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Dienstag, 9. Juni 2020

Von der Angst und ihren Freunden

In den letzten beiden Tagen habe ich mit neun Therapeuten gesprochen. Mittlerweile komme ich mir vor wie eine kaputte Schallplatte. Es war enorm anstrengend und hat mich einige Wunden wieder deutlich wahrnehmen lassen.

Immerhin musste ich zugeben, dass ich an einem Punkt angelangt bin, an dem es einfach nicht mehr geht. Ich benötige Hilfe. Es fühlt sich wie ein Eingeständnis für meine Schwäche und mein Versagen an. Und letztlich ist es auch nichts anderes. Doch so sehr ich mir auch einreden will, dass das gar nichts Schlechtes bedeutet, ich schaffe es nicht, mich davon tatsächlich zu überzeugen.
Schon in absehbarer Zeit habe ich einige Erstgespräche. Die ganze Angelegenheit nimmt also schon bald Fahrt auf. Wie es mir damit geht? Ich habe keine Ahnung. Wobei doch, eigentlich habe ich eine Ahnung. Ich habe eine beschissene Angst davor.

Wovor genau ich Angst habe?

Ich fürchte mich davor, den Monstern ins Gesicht blicken zu müssen. Ich habe Angst, das Monster zu finden, das ich schon immer in mir vermute. Ich habe Angst, noch mehr Gründe zu haben, nicht mehr leben zu wollen. Ich habe Angst, dass mir jemand sagt, dass es für mich keine Hoffnung mehr gibt.
Du denkst, dass das abwegig ist? Ja, vielleicht hast du damit recht. Aber wie das mit der Angst nun mal so ist: sie ist vollkommen irrational.

Die Angst hat dafür gesorgt, dass unsere Vorfahren überlebten. Die Angst mobilisiert unsere Kräfte. Denn wenn wir Angst haben, feuern unsere Neuronen drauflos. In unserem Gehirn werden Hormone ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass unser gesamtes Nervensystem in Alarmbereitschaft ist. Unser Körper wird darauf vorbereitet, blitzschnell reagieren zu können oder auch zu erstarren.

Oftmals kann die lähmende Angst in vielen Regionen des Körper wahrgenommen werden und hat dabei immer eine andere Form. Sie erscheint als dicker Kloß im Hals. Aber auch als schwere Steine im Magen. Sie macht sich als vehementes Pochen im Hinterkopf bemerkbar. Sie kommt als unerträgliches Dröhnen im Schädel, das einen glauben lässt, der eigene Kopf platze gleich. Und sie zeigt sich durch die eiskalten Hände, die sich partout nicht erwärmen lassen wollen.

Ich habe große Furcht vor den Terminen, die nun anstehen. Es kommt mir vor, als schlage ich ein neues Kapitel auf und ich weiß nicht, was mich erwartet. Welche schicksalhaften Wendungen die Geschichte nehmen wird.

Doch über allem steht das Wissen, dass ich nicht länger durchhalten kann. Ich bin am Ende meiner Kraft. Ich packe das allein nicht mehr. Und wenn das bedeutet, dass ich mich jemand öffnen muss, dann soll es so sein. Welche Wahl habe ich schon? Welche Wahl hatte ich je?

In meinem Kopf ist diese eine Stimme. Die Stimme, die mir sagt, dass ich es nicht verdient habe, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die mich fragt, wie ich auf die Idee komme, mir das Recht zuzusprechen, über all den Scheiß zu reden.

Langsam werde ich wirklich wahnsinnig. Ich meine, klar, ich hatte schon immer einen Dachschaden. Wie könnte das nach all den Dingen auch anders sein. Aber ich war nicht so kaputt. Nicht so von der Rolle. Nicht derart destruktiv. Nicht so verbittert. Nicht so einsam. 

Das ist totaler Bullshit. Es gab durchaus Phasen, in denen ich genau so war. Es ist nichts Neues. Ich bin lediglich älter geworden und meine Dunkelheit hat dadurch mehr Tiefgang erhalten.

So Schluss für heute. Ich werden nun den Diffuser anschalten und mich von feinem Lavendelnebel umhüllen lassen. Dann werde ich mir meine Kopfhörer aufsetzen und mich von Dire Straits beschallen und an einen anderen Ort träumen lassen. Vielleicht hilft es ja dabei, meine Seele etwas zu beruhigen und mich durch diese Nacht kommen zu lassen.


Wolkentänzerin

1 Kommentar:

  1. Hier ist die Stimme, die dir sagt, dass du Hilfe verdient hast. Dass du jedes Recht darauf hast. Und ich sage das, ohne dich zu kennen, oder zu wissen, was zu getan hast. Oder glaubst, getan zu haben. Und ich meine das genau so. Ich weiß, dass diese Gespräche nicht einfach sind. Aber das kriegst du bestimmt hin.
    Liebe Grüße

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