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Sonntag, 21. Juni 2020

Es muss Blut fließen!

Mein Stresslevel erreichte heute eine ordentliche Neun. Es sei dazu gesagt, dass die Skala lediglich bis zehn reicht.

Gründe dazu waren zum einen der sich nähernde Termin beim Therapeuten. Und zum anderen ein Gespräch mit einem Familienmitglied. Letzteres wühlte mich sehr auf und katapultierte mich in ein Meer aus Erinnerungen und furchtbaren Emotionen.

Also musste Beschäftigung her: ich setzte mir meine Kopfhörer auf und schaltete Bizets „Votre toast, je peux vous le rendre“ aus der Oper Carmen an. Ein energetisches Lied, das im Stande dazu ist, meiner inneren Stimme Ausdruck zu verleihen. Es hilft mir dabei, den Druck zu mildern und mich runterzufahren. Heute klappte es leider nur bedingt. Also schnappte ich mir einen Zeichenblock und malte ein wenig drauflos. Doch meine Gedanken schweiften noch immer ab und wollte mich an Orte führen, die die reinste Hölle für mich bedeuten. Ich schnappte mir mein Handy und stöberte in meiner Liste an Podcasts rum. Meine Wahl fiel auf „Ted Talks Daily“. Eine Stunde lang lauschte ich unterschiedlichsten Forschern, wie sie ein Spektrum interessanter Themen erörterten. Und tatsächlich: es funktionierte. Ich war abgelenkt und konnte mich auf die Beiträge fokussieren. Allerdings war meine Aufnahmefähigkeit alsbald erschöpft und mein Gehirn startete einen neuen Versuch, mich in die Dunkelheit zu ziehen.

Heute war in mir ein Druck, den ich am liebsten durch Ritzen rausgelassen hätte. Ich hätte mir gern eine Rasierklinge geschnappt und meine weiße Haut damit zerschnitten. In mir war ein intensives Verlangen danach, Blut zu sehen. Mein Blut. Ich wollte es meinen Arm hinabrinnen sehen. Wollte den Schmerz und das leise Entsetzen spüren. Ja, ich wollte heute sehen, wie ich mich verletze. Wie ich mich für meine Dummheit, meine Fehler und meine Unvollkommenheit bestrafe.

Doch es geht nicht. Ich darf es nicht tun. Zu groß ist die Gefahr, wieder in diese Sucht abzudriften. Denn es sei dir gesagt: fängst du einmal damit an, ist es enorm schwer, dort wieder hinauszukommen!

Es musste eine Alternativlösung her…

Ich schwang mich letztlich auf mein Mountainbike, packte mir die schnellste Musik, die ich finden konnte, auf die Ohren und radelte los. In der schnellsten Geschwindigkeit, die mir möglich war und ohne Gnade. Ich wählte die höchsten Berge, die ich finden konnte und trieb mich immer weiter voran. Einige Male dachte ich sogar, ich müsste mich vor Überanstrengung übergeben. Was zum Glück doch nicht der Fall war. Ich gönnte mir keine einzige Pause und fuhr einfach immer weiter. Ich wollte mich zur völligen Erschöpfung bringen. Ich wollte mich leiden sehen. Ich wollte meinen Körper bestrafen. Mir beweisen, dass mein Geist sehr wohl über meinen Körper siegen kann. Dass ich den Schmerz aushalten kann.

In gewisser Weise ließ ich also Blut fließen. Nur eben nicht raus, sondern durch mich hindurch. Und es half. Ich strampelte die Wut weg. All die Aggression, die ich heute mir gegenüber empfand. Jene Wut, die eigentlich auf andere gerichtet sein müsste…

Nun werde ich gleich noch meinen Plan für die kommende Woche aufstellen. Das hilft mir dabei, Struktur in meinen Alltag zu bringen. Ich kann mich daran entlanghangeln und meinem Leben dadurch eine gewisse Sinnhaftigkeit geben. Denn derzeit ist es wichtiger denn je für mich, eine Atmosphäre der „Normalität“ zu schaffen. Ansonsten drehe ich noch vollkommen durch.

In ein paar Tagen ist dann auch das Vorgespräch bei Therapeut Nr. 1. Schon jetzt graut es mir vor diesem Termin und ich habe die leise Vorahnung, dass die kommenden Tage eine echte Herausforderung werden. Ich kann nur hoffen, dass die immense innere Anspannung nicht noch weiter steigt.

Vielleicht wird es mir guttun, wenn ich gleich den Diffuser anschalte, mich in eine Lavendelwolke hüllen lasse und mir ein gutes Buch zur Hand nehme. Denn ansonsten weiß ich nicht, wie ich diese Nacht überstehen soll...



Wolkentänzerin

Donnerstag, 18. Juni 2020

Ein (unv)erhoffter Anruf

Seit einer halben Stunde sitze ich nun schon hier und starre auf die kahle, weiße Wand vor mir. Meine Gedanken sind überall, nur nicht da, wo sie sein sollen - im Hier und Jetzt. Noch immer rast mein Herz. Noch immer sind meine Hände eiskalt. Mir ist schlecht. Eine Übelkeit, die im ganzen Körper spürbar ist. Eine Übelkeit, bei der man genau weiß, dass etwas im Argen ist.

Und all das nur wegen eines einzelnen Anrufs. Ein Anruf eines Therapeuten, der mir für nächste Woche einen Termin geben konnte. Oh wow, das geht mir gerade alles etwas schnell. Dabei sollte ich dankbar sein. Immerhin ist es doch genau das, was ich wollte. Außerdem habe ich mir vorgenommen, gelassener mit der Situation umzugehen. Ich wollte positiv an diese Angelegenheit herangehen. Der Achtsamkeit Raum geben und dadurch meine inneren Impulse manipulieren.

Allerdings ist dieser Termin in greifbarer Nähe. Mich trennen lediglich eine Handvoll Tage davon, mich einer völlig fremden Person offenbaren und Worte aussprechen zu müssen, die bereits beim inneren Monolog höllisch wehtun.

Dabei mache ich nicht zum ersten Mal eine Therapie. Im Gegenteil: mir ist das Prozedere sehr vertraut. Außerdem verfüge ich durch mein Studium über ein tieferes Verständnis der menschlichen Psyche und therapeutischen Herangehensweise.

Trotzdem macht mir das gerade eine Heidenangst. Ich verspüre den Drang, den Therapeuten anzurufen und abzusagen. Einfach wieder alles zu verdrängen und davonzulaufen. Denn nur allzu deutlich ist die Erinnerung daran, wie sehr diese Gespräche schmerzen. Da hilft auch alles theoretische Wissen dieser Welt nicht.

Mir dröhnt der Kopf. Mit jeder Sekunde, die vergeht, breitet sich eine bleierne Schwere in mir aus. Ich möchte weinen und die tiefe Traurigkeit aus mir herausschwemmen. Doch keine einzelne Träne schafft es an die Oberfläche. Bin ich bereits dabei, erneut den Weg des Verdrängens zu gehen? Beginnen nun wieder das Kleinreden und das Beschönigen die Oberhand? Wie soll es so mit der Therapie funktionieren?

Es sind eben jene leidigen Stimmen, die in meinem Kopf laut werden und mir sagen wollen, dass ich nicht reden darf. Dass ich kein Recht dazu habe, jemandes Zeit mit meinen lächerlichen Problemen zu vergeuden. Und ja, ich stelle mich selbst in Frage. Der Zweifel, ob eine Therapie tatsächlich notwendig ist, nimmt einen großen Platz in meinem Gedanken ein. Und auch eine gewisse Analyse darüber, was ich von einer Therapie erwarten kann. Denn ich möchte mit einer realistischen Sicht in die Sache hineingehen, um am Ende nicht wegen übertriebener und unangebrachter Erwartungen enttäuscht zu sein.

Denn eines steht fest: ich werde niemals „gesund“ sein. Wobei in dieser Hinsicht eine Unterteilung in die Kategorien „gesund“ und „krank“ weder hilfreich noch notwendig ist. Vielmehr ist der Begriff der Krankheit in diesem Kontext kritisch zu beurteilen. Viel zu häufig wird jemand als „psychisch krank“ bezeichnet, weil er von der Norm abweicht. Doch es führe zu weit, dies an dieser Stelle zu vertiefen.

Mir ist bewusst, dass eine Therapie in meinem Fall keine Wunder vollbringen wird. Dazu sind die durchlaufene Sozialisierung, die erlebte physische und psychische Gewalt und die dadurch entstandenen Schäden zu groß. Niemand kann ungeschehen machen, dass ich Dinge sah und erlebte. Ich kann das Erleben der Gefühle nicht vergessen. Stattdessen haben sich Angst, Scham, Ohnmacht, Schuld, Traurigkeit, Ekel, Wut, Hilflosigkeit, Entsetzen, Misstrauen, Abscheu, Einsamkeit, Ablehnung, Besorgnis, Verlust, Bedauern, Todessehnsucht und viele weitere Empfindungen in mir eingebrannt und es gibt nichts, was daran etwas ändern könnte.

Was genau soll mir eine Therapie dann also bringen? Wozu das Ganze? Nun, ich denke, dieser Schritt ist der einzige, den ich noch tun kann, um nicht den Pfad des Suizides einzuschlagen. Ja, ich sehe es als letzte Chance an, die ich diesem Leben noch gebe. Im Grunde stelle ich diesem Universum eine Art Ultimatum. Das schließt mit ein, dass ich meine letzten Kräfte mobilisiere. Ich werde mitarbeiten und mich draufeinlassen. Ansonsten wäre das ganze Unterfangen sinnfrei, zwecklos und unfair.

Für mich steht jedoch fest, dass dies der letzte Versuch sein wird. Und ich hoffe sehr, dass er Früchte tragen wird…

 

Wolkentänzerin

Mittwoch, 17. Juni 2020

Gedankensalat

Die letzten Tage verbrachte ich an der Nordsee. Es tat gut, raus zu kommen und ein wenig Abstand zu den äußeren Belastungen zu gewinnen.

Zwar waren einige weinende Wolken unterwegs, doch gehört ein gewisses Maß an Rauheit wohl irgendwie zur See dazu. Der graue Schleier verlieh dem Strand eine starke Authentizität und erschuf eine komplett andere Welt, die es leicht machte, diesem Leben für einen Moment zu entkommen. Fast erschien es mir, als habe diese Welt aufgehört, sich zu drehen. Der Gedanke, in die salzigen Fluten zu rennen, war sehr verlockend. Den aufgebrachten Wellen dabei zuzusehen, wie sie über den feinen Sand hinüberrollten und ihn gnadenlos mit sich rissen, hatte einen dunklen Zauber in sich, der mir sehr verlockend erschien. Ich fühlte mich eigenartig lebendig an diesem Ort und gleichzeitig erschien mir diese Welt als absolut belangslos. Dieses Fleckchen spiegelte meine Widersprüchlichkeit wider und ermöglichte es mir, tief durchatmen zu können.

So gut das Meer meiner Seele auch tat, ich konnte mich nicht fallen lassen. Zu stark ist meine Gedankenwelt in Aufruhr. Ich habe weitere Termine für Erstgespräche erhalten. Zum Glück liegen sie nicht direkt beieinander, sondern folgen sie in unregelmäßigen Abständen aufeinander. Das weckt in mir die Hoffnung, dass das ganze Prozedere vielleicht nach einer gewissen Zeit nicht mehr so intensiv und anstrengend sein wird. Quasi ein Gewöhnungsprozess. Wer weiß.

Ich weiß nur, dass ich enorm erschöpft bin. Auch an der Nordsee fehlte mir zu einigen Aktivitäten schlichtweg die Kraft. Ich fühle mich wie ein Auto, dem das Benzin ausgegangen ist. Dabei möchte ich mich so gern fortbewegen. Ich möchte weg von hier. Doch wie sehr ich auch an der Zündung drehe, nichts passiert. Ich bin liegen geblieben. Das ist furchtbar und macht mir Angst.

Dabei weiß ich, dass mein Körper mir damit deutliche Signale sendet. Er streikt solange, bis ich endlich anfange, zuzuhören. Es ist wohl tatsächlich an der Zeit, die Seiten umzublättern und zu schauen, was das neue Kapitel mit sich bringt.

Den Dingen kann ich derzeit sowieso nicht entkommen. Immerhin sind diese Themen in den Medien dieser Tage omnipräsent. Fast täglich hört man von neuen Erkenntnissen. Von neuen Tätern. Von neuen Opfern. Als habe jemand in das Hornissennest gestochen. Ich kann dem inneren Entsetzen nicht mehr entkommen, weil es mir von der Welt da draußen tagtäglich vor Augen geführt wird. Weil selbst in sozialen Netzwerken Beiträge dazu angezeigt werden. Aber natürlich nicht mit dem Hinweis, dass es sich dabei um triggernde Inhalte handelt. Nein, sie prasseln ungefiltert und unaufhaltsam auf mich ein. Ich vermeide es mittlerweile schon, das Radio einzuschalten oder mein Smartphone zur Hand zu nehmen. Aber all das hilft nicht viel, denn mein Inneres hat bereits Futter bekommen und das Gedankenkarussell Fahrt aufgenommen.

Und so wird der Wunsch, vor dem ganzen Mist zu fliehen, immer drängender. Ich habe manchmal das Gefühl, als zerplatze mein Kopf. Als gäbe es in meinem Schädel nicht genügend Platz für all die ohnmächtige Angst, das schiere Entsetzen, die unbändige Wut und diesen unerträglichen Druck. Ehrlich, ich habe sogar überlegt, mich mit irgendetwas zuzudröhnen, damit es endlich aufhört. Doch was soll das bringen? Außer weitere Probleme und einen Kontrollverlust, den ich mir nicht leisten kann und will?

Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Zeit bis zu den Terminen nicht noch düsterer wird und dass die Termine an sich, eine Hilfe darstellen. Denn das ist der einzige Strohhalm, an dem ich noch hänge…


 Wolkentänzerin