Lautstark und sich beschwerend
prasseln dicke Regentropfen gegen mein Fenster. Es klingt wie ein Warnruf. Ein
unübersehbares Zeichen: der Herbst ist da. Und auch der prüfende Blick hinaus
offenbart eben jene offensichtliche Wahrheit. Eine Natur von grauem Schleier
umhüllt. Die noch farbenfrohen Blätter der Bäume lassen sich triefend hängen.
Ganz so als sei ihnen jegliche Puste und Motivation verloren gegangen. Ein trostloser
Anblick.
Ich hingegen freue mich jedes
Jahr auf diese zauberhafte Jahreszeit. Mich fasziniert der Wandel, dem diese
Welt unausweichlich unterliegt. Im Grunde ist es eine beruhigende Konstante:
egal was auch passiert, die Metamorphose findet statt. Naja, zumindest solange
wie der Klimawandel dieses Phänomen noch zulässt.
Der Herbst bedeutet ebenfalls eine
Steigerung der Dunkelheit um uns herum. Es mag paradox klingen, doch ich finde
im Herbst immer wieder zu mir selbst zurück. Vielleicht liegt es an der
Tatsache, dass ich mich mit dieser Jahreszeit identifizieren kann. Noch nie in
meinem Leben war ich ein sogenannter „Sommertyp“. Ich möchte gar nicht bestreiten, dass ich den
Sommer mit seinen langen Abenden und den breitgefächerten Möglichkeiten nicht
genießen kann. Und doch: erst wenn die Tage kürzer und mein Umfeld sich
scheinbar meinem Innenleben anpasst, fange ich an, mich selbst wieder zu
fühlen.
Außerdem ist diese Episode des
Jahres eine Zeit des Verkriechens ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu
müssen. Für mich ist es jedes Mal eine magische Zelebrierung, wenn ich
nachmittags jegliche Kerzen anzünde, die ich besitze und mir dazu einen Tee
mache und mir dann ein Buch schnappe. Meine Literaturliste wächst über das Jahr
doch immer merklich an. Erst im Herbst finde ich die Ruhe mich Sartre, Camus, Tolstoi
und Konsorten zu widmen, die mich in eine wundervolle Welt zu entführen
vermögen.
Das Brennen einer Kerze in Herbst
besitzt eine heilende Wirkung auf mich. Hätte ich nicht noch andere Verpflichtungen,
so könnte ich Stunden des Tages damit verbringen, gebannt ihr Flackern zu
betrachten. Wenn ich so darüber nachdenke, hängt es sicherlich auch damit
zusammen, dass eine Kerze eine Art Brücke darstellt. Eine Verbindung zwischen
dieser Erde und einer Welt, an die ich gerne glauben würde. Eine Welt, in der
all das Unheil dieser Sphäre ein Ende hat und Frieden, Ruhe und Liebe die determinierenden
Variablen sind. Gerne möchte ich daran glauben können, doch leider steht dem
ein starker Abwehrmechanismus gegenüber.
Glauben ist keine leichte Sache.
Es bedeutet Vertrauen in etwas zu haben, das sich jeglicher Kontrolle oder
Überprüfung entzieht. Immerhin heißt es nicht umsonst so schön: „Glauben ist
nicht Wissen“. Und geht es eben nicht genau um diesen Parameter des
Nicht-Wissens? Denke ich an mein Leben zurück, so war dieses geprägt von großem
Glauben. Ich bin christlich erzogen worden, gleich auf welche Art und in
welcher Hinsicht dies geschah, ich glaubte. Häufig gab er mir Trost und Halt.
Doch irgendwann hinterfragte ich all jene Glaubenssätze. Hinterfragte die
Institution und das gesamte Konstrukt fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Glaube und Kirche sind für mich unweigerlich mit Schmerz, Wut, Enttäuschung und
Leid verknüpft.
Ich weiß nicht, ob es irgendwann dazu
kommen wird, dass ich wieder glauben kann. Vielleicht ist dafür zu viel in mir
kaputt gegangen. Ich weiß nur, dass ich mir wünschte, es gäbe da draußen noch
mehr als das, was wir Menschen zu wissen scheinen.
Wolkentänzerin
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