Hey du,
ja, ich weiß, ich habe dir lange nicht mehr geschrieben. Nicht, weil ich
nicht an dich gedacht hätte. Nein, das tue ich sogar sehr häufig. Vielmehr ist
es so, dass ich mit den Gefühlen, die du in mir auslöst, nicht immer umgehen
kann. Noch immer ist der Schmerz sehr groß. Die Schuld drückt mich bis heute
nieder. Und ich werde unweigerlich an eine Zeit erinnert, die viele Narben
hinterließ.
Dein Todestag rückt näher. Dieses Jahr ist es schon der zehnte. Ist das zu
fassen? Zehn Jahre...das ist mehr als ein Drittel meines Lebens. Und doch fühlt
es sich an als seist du erst gestern von dieser Erde gegangen.
Weißt du, ich kann verstehen, weshalb du es getan hast. Warum du dein Leben
beendet hast. Ich weiß, was du gefühlt hast. Und doch wünsche ich mir von
ganzem Herzen, du hättest es nicht getan. Ich wünschte, ich hätte dir helfen
können. Denn ich weiß, wie sehr du dich nach Hilfe gesehnt hast. Es zerfrisst
mich zu wissen, dass ich dir keine war. Ich meine, wie hätte ich auch eine sein
können? Ich hatte genauso wenig einen Plan vom Leben wie du. Ich hing genauso
zwischen den Welten wie du. Aber sind das nicht am Ende dumme Ausreden?
Ich kann mich heute (zum Glück?) nicht mehr an alles erinnern, was damals
geschah. Es gelingt mir nicht, die letzten Tage vor deiner Entscheidung zu
rekonstruieren. Lediglich einige einzelne Frequenzen blitzen dann und wann in
meiner Erinnerung auf. Und schon die genügen, um mich das Gefühl des unbändigen
Schreckens wiedererleben zu lassen. Es gibt sogar einen Teil in mir, der deinen
Tod bis heute leugnet. Der nicht wahrhaben will, dass du wahrhaftig gestorben bist.
Vielleicht auch bloß, um die Last des Versagens tragen zu können – keine Ahnung.
Was wäre wohl aus dir geworden? Wärst du mittlerweile Polizist, ganz so, wie
du es dir gewünscht hast? Oder wäre aus dir ein Künstler geworden? Ob wir heute
wohl noch Freunde wären? So wie diese bleiben viele Fragen unbeantwortet.
Fragen, die in mir schlummern und auf die ich gerne eine Antwort hätte. Ich
wüsste gerne, wie du unsere Freundschaft gesehen hast. Ob du mich am Ende
vielleicht sogar gehasst hast, weil ich ein dummes Mädchen war, das die
Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit deiner Not nicht gesehen hat. Die dich im
Stich ließ.
Ich weiß, dass ich Anteil an deinem Suizid habe. Ich weiß, dass ich
Verantwortung dafür trage. Ich weiß, dass ich viele Fehler machte und dich
verletzte. Ich weiß, dass ich es nicht ungeschehen machen kann.
Dein Tod, lieber Freund, hat mein Leben grundlegend verändert. Ich wäre
nicht ich, wenn du nicht gegangen wärst. Ich verdanke dir mein Leben. Und ich
weiß, dass das nicht fair ist. Ich weiß, dass es andersrum wohl genauso gewesen
wäre. Du wärst nicht gegangen, wenn ich gegangen wäre. Wenn ich dir zuvorgekommen
wäre. Wenn du gesehen hättest, wie viel Leid durch so etwas entsteht. Ich weiß,
dass du heute noch leben würdest, wenn ich gestorben wäre.
Ich schäme mich oft dafür, Suizidgedanken zu haben. Denn ich komme nicht
drumherum, mich zu fragen, ob du es in der letzten Sekunde vielleicht sogar
bereut hast? Es jedoch zu spät war. Es kein Zurück mehr gab. Und ich? Ich will
nicht leben. Wo du eventuell vieles drum gäbest, um nochmal eine Chance zu haben.
Was bin ich nur für ein Idiot? Dabei weiß ich, dass ich nicht auf einen
Schalter drücken kann und die Gedanken verschwinden. Ebenso wenig wie du es tun
konntest. Mir ist klar, dass du die Entscheidung zu sterben nicht aus eigenen
Stücken getroffen hast. Du hast den Schmerz, den dein Leben bedeutet hat, nicht
mehr ertragen. All die Ungerechtigkeit und das Übel, das dir zugefügt wurde,
haben dich krank gemacht, deine Seele zertrümmert und dich ausgehöhlt.
Aus tiefstem Herzen hoffe ich, dass es dir jetzt, wo auch immer du sein mögest,
gut geht. Dass du die Seelenqualen loswerden und dich befreien konntest.
Vor Kurzem wollte sich eine gute Freundin von mir das Leben nehmen. Sie hat
in letzter Zeit Schlimmes erlebt und kam mit all dem Schmerz nicht mehr
zurecht. Ich sagte ihr, sie dürfe es nicht tun, weil es keine Garantie gäbe,
dass es ihr wirklich Erlösung brächte. Denn was wäre, wenn die Gedanken nicht
aufhören? Wenn sie an einen Ort kommt, an dem alles still ist, bis auf die
Stimmen, die sie bis in alle Ewigkeit quälen? Dann doch lieber hier auf der
Erde sein, wo es immerhin noch die ein oder andere Ablenkung gibt. Aber wie
soll ich selbst an diese Möglichkeit glauben, wo du doch dort oben bist? Wenn
ich mir vorstelle, dass du irgendwo bist, wo du weiterhin Seelenleid erfährst,
bleibt mir das Herz stehen.
Seit deinem Tod sind schon viele Menschen auf mich zugekommen, die ebenfalls
sterben wollten. Die sich mir anvertrauten und meine Hilfe wollten. Und jedes
verdammte Mal packt mich die blanke Angst. In mir wird es schlagartig heiß und
ich habe das Gefühl zu verbrennen. Ich habe Verlust- und Versagensängste. Mir
wird schlecht und ich habe das Empfinden, für ein Menschenleben verantwortlich
zu sein. Dann möchte ich weglaufen, weil ich es nicht ertragen würde, wenn
jemand nochmal stirbt, weil ich nicht helfen kann. Nie wieder möchte ich
erleben, wie mir ein Mensch derart entgleitet. Bitte versteh mich nicht falsch:
es macht mich demütig und dankbar, dass Menschen mir vertrauen. Dass sie sich
mir öffnen und mich in ihre Seelen blicken lassen. Aber sie suchen sich dafür
die falsche Person aus.
Anfänglich dachte ich, dass, wenn ich anderen helfe und ihnen das Leben „rette“,
dann kann ich etwas wiedergutmachen. Bis mir aufging, dass ich damit versuchte
ein Leben mit einem anderen aufzuwiegen. Doch das funktioniert nicht. Es ist
ein Ding der Unmöglichkeit. Kein anderes Leben kann dein Leben ersetzen. Nichts
kann ungeschehen machen, was passiert ist.
Außerdem fühle ich mich mittlerweile wie die größte Heuchlerin der Welt,
wenn ich Menschen davon abrate, sich das Leben zu nehmen. Denn wovon bin ich
denn überzeugt? Ich bin davon überzeugt, dass der Tod Erlösung bringt.
Zumindest für den Sterbenden. Dagegen kann das Leben die reinste Hölle auf
Erden sein. Wenn ich also Menschen davon abhalte, sich das Leben zu nehmen, dann
verdamme ich sie dazu, die Seelenqualen dieser Welt weiterhin zu erdulden. Ich rede
ihnen ein, dass es schon irgendwann besser würde. Dabei glaube ich nicht daran.
Ich glaube nicht, dass es immer ein Happy End gibt. Ich glaube vielmehr, dass es
Menschen gibt, die der Dunkelheit niemals entkommen werden. Ich glaube, dass es
irreparable Seelenschäden gibt.
Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ein jeder einzelne Suizid viele
weitere Leben unwiederbringlich zerstört. Suizid ist ein Gewaltakt, der weite
Kreise zieht. Jemand, der sich das Leben nimmt, wird automatisch zum Täter, ob
er nun will oder nicht. Selbstmord ist etwas sehr aggressives und Ausdruck
größter Wut. Die Schuld bei den Hinterbliebenen wird einkalkuliert, wenn nicht
sogar gewollt.
Lieber Freund, ich weiß, dass es bei dir nichts anderes war. Ich weiß, dass
du uns Schmerzen zufügen wolltest. Dass du wolltest, dass wir genauso leiden
wie du. Und ich weiß, dass du das aus größter Verzweiflung heraus wolltest.
Ehrlich gesagt denke ich auch, dass ich es verdient habe.
Bei all den konfusen Gedanken ist eines jedoch klar: du fehlst mir sehr. Ich
wünschte, ich könnte mit dir sprechen. Ich wünschte, du wärst noch hier. Ja,
ich wünsche mir sehr, du hättest dich nicht umgebracht. Doch es ist wie es ist.
Und deshalb wünsche ich dir von ganzem Herzen, dass du an einem Ort voller
Licht, Liebe, Freude, Wärme, Lachen, Farbe, Freiheit, Glück, Zufriedenheit, Erlösung
und Freunden bist.
Du bist niemals vergessen!
Wolkentänzerin
Denkarium, Tagebuch, Ort zum Loslassen. Einfach meine ganz persönliche Wolke, auf der ich tanze, wann immer mir diese Welt zu viel wird.
Warnung
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Mittwoch, 29. April 2020
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