Mein Stresslevel erreichte heute eine ordentliche Neun. Es sei dazu gesagt, dass die Skala lediglich bis zehn reicht.
Gründe dazu waren zum einen der sich nähernde Termin beim Therapeuten. Und zum anderen ein Gespräch mit einem Familienmitglied. Letzteres wühlte mich sehr auf und katapultierte mich in ein Meer aus Erinnerungen und furchtbaren Emotionen.
Also musste Beschäftigung her: ich setzte mir meine Kopfhörer auf und schaltete Bizets „Votre toast, je peux vous le rendre“ aus der Oper Carmen an. Ein energetisches Lied, das im Stande dazu ist, meiner inneren Stimme Ausdruck zu verleihen. Es hilft mir dabei, den Druck zu mildern und mich runterzufahren. Heute klappte es leider nur bedingt. Also schnappte ich mir einen Zeichenblock und malte ein wenig drauflos. Doch meine Gedanken schweiften noch immer ab und wollte mich an Orte führen, die die reinste Hölle für mich bedeuten. Ich schnappte mir mein Handy und stöberte in meiner Liste an Podcasts rum. Meine Wahl fiel auf „Ted Talks Daily“. Eine Stunde lang lauschte ich unterschiedlichsten Forschern, wie sie ein Spektrum interessanter Themen erörterten. Und tatsächlich: es funktionierte. Ich war abgelenkt und konnte mich auf die Beiträge fokussieren. Allerdings war meine Aufnahmefähigkeit alsbald erschöpft und mein Gehirn startete einen neuen Versuch, mich in die Dunkelheit zu ziehen.
Heute war in mir ein Druck, den ich am liebsten durch Ritzen rausgelassen hätte. Ich hätte mir gern eine Rasierklinge geschnappt und meine weiße Haut damit zerschnitten. In mir war ein intensives Verlangen danach, Blut zu sehen. Mein Blut. Ich wollte es meinen Arm hinabrinnen sehen. Wollte den Schmerz und das leise Entsetzen spüren. Ja, ich wollte heute sehen, wie ich mich verletze. Wie ich mich für meine Dummheit, meine Fehler und meine Unvollkommenheit bestrafe.
Doch es geht nicht. Ich darf es nicht tun. Zu groß ist die Gefahr, wieder in diese Sucht abzudriften. Denn es sei dir gesagt: fängst du einmal damit an, ist es enorm schwer, dort wieder hinauszukommen!
Es musste eine Alternativlösung her…
Ich schwang mich letztlich auf mein Mountainbike, packte mir die schnellste Musik, die ich finden konnte, auf die Ohren und radelte los. In der schnellsten Geschwindigkeit, die mir möglich war und ohne Gnade. Ich wählte die höchsten Berge, die ich finden konnte und trieb mich immer weiter voran. Einige Male dachte ich sogar, ich müsste mich vor Überanstrengung übergeben. Was zum Glück doch nicht der Fall war. Ich gönnte mir keine einzige Pause und fuhr einfach immer weiter. Ich wollte mich zur völligen Erschöpfung bringen. Ich wollte mich leiden sehen. Ich wollte meinen Körper bestrafen. Mir beweisen, dass mein Geist sehr wohl über meinen Körper siegen kann. Dass ich den Schmerz aushalten kann.
In gewisser Weise ließ ich also Blut fließen. Nur eben nicht raus, sondern durch mich hindurch. Und es half. Ich strampelte die Wut weg. All die Aggression, die ich heute mir gegenüber empfand. Jene Wut, die eigentlich auf andere gerichtet sein müsste…
Nun werde ich gleich noch meinen Plan für die kommende Woche aufstellen. Das hilft mir dabei, Struktur in meinen Alltag zu bringen. Ich kann mich daran entlanghangeln und meinem Leben dadurch eine gewisse Sinnhaftigkeit geben. Denn derzeit ist es wichtiger denn je für mich, eine Atmosphäre der „Normalität“ zu schaffen. Ansonsten drehe ich noch vollkommen durch.
In ein paar Tagen ist dann auch das Vorgespräch bei Therapeut
Nr. 1. Schon jetzt graut es mir vor diesem Termin und ich habe die leise
Vorahnung, dass die kommenden Tage eine echte Herausforderung werden. Ich kann nur hoffen, dass die immense innere Anspannung nicht noch weiter steigt.
Vielleicht wird es mir guttun, wenn ich gleich den Diffuser anschalte, mich in eine Lavendelwolke hüllen lasse und mir ein gutes Buch zur Hand nehme. Denn ansonsten weiß ich nicht, wie ich diese Nacht überstehen soll...
Wolkentänzerin


