An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr
ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse
dieser Zeit.
Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen
über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe
Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu
und nehme all das in mich auf.
In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber
anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen
konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung
stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und
nehme mich selbst zurück.
Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass
Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin
dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue
mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des
anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch
sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.
Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter
mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu
müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.
Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit,
Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben
nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte,
die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation.
Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte
keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich
möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.
Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche
Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass
ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren
wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.
Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau
soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.
Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten
Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert,
wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil
der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so
lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum
kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft
gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.
Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen
gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich
glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen,
weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre
lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.
Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende
auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht
vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach
damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das
ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es
lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht
vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil
sie Angst um ihre heile Welt haben.
Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen
wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch
sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der
Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber
erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt
etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre
ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen
habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom
Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.
Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen
Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr
Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte
Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?
Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es
heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in
ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um
sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins
Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige
Gedanken zu haben.
Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass
das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein
Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst
und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du
dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare
Angst macht?
Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein.
Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären
zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr
dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir
erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was
es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.
Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir
spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken.
Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl.
Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von
Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von
Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen
Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.
Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment
zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment
der absoluten Stille.
Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und
mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden
Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich
möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu
fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich
taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder
zurückkehren.
Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen
muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.
Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an
dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes
versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und
hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan
haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging…
Wolkentänzerin