empfinde eine so tiefsitzende Traurigkeit, dass ich selbst darüber erschrocken bin.  Allein das allmorgendliche Aufstehen bedeutet einen enormen Kraftaufwand für mich. Ich weiß nicht mehr, wofür ich aufstehe. Vielleicht lähmt mich unterbewusst die kommende Zeit. Wir befinden uns in der Adventszeit – eine Zeit voller Graus für mich. 

Ich konnte Weihnachten noch nie viel abgewinnen. Für mich war es immer ein einziges Theaterspiel. Bei uns zu Hause wurde die Vorweihnachtszeit von Streit, Stress, Verletzung, Ablehnung, Unzufriedenheit und Hass dominiert. Wie oft musste ich mir anhören, dass ich nichts wert sei, dass man sowas wie mich niemals lieben könne und die Welt ohne mich ein besserer Ort wäre. Dann an Weihnachten wurden wir gezwungen, die heile Familie zu spielen. Insbesondere in der Kirche sollte wir die Vorzeigefamilie darstellen. Ich sollte einfach über das hinwegsehen, was mir gesagt wurde. Sollte eine gute Christin sein und vergeben. Doch wie viel kann ein einzelner Mensch vergeben? Was passiert mit all den verdrängten negativen Gefühlen? 

Immer, wenn ich bei Menschen Weihnachten verbrachte, die einander aufrichtig liebten und eine Atmosphäre des Respektes und Miteinanders schufen, konnte mich das nicht erfreuen. Vielmehr wurde mir dadurch vor Augen geführt, was ich selbst nie erleben durfte. Ich weiß, dass ich froh sein kann, es nun zu erleben und dafür sollte ich dankbar sein. Doch es fühlt sich nicht richtig an. Ich habe das Gefühl, als hätte ich es nicht verdient. Bis heute kann ich nichts als gut anerkennen, was ich tue, weil ich immer denke, dass es nicht gut genug war. 

Ich hasse mich, weil ich mein kleines Würmchen nicht beschützen konnte und das werde ich mir niemals verzeihen. Auf meinen Schultern trage ich so viel Ballast mit mir herum, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich die Kraft dafür aufbringen soll.
Lange Zeit glaubte ich, ich könnte die Dämonen meines Lebens bezwingen. Ich müsste nur positiv genug sein, dann würde es schon klappen. Doch wenn ich ehrlich zu mir bin, dann muss ich erkennen, dass ich noch immer mittendrin bin und so vieles unverarbeitet in mir schlummert, dass mir allein der Gedanke daran, fürchterlich Angst einjagt. 

Zurzeit habe ich jede Nacht Flashbacks, wache schweißgebadet auf und würde am liebsten schreien. Ich kann die schrecklichen Bilder meines Lebens nicht loswerden. Ich laufe auf dem Zahnfleisch, bin gereizt, traurig und erschöpft. Doch was mich am allermeisten schlaucht, ist das Tragen meiner Maske. Niemand da draußen soll sehen, wie es mir wirklich geht. Niemand soll merken, was ich wirklich fühle. Niemand soll spüren, dass ich nicht mehr kann. Ich will nicht schwach wirken. Wer schwach ist, ist leichter angreifbar. Und ich werde nicht zulassen, dass ich durch sie kaputtgehe. Ich kann sie nicht gewinnen lassen. Nicht nochmal. 


Wolkentänzerin

Sonntag, 2. April 2017

Die Kraft der Erkenntnis

Es ist lange her, dass ich diese Plattform verwendete, um meine Gedanken zu äußern. Woran das genau liegt? Ich denke, ich habe mich sehr verändert und stand im Grunde gar nicht recht in Kontakt zu mir selbst. Vielmehr habe ich in den letzten Monaten funktioniert und versucht, das mir gesteckte Ziel zu erreichen. Ich stehe nun kurz davor, dieses Etappenziel in meiner To-Do-Liste als erledigt abzuhaken. 
Doch eines ist in all dieser Zeit geblieben. Die Dämonen meines Lebens und der Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Lebens pulsieren noch immer in meinen Adern. Oftmals spüre ich den Schmerz meines Herzens so deutlich, dass ich glaube, ich gehe daran zu Grunde. Bin ich stärker geworden im Laufe der Zeit? Diese Frage kann ich nicht mit Bestimmtheit beantworten. Vielleicht habe ich gelernt, die Eisberge meines Lebens besser zu umschiffen. Aber es mag genauso gut sein, dass ich bloß meine Augen verschloss und die Tür zu meinen Gefühlen verriegelte. Ich habe in gewisser Weise mich selbst verloren. 
In der letzten Zeit habe ich häufig zu betäubenden Mitteln gegriffen. Meine Träume sind nachts kaum zu ertragen und erwache ich am frühen Morgen, habe ich das Gefühl, gar nicht erst geschlafen zu haben. Ich bin gut darin, mir Dinge schön zu reden, so habe ich es dem erhöhten Stress der zu erledigenden Aufgaben zugesprochen.  Aber im Grund weiß ich es besser. Tief in mir schlummert eine so tiefe Traurigkeit, dass mir der Gedanke daran manchmal einen riesigen Schrecken versetzt. Es ist das Bewusstwerden der Größe meiner inneren Wunde. 
Menschen sagen häufig, die Zeit heile alle Wunden. Mittlerweile bin ich allerdings der Überzeugung, dass die Zeit diese Wunden nur erträglich macht. Die Wunde bleibt hingegen, auch wenn sie sich zu einer Narbe transformiert, sie bliebt spürbar. 
Es kommt immer wieder vor, dass ich mich so einsam fühle, dass ich es schlicht nicht aushalte. Ich habe das Gefühl, all die Zeit einen Ort zu suchen, an dem ich mich zuhause fühlen kann. Aber ist das überhaupt möglich? Reflektiere ich mein Leben, habe ich temporär einen Ort der Zuflucht gefunden, hielt dieser jedoch nicht lange an. 
Die Vergänglichkeit dieser Zugehörigkeit hat mir schon so manch eine Frage aufgeworfen. Ich erinnere mich häufig an meine Kindheit und all die Erlebnisse, Erfahrungen und schicksalhaften Momente, die mich formten. Durch die vielen Therapien, die ich bisher machte, weiß ich, dass die Sehnsüchte meines inneren Kindes nicht mehr gestillt werden können. Diesem Kind wurde so häufig und so sehr wehgetan, dass sein Herz nicht mehr zu heilen ist. Wobei sich die Frage auftut, ob ein Herz überhaupt geheilt werden kann. Erlebt ein Mensch ein solch gravierendes Erlebnis, so, davon bin ich überzeugt, wird es nie wieder so sein wie zuvor. Ich war in meinem Leben in einer solchen Häufigkeit kurz davor zu sterben, dass sich die Grenzen zwischen Existenz und Tod fast gänzlich aufgelöst haben. Ein Teil in mir gehört zu den Lebenden, ein anderer Teil zu den Toten.
Beinahe täglich werde ich mit den Parametern meines Lebens konfrontiert, die dafür sorgten, dass meine Seele erkrankte. Es ist ein Drahtseilakt, der mir jedes Mal all meine gesamte Kraft abverlangt. Ich habe die Fähigkeit verloren, mich fallen zu lassen. Ich habe keine Hoffnung mehr, aufgefangen zu werden. Ich weiß, halte ich mich nicht oben, falle ich und höre nie wieder auf. Es ist die Angst davor, zu ertrinken. Zu ertrinken in den Tränen meines eigenen Schmerzes.
Erst wenn alles still ist und ich in mich hineinschaue, sehe ich all die Päckchen. Die Päckchen, die ich zugeschnürt hatte, in der Hoffnung, sie nie wieder öffnen zu müssen. Doch ich merke, dass mir die Luft ausgeht. Die Luft hat keinen Platz mehr in mir, weil dort überall Pakete stehen. Ich kann nicht mehr richtig atmen. Ich raube mir mein Lebenselixier, weil ich mich von innen zum Sterben bringe. Ein unmerklicher Prozess, den ich niemandem zeigen kann. Ich gehe an mir selbst kaputt und besitze nicht die Kraft, mich zu retten. Ich will, dass es aufhört. Ich warte nur auf den Augenblick, da es sich leicht anfühlt. 

Wolkentänzerin