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Montag, 25. Januar 2021

Antwortjäger

Manchmal fühle ich mich, als stände ich an einer steilen Klippe. In Mitten des tosenden Sturms blicke ich hinab in die aufgebrachte See. In meinem Kopf existiert dann nur noch diese eine liebreizende Stimme, die mir sanft ins Ohr säuselt, ich solle einfach springen. Endlich das zarte Band des Lebens zerschneiden und mich mutig in die Tiefe stürzen.

Derzeit scheint die Dunkelheit um mich herum an Intensität gewonnen zu haben. Mich quälen Sequenzen meines Lebens und ich schaffe es nicht, Distanz dazu zu gewinnen. Ich fühle mich innerlich zerrissen und mir schwindet erneut der Lebensmut. In mir drängen so viele Fragen, auf die ich keine Antwort erhalten werde. Warum? Weil kein Mensch fähig ist, sie zu beantworten. Weil es Phänomene auf dieser Welt gibt, die nicht zufriedenstellend erklärt werden können.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich auf die Wissenschaft vertraute und glaubte, dort Antworten zu finden. Ich dachte, hätte ich erst alle Schemata durschaut, käme die Erleuchtung ganz von allein. Und ja, ich bekam einen Theorienkatalog und mir wurde beigebracht, menschliches Verhalten in mathematische Formeln zu gießen und anschließend zu analysieren. Mir wurde erläutert, welche Aktion zu welcher Reaktion führen kann. Doch so plausibel sich all das anhörte, es konnte mein Verlangen nach einer Art allumfassenden Verstehens nicht stillen.

Ich möchte verstehen, weshalb Menschen sich gegenseitig furchtbarste Dinge antun. Es gibt nichts, was ein Mensch einem anderen noch nicht angetan hätte. Keine andere Spezies dieser Welt zieht Befriedigung aus sadistischen, brutalen und unvorstellbaren Gräueltaten. Nur der Mensch. Die selbsternannte Krone der Schöpfung besitzt ein derart mächtiges Zerstörungspotential und versteht es, sich dessen zu bemächtigen.

Menschen katalysieren eigene entsetzliche Erfahrungen, indem sie sie anderen zufügen und dadurch jene Macht erfahren, unter der sie selbst zu leiden hatten. Opfer werden zu Tätern und produzieren weitere Opfer. Ein nicht enden wollender Teufelskreis der Gewalt und Vernichtung.

Gesellschaften erfinden wohlklingende Namen, mit denen sie sowohl moralisch als auch ethisch verwerfliche Taten verschleiern können. Sie wollen anderen Menschen Glauben machen, es gäbe eine edle Motivation in ihrem Handeln. Dabei steckt meist nichts anderes als Habgier, Neid, Geltungsdrang, Egoismus oder Angst hinter diesen Taten.

Ich verstehe nicht, was an diesem Leben so reizvoll sein soll. Ich verstehe nicht, warum ich Freude empfinden soll. Ich verstehe nicht, warum ich meine Zukunft planen soll.

Am Ende ist es doch so: wir jagen irrealen Fantasien nach. Wir sind gefangen in gesellschaftlichen Strukturen, die uns diktieren, wie das ideale Leben auszusehen hat. Ein Ausstieg ist kaum möglich.

Ja, ich kann mir auf die Fahnen schreiben, meine Lebenszeit damit zu füllen, anderen Menschen eine Hilfe zu sein. Ja, ich kann zu Teilen Gutes in dieser Welt bewirken. Ja, ich kann aufstehen und mich für Menschen stark machen, die schutz- und hilflos sind. Ja, ich kann eine Stimme für Menschen sein, die sich selbst nicht äußern können. Das alles sind zweifelsohne sinnvolle Inhalte, mit denen sich ein Leben füllen ließe. Aber es wird niemals aufhören. Solange es den Menschen geben wird, wird es ebenfalls unfassbares Leid auf dieser Erde geben. Allein der Mensch ist schließlich sogar fähig dazu, seine eigene Existenzgrundlage, diesen Planeten, zu zerstören. Wie absurd ist das?

Wir werden alle sterben. Das ist eine unausweichliche Wahrheit, die jeden einzelnen von uns betrifft. Was genau ändert die Anzahl an Lebensjahren daran? Der Mensch kommt und geht. Nichts ist je von Dauer. Ich kann weiterhin kämpfen und versuchen, meine Seelensplitter mühsam zusammenzusetzen. In der Hoffnung, irgendwann in diese Gesellschaft und dieses Leben zu passen. Mit dem Ziel, irgendwann mit meiner inneren Dunkelheit leben zu können. Ich kann all meine Energie aufwenden und mich nach Kräften bemühen, das Böse nicht gewinnen zu lassen. Ja, all das kann ich.

Allerdings sehe ich den Sinn darin nicht. Ich könnte genauso gut heute aus dem Leben scheiden. Es machte unterm Strich keinen Unterschied. Zumindest nicht für mich.

Niemand kann mir sagen, worin genau der Unterschied bestehen soll. Ja, es ist unsagbar traurig, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben scheidet. Keine Frage. Es ist ein Schmerz, der schwer bis kaum erträglich ist und ich selbst weiß, wie grausam eine solche Erfahrung ist.

Jedoch im Leben zu bleiben, um andere nicht traurig zu machen, ist ein schwaches Argument. Denn letztlich wird es so oder so passieren. Lediglich der Zeitpunkt würde variieren. Also: worin besteht der Sinn, dieses Leben nicht eher zu verlassen, sondern auf den Moment zu warten, an dem es auf „natürliche“ Weise geschieht?

Ich habe mir selbst das Versprechen abgenommen, der Therapie eine Chance zu geben. Dazu gehört, dass ich hundertprozentig bei der Sache bin und mitarbeite. Daran ändern meine Gedanken nichts. Denn ich kann keine Behauptungen aufstellen und gleichzeitig unwillig sein, mir Gegenargumente anzuhören. Zum Diskutieren gehören schließlich eine wertschätzende Atmosphäre und die Bereitschaft, die eigene Meinung zu hinterfragen. Ich bleibe also auf der Suche und hoffe, irgendwann Antworten zu finden. Und wenn nicht habe ich ja noch Plan B. 


 

Wolkentänzerin

Sonntag, 24. Januar 2021

Von den Namen des Zufalls

 Dr. Freud sagt, er habe großen Respekt davor, wie ich mein Leben bisher gemeistert habe. Wie gut es mir gelungen sei, im Alltag zu funktionieren und ein gewisses Maß an Ich-Stärke zu entwickeln.

Doch darin liegt, meiner Meinung nach, sicher keine persönliche Leistung. Nein, stattdessen war es eine Reihe zufälliger Ereignisse, die mich zu dem machten, was ich heute bin. Es wäre vermessen, mir deshalb auf die Schulter zu klopfen und einen falschen Stolz zu empfinden.

Menschen reden nur allzu gern von Glück, wenn ihnen etwas Positives widerfährt. Oder sie sprechen von Unglück, wenn eben genau das Gegenteil eintritt und das erhoffte Ergebnis ausbleibt. Dabei sind Glück und Unglück nichts anderes als sehr individuell bewertete Zufälle.

Was aus einem Menschen wird, unterliegt einer großen Anzahl an zufälligen Wendungen des persönlichen Werdeganges. Auf die meisten davon haben wir kaum oder gar keinen Einfluss. Es obliegt nicht unserer Entscheidung, in welchen sozioökonomischen Kontext wir hineingeboren werden. Ebenso wenig wie die jeweilige familiäre Dynamik oder jene Ideologie, die unser Leben maßgeblich formen wird. Uns wird ein Wertesystem eingeflößt, das wir erst viele Jahre später zu hinterfragen imstande sein werden. Bis dahin haben wir jedoch unzählige wegweisende Entscheidungen getroffen und unsere Persönlichkeit dadurch geformt.

Mir erscheint es sehr absurd, Zufälle in Kategorien einzuteilen und ihnen somit einen höheren Wert beizumessen, als letztlich angebracht wäre. Denn, dass ich bin, wer ich bin, ist nicht mein Verdienst. Es ist bloß das Zusammenspiel unzähliger kleiner Puzzleteile, die am Ende ein Gesamtbild ergeben.

Wie arrogant wäre es zu behaupten, dass ich heute da bin, wo ich bin, habe ich mir allein zu verdanken? Das ist sicher nicht mal im Entferntesten die Wahrheit. Nein, ich bin ein Gebilde aus unzähligen Zufällen. Wie ein jeder von uns.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es persönliche Erfolge oder berechtigten Stolz gibt. Doch ich denke, dass es nie verkehrt ist, einen Schritt zurückzutreten und sich zu überlegen, welche ungreifbare Anzahl an Stellschrauben dabei mitwirkten, dieses Ereignis erst möglich zu machen. 


 

Wolkentänzerin

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Gib dem Kind einen Namen

Wir Menschen haben für alles einen Namen. Von Gegenständen, über Menschen, bis hin zum kleinsten Teilchen haben wir Bezeichnungen vergeben. Ist der kleinste Unterschied zu erkennen, muss eine neue Betitelung her, um der Andersartigkeit Ausdruck zu verleihen. Und auch uns als Menschen wird, sobald wir diese Erde betreten, ein Name gegeben. Oftmals bereitet werdenden Eltern gerade das die meisten Schwierigkeiten. Denn bei jeder Bezeichnung schwingt automatisch eine Bewertung mit.

Unsere Welt ist in Kategorien unterteilt und wir folgen festen Schemata, um uns in unserem sozioökonomischen Umfeld orientieren zu können. Nach Piaget adaptieren wir bereits in frühster Kindheit neue Informationen zu vorhandenen Schemata. Dadurch erstellen wir uns nach und nach einen Baum der Logik und des Verständnisses. Wir beobachten und werten. Wir lernen zu erkennen und zu unterscheiden. 

Kindern werden neue Begriffe oft beigebracht, indem Erwachsene auf Gegenstände zeigen und sagen, was sie sehen. Oder sie hindern die Kinder daran, etwas in den Mund zu stecken und geben dem Kind zu verstehen, dass das ekelig oder dreckig ist. Sobald wir auf der Welt sind, errichten die Menschen um uns herum, unser Weltverständnis und unseren Umgang mit uns und dem Umfeld, mit dem wir tagtäglich in Aktion treten.

Schon früh lernen wir außerdem, uns gegebenen Namen entsprechend zu verhalten. Wir sind Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde, Schüler, Lehrer und so weiter. Daran sind feste Erwartungen geknüpft, die wir erfüllen müssen. Genauso wie wir im Gegenzug etwas von unserem Gegenüber erwarten, wenn wir ihn unseren Freund nennen.

Es scheint, als könne sich der Mensch nur zurechtfinden, wenn er seine Umwelt labelt. Alles muss eine Bedeutung haben, jede Beziehung einen Namen tragen. Wir brauchen klare Strukturen und Rahmenbedingungen. Nur so kann das Miteinander funktionieren. Es sind festgeschrieben Statuten, denen wir uns schwer bis gar nicht entziehen können. Verhalten Menschen sich anders, sind sie Systemsprenger oder schlicht unfähig, sich anzupassen. Vielleicht bezeichnen wir sie auch als Querulanten und unangenehme Zeitgenossen. Immerhin brauchen wir auch dafür einen Namen und eine Wertung. Wir brauchen für alles und jeden Schubladen. Erst das Einsortieren in die jeweilige Kategorie ermöglicht es uns, unser Verhalten und unsere Denkweise anzupassen.

Haben wir deshalb Angst vor den dunklen Wesen, die in der Nacht lauern? Weil sie namenlose Gestalten sind, die wir nicht greifen können? Oder ist es vielmehr die Furcht davor, ein Mensch könnte aus der Reihe tanzen und sich entgegen seiner Kategorie verhalten? Wie groß ist doch das Entsetzen, wenn sich der Nachbar als unmoralische, verbrecherische Person entpuppt? Dann sagen die Menschen, sie hätten das nie von ihrem Nachbarn erwartet. Und wie auch? Die Bezeichnung Nachbar umfasst eben ganz spezielle Verhaltensweisen und Eigenschaften. Alles darüber hinaus wird ausgeblendet oder am Ende sogar verblendet.

Die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Neue Situationen, die keinem Schema zu entsprechen scheinen, werden daher oftmals sehr unterschiedlich bewertet. Die Menschen geben ein- und derselben Situation mitunter viele unterschiedliche Namen. Wir versuchen, das Unbekannte mit Bekannten in Einklang zu bringen. Das nennt sich in der Entwicklungspsychologie Assimilation. Die unterschiedliche Assimilation zweier Menschen birgt eine Menge Konfliktpotenzial. Insbesondere dann, wenn ein jeder meint, sein eigenes Konzept verteidigen zu müssen, um am Ende sich selbst zu schützen. Die Reibung ist meistens auch nur erträglich, weil es im Kern eben doch diesen einen gemeinsamen Nenner an Werten gibt. Wobei auch das sicher seine Grenzen hat…

Fällt es mir deshalb schwer, die Dinge beim Namen zu nennen? Die Bezeichnung „Ding“ ist letztlich ein Platzhalter, der es uns ermöglicht, eine Sache weitgehend wertfrei zu betrachten. Wenn ich sage, dass Dinge passiert sind, dann erlaube ich mir, eine eigene Wertung zu haben. Ich werde nicht gezwungen, die gesellschaftliche Bedeutung zu adaptieren. Was mir wiederum die Freiheit lässt, mit diesen Erlebnissen auf meine eigene Art umgehen zu können. Ich schaffe mir eine Art Schlupfloch.

Wohnt der Betitelung der Tatsachen der eigentliche Schmerz inne? Immerhin wird mir gesagt, wie ich mich wegen dieser oder jener Phänomene fühlen soll. Es gibt so viele Worte, mit denen sich die inneren Vorgänge beschreiben lassen. Sie können in Formen gegossen und betrachtet werden. Sie können analysiert, bewertet und korrigiert werden. Die Beschreibungen sind jedoch viel zu oft mangelhaft. Sie bilden nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes ab. Zumindest fühlt es sich so an. Ich muss mich mit Worten erklären, die von Menschen erfunden wurden, die Außenstehende sind. Oftmals fühle ich mich wie jemand, der aus einer anderen Kultur kommt und sich durch die Sprachbarriere nicht richtig verständigen kann. Und nicht selten stoße ich auf Unverständnis oder gar Ablehnung, weil ich eben nicht so bin, wie die vielen anderen. 

Ich habe Schwierigkeiten in dieser Welt, weil ich dem Stempel, der mir aufgedrückt wurde, nicht entsprechen möchte. In mir ist dieser brennende Wunsch, mich von den Fesseln dieser Gesellschaft zu befreien. Denn ich bin sehr müde geworden. Ich bin müde, die Rollen zu spielen, die mir das Leben gab.

Bei einer der Therapiesitzungen fragte ich Dr. Freud, ob ich auch dann Probleme hätte, in dieser Welt zurecht zu kommen, wenn die Gesellschaft andere Werte hätte. Wäre der Leidensdruck der gleiche, wäre ich anders sozialisiert worden? Lebte ich nicht in dieser Gesellschaft, die ihre ganz eigenen Wert- und Moralvorstellungen hat? Wäre mein inneres Entsetzen dann noch vorhanden? Bräuchte ich überhaupt eine Therapie, gäbe es diese Zerrissenheit nicht, die bloß existiert, weil meine innere Welt so konträr zur äußeren ist? Mal ganz abgesehen davon, dass eine solche Welt ein furchtbarer Ort wäre, kann ich keine Antwort auf diese Frage finden. Und am Ende ist sie auch irrelevant. Denn ich lebe nun mal in genau dieser Gesellschaft mit genau diesen Werten, Regeln und Normen. Und letztlich leide ich, weil eben diese Konzepte in meinem Leben mit den Füßen getreten wurden.

Nun wird von mir erwartet, dass ich die Werte der anderen übernehme und all die Namen, die ich lernte, zu vergessen. Ich soll einsehen, dass Beziehungen anders funktionieren und andere Erwartungen stellen.

Ich finde das alles sehr verwirrend und weiß manchmal nicht, was ich tun soll. Ich habe oft das Gefühl, es nicht richtig machen zu können oder mich zu doof anzustellen. Dann verfalle ich in erlernte Muster und verkrieche mich in meiner eigenen kleinen Welt. Schließlich ist es das, was ich kenne und was mir vermeintlichen Schutz bietet.

Es ist nämlich so: mit der Korrektur eines Begriffes und einer damit verknüpften Bewertung ist es nicht getan. Denn ist Wurzel bereits vergiftet, hat das sogar Auswirkungen auf das kleinste Blatt. 


 

Wolkentänzerin

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin

Montag, 1. Juni 2020

Die Widersprüchlichkeit des Menschen


Wie es der Titel schon sagt, habe ich mich in letzter Zeit häufig mit der Widersprüchlichkeit des Menschen befasst. Es ist jenes Phänomen, das mir die meisten Rätsel aufgibt und mich in meinem eigenen Leben am stärksten beeinflusst.

Ich selbst habe viele ambivalente Gefühlsregungen in mir. So möchte ich gerne sterben und gleichzeitig gerne leben. Ich liebe meine Eltern und gleichzeitig hasse ich sie mit jeder Faser meines Seins. Ich wünsche mir Nähe und sehne mich gleichzeitig nach Distanz. Ich möchte meine Vergangenheit aufarbeiten und gleichzeitig möchte ich sie verdrängen. Dieser Liste könnten noch etliche Punkte hinzugefügt werden, doch daraus ließe sich wohl ein eigenständiges Thema machen.

Wir alle leben nach vorgegebenen Strukturen. Bereits in frühster Kindheit werden uns Rollen zugewiesen, nach denen wir uns zu verhalten haben. Das betrifft das Geschlecht, die Position in der Familienhierarchie, aber auch die soziale Stellung, die unsere Familie innehat. Wir lernen, dass es Regeln gibt, an die wir uns halten müssen. Und wir lernen auch die Konsequenzen eines Bruchs dieser Regeln kennen. Manchmal kommt es auch vor, dass wir Dinge lernen, von denen uns niemand wirklich sagen kann, wozu sie in der heutigen Zeit gut sein sollen. Sie wurden eben schon immer so gemacht – so ist das nun mal.
All diese Konzepte hören nicht mit Ende unserer Pubertät auf. Mit Eintritt in die Welt der Erwachsenen warten eine Menge weiterer „Fahrpläne“ auf uns, die wir erfüllen sollen, wenn wir ein angesehener Teil dieser Gesellschaft sein möchten. Dazu zählen weiterhin die Rollenvorstellungen, die berufliche Laufbahn, aber auch die Selbstverwirklichung und eine gewisse Konsumfähigkeit.

Dabei gibt es eine treibende Kraft: die kognitive Dissonanz. Dieser psychologische Begriff meint das Streben danach, innere Spannungszustände aufzulösen. Denn in jedem von uns gibt es unzählige Widersprüche, die gelöst werden müssen, wenn wir funktionieren wollen. Es gibt sozusagen einen Entscheidungszwang. Und wie Entscheidungen es so an sich haben, ist jede Wahl für etwas ebenfalls eine Wahl gegen etwas. Manchmal kommt es auch vor, dass wir unsere Prinzipien über Board werfen, um eine Entscheidung rechtfertigen zu können. In den meisten Fällen unterwerfen wir uns jedoch unseren Wertvorstellungen und handeln diesen entsprechend. Macht uns das nicht glücklich, reden wir uns ein, dass unser Verzicht oder unsere Einschränkungen einer größeren Sache dienen und daher richtig sind. Ende der inneren Diskussion – her mit der inneren Konsistenz. Koste es, was es wolle.

Dabei sind jene Konstrukte, denen wir uns im Leben unterwerfen, mitunter veraltet. In Bezug auf die Moral denke ich häufig an Nietzsche. Ich stimme nicht allen seinen Thesen zu und letztlich soll es auch gar nicht um seine Erläuterungen gehen. Allerdings hat mich seine Moralkritik nachdenklich gestimmt. Er ist nämlich der Meinung, die Moral, die wir heute kennen, wurde damals geschaffen, um die Herrschenden in die Schranken zu weisen. So waren all die Verhaltensweisen, die die Reichen an den Tag legten, moralisch verwerflich.
Fraglich ist jedoch, inwiefern diese Moralvorstellungen heute noch Bestand haben. Halten wir uns dadurch nicht bewusst klein?

Sicher, der Mensch lebt in einer künstlich geschaffenen Gemeinschaft. Es muss etwas geben, das unser Zusammenleben ermöglicht. Denn auf natürliche Weise ist das undenkbar. Unsere globale Gesellschaft braucht einen gemeinsamen Nenner, damit es mit der Kooperation funktioniert. Denn warum sollte ich mich einbringen, wenn ich nichts davon habe? Es braucht also einen Anreiz.
Die heutige Großgemeinschaft der Menschen wurde durch das Zauberwort „Geld“ geeint. Allerdings macht Geld leider noch keinen moralischen Menschen. Es bedarf also weiterer Parameter, um ein friedliches Zusammenleben zu garantieren. Wobei wohl „möglichst friedlich“ treffender wäre. Immerhin gibt es in unserer schönen Welt unzählige Konflikte. Und das nicht nur, weil man sich nicht auf den einen allgemeingültigen moralischen Katalog einigen kann.
Zwar gibt es Länderbündnisse, die zustimmen konnten, dass es unumstößliche Annahmen zum Menschen und seinen Rechten gibt. Doch werden diese beileibe nicht überall umgesetzt. Auch da braucht es wieder den unermüdlichen Einsatz von Menschen, um das Durchsetzen dieser Regeln zu fördern.

Das führt mich zu einer meiner liebsten Fragen: Weshalb ist der Mensch das einzige Tier auf diesem Planeten, das Freude daran empfindet, anderen Menschen Leid zuzufügen?

Doch bevor ich komplett abschweife, zurück zum Thema:

Ich persönlich halte es für eine gute Sache, dass wir eine Moral haben. Dass wir uns täglich neu die Frage stellen, ob neue Innovationen, Forschungen und Gesetze dem Maßstab der Ethik gerecht werden.
Doch ich finde, es gibt auch gefährliche Konzepte, die dem Menschen mit auf den Weg gegeben werden. Beispielsweise das Konstrukt der „bedingungslosen Liebe“. Meines Erachtens nach sollte keinem Kind beigebracht werden, dass es so etwas wie bedingungslose Liebe gäbe.

Ich habe meine Eltern bedingungslos geliebt. Ich dachte, es sei meine Pflicht, ihnen Wertschätzung entgegenzubringen. Komme, was wolle. Und ich denke noch heute so. Ich habe das Gedankengut in mir, meine Eltern lieben zu müssen. Immerhin haben sie mir mein Leben gegeben und mich großgezogen.
Die Wahrheit ist jedoch, dass sie mich verletzt, gedemütigt und mir irreparable Schäden zufügten. Ich ertrug diese Dinge, weil ich dachte, dass ich sie bedingungslos lieben müsste. Meine Eltern ließen den Wunsch in mir wachsen, lieber tot sein zu wollen. Meine Eltern pflanzten den Selbsthass in mir. Sie nahmen mir meine Fähigkeit, anderen Menschen vertrauen zu können. Sie legten die Negativität in mich hinein.

Meine Eltern ließen mich Bekanntschaft mit der tiefsten Dunkelheit machen, die diese Welt zu bieten hat. Meine Eltern ketteten mich mit dem Modell der bedingungslosen Liebe an sich und halten mich bis heute damit gefangen. Meine Eltern haben ein rostiges Messer in mein Herz gerammt und dabei zugesehen, wie ich verblute. Und wozu? Um eigene Befriedigung daraus zu ziehen.

Was lernen Kinder also, wenn ihnen gesagt wird, dass es bedingungslose Liebe gäbe? Nicht ohne Grund bleiben viele Menschen in toxischen und unglücklichen Beziehungen. Sie glauben, sie müssten ihren Partner mit allen Ecken und Kanten lieben. Immerhin funktioniert es so, oder? Das kann nicht richtig sein. Liebe ist immer an Bedingungen geknüpft. Denn wie nennt man Liebe, die sich anfühlt, als sei man in der Hölle? Das ist keine Liebe. Das ist Abhängigkeit. Ich denke, es ist wichtig, das voneinander zu unterscheiden.

Aber natürlich sind Beziehungen und das gesellschaftliche Miteinander vielschichtiger. Es spielen immer eine Reihe weiterer Argumente und Umstände mit.
Zum Beispiel der Wunsch nach Kontrolle und Erklärbarkeit. Schließlich sind Hilflosigkeit und Machtlosigkeit zwei schwer erträgliche Gefühlszustände. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele Angsterkrankungen auf diesen beiden Empfindungen basieren.
Was tut der Mensch also? Er schafft sich eine für ihn logische Erklärung. Was daraus entstehen kann, ist besonders in der derzeitigen Situation zu beobachten: Verschwörungstheorien werden konzipiert und Sündenböcke stilisiert. Der Vorteil daraus ist, dass sowohl Hilflosigkeit als auch Machtlosigkeit verschwinden. Ein Schuldiger wurde identifiziert und der Mensch ist nicht länger in den Fängen eines unberechenbaren Zufalls. Es ermöglicht dem Menschen, aktiv gegen die Situation vorzugehen. Also protestieren die Menschen gegen das Staatssystem, mächtige Menschen oder verordnete Einschränkungen. Der Mensch gewinnt sein Machtgefühl zurück. Wie gefährlich das ist, erkennen die meisten erst dann, wenn es bereits zu spät ist. Wenn diese Überzeugungen Teil des Weltbilds geworden sind, ist es enorm schwer, sie wieder loszuwerden.
Dabei helfen solche Annahmen meist auch
nicht, mit der eigenen Bewältigung dieser Empfindungen umzugehen. Im Gegenteil: es bedarf immer wieder neuer Erklärungen und Sündenböcke, um mit unerklärbaren Phänomenen umzugehen.

Allerdings bin ich wohl die Falsche, um dahingehend Ratschläge zu äußern. Denn ich selbst kompensiere meine Gefühle auch nur allzu oft und allzu gern. Ich will nicht wahrhaben, dass all das, was mir geschah, unerklärbar ist. Wobei es letztlich schon erklärbar ist. Jedoch ist die wissenschaftliche Erklärung nicht annähernd zufriedenstellend. All die Studien und Forschungsergebnisse liefern mir keine Erklärung für den Schmerz, den ich empfinde. Sie geben mir keinen Trost für den unfassbaren Verrat. All die Theorien erschienen mir viel zu weit weg und geben mir keinen Halt. Sie stellen kein Gegengewicht zu den Langzeitfolgen dar, mit denen ich zu kämpfen habe. Ja, ich weiß nun, welche Umstände ein Verhalten bedingen kann, wie ich es erlebte. Aber ich begreife trotzdem nicht, weshalb mein Vater. Weshalb meine Mutter. Weshalb ich.

Daher ist es einfacher für mich, mir selbst die Schuld zu geben. Wenn ich mir sage, dass ich es provoziert habe. Dass ich mich falsch verhielt oder dass ich es doch alles so wollte. Denn der Umkehrschluss ist inakzeptabel. Wenn ich anfange, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, bin ich eine Figur in einem Spiel, dessen Regeln lediglich von anderen bestimmt wurden.

Und so lege ich auch heute noch Verhaltensmuster an den Tag, die mich in meiner Meinung bestätigen sollen. Mir ist absolut bewusst, dass mir das am Ende im Grunde bloß schadet. Nur bin ich leider in diesem Teufelskreis gefangen. Die unbändige Angst vor dem, was auf der anderen Seite auf mich lauert, blockiert mich derart, dass ich nicht fähig bin, mich zu befreien. So sehr ich es mir auch wünsche.

Wolkentänzerin