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Mittwoch, 31. Oktober 2018

Die Nacht umhüllt den Wald


Langsam und zaghaft setze ich sachte einen Fuß vor den anderen und gehe den dunklen Pfad entlang. Mein Blick ist auf den schlammigen Boden gerichtet, um nicht den Halt zu verlieren. Es ist mir schleierhaft, wie ich hierhergekommen bin. Und was noch wichtiger ist: ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich wieder hier wegkommen soll. Mir steigt ein modriger unangenehm beißender Geruch in die Nase. Mittlerweile gleicht meine Bewegung eher einem labilen Straucheln. Mir ist bitterkalt und meine Hände schmerzen. Vielleicht das Zeichen für einen nahenden Rheumaschub.

Ich stecke meine Hände in die Taschen meines gefütterten Mantels und setze meinen Weg fort. Bin ich nicht auf der Suche nach Etwas? Läuft mir nicht die Zeit davon? Warum renne ich nicht los? Warum rufe ich nicht nach ihm? Warum werde ich immer langsamer? Um mich herum wird es allmählich immer dunkler. Ich weiß, dass die hereinbrechende Finsternis meine Schritte wackliger und unsicherer machen wird. Doch was wäre dazu die Alternative? Soll ich nun stehenbleiben, mir einen Unterschlupf suchen und bis zum Sonnenaufgang dort ausharren? Bergt der Wald in der Nacht nicht abscheuliche Gefahren? Oder sind das alles bloß Märchen, die man Kindern erzählt, damit sie sich nicht nachts in den Dickichten der Bäume herumtreiben?

Ich habe mit Wäldern in der Nacht so meine eigenen Erfahrungen gemacht. Ich saß mitunter stundenlang in einer kleinen Hütte im Wald und lauschte meiner Umgebung. Das leise Knacken, wenn ein Tier über die herumliegenden Äste lief. Das beruhigende Rascheln des Laubes, das vom Wind gestreichelt wurde. Das Klopfen eines Spechtes, der intensiv an seinem neuen Heim baute. All jene Geräusche wurden zum Soundtrack meiner Gedanken. Ich genoss die Augenblicke in dieser anmutigen Natur und konnte all meine bedrückenden Probleme vergessen. Vollkommen in Sicherheit gehüllt, saß ich stundenlang da und las, schrieb oder hörte leise Musik. Mit jeder Minute, die verstrich, atmete meine Seele auf. Ich war überzeugt, dass nichts diese Idylle zerstören könnte. Doch ich sollte mich irren.

Nachdem mein lieber Freund sich eben jenen Wald aussuchte, um seinen Frieden zu finden, habe ich diesen Ort gemieden. Ich konnte ihn nicht betreten, ohne mir vorzustellen, wie er an einen Baum gelehnt, dort saß, um sein Leben kämpfte und es verlor. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie eine Bekannt mir erzählte, wie sie ihn auffanden. Dieses Bild werde ich niemals aus meinem Kopf bekommen können. Auch wenn all das nun schon fast neun Jahre her ist, so bleibt das Empfinden tagaktuell.

Nach einigen Monaten suchte ich den Wald wieder auf. Doch es war nicht mehr der magische Ort der Sicherheit und des Wohlfühlens. Er hatte nun etwas Morbides an sich. Ganz so als läge ein Fluch auf ihm. Ich konnte die Wege nicht mehr entlanglaufen, ohne mir vorstellen zu müssen, dass er bei der nächsten Abbiegung tot an einem der Bäume sitzen würde.

Damals entgingen meine Freundinnen und ich nur knapp dem Auffinden unseres Freundes. Wir waren bloß einige Schritte von ihm entfernt, als ein unerwarteter Anruf uns in eine andere Richtung lenkte. Wie Ironie scheint es, dass der Erhalt seiner Abschiedsbriefe uns davor bewahrte, seine Leiche zu finden. 

Wo ich so davon schreibe, wird mir bewusst, dass ich schon lange nicht mehr an diese Tage dachte. Zwar gehe ich immer mal wieder auf den Friedhof und besuche ihn. Doch ich hatte noch nie das Gefühl, dass er wirklich dort sei. Für mich ist die Vorstellung, dass er an dieser Stelle in einem Sarg unter der Erde liegt, viel zu abwegig. Viel zu schrecklich und viel zu schmerzhaft. Mir erscheint das Bild, wie er lebendig, hüpfend und vor allem lachend durch den Wald läuft, deutlich tröstlicher. Allerdings kommt diese Vorstellung, egal wie sehr ich mich bemühe, nicht in meinem Herzen an. Nein, stattdessen sehe ich ihn, wie er dasitzt, mit einer Plastiktüte über seinem Kopf, um sein Leben ringend. Ich kann es nicht vergessen, nicht ausblenden, nicht durch Abweichendes ersetzen.

Erschöpft lasse ich mich auf einen Baumstumpf sinken. Resigniert lasse ich mich hängen und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Ich kann die drängenden Tränen nicht mehr aufhalten und lasse ihnen nun ihren Lauf. Ich schmecke den salzigen Geschmack des Versagens. Denn ich komme zu spät. Ich habe ihn nicht gerettet. Doch hat er nicht seine ganze Hoffnung auf mich gesetzt? Ich stehe auf und fange an, seinen Namen zu schreien. Kein Mucks ertönt als Antwort. Wäre ich nur früher losgelaufen. Plötzlich höre ich ein Geräusch und laufe los. Doch ich komme nicht rechtzeitig: gerade als ich ihn erreiche, macht er seinen letzten Atemzug und sackt in sich zusammen.  

Schweißgebadet wache ich auf und weiß, ich habe es heute Nacht wieder nicht geschafft, ihn aufzuhalten. Wird dieser Traum jemals anders enden?

Wolkentänzerin

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