Nun habe ich bestimmt schon zum zehnten Mal meine bereits verfassten Zeilen wieder gelöscht. Und warum? Weil sie mir nicht richtig erschienen. Weil sie nicht gut genug waren. Weil ich mir selbst mal wieder im Weg bin.
Ich meine, kann es denn dermaßen schwer sein, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen? Tja, wohl dann schon, wenn man selbst Angst vor diesen Gedanken hat.
Kopfschüttelnd über meine eigenen Unfähigkeit sitze ich also hier vor meinem Notebook und raufe mir die Haare. Eigentlich rief ich diesen Blog heute nach langer Zeit mal wieder auf, um mich zu erleichtern. Früher hat das immer super geklappt. Ich habe nicht lange gefackelt, sondern schrieb einfach darauf los.
Heute frage ich mich, ob meine grammatikalische Formulierung hochgestochen genug ist, ob mein Schreibstil genügend Verben enthält, um meinen Lesern ein perfektes Lesevergnügen zu bereiten. Doch das ist doch überhaupt nicht Sinn und Zweck dieses Blogs. Er entstand vor langer Zeit, damit ich eine Möglichkeit habe, meine Gefühle und Erlebnisse loszuwerden. Ich muss niemand genügen. Ich kann schreiben, was immer ich schreiben will.
Leichter gesagt, als getan. Allerdings sollte ich mir zu gute halten, dass ich keine studierte Journalistin bin. Ich bin keine ausgebildete Autorin. Ich bin bloß ich. Sollte mir das nicht genug sein? Doch wann war mir denn tatsächlich mal etwas genug, das ich tat?
Egal, was in meinem Leben mal schief lief, es war immer mein eigenes Verschulden. Es lag immer an meiner Inkompetenz. Ich diskreditierte mich nur allzu gern selbst. Ich war mein schärfster Kritiker und ärgster Feind. Doch warum rede ich in der Vergangenheitsform? Hat sich daran etwas geändert?
Nein, im Gegenteil. Vom Gefühl her ist es sogar noch schlimmer geworden. Ich kann mich nicht ausstehen. Man könnte im Grunde auch sagen, dass ich mich hasse. Wenn ich könnte, würde ich mein irdisches Kleid ablegen und der Freiheit entgegenschreiten. Ich möchte verschwinden und meine Ruhe finden.
Ich möchte nicht mehr in Räumen mit anderen Menschen sitzen und mich schämen. Ich möchte mich nicht mehr anstrengen müssen, weil ich Angst habe, man könnte mich nicht mögen. Es ist so sinnfrei und unnütz.
Die letzten Monate habe ich genutzt, um mich selbst zu reflektieren. Ich kam nie sonderlich weit. Ehrlich gesagt, kreisten die meisten Überlegungen um ein und die gleiche Sache. Irgendwie stagnierte das Ganze. Es ist immer die selbe Leier. Seit 25 Jahren höre ich mir diese Stimmen nun schon an. Sie sind mir mittlerweile wirklich zuwider geworden. Und doch sind sie da. Stärker denn je.
Klar, es gab immer mal bessere und schlechtere Momente in meinem Leben. Objektiv betrachtet könnte ich stolz auf die ein oder andere Situation in meiner Lebensgeschichte sein. Naja, aber anstatt, dass diese positiven Gefühle Einzug in mein Inneres ziehen, so nehme ich diese Situationen auch noch zum Anlass mich selbst schlecht zu machen.
In letzter Zeit schlafe ich sehr schlecht und unstet. Nachts werden meine inneren Stimmen immer lauter und zwingen mich zum Nachdenken. Dabei komme ich niemals zu einem Ergebnis. Nein, vielmehr stehe ich morgens auf und habe das Gefühl, mit einer furchterregenden Bestie gekämpft zu haben.
Ja, es ist eine Tatsache: ich lebe nicht gerne. Im Grunde hasse ich es. Und wenn ich nicht wüsste, wie schmerzend ein Suizid für die Hinterbliebenen ist, so hätte ich schon lange den Freitod gewählt. Darin sehe ich gar nichts trauriges. Ich meine, Trauer ist ja generell etwas, das allein die Lebenden betrifft. Wir weinen nicht um den Toten, wir weinen um uns. Weil uns etwas fehlt. Weil wir etwas verloren haben. Trauer ist doch eigentlich ein egoistisches Konstrukt der Gesellschaft.
Doch diejenigen, die tatsächlich sterben, die trauern nicht. Die fühlen sich nicht schlecht. Die sind einfach weg. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Man könnte sagen, dass ich dem Tod näher stehe als dem Leben. Vielleicht werde ich auch irgendwann sterben und kann sagen, dass ich niemals wirklich lebte, sondern mein Leben lang auf den Tod wartete.
Wir alle machen im Leben Erfahrungen, die uns formen. Und gleichzeitig legt eine jede Erfahrung, ein jeder Augenblick, eine jede Begegnung den Grundstein für unsere weitere Geschichte. Ich werde niemals einen anderen Weg gehen, denn ich wurde geformt. Ich werde niemals anders denken oder fühlen, denn ich habe es so gelernt.
All die Rückschläge und all der Schmerz, all die Erfahrungen und all die Trauer. All das fügt sich zu einer Symbiose zusammen. Ich hasse mich, weil ich all jene hassse, die mir all das Schlimme antaten. Ich hasse mich, weil ich die Haut hasse, in der ich stecke. Ich hasse sie, weil sie mir jeden Tag vor Augen führt, was mir passierte. Ich sehe mich an und ich sehe all die Dinge.
Ich blicke mich im Hörsaal um und sehe all die verpassten Chancen. Ich bin damit konfrontiert, was hätte sein können, wäre ich etwas behüteter gewesen. Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin ohnmächtig. Ich bin einsam. Denn niemals wird jemand tatsächlich begreifen, was es bedeutet, in das Gesicht der größten Monsters dieser Welt geblickt zu haben. Kein Wort der Welt, wird diesen Schatten von meinem Herzen nehmen. Keine Therapie dieser Erde kann mir diesen Schmerz nehmen. Kein Arzt kann die Wunde heilen.
Diese Erkenntnis ist das, was am meisten wehtut. Das Wissen, dass ich niemals im Leben wirklich vertrauen werden kann. Dass ich mich niemals ganz fallen lassen kann. Dass ich immer eine Gefangene meiner Selbst sein werde. Dieses Wissen ist es, was tagtäglich an mir nagt. Es gibt immer bessere und schlechtere Tage. Und doch ist es das, was unterm Strich bleibt: Ich werde immer einsam in mir sein. Heute mehr denn je.
Wolkentänzerin
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen