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Donnerstag, 18. Juni 2020

Ein (unv)erhoffter Anruf

Seit einer halben Stunde sitze ich nun schon hier und starre auf die kahle, weiße Wand vor mir. Meine Gedanken sind überall, nur nicht da, wo sie sein sollen - im Hier und Jetzt. Noch immer rast mein Herz. Noch immer sind meine Hände eiskalt. Mir ist schlecht. Eine Übelkeit, die im ganzen Körper spürbar ist. Eine Übelkeit, bei der man genau weiß, dass etwas im Argen ist.

Und all das nur wegen eines einzelnen Anrufs. Ein Anruf eines Therapeuten, der mir für nächste Woche einen Termin geben konnte. Oh wow, das geht mir gerade alles etwas schnell. Dabei sollte ich dankbar sein. Immerhin ist es doch genau das, was ich wollte. Außerdem habe ich mir vorgenommen, gelassener mit der Situation umzugehen. Ich wollte positiv an diese Angelegenheit herangehen. Der Achtsamkeit Raum geben und dadurch meine inneren Impulse manipulieren.

Allerdings ist dieser Termin in greifbarer Nähe. Mich trennen lediglich eine Handvoll Tage davon, mich einer völlig fremden Person offenbaren und Worte aussprechen zu müssen, die bereits beim inneren Monolog höllisch wehtun.

Dabei mache ich nicht zum ersten Mal eine Therapie. Im Gegenteil: mir ist das Prozedere sehr vertraut. Außerdem verfüge ich durch mein Studium über ein tieferes Verständnis der menschlichen Psyche und therapeutischen Herangehensweise.

Trotzdem macht mir das gerade eine Heidenangst. Ich verspüre den Drang, den Therapeuten anzurufen und abzusagen. Einfach wieder alles zu verdrängen und davonzulaufen. Denn nur allzu deutlich ist die Erinnerung daran, wie sehr diese Gespräche schmerzen. Da hilft auch alles theoretische Wissen dieser Welt nicht.

Mir dröhnt der Kopf. Mit jeder Sekunde, die vergeht, breitet sich eine bleierne Schwere in mir aus. Ich möchte weinen und die tiefe Traurigkeit aus mir herausschwemmen. Doch keine einzelne Träne schafft es an die Oberfläche. Bin ich bereits dabei, erneut den Weg des Verdrängens zu gehen? Beginnen nun wieder das Kleinreden und das Beschönigen die Oberhand? Wie soll es so mit der Therapie funktionieren?

Es sind eben jene leidigen Stimmen, die in meinem Kopf laut werden und mir sagen wollen, dass ich nicht reden darf. Dass ich kein Recht dazu habe, jemandes Zeit mit meinen lächerlichen Problemen zu vergeuden. Und ja, ich stelle mich selbst in Frage. Der Zweifel, ob eine Therapie tatsächlich notwendig ist, nimmt einen großen Platz in meinem Gedanken ein. Und auch eine gewisse Analyse darüber, was ich von einer Therapie erwarten kann. Denn ich möchte mit einer realistischen Sicht in die Sache hineingehen, um am Ende nicht wegen übertriebener und unangebrachter Erwartungen enttäuscht zu sein.

Denn eines steht fest: ich werde niemals „gesund“ sein. Wobei in dieser Hinsicht eine Unterteilung in die Kategorien „gesund“ und „krank“ weder hilfreich noch notwendig ist. Vielmehr ist der Begriff der Krankheit in diesem Kontext kritisch zu beurteilen. Viel zu häufig wird jemand als „psychisch krank“ bezeichnet, weil er von der Norm abweicht. Doch es führe zu weit, dies an dieser Stelle zu vertiefen.

Mir ist bewusst, dass eine Therapie in meinem Fall keine Wunder vollbringen wird. Dazu sind die durchlaufene Sozialisierung, die erlebte physische und psychische Gewalt und die dadurch entstandenen Schäden zu groß. Niemand kann ungeschehen machen, dass ich Dinge sah und erlebte. Ich kann das Erleben der Gefühle nicht vergessen. Stattdessen haben sich Angst, Scham, Ohnmacht, Schuld, Traurigkeit, Ekel, Wut, Hilflosigkeit, Entsetzen, Misstrauen, Abscheu, Einsamkeit, Ablehnung, Besorgnis, Verlust, Bedauern, Todessehnsucht und viele weitere Empfindungen in mir eingebrannt und es gibt nichts, was daran etwas ändern könnte.

Was genau soll mir eine Therapie dann also bringen? Wozu das Ganze? Nun, ich denke, dieser Schritt ist der einzige, den ich noch tun kann, um nicht den Pfad des Suizides einzuschlagen. Ja, ich sehe es als letzte Chance an, die ich diesem Leben noch gebe. Im Grunde stelle ich diesem Universum eine Art Ultimatum. Das schließt mit ein, dass ich meine letzten Kräfte mobilisiere. Ich werde mitarbeiten und mich draufeinlassen. Ansonsten wäre das ganze Unterfangen sinnfrei, zwecklos und unfair.

Für mich steht jedoch fest, dass dies der letzte Versuch sein wird. Und ich hoffe sehr, dass er Früchte tragen wird…

 

Wolkentänzerin

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