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Dienstag, 23. Februar 2021

Seelendunst

Dienstage sind Wolkentage. Sie sind die Tage danach. Nach der Therapie. Der Staub, der montags aufgewirbelt wird, flirrt dienstags durch die Luft. Wie winzig kleine Splitter tanzt er über die Oberfläche. Vielleicht sind es Fragmente meiner Seele, die durch die Atmosphäre geschleudert werden. Orientierungslos schwirren sie über der Oberfläche dahin. Ein jedes wird von der Sonne angestrahlt und reflektiert auf seine ganz eigene Weise. Ein säuselnder Wind trägt die Seelenteile mal weiter weg und mal näher zu mir heran. Doch scheinbar fehlt dem pudrigen Nebel die eine bestimmte Anziehungskraft, um sich wieder zu legen. Stattdessen hält die Verstreuung an und macht sich breit. Der Seelendunst nimmt mir die Sicht und macht mir das Atmen schwer. Ich fühle mich wie in einer Wolke. Manchmal bleibe ich wie angewurzelt stehen und blicke fasziniert in die glitzernden Splitter. Dann bewegen mich die unterschiedlichsten Gedanken und ich fühle mich, als wäre ich einer vollkommen anderen Welt.

An Dienstagen fehlt mir oft der Kontakt zu dieser Erde. Ich höre, was die Menschen um mich herum sagen und ich nehme meine Aufgaben wahr. Aber ich bin nicht präsent. Eine unbeschreibliche Taubheit erfüllt mich. Sicher ein Abwehrmechanismus, um mich den Gefühlen nicht stellen zu müssen. Mein Nervensystem ist derart überreizt, dass es sich zum Eigenschutz runterfährt. Außerdem friere ich dienstags übermäßig stark. Mir läuft es ständig eiskalt den Rücken hinunter. Sowohl äußerlich als innerlich.

Dieser Zustand ist schwer änderbar und ich verurteile mich dafür. Ein gefundenes Fressen für mich, mich zu kritisieren und abzuwerten. Daher werde ich mich gleich auf mein Fahrrad schwingen, um mich nicht wieder anderweitig zu verletzen und so versuchen, dem Nebel und mir für einen Moment zu entkommen. Wobei vor sich selbst wegzulaufen wohl niemals die beste Lösung ist. Für den Augenblick ist das jedoch das Einzige, womit ich mir zu helfen weiß.


 

Wolkentänzerin

Montag, 22. Februar 2021

Die Dunkelheit in Raum und Zeit

Montags ist Therapietag. Zumindest noch. Ab nächster Woche werden es dann zwei Termine pro Woche. Wir steigern uns. Naja, immerhin was die Häufigkeit unserer Gespräche betrifft. Denn was den Inhalt betrifft, bin ich mir über eine Bewertung hinsichtlich etwaiger Fortschritte nicht so sicher.

Heute haben wir wieder über die Schuld gesprochen. Dr. Freud hat erneut wiederholt, dass ich keine Schuld trage, weil ich ein Kind war und lediglich die betreffenden Erwachsenen verantwortlich waren. Das klingt einfach. Zu einfach. Ich kann seine Worte nicht akzeptieren. In mir sträubt sich bei diesen Aussagen alles. Letztlich ist das aber wohl ein gutes Zeichen, oder? Ich meine, ließen mich seine Sätze gänzlich kalt, hieße das im Umkehrschluss, dass die Therapie zweckfrei wäre. Nichts käme in Bewegung. Nichts änderte sich. Vielleicht sollte ich anfangen, es häufiger aus dieser Perspektive zu betrachten.

Während unseres Gespräches tauchten immer wieder Sequenzen meines Lebens vor meinem inneren Auge auf und katapultierten mich eine Zeitlang in eine andere Sphäre. Über all die Jahre habe ich gelernt, die Intrusionen zu kontrollieren. In Situationen, in denen ich mich besonders reglementiere, klappt das auch ganz gut. Ich kann mich zurück ins Hier und Jetzt holen. Allerdings kostet das eine große Portion Kraft und ist daher nicht endlos aufrecht zu halten. Bin ich allein, lasse ich meinen Geist daher oft ziehen. Dann fliege ich durch Raum und Zeit und finde mich an unterschiedlichsten Stellen meines Lebens wieder. Eine Begebenheit führt zur nächsten. Ein Schlüsselreiz jagt den anderen. Auf diese Weise können Stunden vergehen, ohne, dass ich hinterher sagen könnte, ich hätte sie wahrhaftig erlebt. Es sind zeitliche Einheiten meines Lebens, die ich in einer Welt verbrachte, die bloß in mir existiert. Sie besteht aus Ruinen meiner Vergangenheit und kehre ich dann am Ende zurück, bin ich verwirrt, abgekämpft, verletzt und voller Selbsthass.  

Dr. Freud hat mich heute gebeten, ihn an meinen Bilder teilhaben zu lassen. Er möchte wissen, was ich sehe und denke, während wir miteinander sprechen. Ich soll ihm sagen, was ich empfinde. In der Theorie klingt das durchaus machbar. Aber versuche ich es schließlich, bringe ich keinen Ton hervor. Ich komme mir unfassbar dumm, inkompetent und schwach vor. Ich schäme mich für meine Gedanken und fühle mich abrupt unwohl in meiner Haut. Eine Schnittstelle zwischen meiner Seelenwelt und der äußeren Atmosphäre zu schaffen, jagt mir eine Heidenangst ein. Meist stammle ich bloß dämlich vor mich hin und scheitere bereit bei dem Versuch, auch nur einen einzigen sinnvollen Satz von mir zu geben.

Meine Gedanken zu verschriftlichen ist deutlich einfacher. Ich kann meine Finger über die Tastatur schweben lassen und die Buchstaben aneinanderreihen. Zwar lese ich, was ich hier schreibe, aber es hat doch eine gewisse Distanz zu mir. Und auch das Geschriebene hat seine Grenzen. Ich kann umschreiben, was war. Ich kann Metaphern finden und mir damit behelfen. Allerdings bin ich unfähig, die Dinge konkret zu beschreiben. Ihnen eine realistische Form zu geben. Ich spreche die Begriffe nicht aus. Zum einen, weil ich mir noch immer nicht sicher bin, dass sie passen. Und zum anderen, weil mich die Worte schmerzen. Aber das ist wohl eine andere Geschichte und soll an einer anderen Stelle erzählt werden.

Zwischendurch fragte mich Dr. Freud heute, was passieren wird, wenn ich anfange, die Gefühle zu empfinden, die ich vollständig von mir abgespalten habe. Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Mit dieser Frage habe ich mich in letzter Zeit intensiv beschäftigt und einige Szenarien entworfen. Keine davon erscheint mir annähernd rosig. Ja, was ist, wenn ich anfange, zu fühlen? Im Grunde möchte ich es nicht wissen. Doch ich schätze, ich werde es früher oder später herausfinden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Ich bin erschöpft und enorm müde. Nicht nur physisch. Vielmehr habe ich das Gefühl, mich in einer nicht enden wollenden Dunkelheit zu befinden. Jeder Schritt ist wackelig. In meinen Augen sind lediglich die Stäbchen aktiv – alles erscheint grau. Ich kann meine Umgebung nicht mehr erkennen. Sie sind formlosen Umrissen gewichen, die mir Rätsel aufgeben. Ich fühle mich orientierungslos. Mir kommt es vor, als irre ich schon eine Ewigkeit durch die Nacht. Ohne zu wissen, wohin ich eigentlich will. Vielleicht habe ich mich auch nur im Kreis gedreht. Das würde zumindest meine Übelkeit erklären.

Ich möchte bloß noch schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien, weil ich dieses innere Entsetzen nicht ertrage. Es lässt mich nicht in Ruhe und ich fühle einen so mächtigen Schmerz in mir, dass es mir mitunter den Atem raubt.

In meinem Leben habe ich nach außen immer versucht, die Starke zu mimen. Ich habe mir geschworen, niemanden sehen zu lassen, was in mir vorgeht. All meine Kraft verwendete ich dazu, ein funktionierendes Ich zu erschaffen, das sich um andere kümmert und gibt. Ich spüre jedoch, dass ich das nicht mehr leisten kann.

Am liebsten möchte ich aussteigen und den Lebenszug verlassen. Ich möchte all das nicht erneut durchleben. Mich nicht damit beschäftigen, was es mit mir machte. Mich nicht mit diesem Leben auseinandersetzen. Ich möchte mir die Pulsadern aufschneiden und mich verbluten lassen. Ich möchte mich quälen und dafür bestrafen, dass ich bin, wer ich bin. Ich möchte all dem ein gewaltsames Ende setzen. Doch das ist keine Option. Ich weiß, dass diese Gedanken ein Symptom meines Lebens sind. Sie sind ein Teil des toxischen Systems, das ich versuche zu bekämpfen. Gebe ich jetzt auf, war alles tatsächlich und unabänderlich sinnfrei.


 

Wolkentänzerin

Sonntag, 21. Februar 2021

Die Komplimentefalle

Als ich jünger war, hatte ich nie das Gefühl, mich könne jemand mögen. Ich habe mich stets als Außenseiterin gesehen, die nirgendwo hineinzupassen schien. Es gab kaum Freunde in meinem Leben. Keinen Menschen, auf den ich mich zu hundert Prozent hätte verlassen können. Niemand, dem ich zugebilligt hätte, meinen inneren Kern zu sehen. Ich fing früh damit an, eine gewisse Scharade zu spielen. Bis zur Perfektion kreierte ich einen Menschen, den ich nach außen hin präsentieren wollte.

Seit ich denken kann, ist da diese unermessliche Scham. Ich schäme mich ob meiner Selbst. In sozialen Kontexten bin ich enorm unsicher und denke, mein Gegenüber könne mich überhaupt nicht mögen. Ich halte mich für hässlich. Blickt mich jemand an oder gehen zwei Menschen hinter mir her, glaube ich, sie würden sich über mich lustig machen, weil ich so komisch aussehe. Mal ganz abgesehen davon, dass das ziemlich egozentrisch ist, ist es definitiv kein schönes Gedankengut. Macht mir ein Mensch ein Kompliment, wird mir übel und mich überkommt eine intensive Beklemmung. Einerseits freue ich mich. Keine Frage. Doch auf der anderen Seite ist da diese unbändige Angst. Angst davor, derjenige mache sich bloß einen Spaß aus mir. Als wolle er mir eine Falle stellen. Denn ich fürchte, mein Gegenüber habe das Kompliment geäußert, um zu sehen, ob ich darauf eingehe. Tue ich es, wird er mich auslachen und mich fragen, wie ich annehmen könne, dass das erstgemeint war. Immerhin ist es doch sehr abwegig, dass das Gesagte tatsächlich stimmen könnte.

Ich weiß, dass das Ablehnen von Komplimenten häufig mit kokettieren verwechselt werden kann. Und vielleicht ist es im Kern das gleiche Motiv, das dahintersteckt. Doch ich kann nur sagen, dass ich nicht möchte, dass mein Gegenüber das Gesagte wiederholt. Ich möchte, es einfach nicht hören. Es ist mir schlicht und ergreifend höchst unangenehm und beschämt mich. In meinem Kopf werden zudem all die vernichtenden Stimmen laut und quälen mich.

Es gibt vieles, was mir unangenehm ist und Angst in mir auslöst: Menschenansammlungen, Situationen, in denen ich im Fokus stehe wie Vorträge, Behördengänge oder Arztbesuche, die erwähnten Komplimente und Gespräche, in denen ich mich behaupten muss. Sicher könnten dieser Auflistung noch weitere Punkte hinzugefügt werden, doch ich möchte es an dieser Stelle dabei belassen.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffen kann, mit diesen Dingen umzugehen zu lernen. Doch ich denke, ich werde es in die morgige Therapiesitzung mit Dr. Freud mitnehmen und schauen, was sich daraus entwickeln wird. 


 

Wolkentänzerin

Freitag, 19. Februar 2021

Zwei Universen in einer Welt

Dr. Freud hat vorgeschlagen, dass wir uns nun zu Beginn jeder Therapiesitzung mit dem Motiv der Schuld beschäftigen. Zum einen denkt er, dass das eine gute Möglichkeit sei, dem Schweigen entgegenzuwirken. Und, zum anderen meint er, dass die Schuld eins der größten Themen in mir sei.

Zum zweiten Punkt finde ich weder ein Argument der Zustimmung noch der Ablehnung. Ich möchte gerne sagen, dass ich mich nicht aus falschen Gründen schuldig fühle. Dass diese Empfindung seine Berechtigung habe und wir nichts daran ändern müssen. Immerhin muss es so sein. Es ist richtig, dass sich die eiskalte Hand der übermächtigen Schuld um meinen Hals legt und mir dann und wann die Luft abdrückt. Nichts anderes habe ich verdient. Nichts anderes wäre auch nur ansatzweise in Ordnung. Gleichzeitig weiß und spüre ich irgendwo in mir, dass es eben nicht in Ordnung ist. Dass ich eben keine Schuld an so manch erschütternden Augenblick trage.

Doch welchen Unterschied macht das? Mir ist bewusst, dass ich die Schuld ablegen muss, um ein Stück in die Richtung der Freiheit zu gehen. Denn die Schuld ist jenes Empfinden, das mir einen Grund gibt, mich einzuschränken und zu maßregeln. Ich habe Buße zu tun und kann mir daher keine Freimütigkeit gewähren. Wie sollte das auch möglich sein?

Führe ich mir vor Augen, welche desaströsen Auswirkungen mein Verhalten mitunter auslöste, möchte ich im Boden versinken. Ja, ich habe viele Entscheidungen nicht aus freien Stücken gefällt, aber so fühlt es sich eben nicht an. Ich sehe die Momente vor meinem inneren Auge und blicke in einen Spiegel, der die Tatsachen verzerrt. Zumindest, wenn ich Dr. Freud Glauben schenken möchte.

Letztlich scheitere ich an mir selbst, weil ich nicht bereit bin, die Erlebnisse umzudeuten und ihnen einen neuen Wert zu geben. Denn ändern wir die Variablen, erhalten wir ein anderes Endergebnis. Ich fürchte mich davor und daher bleibe ich stehen. Verteidige meinen Standpunkt und bestätige meine eigenen toxischen Gedankengänge und Handlungsweisen.

Derzeit fühlt es sich an, als führe ich zwei Leben. Wie zwei Paralleluniversen, zwischen denen ich stetig hin- und herreise. Und eine Stimme in mir sagt mir, dass das nicht der Realität entspricht. Diese Stimme zwingt mich, hinzusehen und zu erkennen, dass es keine zwei Welten sind, sondern bloß mein Leben ist. Mein Leben, dass ich zu gewissen Teilen von mir abgespalten habe. Du das Abstoßen einiger Lebenssequenzen habe ich jedoch auch Empfindungen und Lebendigkeit eingebüßt. Und ja, ich habe immense Angst davor, lebendig zu werden und mich den Dingen zu stellen. Ich wehre mich dagegen und das ist mir absolut bewusst. Ich spüre den Drang in mir, endlich anzufangen, mich den Dämonen zu stellen und in Bewegung zu geraten. Doch ich kann nicht. Ich möchte schreien, weil es so verdammt wehtut und ich will nur noch, dass es aufhört. Aber das wird es nicht. Nicht, wenn ich dem Schmerz und all seinen Begleitern keinen Raum gebe und ihnen zubillige, existieren zu dürfen.

Vor mir liegt eine Zeit voller Erkenntnis und Erfahrung. Ich habe die Chance, zum Leben erwachen zu können. Dafür muss ich jedoch erstmal sterben. Ich muss meine gesamte Identität abwerfen, durch die Hölle gehen und mich Stück für Stück erneut zusammensetzen. Eine Vorstellung, die mir nicht gerade rosig erscheint, doch am Ende die einzige Möglichkeit ist, all das zu überstehen.


Wolkentänzerin