Warnung

Triggerwarnung! Dieser Blog enthält sensible Inhalte! Bitte lies nicht weiter, wenn es dir nicht gut geht oder spezielle Themen nicht gut für dich sind. Bitte geh achtsam mit dir um!
Posts mit dem Label Traumatisierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Traumatisierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 20. September 2020

There ain't no future in the past...

 Still und leise höre ich in mich hinein und versuche mich an einer Bestandsaufnahme. Die ist auch mehr als fällig. Zu lange habe ich mal wieder verdrängt und mich in destruktive Muster fallen lassen, weil der innere Druck schlicht und ergreifend zu groß war. Also: Was geht in mir vor? Was empfinde ich? Wo sind meine Gedanken in diesem Moment? Bin in entspannt? Fühle ich mich wohl? Tanze ich auf den Wolken oder kann ich den Boden unter meinen Füßen wahrnehmen?

In mir ist eine bleierne Schwere. Mein Kopf durch einen dichten Nebel verschleiert. Kein einziger Gedanke ist greifbar. Jeder Muskel meines Körpers fühlt sich verspannt an. Meine Fuß- und Fingergelenke schmerzen. Ein Rheumaschub, der mir seit Tagen zu schaffen macht und mich mitunter an der Rand meiner Kraft bringt. Außerdem spüre ich, dass mein Körper sich derzeit viel mit Erinnerungen beschäftigt. Immerhin ist er der Speicher für all das, was uns im Leben begegnet. Unser Körper vergisst nicht, sondern erinnert sich auf seine ganz eigene Art und Weise. Ein eindeutiger Indikator dafür, dass es wieder Zeit wird, den inneren Impulsen und Vorgängen Raum zu geben. Die Kapazität der Verdrängung ist erschöpft.

Oftmals komme ich nicht umher, mich zu fragen, wann all das wohl endlich aufhört. Wann ich mich endlich aus dieser Erstarrung befreien kann. In der Vergangenheit ist schließlich keine Zukunft. Doch „[das] Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ (William Faulkner). Denn für mein Inneres und meinen Körper sind die Erlebnisse noch immer aktuell. Gefangen in einer Zeitschleife, die ich bis heute nicht zu durchbrechen vermag. Mein Gedächtnis unterliegt in diesem Kontext keiner Veränderung.

Dabei ist genau das so wichtig, um im Leben voran zu kommen. Unsere Erlebnisse formen den Kompass, mit dem wir in ungewohnten Situationen Orientierung erlangen können. Wir verlassen uns auf unsere gemachten Erfahrungen, um Entscheidungen zu treffen. Durch persönliche Entwicklung schaffen wir neue Perspektiven und können dadurch unseren ganz individuellen Lebensteppich in einem anderen Licht betrachten. Muster erscheinen auf einmal anders. Farben verlieren oder gewinnen an Intensität. Plötzlich ergeben Situationen einen Sinn und ermöglichen es uns, das Gefühl der Kontinuität und Stabilität zu empfinden.

Traumatische Erfahrungen hingegen sind statisch. Sie verändern sich nicht. Stattdessen existieren sie seit jeher als fragmentierte Splitter in mir. Und wann immer sie traktiert werden, verletzen sie mich. Was wiederum bedeutet, zu einem nicht enden wollenden Albtraum verurteilt zu sein.

All die Therapie, die ich bisher versuchte, fühlte sich an, als kämpfte ich gegen ein überirdisches Wesen. Wann immer ich dieses Monster verwundet hatte, wuchs ihm ein neues Körperteil oder die Wunde heilte schneller als ich gucken konnte. Und auch das Verdrängen hat sein Grenzen. So sehr ich mich auch bemühe, geht das Licht aus, ist der Schrecken präsent.

Ich hätte gerne Hoffnung. Ich möchte gern glauben, dass diese Therapie diesmal Früchte trägt. Dass ich es schaffen kann, die Vergangenheit zu beenden. Dass mein Leben in Bewegung gerät.

Aber wohin mit all der Angst? Augen zu und durch? Zur Not muss eben ein Klinikaufenthalt her.

Doch wer gibt mir das Recht, mich derart wichtig zu nehmen? Ich darf nicht durchhängen. Nicht aufschreien. Nicht auffallen. Ich muss normativ sein. Unauffällig. Unkompliziert. Unsichtbar. Denn was passiert, wenn ich tue, was ich will? Die Menschen fangen an, mich zu bemerken. Sie schauen genauer hin. Von da bis zur Verurteilung und dem Abwenden ist es dann nicht mehr weit.

Bisher tue ich mein Möglichstes, um meinem Umfeld zu gefallen. Immer lächeln. Immer freundlich sein. Immer akzeptieren. Immer helfen. Immer zuhören. Immer runterschlucken. Immer nicken. Immer defensiv. Immer Fragen stellend. Immer im Hintergrund bleibend. Wenn überhaupt, dann lasse ich die Menschen lediglich an der Oberfläche kratzen. Doch niemals mehr. Zu groß ist die Gefahr, sie könnten erkennen, welches Monster ich bin und mich dann zurücklassen. Mir sagen, ich sei unerträglich.

Ich wünschte, ich könnte das Alles etwas lockerer betrachten. Ich wünschte, ich könnte die Signale meines Gegenüber richtig deuten und interpretieren. Ich wünschte, ich könnte damit aufhören, mir den Kopf zu zermartern und mich zu zerfleischen, weil ein sozialer Kontakt nicht so lief wie erhofft. Ich wünschte, ich könnte mich einmal sicher im Umgang mit einem Menschen fühlen und glauben, dass alles gut ist und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Nur einmal.

Aber…I still remember…

Wolkentänzerin

Freitag, 28. August 2020

Projizierte Identität

Gestern war wieder Therapie. Und es war wieder enorm anstrengend und verwirrend. Immerhin haben wir nun entschieden, dass es zu einer Zusammenarbeit kommen wird. Unter der Prämisse, dass ich Bescheid gebe, wenn ich eine Krise habe und dann gegebenenfalls in eine Klinik gehen werde. Schließlich könne keiner von uns beiden einschätzen, was in mir passiert, wenn ich anfange, über die Dinge in mir zu sprechen. 

Wobei das Sprechen sowieso so eine Sache ist. Die Psychoanalyse basiert auf der freien Assoziation. Das bedeutet, dass sich der Therapeut im Hintergrund hält, sodass der Klient den Raum füllen und über alles reden kann, was in ihm vorgeht. 

Allerdings fällt es mir enorm schwer, von mir aus loszuplappern. Ich warte immer darauf, dass mir jemand Fragen stellt und mir somit die Erlaubnis erteilt, den Raum einzunehmen. Ja, ich brauche die Legitimation existieren zu dürfen. 

Ich erklärte ihm, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich ein Mensch mögen könnte. Dass ich es nicht glauben kann, ganz gleich wie oft mein Gegenüber es mir auch sagen mag. Vielmehr bin ich davon überzeugt, ein Monster zu sein. Ein Mensch, der anderen bloß Schaden zufügt und sich deshalb lieber fernhalten sollte. Ich habe schreckliche Angst davor, dass der andere erkennen könnte, dass mit mir etwas nicht stimmt und sich dann abwendet und geht. 

Dr. Freud (ich werde ihn nun einfach im weiteren Verlauf so nennen) erklärte mir, dass ich mich mit der Projektion meiner Eltern auf mich identifiziert habe. Sie waren und sind wohl tatsächlich davon überzeugt, all das Schlechte sei nur passiert, weil ich eine so furchtbare Tochter war und bin. Dadurch haben sie sich selbst entlastet, weil sie mir die Verantwortung übertrugen. 

Zwischendurch wurde Dr. Freud sehr laut und hat meine Eltern als Monster und Perverse bezeichnet. Er wurde sehr emotional, was mich absolut verwirrt hat. Er fragte mich, ob mir bewusst sei, dass er das tue, weil ich es nicht könne. Naja, das macht es aber nicht unbedingt leichter. Ich meine, natürlich ist mir bewusst, dass ich lernen muss, die Dinge mit Emotionen zu verknüpfen und dadurch richtig einordnen zu können. Doch dieser unsagbare innere Schmerz ist einfach nur heftig. Es fühlt sich an, als würde ich innerlich bluten und dabei hilflos zusehen, weil ich nicht weiß, wie ich die Blutung stillen soll.

Ich habe wohl eine starke Persönlichkeitsstörung, weil ich all die Dinge, die meine Eltern mir antaten, nun mir selbst antue. Immer und immer wieder. Die erlernten Überzeugungen sitzen so tief, dass ich enorm viel Therapie brauche. Ein niederschmetterndes Urteil. Ich weiß, dass es naiv klingt, aber ich habe bis zuletzt gehofft, dass es vielleicht doch einen magischen Schalter gibt, den ich umlegen und endlich „normal“ sein könnte. Nix da. Er rechnet mit drei Jahren intensiver Therapie bis ich ansatzweise mit dem Erlebten zurechtkommen kann. Drei Jahre. Drei verdammt anstrengende Jahre voller Kampf und Schmerz.

Es widerstrebt mir, jemanden für meine Lage verantwortlich zu machen. Immerhin bin ich eine erwachsene Frau und kann eigene Entscheidungen treffen. Aber so deutlich mitgeteilt zu bekommen, wie stark mein Ich eingeengt und von mir klein gehalten wird, macht mich sprachlos. Meine Eltern haben meine Seele vergiftet und es wird mich so viel Kraft kosten, es loszuwerden. Wobei es am Ende keine Garantie dafür gibt, dass es funktionieren wird.

Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob es all den Aufwand und Schmerz wert ist. Ich möchte gerade an einen einsamen Ort gehen und so laut schreien wie es mir nur irgend möglich ist. Ich möchte das Brennen in mir löschen. Ich möchte die erdrückende Schwere in mir loswerden. Ich möchte mir die Haut abziehen. Ich möchte mir den Kopf abreißen. Ich möchte mir den Schädel einschlagen. Ich möchte mir schlimmste Dinge antun. Ich möchte aufhören zu existieren.

Meine Mutter sagte oft zu mir, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nie geboren worden wäre, weil allen dann viel Leid erspart geblieben wäre. Und weißt du was, Mutter? Ich glaube, damit hattest du tatsächlich recht…

Wolkentänzerin