Die letzten Tage verbrachte ich an der Nordsee. Es tat gut, raus zu kommen und ein wenig Abstand zu den äußeren Belastungen zu gewinnen.
Zwar waren einige weinende Wolken unterwegs, doch gehört ein
gewisses Maß an Rauheit wohl irgendwie zur See dazu. Der graue Schleier verlieh
dem Strand eine starke Authentizität und erschuf eine komplett andere Welt, die
es leicht machte, diesem Leben für einen Moment zu entkommen. Fast erschien es
mir, als habe diese Welt aufgehört, sich zu drehen. Der Gedanke, in die salzigen Fluten zu rennen, war sehr verlockend. Den aufgebrachten Wellen dabei zuzusehen, wie sie über den feinen Sand hinüberrollten und ihn gnadenlos mit sich rissen, hatte einen dunklen Zauber in sich, der mir sehr verlockend erschien. Ich fühlte mich eigenartig lebendig an diesem Ort und gleichzeitig erschien mir diese Welt als absolut belangslos. Dieses Fleckchen spiegelte meine Widersprüchlichkeit wider und ermöglichte es mir, tief durchatmen zu können.
So gut das Meer meiner Seele auch tat, ich konnte mich nicht fallen lassen. Zu stark ist meine Gedankenwelt in Aufruhr. Ich habe weitere Termine für Erstgespräche erhalten. Zum Glück liegen sie nicht direkt beieinander, sondern folgen sie in unregelmäßigen Abständen aufeinander. Das weckt in mir die Hoffnung, dass das ganze Prozedere vielleicht nach einer gewissen Zeit nicht mehr so intensiv und anstrengend sein wird. Quasi ein Gewöhnungsprozess. Wer weiß.
Ich weiß nur, dass ich enorm erschöpft bin. Auch an der Nordsee fehlte mir zu einigen Aktivitäten schlichtweg die Kraft. Ich fühle mich wie ein Auto, dem das Benzin ausgegangen ist. Dabei möchte ich mich so gern fortbewegen. Ich möchte weg von hier. Doch wie sehr ich auch an der Zündung drehe, nichts passiert. Ich bin liegen geblieben. Das ist furchtbar und macht mir Angst.
Dabei weiß ich, dass mein Körper mir damit deutliche Signale sendet. Er streikt solange, bis ich endlich anfange, zuzuhören. Es ist wohl tatsächlich an der Zeit, die Seiten umzublättern und zu schauen, was das neue Kapitel mit sich bringt.
Den Dingen kann ich derzeit sowieso nicht entkommen. Immerhin sind diese Themen in den Medien dieser Tage omnipräsent. Fast täglich hört man von neuen Erkenntnissen. Von neuen Tätern. Von neuen Opfern. Als habe jemand in das Hornissennest gestochen. Ich kann dem inneren Entsetzen nicht mehr entkommen, weil es mir von der Welt da draußen tagtäglich vor Augen geführt wird. Weil selbst in sozialen Netzwerken Beiträge dazu angezeigt werden. Aber natürlich nicht mit dem Hinweis, dass es sich dabei um triggernde Inhalte handelt. Nein, sie prasseln ungefiltert und unaufhaltsam auf mich ein. Ich vermeide es mittlerweile schon, das Radio einzuschalten oder mein Smartphone zur Hand zu nehmen. Aber all das hilft nicht viel, denn mein Inneres hat bereits Futter bekommen und das Gedankenkarussell Fahrt aufgenommen.
Und so wird der Wunsch, vor dem ganzen Mist zu fliehen, immer drängender. Ich habe manchmal das Gefühl, als zerplatze mein Kopf. Als gäbe es in meinem Schädel nicht genügend Platz für all die ohnmächtige Angst, das schiere Entsetzen, die unbändige Wut und diesen unerträglichen Druck. Ehrlich, ich habe sogar überlegt, mich mit irgendetwas zuzudröhnen, damit es endlich aufhört. Doch was soll das bringen? Außer weitere Probleme und einen Kontrollverlust, den ich mir nicht leisten kann und will?
Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Zeit bis zu den Terminen nicht noch düsterer wird und dass die Termine an sich, eine Hilfe darstellen. Denn das ist der einzige Strohhalm, an dem ich noch hänge…
Wolkentänzerin

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