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Mittwoch, 23. September 2020

Vom Wollen und Sollen und der Scham, die über allem thront

Woher weiß ein Mensch, dass er etwas will? Dass diese eine Sache genau das Richtige für einen ist? Mir wurde häufig eingeredet, dass ich dieses oder jenes wolle, weil ich mich sonst nicht auf die ein oder andere Art verhielte.

Gestern wurde ich gefragt, was ich will und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich dazu sagen sollte.

Mir wurde eine riesige Chance angeboten. Ich wurde sehr gelobt und mir wurde gesagt, dass ich großes Potential und hohe kognitive Fähigkeiten habe.

Seitdem geht es mir absolut elendig. Ich fühle mich furchtbar. Wie die größte Hochstaplerin der Geschichte. Ich habe riesige Angst, dass sie erkennen werden, dass sie sich in mir getäuscht haben. Dass sie sich irren. Dass all das bloß heiße Luft war.

Dabei möchte ich diese Chance ergreifen. Will ich das wirklich? Was will ich?

Jetzt gerade möchte ich sie anschreien und ihnen sagen, dass sie sich irren. Dass sie mich falsch einschätzen.

Ich habe lediglich meine Arbeit verrichtet. Ich wollte nicht auffallen, sondern im Stillen meine Aufgaben erledigen und sie zufrieden stellen.

Ich habe Magenschmerzen und könnte heulen, weil ich es nicht fassen kann. Wieso ist die Fremdwahrnehmung derart konträr zur Eigenwahrnehmung? Was ist, wenn ich scheitere? Wenn ich mal wieder versage? Daran ist eine Menge Geld und im Falle meines Scheitern letztlich auch eine Menge Schulden geknüpft.

Ich wünsche mir, dass ich mich nicht länger so elendig fühlen muss. Ich glaube nämlich, dass sie falsch liegen. Ich denke nicht, dass ich ein großes Potential habe. Ich glaube nicht, dass bei mir das Gesamtpaket stimmt. Ganz im Gegenteil...

Allerdings ist es eine so großartige Chance. Es scheinen Menschen zu sein, die mir etwas Gutes wollen. Doch das darf nicht sein. Es darf solche Menschen nicht geben. Denn dann formen sie den Kontrast zu den Menschen, die genau das gesollt aber nicht getan haben.

Es klingt vielleicht paradox, aber diese Chance verstärkt meinen Drang, mir das Leben nehmen zu wollen. Schließlich kann ich so nicht wieder verlieren oder es vermasseln.

In mir brodelt es. Mir ist übel. Die Welt um mich herum schwankt bedrohlich. Und ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun soll. Am schlimmsten ist nämlich diese unerträgliche Scham. Dieses heiße Brennen und das Gefühl, all das nicht verdient zu haben.

 

Wolkentänzerin

Sonntag, 20. September 2020

There ain't no future in the past...

 Still und leise höre ich in mich hinein und versuche mich an einer Bestandsaufnahme. Die ist auch mehr als fällig. Zu lange habe ich mal wieder verdrängt und mich in destruktive Muster fallen lassen, weil der innere Druck schlicht und ergreifend zu groß war. Also: Was geht in mir vor? Was empfinde ich? Wo sind meine Gedanken in diesem Moment? Bin in entspannt? Fühle ich mich wohl? Tanze ich auf den Wolken oder kann ich den Boden unter meinen Füßen wahrnehmen?

In mir ist eine bleierne Schwere. Mein Kopf durch einen dichten Nebel verschleiert. Kein einziger Gedanke ist greifbar. Jeder Muskel meines Körpers fühlt sich verspannt an. Meine Fuß- und Fingergelenke schmerzen. Ein Rheumaschub, der mir seit Tagen zu schaffen macht und mich mitunter an der Rand meiner Kraft bringt. Außerdem spüre ich, dass mein Körper sich derzeit viel mit Erinnerungen beschäftigt. Immerhin ist er der Speicher für all das, was uns im Leben begegnet. Unser Körper vergisst nicht, sondern erinnert sich auf seine ganz eigene Art und Weise. Ein eindeutiger Indikator dafür, dass es wieder Zeit wird, den inneren Impulsen und Vorgängen Raum zu geben. Die Kapazität der Verdrängung ist erschöpft.

Oftmals komme ich nicht umher, mich zu fragen, wann all das wohl endlich aufhört. Wann ich mich endlich aus dieser Erstarrung befreien kann. In der Vergangenheit ist schließlich keine Zukunft. Doch „[das] Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ (William Faulkner). Denn für mein Inneres und meinen Körper sind die Erlebnisse noch immer aktuell. Gefangen in einer Zeitschleife, die ich bis heute nicht zu durchbrechen vermag. Mein Gedächtnis unterliegt in diesem Kontext keiner Veränderung.

Dabei ist genau das so wichtig, um im Leben voran zu kommen. Unsere Erlebnisse formen den Kompass, mit dem wir in ungewohnten Situationen Orientierung erlangen können. Wir verlassen uns auf unsere gemachten Erfahrungen, um Entscheidungen zu treffen. Durch persönliche Entwicklung schaffen wir neue Perspektiven und können dadurch unseren ganz individuellen Lebensteppich in einem anderen Licht betrachten. Muster erscheinen auf einmal anders. Farben verlieren oder gewinnen an Intensität. Plötzlich ergeben Situationen einen Sinn und ermöglichen es uns, das Gefühl der Kontinuität und Stabilität zu empfinden.

Traumatische Erfahrungen hingegen sind statisch. Sie verändern sich nicht. Stattdessen existieren sie seit jeher als fragmentierte Splitter in mir. Und wann immer sie traktiert werden, verletzen sie mich. Was wiederum bedeutet, zu einem nicht enden wollenden Albtraum verurteilt zu sein.

All die Therapie, die ich bisher versuchte, fühlte sich an, als kämpfte ich gegen ein überirdisches Wesen. Wann immer ich dieses Monster verwundet hatte, wuchs ihm ein neues Körperteil oder die Wunde heilte schneller als ich gucken konnte. Und auch das Verdrängen hat sein Grenzen. So sehr ich mich auch bemühe, geht das Licht aus, ist der Schrecken präsent.

Ich hätte gerne Hoffnung. Ich möchte gern glauben, dass diese Therapie diesmal Früchte trägt. Dass ich es schaffen kann, die Vergangenheit zu beenden. Dass mein Leben in Bewegung gerät.

Aber wohin mit all der Angst? Augen zu und durch? Zur Not muss eben ein Klinikaufenthalt her.

Doch wer gibt mir das Recht, mich derart wichtig zu nehmen? Ich darf nicht durchhängen. Nicht aufschreien. Nicht auffallen. Ich muss normativ sein. Unauffällig. Unkompliziert. Unsichtbar. Denn was passiert, wenn ich tue, was ich will? Die Menschen fangen an, mich zu bemerken. Sie schauen genauer hin. Von da bis zur Verurteilung und dem Abwenden ist es dann nicht mehr weit.

Bisher tue ich mein Möglichstes, um meinem Umfeld zu gefallen. Immer lächeln. Immer freundlich sein. Immer akzeptieren. Immer helfen. Immer zuhören. Immer runterschlucken. Immer nicken. Immer defensiv. Immer Fragen stellend. Immer im Hintergrund bleibend. Wenn überhaupt, dann lasse ich die Menschen lediglich an der Oberfläche kratzen. Doch niemals mehr. Zu groß ist die Gefahr, sie könnten erkennen, welches Monster ich bin und mich dann zurücklassen. Mir sagen, ich sei unerträglich.

Ich wünschte, ich könnte das Alles etwas lockerer betrachten. Ich wünschte, ich könnte die Signale meines Gegenüber richtig deuten und interpretieren. Ich wünschte, ich könnte damit aufhören, mir den Kopf zu zermartern und mich zu zerfleischen, weil ein sozialer Kontakt nicht so lief wie erhofft. Ich wünschte, ich könnte mich einmal sicher im Umgang mit einem Menschen fühlen und glauben, dass alles gut ist und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Nur einmal.

Aber…I still remember…

Wolkentänzerin

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin