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Mittwoch, 29. April 2020

Ein Brief voller Erinnerung

Hey du,

ja, ich weiß, ich habe dir lange nicht mehr geschrieben. Nicht, weil ich nicht an dich gedacht hätte. Nein, das tue ich sogar sehr häufig. Vielmehr ist es so, dass ich mit den Gefühlen, die du in mir auslöst, nicht immer umgehen kann. Noch immer ist der Schmerz sehr groß. Die Schuld drückt mich bis heute nieder. Und ich werde unweigerlich an eine Zeit erinnert, die viele Narben hinterließ.

Dein Todestag rückt näher. Dieses Jahr ist es schon der zehnte. Ist das zu fassen? Zehn Jahre...das ist mehr als ein Drittel meines Lebens. Und doch fühlt es sich an als seist du erst gestern von dieser Erde gegangen.

Weißt du, ich kann verstehen, weshalb du es getan hast. Warum du dein Leben beendet hast. Ich weiß, was du gefühlt hast. Und doch wünsche ich mir von ganzem Herzen, du hättest es nicht getan. Ich wünschte, ich hätte dir helfen können. Denn ich weiß, wie sehr du dich nach Hilfe gesehnt hast. Es zerfrisst mich zu wissen, dass ich dir keine war. Ich meine, wie hätte ich auch eine sein können? Ich hatte genauso wenig einen Plan vom Leben wie du. Ich hing genauso zwischen den Welten wie du. Aber sind das nicht am Ende dumme Ausreden?

Ich kann mich heute (zum Glück?) nicht mehr an alles erinnern, was damals geschah. Es gelingt mir nicht, die letzten Tage vor deiner Entscheidung zu rekonstruieren. Lediglich einige einzelne Frequenzen blitzen dann und wann in meiner Erinnerung auf. Und schon die genügen, um mich das Gefühl des unbändigen Schreckens wiedererleben zu lassen. Es gibt sogar einen Teil in mir, der deinen Tod bis heute leugnet. Der nicht wahrhaben will, dass du wahrhaftig gestorben bist. Vielleicht auch bloß, um die Last des Versagens tragen zu können – keine Ahnung.

Was wäre wohl aus dir geworden? Wärst du mittlerweile Polizist, ganz so, wie du es dir gewünscht hast? Oder wäre aus dir ein Künstler geworden? Ob wir heute wohl noch Freunde wären? So wie diese bleiben viele Fragen unbeantwortet. Fragen, die in mir schlummern und auf die ich gerne eine Antwort hätte. Ich wüsste gerne, wie du unsere Freundschaft gesehen hast. Ob du mich am Ende vielleicht sogar gehasst hast, weil ich ein dummes Mädchen war, das die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit deiner Not nicht gesehen hat. Die dich im Stich ließ.

Ich weiß, dass ich Anteil an deinem Suizid habe. Ich weiß, dass ich Verantwortung dafür trage. Ich weiß, dass ich viele Fehler machte und dich verletzte. Ich weiß, dass ich es nicht ungeschehen machen kann.

Dein Tod, lieber Freund, hat mein Leben grundlegend verändert. Ich wäre nicht ich, wenn du nicht gegangen wärst. Ich verdanke dir mein Leben. Und ich weiß, dass das nicht fair ist. Ich weiß, dass es andersrum wohl genauso gewesen wäre. Du wärst nicht gegangen, wenn ich gegangen wäre. Wenn ich dir zuvorgekommen wäre. Wenn du gesehen hättest, wie viel Leid durch so etwas entsteht. Ich weiß, dass du heute noch leben würdest, wenn ich gestorben wäre.

Ich schäme mich oft dafür, Suizidgedanken zu haben. Denn ich komme nicht drumherum, mich zu fragen, ob du es in der letzten Sekunde vielleicht sogar bereut hast? Es jedoch zu spät war. Es kein Zurück mehr gab. Und ich? Ich will nicht leben. Wo du eventuell vieles drum gäbest, um nochmal eine Chance zu haben. Was bin ich nur für ein Idiot? Dabei weiß ich, dass ich nicht auf einen Schalter drücken kann und die Gedanken verschwinden. Ebenso wenig wie du es tun konntest. Mir ist klar, dass du die Entscheidung zu sterben nicht aus eigenen Stücken getroffen hast. Du hast den Schmerz, den dein Leben bedeutet hat, nicht mehr ertragen. All die Ungerechtigkeit und das Übel, das dir zugefügt wurde, haben dich krank gemacht, deine Seele zertrümmert und dich ausgehöhlt.

Aus tiefstem Herzen hoffe ich, dass es dir jetzt, wo auch immer du sein mögest, gut geht. Dass du die Seelenqualen loswerden und dich befreien konntest.

Vor Kurzem wollte sich eine gute Freundin von mir das Leben nehmen. Sie hat in letzter Zeit Schlimmes erlebt und kam mit all dem Schmerz nicht mehr zurecht. Ich sagte ihr, sie dürfe es nicht tun, weil es keine Garantie gäbe, dass es ihr wirklich Erlösung brächte. Denn was wäre, wenn die Gedanken nicht aufhören? Wenn sie an einen Ort kommt, an dem alles still ist, bis auf die Stimmen, die sie bis in alle Ewigkeit quälen? Dann doch lieber hier auf der Erde sein, wo es immerhin noch die ein oder andere Ablenkung gibt. Aber wie soll ich selbst an diese Möglichkeit glauben, wo du doch dort oben bist? Wenn ich mir vorstelle, dass du irgendwo bist, wo du weiterhin Seelenleid erfährst, bleibt mir das Herz stehen.

Seit deinem Tod sind schon viele Menschen auf mich zugekommen, die ebenfalls sterben wollten. Die sich mir anvertrauten und meine Hilfe wollten. Und jedes verdammte Mal packt mich die blanke Angst. In mir wird es schlagartig heiß und ich habe das Gefühl zu verbrennen. Ich habe Verlust- und Versagensängste. Mir wird schlecht und ich habe das Empfinden, für ein Menschenleben verantwortlich zu sein. Dann möchte ich weglaufen, weil ich es nicht ertragen würde, wenn jemand nochmal stirbt, weil ich nicht helfen kann. Nie wieder möchte ich erleben, wie mir ein Mensch derart entgleitet. Bitte versteh mich nicht falsch: es macht mich demütig und dankbar, dass Menschen mir vertrauen. Dass sie sich mir öffnen und mich in ihre Seelen blicken lassen. Aber sie suchen sich dafür die falsche Person aus.


Anfänglich dachte ich, dass, wenn ich anderen helfe und ihnen das Leben „rette“, dann kann ich etwas wiedergutmachen. Bis mir aufging, dass ich damit versuchte ein Leben mit einem anderen aufzuwiegen. Doch das funktioniert nicht. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Kein anderes Leben kann dein Leben ersetzen. Nichts kann ungeschehen machen, was passiert ist.

Außerdem fühle ich mich mittlerweile wie die größte Heuchlerin der Welt, wenn ich Menschen davon abrate, sich das Leben zu nehmen. Denn wovon bin ich denn überzeugt? Ich bin davon überzeugt, dass der Tod Erlösung bringt. Zumindest für den Sterbenden. Dagegen kann das Leben die reinste Hölle auf Erden sein. Wenn ich also Menschen davon abhalte, sich das Leben zu nehmen, dann verdamme ich sie dazu, die Seelenqualen dieser Welt weiterhin zu erdulden. Ich rede ihnen ein, dass es schon irgendwann besser würde. Dabei glaube ich nicht daran. Ich glaube nicht, dass es immer ein Happy End gibt. Ich glaube vielmehr, dass es Menschen gibt, die der Dunkelheit niemals entkommen werden. Ich glaube, dass es irreparable Seelenschäden gibt.

Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ein jeder einzelne Suizid viele weitere Leben unwiederbringlich zerstört. Suizid ist ein Gewaltakt, der weite Kreise zieht. Jemand, der sich das Leben nimmt, wird automatisch zum Täter, ob er nun will oder nicht. Selbstmord ist etwas sehr aggressives und Ausdruck größter Wut. Die Schuld bei den Hinterbliebenen wird einkalkuliert, wenn nicht sogar gewollt.

Lieber Freund, ich weiß, dass es bei dir nichts anderes war. Ich weiß, dass du uns Schmerzen zufügen wolltest. Dass du wolltest, dass wir genauso leiden wie du. Und ich weiß, dass du das aus größter Verzweiflung heraus wolltest. Ehrlich gesagt denke ich auch, dass ich es verdient habe.

Bei all den konfusen Gedanken ist eines jedoch klar: du fehlst mir sehr. Ich wünschte, ich könnte mit dir sprechen. Ich wünschte, du wärst noch hier. Ja, ich wünsche mir sehr, du hättest dich nicht umgebracht. Doch es ist wie es ist. Und deshalb wünsche ich dir von ganzem Herzen, dass du an einem Ort voller Licht, Liebe, Freude, Wärme, Lachen, Farbe, Freiheit, Glück, Zufriedenheit, Erlösung und Freunden bist.

Du bist niemals vergessen!
Wolkentänzerin

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Guten Abend, gute Nacht

Nun habe ich bestimmt schon zum zehnten Mal meine bereits verfassten Zeilen wieder gelöscht. Und warum? Weil sie mir nicht richtig erschienen. Weil sie nicht gut genug waren. Weil ich mir selbst mal wieder im Weg bin.

Ich meine, kann es denn dermaßen schwer sein, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen? Tja, wohl dann schon, wenn man selbst Angst vor diesen Gedanken hat.

Kopfschüttelnd über meine eigenen Unfähigkeit sitze ich also hier vor meinem Notebook und raufe mir die Haare. Eigentlich rief ich diesen Blog heute nach langer Zeit mal wieder auf, um mich zu erleichtern. Früher hat das immer super geklappt. Ich habe nicht lange gefackelt, sondern schrieb einfach darauf los.

Heute frage ich mich, ob meine grammatikalische Formulierung hochgestochen genug ist, ob mein Schreibstil genügend Verben enthält, um meinen Lesern ein perfektes Lesevergnügen zu bereiten. Doch das ist doch überhaupt nicht Sinn und Zweck dieses Blogs. Er entstand vor langer Zeit, damit ich eine Möglichkeit habe, meine Gefühle und Erlebnisse loszuwerden. Ich muss niemand genügen. Ich kann schreiben, was immer ich schreiben will.

Leichter gesagt, als getan. Allerdings sollte ich mir zu gute halten, dass ich keine studierte Journalistin bin. Ich bin keine ausgebildete Autorin. Ich bin bloß ich. Sollte mir das nicht genug sein? Doch wann war mir denn tatsächlich mal etwas genug, das ich tat?

Egal, was in meinem Leben mal schief lief, es war immer mein eigenes Verschulden. Es lag immer an meiner Inkompetenz. Ich diskreditierte mich nur allzu gern selbst. Ich war mein schärfster Kritiker und ärgster Feind. Doch warum rede ich in der Vergangenheitsform? Hat sich daran etwas geändert?

Nein, im Gegenteil. Vom Gefühl her ist es sogar noch schlimmer geworden. Ich kann mich nicht ausstehen. Man könnte im Grunde auch sagen, dass ich mich hasse. Wenn ich könnte, würde ich mein irdisches Kleid ablegen und der Freiheit entgegenschreiten. Ich möchte verschwinden und meine Ruhe finden.

Ich möchte nicht mehr in Räumen mit anderen Menschen sitzen und mich schämen. Ich möchte mich nicht mehr anstrengen müssen, weil ich Angst habe, man könnte mich nicht mögen. Es ist so sinnfrei und unnütz.

Die letzten Monate habe ich genutzt, um mich selbst zu reflektieren. Ich kam nie sonderlich weit. Ehrlich gesagt, kreisten die meisten Überlegungen um ein und die gleiche Sache. Irgendwie stagnierte das Ganze. Es ist immer die selbe Leier. Seit 25 Jahren höre ich mir diese Stimmen nun schon an. Sie sind mir mittlerweile wirklich zuwider geworden. Und doch sind sie da. Stärker denn je.

Klar, es gab immer mal bessere und schlechtere Momente in meinem Leben. Objektiv betrachtet könnte ich stolz auf die ein oder andere Situation in meiner Lebensgeschichte sein. Naja, aber anstatt, dass diese positiven Gefühle Einzug in mein Inneres ziehen, so nehme ich diese Situationen auch noch zum Anlass mich selbst schlecht zu machen.

In letzter Zeit schlafe ich sehr schlecht und unstet. Nachts werden meine inneren Stimmen immer lauter und zwingen mich zum Nachdenken. Dabei komme ich niemals zu einem Ergebnis. Nein, vielmehr stehe ich morgens auf und habe das Gefühl, mit einer furchterregenden Bestie gekämpft zu haben.

Ja, es ist eine Tatsache: ich lebe nicht gerne. Im Grunde hasse ich es. Und wenn ich nicht wüsste, wie schmerzend ein Suizid für die Hinterbliebenen ist, so hätte ich schon lange den Freitod gewählt. Darin sehe ich gar nichts trauriges. Ich meine, Trauer ist ja generell etwas, das allein die Lebenden betrifft. Wir weinen nicht um den Toten, wir weinen um uns. Weil uns etwas fehlt. Weil wir etwas verloren haben. Trauer ist doch eigentlich ein egoistisches Konstrukt der Gesellschaft.

Doch diejenigen, die tatsächlich sterben, die trauern nicht. Die fühlen sich nicht schlecht. Die sind einfach weg. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Man könnte sagen, dass ich dem Tod näher stehe als dem Leben. Vielleicht werde ich auch irgendwann sterben und kann sagen, dass ich niemals wirklich lebte, sondern mein Leben lang auf den Tod wartete.

Wir alle machen im Leben Erfahrungen, die uns formen. Und gleichzeitig legt eine jede Erfahrung, ein jeder Augenblick, eine jede Begegnung den Grundstein für unsere weitere Geschichte. Ich werde niemals einen anderen Weg gehen, denn ich wurde geformt. Ich werde niemals anders denken oder fühlen, denn ich habe es so gelernt.

All die Rückschläge und all der Schmerz, all die Erfahrungen und all die Trauer. All das fügt sich zu einer Symbiose zusammen. Ich hasse mich, weil ich all jene hassse, die mir all das Schlimme antaten. Ich hasse mich, weil ich die Haut hasse, in der ich stecke. Ich hasse sie, weil sie mir jeden Tag vor Augen führt, was mir passierte. Ich sehe mich an und ich sehe all die Dinge.

Ich blicke mich im Hörsaal um und sehe all die verpassten Chancen. Ich bin damit konfrontiert, was hätte sein können, wäre ich etwas behüteter gewesen. Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin ohnmächtig. Ich bin einsam. Denn niemals wird jemand tatsächlich begreifen, was es bedeutet, in das Gesicht der größten Monsters dieser Welt geblickt zu haben. Kein Wort der Welt, wird diesen Schatten von meinem Herzen nehmen. Keine Therapie dieser Erde kann mir diesen Schmerz nehmen. Kein Arzt kann die Wunde heilen.

Diese Erkenntnis ist das, was am meisten wehtut. Das Wissen, dass ich niemals im Leben wirklich vertrauen werden kann. Dass ich mich niemals ganz fallen lassen kann. Dass ich immer eine Gefangene meiner Selbst sein werde. Dieses Wissen ist es, was tagtäglich an mir nagt. Es gibt immer bessere und schlechtere Tage. Und doch ist es das, was unterm Strich bleibt: Ich werde immer einsam in mir sein. Heute mehr denn je.

Wolkentänzerin