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Mittwoch, 24. Oktober 2018

Das Licht einer Kerze

Lautstark und sich beschwerend prasseln dicke Regentropfen gegen mein Fenster. Es klingt wie ein Warnruf. Ein unübersehbares Zeichen: der Herbst ist da. Und auch der prüfende Blick hinaus offenbart eben jene offensichtliche Wahrheit. Eine Natur von grauem Schleier umhüllt. Die noch farbenfrohen Blätter der Bäume lassen sich triefend hängen. Ganz so als sei ihnen jegliche Puste und Motivation verloren gegangen. Ein trostloser Anblick. 

Ich hingegen freue mich jedes Jahr auf diese zauberhafte Jahreszeit. Mich fasziniert der Wandel, dem diese Welt unausweichlich unterliegt. Im Grunde ist es eine beruhigende Konstante: egal was auch passiert, die Metamorphose findet statt. Naja, zumindest solange wie der Klimawandel dieses Phänomen noch zulässt. 

Der Herbst bedeutet ebenfalls eine Steigerung der Dunkelheit um uns herum. Es mag paradox klingen, doch ich finde im Herbst immer wieder zu mir selbst zurück. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass ich mich mit dieser Jahreszeit identifizieren kann. Noch nie in meinem Leben war ich ein sogenannter „Sommertyp“.  Ich möchte gar nicht bestreiten, dass ich den Sommer mit seinen langen Abenden und den breitgefächerten Möglichkeiten nicht genießen kann. Und doch: erst wenn die Tage kürzer und mein Umfeld sich scheinbar meinem Innenleben anpasst, fange ich an, mich selbst wieder zu fühlen. 

Außerdem ist diese Episode des Jahres eine Zeit des Verkriechens ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Für mich ist es jedes Mal eine magische Zelebrierung, wenn ich nachmittags jegliche Kerzen anzünde, die ich besitze und mir dazu einen Tee mache und mir dann ein Buch schnappe. Meine Literaturliste wächst über das Jahr doch immer merklich an. Erst im Herbst finde ich die Ruhe mich Sartre, Camus, Tolstoi und Konsorten zu widmen, die mich in eine wundervolle Welt zu entführen vermögen. 

Das Brennen einer Kerze in Herbst besitzt eine heilende Wirkung auf mich. Hätte ich nicht noch andere Verpflichtungen, so könnte ich Stunden des Tages damit verbringen, gebannt ihr Flackern zu betrachten. Wenn ich so darüber nachdenke, hängt es sicherlich auch damit zusammen, dass eine Kerze eine Art Brücke darstellt. Eine Verbindung zwischen dieser Erde und einer Welt, an die ich gerne glauben würde. Eine Welt, in der all das Unheil dieser Sphäre ein Ende hat und Frieden, Ruhe und Liebe die determinierenden Variablen sind. Gerne möchte ich daran glauben können, doch leider steht dem ein starker Abwehrmechanismus gegenüber. 

Glauben ist keine leichte Sache. Es bedeutet Vertrauen in etwas zu haben, das sich jeglicher Kontrolle oder Überprüfung entzieht. Immerhin heißt es nicht umsonst so schön: „Glauben ist nicht Wissen“. Und geht es eben nicht genau um diesen Parameter des Nicht-Wissens? Denke ich an mein Leben zurück, so war dieses geprägt von großem Glauben. Ich bin christlich erzogen worden, gleich auf welche Art und in welcher Hinsicht dies geschah, ich glaubte. Häufig gab er mir Trost und Halt. Doch irgendwann hinterfragte ich all jene Glaubenssätze. Hinterfragte die Institution und das gesamte Konstrukt fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Glaube und Kirche sind für mich unweigerlich mit Schmerz, Wut, Enttäuschung und Leid verknüpft. 

Ich weiß nicht, ob es irgendwann dazu kommen wird, dass ich wieder glauben kann. Vielleicht ist dafür zu viel in mir kaputt gegangen. Ich weiß nur, dass ich mir wünschte, es gäbe da draußen noch mehr als das, was wir Menschen zu wissen scheinen.

Wolkentänzerin

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