Langsam und zaghaft setze ich sachte einen Fuß vor den anderen und gehe
den dunklen Pfad entlang. Mein Blick ist auf den schlammigen Boden gerichtet, um
nicht den Halt zu verlieren. Es ist mir schleierhaft, wie ich hierhergekommen
bin. Und was noch wichtiger ist: ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich
wieder hier wegkommen soll. Mir steigt ein modriger unangenehm beißender Geruch
in die Nase. Mittlerweile gleicht meine Bewegung eher einem labilen Straucheln.
Mir ist bitterkalt und meine Hände schmerzen. Vielleicht das Zeichen für einen
nahenden Rheumaschub.
Ich stecke meine Hände in die Taschen meines gefütterten Mantels und
setze meinen Weg fort. Bin ich nicht auf der Suche nach Etwas? Läuft mir nicht
die Zeit davon? Warum renne ich nicht los? Warum rufe ich nicht nach ihm? Warum
werde ich immer langsamer? Um mich herum wird es allmählich immer dunkler. Ich
weiß, dass die hereinbrechende Finsternis meine Schritte wackliger und
unsicherer machen wird. Doch was wäre dazu die Alternative? Soll ich nun
stehenbleiben, mir einen Unterschlupf suchen und bis zum Sonnenaufgang dort
ausharren? Bergt der Wald in der Nacht nicht abscheuliche Gefahren? Oder sind
das alles bloß Märchen, die man Kindern erzählt, damit sie sich nicht nachts in
den Dickichten der Bäume herumtreiben?
Ich habe mit Wäldern in der Nacht
so meine eigenen Erfahrungen gemacht. Ich saß mitunter stundenlang in einer
kleinen Hütte im Wald und lauschte meiner Umgebung. Das leise Knacken, wenn ein
Tier über die herumliegenden Äste lief. Das beruhigende Rascheln des Laubes,
das vom Wind gestreichelt wurde. Das Klopfen eines Spechtes, der intensiv an
seinem neuen Heim baute. All jene Geräusche wurden zum Soundtrack meiner
Gedanken. Ich genoss die Augenblicke in dieser anmutigen Natur und konnte all
meine bedrückenden Probleme vergessen. Vollkommen in Sicherheit gehüllt, saß
ich stundenlang da und las, schrieb oder hörte leise Musik. Mit jeder Minute,
die verstrich, atmete meine Seele auf. Ich war überzeugt, dass nichts diese
Idylle zerstören könnte. Doch ich sollte mich irren.
Nachdem mein lieber Freund sich
eben jenen Wald aussuchte, um seinen Frieden zu finden, habe ich diesen Ort
gemieden. Ich konnte ihn nicht betreten, ohne mir vorzustellen, wie er an
einen Baum gelehnt, dort saß, um sein Leben kämpfte und es verlor. Ich kann
mich noch gut daran erinnern, wie eine Bekannt mir erzählte, wie sie ihn
auffanden. Dieses Bild werde ich niemals aus meinem Kopf bekommen können. Auch
wenn all das nun schon fast neun Jahre her ist, so bleibt das Empfinden
tagaktuell.
Nach einigen Monaten suchte ich
den Wald wieder auf. Doch es war nicht mehr der magische Ort der Sicherheit und
des Wohlfühlens. Er hatte nun etwas Morbides an sich. Ganz so als läge ein
Fluch auf ihm. Ich konnte die Wege nicht mehr entlanglaufen, ohne mir
vorstellen zu müssen, dass er bei der nächsten Abbiegung tot an einem der Bäume
sitzen würde.
Damals entgingen meine
Freundinnen und ich nur knapp dem Auffinden unseres Freundes. Wir waren bloß
einige Schritte von ihm entfernt, als ein unerwarteter Anruf uns in eine andere
Richtung lenkte. Wie Ironie scheint es, dass der Erhalt seiner Abschiedsbriefe
uns davor bewahrte, seine Leiche zu finden.
Wo ich so davon schreibe, wird
mir bewusst, dass ich schon lange nicht mehr an diese Tage dachte. Zwar gehe
ich immer mal wieder auf den Friedhof und besuche ihn. Doch ich hatte noch nie
das Gefühl, dass er wirklich dort sei. Für mich ist die Vorstellung, dass er an
dieser Stelle in einem Sarg unter der Erde liegt, viel zu abwegig. Viel zu
schrecklich und viel zu schmerzhaft. Mir erscheint das Bild, wie er lebendig,
hüpfend und vor allem lachend durch den Wald läuft, deutlich tröstlicher. Allerdings
kommt diese Vorstellung, egal wie sehr ich mich bemühe, nicht in meinem Herzen
an. Nein, stattdessen sehe ich ihn, wie er dasitzt, mit einer Plastiktüte über
seinem Kopf, um sein Leben ringend. Ich kann es nicht vergessen, nicht
ausblenden, nicht durch Abweichendes ersetzen.
Erschöpft lasse ich mich auf einen Baumstumpf sinken. Resigniert lasse
ich mich hängen und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Ich kann die drängenden
Tränen nicht mehr aufhalten und lasse ihnen nun ihren Lauf. Ich schmecke den
salzigen Geschmack des Versagens. Denn ich komme zu spät. Ich habe ihn nicht
gerettet. Doch hat er nicht seine ganze Hoffnung auf mich gesetzt? Ich stehe
auf und fange an, seinen Namen zu schreien. Kein Mucks ertönt als Antwort. Wäre
ich nur früher losgelaufen. Plötzlich höre ich ein Geräusch und laufe los. Doch
ich komme nicht rechtzeitig: gerade als ich ihn erreiche, macht er seinen
letzten Atemzug und sackt in sich zusammen.
Schweißgebadet wache ich auf und
weiß, ich habe es heute Nacht wieder nicht geschafft, ihn aufzuhalten. Wird
dieser Traum jemals anders enden?
Wolkentänzerin
Wolkentänzerin