Ich renne. Ich
renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…
Der Weg ist von
gigantischen Bäumen gesäumt. Nebel hängt wie ein Grabtuch zwischen den tief
verwurzelten Riesen. Ihre erhaben wirkenden Kronen ragen hoch hinauf und
präsentieren stolz ihren dunkelgrünen Blattschmuck. Kein einziger Lichtstrahl
scheint hell und kräftig genug zu sein, um dieses dicht verzweigte Pflanzendach
zu durchdringen. Dieser Ort isst vollständig in eiskalte Dunkelheit gehüllt. Unter
meinen Füßen knacken hohl einige modrige Äste und es riecht nach nassen Kiefernnadeln,
Laub und sandigem Boden. Ich atme den vertrauten Geruch der Vergänglichkeit ein
und für einen Moment erfasst mich nagender Zweifel. Ich überlege innezuhalten.
Bis mir das bedrohliche Gejaule und Geknurre wieder bewusstwird. Ich höre, wie
es kontinuierlich an Lautstärke und Deutlichkeit gewinnt. Mir sind die Wölfe
dicht auf den Fersen. Ein resignierter Seufzer durchzieht mich. Ich bin
erschöpft. Meine Muskeln sind übersäuert und mein Herz springt mir förmlich aus
der Brust. Dunkles Blut rinnt meinen Körper hinunter. Doch mir ist klar, dass
es egal ist. Es ist egal, wie oft ich noch stürzen und mir die Haut aufschürfen
werde. Es ist egal, wie oft ich noch fallen und mich verletzen werde. Denn das
einzig Entscheidende wird sein, wie schnell ich wieder aufstehen kann. Ob ich
es schaffe, bevor mich die Wölfe einholen und zerfleischen werden. Schon jetzt
ist mein Vorsprung lächerlich gering und er nimmt stetig ab. Jedoch möchte ich
mich auch nicht länger im Unterholz verstecken. Stumm darauf hoffend, dass sie
mich nicht finden werden. Wortlose Gebete in den Himmel schickend versuche ich
weiterhin, nicht an dem Trauerkloß im Hals zu ersticken. Nein, ich möchte
dieser kalten, einsamen Dunkelheit entkommen. Also renne ich. Ich renne so
schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…
Während ich
meinen Körper mühsam zu koordinieren versuche, schießen mir unzählige Gedankenfetzen
durch den Kopf. Mir wird schwindelig von der Geschwindigkeit, mit der sie durch
mich hindurchsausen. Es ist jener Schwindel, für den man sich einen Ausschalter
wünscht. Und, dem man nur mit einer Ohnmacht Herr zu werden scheint. Dabei ist
dieser Schwindel vielmehr Ausdruck eines Konglomerats unterschiedlichster Empfindungen,
für die erst noch Worte erfunden werden müssen. Die Bewusstseinseintrübung und
das Gefühl, auf einem Karussell zu stehen, helfen, den Blick im Inneren zu
verschleiern. Immerhin darf ich jetzt nicht an jene Moment denken, in denen
meine Fluchtversuche grandios gescheitert waren. Auch darf ich nicht darüber
nachdenken, was mich außerhalb des Waldes erwarten könnte. Oder daran, was
passierte, würden mich die Wölfe doch noch einholen. Was also bleibt? Was
bleibt, sind der Schwindel und das Wissen, dass dies die einzige Chance ist,
die mir noch zur Verfügung steht. Ich ignoriere alles um mich herum. Ich
fokussiere mich ganz auf meine Atmung. Mein Herz rast. Mein Blut rauscht in
meinen Ohren. Doch ich renne weiter. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne
um mein Leben…
Plötzlich
scheine ich es dann geschafft zu haben. Ich trete aus der Dunkelheit des Waldes
heraus. Vor Erleichterung und Erschöpfung möchte ich auf die Knie fallen. Doch
noch bin ich nicht in Sicherheit. Zudem verspüre ich eine skeptische Irritation
in mir. Irgendetwas stimmt nicht. Ich blicke mich genauer um. Anders als
erwartet, scheint hier nicht die Sonne. Noch ist alles in schillernde Farben gehüllt.
Stattdessen ist die Welt hier draußen in ein tristes Grau getunkt. Es regnet in
Strömen. Die Straßen sind vollkommen verwaist. Nichts deutet auch nur im Ansatz
auf Anzeichen von Leben hin. Allmählich dämmert mir, dass der Kampf keineswegs
beendet ist. Aus purem Entsetzen und größter Verzweiflung heraus möchte ich
schreien. Meiner Kehle entweicht jedoch kein Ton. Stattdessen ergreift der
Selbsthass Gestalt von mir. Er flüstert mir all die süßlich klingenden Vorwürfe
und Abwertungen ins Ohr. Jene Phrasen, die sich über all die Jahre zu einer
unumstößlichen Prophezeiung entwickelten. Sie legten sich wie ein schützendes Korsett
um mich. Obwohl ich weiß, dass es zu eng geschnürt wurde, mir die Luft zum
Atmen nimmt und meine Knochen bereits deformiert hat, bedeutete sein Ablegen,
dass ich in mich zusammensackte. Ich brauche den Selbsthass zur Stabilität. Derweil
ist meine Kleidung vom Regen komplett durchnässt worden. Eine Kälte durchzieht
meinen Körper, die selbst mein Herz erreicht und mich Erzittern lässt. Ich
frage mich, wie lang der Niederschlag wohl schon anhielt. Hatten die hoch
gewachsenen und ineinander verwucherten Baumriesen der Weg der Tropfen zur Erde
bloß jäh beendet? Waren sie durch den Regen zusätzlich genährt worden? Ist das
Blattwerk so mit jedem Jahr, das verging, umso undurchdringbarer und
resistenter gegenüber Stürmen und anderer äußerer Einflüsse geworden? Gab es
deshalb unter ihnen nur die Dunkelheit, die Wölfe und das Versteck? Ich
betrachte die Regentropfen und möchte zynisch lachen, weil mir mein Leben so
unendlich absurd und aussichtslos erscheint. Doch dann ist da wieder dieser
eine kleine, unzerstörbare Funken, der mich zur Vernunft bringt. Diese nasse Kälte
wird mir schließlich umbringen, entziehe ich mich ihr nicht. Ich fasse den Entschluss,
die Umgebung auszukundschaften und nach einem Unterschlupf zu suchen. Durch
einen unsichtbaren Motor angetrieben, bewege ich mich automatisiert durch die Tristesse.
Straßenzüge umgeben mich wie ein verschlungenes Labyrinth und nach einer Weile
beschleicht mich das mulmige Gefühl, lediglich im Kreis gelaufen zu sein.
Immerhin hatte ich diese sternförmige Kreuzung erst vor einer Weile überquert.
Oder irre ich? War ich rechts oder links abgebogen? Fühlte es sich so an, die
Orientierung oder gar den Verstand zu verlieren? Pulsierende Panik erfasst mich
und verdrängt jedes Körpergefühl. Meine Beine werden taub. Ich bleibe stehen,
um nicht auf den harten Asphalt zu stürzen. Reflexartig schlinge ich meine Arme
um mich. Ein kläglicher Versuch, mich zusammenhalten zu wollen. Schließlich bin
ich schon seit Jahren nur noch ein loser Verbund von Seelenscherben. Unsortiert
und flirrend sausen diese Splitter meines Selbst durch mein Sein. Dann und wann
schneiden sie mich mit ihren scharfen Kanten und hinterlassen Spuren der
Verwüstung. Unmöglich, sie mit bloßer Hand zu ergreifen und wieder
zusammenzusetzen. Mich überkommt für einen Moment die Schwere meiner Existenz.
Ich setze mich auf die glitschige, mit Moos bedeckte Bordsteinkante. Müde lasse
ich meinen Kopf auf meine Knie sinken und vergrabe mein Gesicht in meinen
kalten Händen. Mir könnte mein Vorhaben gerade nicht sinnfreier und auswegloser
erscheinen. Was bin ich nur für ein Trottel? Wieso machte ich einen Narr aus
mir? Unbändige Wut breitet sich in mir aus. Nur mit Mühe kann ich dem Impuls
widerstehen, mir den Schädel einzuschlagen. Meine dumme Naivität löst brennende
Scham aus und ich frage mich, warum ich überhaupt noch an meiner kläglichen
Existenz festhalte? Nichts daran war es wert, am Leben gehalten zu werden. Wann
wird es endlich genug sein? Wann begreife ich es endlich? Meine Erbärmlichkeit
widert mich an. Ich möchte verschwinden. Mich in winzige Atome zersetzen und in
der Atmosphäre aufgehen. Stattdessen stehe ich auf, klopfe mir den Dreck von
der Hose und beginne zu rennen. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein
Leben…
Als ich längst
die Hoffnung auf eine – wie auch immer geartete – Zivilisation aufgeben wollte,
tauchen am Horizont schemenhafte Umrisse schwach beleuchteter Häuser auf. Heiße
Tränen der Erleichterung steigen mir in die Augen. Bis. Ja, bis mir bewusstwird,
dass diese Empfindung nicht unangebrachter sein könnte. Entfernte Erinnerungen
klopfen an meine Gedächtnistür. Bilder entfalten sich vor meinem inneren Auge. Bilder, auf denen meine Besuche bei diesen
Häusern eingeprägt sind. Bilder, die erschreckend lebendig wirken. Ich sehe,
wie ich fasziniert durch die Fenster blickte. Wie ich gebannt dem freudigen
Rumoren im Inneren lausche. Wie ich ängstlich erstarrte, als ich glaubte,
entdeckt worden zu sein. Wie mich Selbstekel erfasste, weil ich mir wie eine
Spionin oder eher wie ein unwillkommener Eindringling vorkam. Wie ich trotzdem
mutig die Hand zum Winken hob. Wie ich enttäuscht feststellte, dass mich
niemand sah. Sie sahen durch mich hindurch. Oder betrachteten sie sich selbst?
Waren sie zu sehr von ihrer eigenen Reflexion abgelenkt, um mich überhaupt
wahrnehmen zu können? Nur manchmal, wenn sie ihre Gesichter angeekelt verzogen,
war ich überzeugt davon, dass sie mich erblickt hatten. Desillusioniert
blicke ich an mir herunter. Bittere Selbstverachtung legt sich auf meine Seele.
Nass, verdreckt und blutverschmiert stehe ich da. Alles an mir ist Ausdruck
meiner verwerflichen Herkunft. Erneut möchte ich schreien. Erneut bringe ich
keinen Ton hervor. Erneut bleibt alles ohrenbetäubend still. In einiger
Entfernung heulen dafür die Wölfe. In ihrem Gejaule schwingen Wut und Hunger
mit. Obwohl ich weiß, dass ich selbst mehr Wolf als Mensch bin, treibt mich ihr
Geknurre allerdings weiter von ihnen fort. Weiter in Richtung der anmutig wirkenden
Häuser. Also renne ich weiter. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein
Leben.
Schließlich
erreiche ich die stille Siedlung und bleibe an einer Häuserzeile stehen. Mit
wild klopfendem Herzen laufe ich an ihr entlang und inspiziere aufmerksam jedes
Grundstück, das sich neben mir erstreckt. Vor einem davon verweile ich eine
Weile. Es wirkt durch und durch einladend, wohlig, warm. Aus dem mit rotem
Backstein verklinkerten Gebäude dringt warmer Kerzenschein nach draußen.
Goldener Schimmer umhüllt mich und lässt die Regentropfen erglimmen. Regen kann
auch schön sein, sinniere ich, bis ich mir erneut ins Bewusstsein rufe, dass gerade
keine Zeit für kitschige, romantisierende Gedanken ist. Ich gehe auf das Haus
zu. Gedämpfte, aber wohlklingende Stimmen dringen an mein Ohr. Sehnsucht
erfüllt mein Herz. Gleichzeitig steigen jedoch auch Scham und ein schlechtes
Gewissen in mir auf. Denn ich weiß, wie dumm, gefährlich und zerstörerisch
diese Sehnsucht ist. Ich schäme mich für die Fantasie, irgendwann auch mal ein
solches Haus bewohnen zu können. Innehaltend schießt mir eine schmerzhafte
Erinnerung durch den Kopf. Vor Jahren
hatte ich schon mal an eine solche Tür geklopft. Ich hatte um Unterschlupf
gebeten. In dieser tiefsten Not hatte ich erst viel zu spät erkannt, dass der
Mensch, der mir geöffnet hatte, in Wahrheit ebenfalls ein Wolf gewesen war.
Getarnt in Freundlichkeit, nach der sich mein Ich so sehr verzehrt hatte,
übersah ich das Offensichtliche. Ich zahlte damals für meinen Fehler einen
Preis, der um ein Haar den Wert meines Lebens betragen hätte. Doch welche
Alternative bietet sich mir jetzt? Zurück in den Wald zu gehen, bedeutete den
Tod. Hier draußen in der nassen Kälte werde ich es ebenfalls nicht ewig aushalten
können. Zögernd nähere ich mich also langsam der Pforte. Ich balle meine
eisigen Finger zu einer Faust und hämmere kraftvoll gegen das massive, dunkel
lackierte Holz. Gebannt und von Angst erfüllt warte ich auf eine Reaktion.
Nichts geschieht. Ich versinke in hohen Wellen der Verzweiflung. Als würde ich
in mir selbst ertrinken. Als würde alle Luft von den gewaltigen Fluten der
Einsamkeit verdrängt werden. Dem Ersticken nahe geht mir auf, dass mein Klopfen
eventuell zu leise gewesen sein könnte. Meine Kraft scheint schließlich
aufgebraucht zu sein. Das Hämmern gleicht vielleicht vielmehr einem leisen
Pochen. Vernichtende Hoffnungslosigkeit umklammert mein Herz und ich sinke
geschlagen zu Boden. Auf der Schwelle verharrend überlege ich, wie meine
nächsten Schritte aussähen könnten. Ich beschließe, weiter zu klopfen und es zu
versuchen. Selbst, wenn mich niemand hören sollte, wird all das zumindest mit
dem Wissen enden, dass ich nicht aufgegeben habe. Nahezu hypnotisch in die
Monotonie des Klopfens gehüllt, kehrt irgendwann die Vernunft zurück. Mir wird
bewusst, dass ich nicht würdeloser sein könnte. Wer wollte einer erbärmlichen
Kreatur wie der meinen ernsthaft die Tür öffnen? Und wenn, dann nicht allein,
um sie zu verscheuchen? Selbstekel, Einsamkeit und das Gefühl des Verlassen-Seins.
Diese drei Fäden scheinen mein Ich zu weben und sich wie ein wärmender Mantel
um meine Seele zu legen. Ein kaltes Herz kann in der verregneten Nacht
überleben, denke ich mir, stehe auf und wende mich ab. Ein tiefes Wissen durchzieht
mich und mir wird bewusst, dass ich überleben werde. Mit letzter Kraft renne
ich los. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…
Als ich sicher
bin, genügend Abstand zwischen mich und die Häuser gebracht zu haben,
verlangsame ich meine Schritte. Ich sollte mich jetzt auf halber Strecke
zwischen dunklem Wald und bunter Siedlung befinden. Erschöpft krieche ich in
ein Gebüsch am Wegesrand, um mich vor der nassen Dunkelheit zu schützen. Mit
vor Müdigkeit brennenden Augen sehe ich mich um. Dichter Nebel hängt tief und
träge zwischen dem stacheligen Unterholz. Er bildet eine schützende Dunstmauer
zwischen mir und der Welt dort draußen. Ich beschließe, hier zu bleiben, bis
sich der Regen verzogen haben wird. Bis ich wieder trocken sein werde. Bis
meine Wunden geheilt sein werden. Bis ich mich gesäubert und neue Kleidung
angezogen haben werde. Sodass ich, wenn
ich das nächste Mal zu den Häusern gehe, wie die Menschen aussehen werde, die
sie bewohnen. Mit dieser mich wärmenden Vorstellung rolle ich mich beruhigt
zusammen. Ich betrachte den Nebel. Irgendwie gleicht er einer Wolke. Diesem
Gedanken nachhängend sinke ich immer tiefer in den erlösenden Schlaf. Diesmal
renne ich nicht…
Egal, wie viel
Zeit vergeht. Egal, wie viel ich nachdenke. Egal, wie intensiv ich an mir
arbeite. Der Regen und die Dunkelheit bleiben. Einige Mal bin ich deshalb schon krank geworden. Dann verbrachte ich
die Tage in die wolkige Dunstmauer gehüllt und mehr im Delirium, als dass ich
tatsächlich anwesend gewesen wäre. An Tagen, an denen es mir besser ging, wagte
ich mich auf die Straße. Jedes Mal in der Hoffnung, das Wetter könnte
umgeschlagen sein. Jedes Mal der gleiche Stich ins Herz, nachdem ich erkannte,
dass sich nichts verändert hatte. Die Straße war nach wie vor verwaist,
rutschig und lebensunwürdig. Außerdem hörte ich dort draußen das Wolfsgeheul
sehr deutlich. Nur im Gestrüpp versteckt, war es annähernd aushaltbar. Das
alles war kein Leben. Ich vegetierte bloß vor mich hin. Quasi ein schleichender
Suizid. Nach Heidegger hätte ich niemals den Zustand des Seienden erreicht… Da
ich hier nicht leben kann, kommt mir oft der Gedanke, zurück in den dunklen Wald
zu gehen. Zurück ins Trockene. So verlockend diese Vorstellung ist, so fatal
ist sie auch. Ich entscheide, dass dies keine Option sein kann. Komme, was
wolle. Und so keimt die Überlegung, erneut zu den Häusern zu gehen. Aber hatte
ich mir nicht geschworen, ich würde mich vorher zum Menschen machen? Wer sollte
mir öffnen wollen? Könnte ich eine weitere Ablehnung verkraften? Wie könnte ich
mich überhaupt jemand zumut wollen? Brachte ich nicht bloß Zerstörung, würde
ich in ihre Leben eindringen? Saurer Selbsthass brodelt in mir und verätzt
meine Eingeweide. Übelkeit steigt in mir auf. Ich erbreche Galle. Als spuckte
ich jegliche Träume und Wünsche aus. Es bleiben Leere und ein bitterer
Nachgeschmack. In wohltuende Gleichgültigkeit gewickelt, sinke ich zu Boden.
Ich weine trockene Tränen. Ich möchte rennen, ich habe jedoch das Gefühl, dass
es mittlerweile zu spät dafür ist…
Irgendwann wird
mir schleichend bewusst, dass ich dringend etwas tun muss, will ich nicht
gänzlich verschwinden. Ich erinnere mich an die Versprechen, die ich einst zu
halten geschworen hatte. Jene bedeutungsvollen Wortstränge, die den letzten
Halt zu bieten schienen. Die wie ein Damoklesschwert über mir schwebten und
mich mahnend an unverzeihliche Fehler erinnerten. Ja, ich werde sie nicht
gewinnen lassen. Ja, ich werde nicht aufhören, den Kampf jeden Tag aufs Neue
auszufechten… Und so renne ich auf die Häuser zu. Ich renne so schnell ich
kann. Ich renne um mein Leben…
Als die schwachen
Umrisse in meinem Blickfeld auftauchen, kehrt das mulmige Gefühl zurück. Auch
bilde ich mir ein, das Wolfsgeschrei deutlicher zu hören. Ganz so, als wüssten
sie um mein Vorhaben. Als wollten sie mich mit Drohgebärden davon abhalten.
Selbstvergessen entscheide ich, mich zu einem späteren Zeitpunkt darum zu
kümmern. Unbeirrt setze ich meinen ungewissen Weg fort. Bei den Häusern
angekommen, nehme ich mir einen Moment, um tief durchzuatmen. Viel zu häufig halte ich die Luft an – ohne es
wirklich zu merken. Erst, wenn ich dann bewusst ausatme, spüre ich, wie die
innere Spannung abflacht… Ich schlendere schließlich die bebauten Straßen
entlang und werde neiderfüllte Blicke durch die Fenster. Wie schön es sein
musste, in einem dieser Häuser leben zu können. Eine Weile verharre ich
gleichsam verträumt wie wehmütig in einem Vorgarten und lasse all die guten und
schlechten Gedanken durch mich hindurchziehen. Ein schweigender Schlagabtausch
meiner zwei Herzen. Ein unerbittlicher Kampf um Richtig oder Falsch. Ohne zu
wissen, was eigentlich wozu gehört. Die
Stimme des Leitwolfs vibriert in meinem Inneren und knurrt, dass ich den
Menschen nicht trauen dürfte. Dass die Menschen nie das Große und Ganze sehen
werden. Dass sie nie die erhabene Macht des Mondes werden greifen können… Es
klingt so vertraut. Es ist so einfach, diese Worte zu glauben. Und doch ist da
dieser deutliche spürbare Widerstand. Ich entscheide, dass ich mir meine eigene
Meinung bilden möchte. Etwas, das so heftige, unerträgliche Schmerzen auslöst,
kann nicht zur Gänze richtig sein, oder? Sollte ich mich irren, werde ich es
erfahren. Doch dann sind es allein meine eigenen Erfahrungen. Nicht bloß
nachgeplapperte, aufoktroyierte Phrasen. Phrasen, die allein durch ihre
iterative Präsenz zu unumstößlichen Wahrheiten mutierten. Nein, kein Platz mehr
für Endlosschleifen. Immerhin sind sie immer die Konsequenz eines Fehlers im
Programmcode… Mit weichen Knien nähere ich mich nun dem Haus und der
einladenden Tür. Alles sieht genauso aus, wie beim letzten Mal. Zögernd balle
ich eine Faust und klopfe an. Wieder geschieht nichts. Verzweiflung ergreift
meine Seele. Er darf nicht im Recht gewesen sein. Flehend wende ich mich an den
Mond. Bis der Selbsthass und -vorwürfe auf den Plan treten. Ich möchte im
Erdboden versinken. Oder – und das wäre weitaus schlimmer – zurück in den Wald
laufen und mich den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Mit jeder Sekunde, die ich
länger vor dieser Tür warte, nimmt die Spannung zu. Bis sie derart intensiv
wird, dass sie mich komplett zu zerreißen droht. Hilflosigkeit fließt durch
meine Venen und infiziert jede einzelne meiner Zellen mit ihrem Gift. Ein Gift,
das scheinbar sehr langsam und qualvoll tötet – dafür aber effektiv. Äußerst
effektiv. Was soll ich bloß tun? Mein ganzes Ich erzittert. Fast so, als setzte
mich jemand unter Strom. Ich möchte meine Sehnsüchte, Wünsche und Träume
erbrechen und in der Bedeutungslosigkeit aufgehen. All die Jahre unter den Wölfen
fordern ihren Tribut und ich bin nur allzu bereit, mich ihnen zu ergeben. Ich
beschließe, ein letztes Mal zu klopfen, bevor ich mich auf den Weg ins Reich
des Nichts machen werde. Vielleicht mit dem erleichternden Wissen darum, dass
es das allerletzte Klopfen sein könnte, setze ich an und hämmere vehement gegen
die gewaltige Barriere. Nach einem kurzen Abwarten lasse ich das tiefe Verständnis
dafür, warum ich alleingelassen werde, in mich einziehen. Das Wissen um meine nicht
zu revidierende Schlechtigkeit legt sich wie ein Schleier über meine Seele.
Niemand wird kommen. Es ist eine tröstliche Botschaft, weil das bedeutet, dass
es keinen Widerspruch mehr gibt. Kein hinderliches was-wäre-wenn. Dann ist es,
wie es ist. Mit dem beruhigenden Wissen, dass es endlich vorbei ist, kehre ich
der Tür den Rücken zu und hebe den linken Fuß für den ersten Schritt Richtung
Freiheit. Doch ich renne nicht. Ich werde nicht mehr rennen so schnell ich
kann. Denn ich renne nicht mehr um mein Leben…
Da öffnet plötzlich
jemand die Tür. Um ein Haar rutsche ich auf dem Weg aus, weil es mich dermaßen
überrascht. Ich habe zu große Angst, um mich umzudrehen und den Menschen anzublicken.
Zu stark ist das Gefühl, erwischt worden zu sein und unbändige Wut dafür
erwarten zu müssen. Mir wird bewusst, wie dumm ich mich verhalten hatte. Ich
habe nicht auf seine Worte gehört und mich damit in größte Gefahr gebracht.
Hier gab es keinen Wolf, der darauf aufpasste, dass mich die mächtigeren Wölfe
beim Herumtollen nicht fraßen. Oder dafür sorgte, dass ich nicht verhungerte.
Hier draußen bin ich auf mich alleingestellt. Lähmende Angst sickert in meinen
Körper und lässt mich erstarren. Ein
bewegungsloses Tier zu jagen, macht weniger Spaß, erinnere ich mich und
bleibe still. Doch auch der Mensch bleibt ruhig. Was hat das zu bedeuten? Ich
schließe meine Augen, weil ich das Gefühl habe, meine übrigen Sinne schärfen zu
müssen. Ich darf mich nicht darauf verlassen, was ich sehe. Ein Wolf kann viele
Gesichter haben. Meine Muskeln schmerzen vor Anstrengung, die es aufzubringen
gilt, um diese Erstarrung aufrecht zu halten. Alles in mir sehnt sich nach
Entspannung. Was soll ich bloß tun? Ich hasse mich. Ich hasse mich dafür, in diese
Miesere geraten zu sein. Ich hasse mich für mein Leben. Ich hasse mich, weil
ich es nicht schaffe, meiner erbärmlichen Existenz ein Ende zu setzen. Nach
Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, räuspert sich der Mensch mit
einem Mal hinter mir. Kurz darauf fragt er mit einem freundlichen Singsang in
der Stimme, was ich wolle. Schamesröte ziert mein Gesicht, als mir klar wird,
dass ich keine Antwort darauf habe. Zumindest keine, deren bloßes Aussprechen
mich nicht mit sofortiger Wirkung in Brand setzen würde. Ich möchte so vieles
sagen. Dass ich nicht länger allein bleiben möchte. Dass ich den Regen nicht
länger ertrage. Dass ich ohne Obdach bin und riesige Angst habe. Ich möchte von
den Wölfen erzählen. Von den Bäumen und ihren riesigen Kronen. Von der
Dunkelheit und den vielen Mondscheinnächten. Ich möchte darüber reden, dass ich
gerne Gesellschaft hätte. Dass ich gerne einen Blick in das Haus werfen möchte.
Dass ich dringend neue Kleidung benötige. Doch all das werde ich mit keinem
einzigen Wort erwähnen. Immerhin wäre das vollkommener Wahnsinn. Was bleibt
also? Ich drehe mich irgendwann zu dem Menschen um, lächle und sage, dass es
ziemlich stark regne. Der Mensch lächelt zurück und bittet mich, kurz zu
warten. Panik meldet sich in mir. Mein Alarmsystem meldet Gefahrenstufe rot.
Wird er jemand informieren, weil ich einfach vor seinem Haus aufgetaucht bin?
Wird er die Wölfe rufen? Wird er überhaupt zurückkehren? Ich komme mir so
töricht vor. Und doch gibt es da dieses Gefühl in mir. Eine Empfindung, die die
Hoffnung trägt und mir einflüstert, es könnte sich lohnen, noch einen Moment
auszuharren. Und schließlich kehrt der Mensch dann zurück. Er kommt einen
Schritt auf mich zu und blickt mich an. Reflexartig ducke ich mich und halte
abwehrend meine Hände über mich. Der Mensch legt etwas vor sich ab und sagt,
dass ich gerne wiederkommen darf. Oder, dass ich bleiben könne, wenn ich es
wollte. Ich halte es nicht länger aus. Auf dem Absatz kehrtmachend renne ich
los. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein Leben…
Vollkommen außer
Atem und irritiert bleibe ich nach einigen hundert Metern stehen. Ich hasse
mich fürs Klopfen. Ich hasse mich fürs Weglaufen. Ich möchte schreien, weil es
so sehr in mir schrillt. Ein heftiger Wind zieht indes auf. Mit ausgebreiteten
Armen stelle ich mich auf die Straße. Kreiselnd bewege ich mich im Sturm und
lasse mich von seiner Kraft mitreißen. Ich drehe mich immer schneller. Bald darauf
schließe ich die Augen und ergebe mich dem Orkan, der sowohl um mich herum als
auch direkt in mir zu toben scheint. Als sich der Sturm schließlich etwas
beruhigt, lege ich mich auf den Boden. Der kalte Asphalt kühlt meine erhitzte
Stirn. Die Vernunft kehrt zurück. Ich versuche, die Situation mit dem Menschen
rational zu begreifen. Sie hat mich neugierig gemacht. Postwendend schelte ich
mich für dieses törichte Verhalten. Ich möchte mich verletzen, weil ich mich so
verwerflich und falsch verhalte. Heute spüre ich das innere Gefängnis in seiner
gesamten Komplexität und Ausprägung. Tiefer Kummer betrübt mich und ich
wünschte, ich hätte niemals geklopft. Ich sehne mich nach meinem Unterschlupf.
Und erneut renne ich los. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne um mein
Leben…
In meinem
Versteck angekommen, überprüfe ich, ob alles noch so ist, wie ich es
zurückgelassen habe. Das Wolfsgeheul dringt laut an mein Ohr. Die Welt scheint
in der Zwischenzeit geschrumpft zu sein. Eine vertraute Beklemmung breitet sich
aus. Es ist jene Beklemmung, die ich in den Mondscheinnächten spürte, nachdem
die Wölfe aufgehört hatten zu jaulen und ich die restliche Nacht für mich
allein hatte. Es ist jene Beklemmung, die die Bedeutung der Welt und des
eigenen Lebens auf ein Minimum reduziert. Was bleibt ist eine konzentrierte
Lösung. Ein toxischen Gebräu direkt aus der Hölle. Ein Schluck dieser
Flüssigkeit genügt, um alle Organe zusammenziehen zu lassen. Der Körper
beginnt, sich gequält zu winden. Das eigene Leben erscheint dann nicht länger
schützenswert. Das einzige Sehnen kreist nur noch darum, diesen unerträglichen Qualen
ein Ende zu bereiten. Selbst, wenn das den eigenen Tod bedeutete. Über die Jahre fand ich Trost in diesem
Schmerz. Ich war allein und dem Tod so greifbar nah. Nichts war mehr von Bedeutung.
Die Qualen ließen all die anderen Empfindungen in den Hintergrund treten. Sie
katapultierten mich aus dem Leben. Wissend, dass ich nie dazugehören könnte,
beruhigte ich mich auf eine Art. Ich hatte die Kontrolle über mein Leben. Auf
eine Art – meine Art – war ich frei. Frei, weil ich jederzeit gehen konnte… Heute
werfe ich mir vor, es nicht getan zu haben. Heute wünsche ich mir, der Schmerz
wäre kein so fester Bestandteil meines Lebens. Doch ich weiß, dass ich in
diesen Momenten durchhalten muss. Denn ich laufe dann direkt am Abgrund
entlang. Der Blick auf die Untiefen gerichtet. Ein einziger, winziger Millimeter
kann den Ausgang der Geschichte entscheiden. Er trennt das Leben vom Tod. Als mich ein Wolf einst bei diesem
gefährlichen Balanceakt beobachtete, trat er grinsend zu mir und stieß mich in
die endlose Tiefe. Nur im letzten Moment griff er nach mir und zog mich mit
einem schnellen Ruck zurück nach oben. Meine Beine waren vor Todesangst
erschlafft. Ich sackte in mich zusammen. Der Schock lag wie ein Stein in meinem
Magen. Ja, ich wollte sterben. Aber nicht durch jemand anderen als durch mich
selbst. Es sollte meine alleinige Entscheidung sein. Meine Irritation hatte
mich für einen Moment vergessen lassen, dass ich nicht allein war. Panisch sah
ich hoch. Mit gefletschten Zähnen stand der Wolf vor mir und sah mich an. Seine
Augen funkelten bedrohlich. Die Botschaft war eindeutig. Ich sollte begreifen,
dass mein Leben allein in Wolfshand lag. Der Schmerz meldete sich erneut und
plötzlich wünschte ich mir, der Wolf hätte meinen Sturz nicht verhindert. In
diese Gedanken für einen Augenblick versunken, nahm ich nur entfernt wahr, wie
sich ein Schatten auf mich zubewegte. Zu spät erkannte ich, dass der Wolf mit
einem kraftvollen Satz auf mich zugesprungen kam. Doch er stieß mich keineswegs
in den Abgrund. Nein, er warf mich um und biss mir heftig in den Arm. Mich
durchfuhr ein Schmerz, der mir die Luft zum Atmen nahm. Tränen verschleierten
meinen Blick. Salzige Leidtropfen wegblinzelnd, betrachtete ich fassungslos
meinen Arm. Warum? Wozu sollte das gut sein? Dutzende Fragen flatterten aufgeregt
durch meinen Kopf, während ich emotionslos dabei zusah, wie sich die tiefen
Krater in meinem Fleisch langsam mit Blut füllten. Wie sie langsam zu Seen
heranwuchsen. Wie sie sich anschließend langsam in Flüssen der Zerstörung
ergossen. Und, wie sie schließlich den Weg über meine Eiskalte Hand fanden, um
den Boden letztlich mit meinem Inneren zu benetzen. Was mir wie eine Ewigkeit
vorkam, dauerte in Wahrheit nur wenige Sekunden. Aber das physische Auseinanderreißen
meiner eigenen Haut, die sichtliche und fühlbare Verwundung, veränderte
kurzzeitig das Raum-Zeit-Gefüge. Und da begriff ich es. Der Biss war keineswegs
als kurzfristige Belustigung des Wolfes gedacht. Vielmehr wollte er
sicherstellen, dass ich ihm langfristig erhalten blieb. Mit einem höhnischen
Grinsen im Gesicht überreichte mir stumm eine metallene Zahnprothese. Ich drehte
sie fasziniert in meinen Händen. Ich begutachtete sie von allen Seiten. Schwach
brach das Licht in ihr und ließ sie kostbar glänzen… Seither gab es unzählige
Momente, in denen ich dafür sorgte, gebissen zu werden. Und, es gab unzählige
Momente, in denen ich mich selbst gebissen hatte. Meist saß ich dann am Rand
der Klippe. Die Beine über dem Abgrund baumelnd. Mit den Jahren letzte ich,
dass ich es kontrollieren und reglementieren musste. Nie vor Mitternacht. Nie
sichtbar. Nie zu viel. Doch in Augenblicken größter Beklemmung, schaffe ich es
nicht, mich daran zu halten. Dann muss ich dem Tod zumindest die Hand geben, um
mich seiner als Option zu vergewissern. Dann ist der Schmerz in mir so mächtig,
dass es den größtmöglichen Alternativreiz braucht. Dann gibt es nur die
Hoffnung, Heilung im rohesten Schmerz überhaupt finden zu können… Aufgewühlt
laufe ich nun erneut am Abgrund entlang. All das nur, weil ich einem
freundlichen Menschen begegnet war. Unruhig fällt mein Blick auf das metallene
Gebiss in meiner Hand. Ich will das nicht tun. Verzweifelte, gequälte Schreie
suchen vergebens einen Weg an die Oberfläche. Ich fürchte den Schmerz. Bis mir
klar wird, dass es nur auf diese Weise überlebbar bleibt. Es ist quietschendes,
ziehendes Gefühl, wenn der eiserne Zahn die Haut durchdringt. Wie ein Ventil geschaffen,
entweicht allmählich der Druck. Biss um Biss um Biss beginne ich dann zu
rennen. Ich renne so schnell ich kann. Ich renne dem Tod in die Arme, um
(hoffentlich) zu überleben…