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Sonntag, 19. Dezember 2021

Schützendes Eis

Ich halte es derzeit nicht gut in geschlossenen Räumen aus. Zu groß ist der Drang nach Freiraum. Ich habe das Gefühl, ausbrechen zu müssen. Fühle mich einfach eingeengt. Bekomme keine Luft. Die Nacht ist angebrochen, an Schlaf ist nicht zu denken. Ich muss weglaufen, den Dingen entkommen.

Also ziehe ich mir meine Jacke an und gehe hinaus in die Nacht. Sofort als ich hinaustrete, verschlingt mich die eisige Luft der Nacht und ich fühle mich schlagartig freier. Mit jedem Schritt, den ich mache, bekomme ich besser Luft. 

Ich passiere einige Wohnhäuser auf meinem Weg zum eigentlichen Ziel. Die meisten Häuser liegen im Dunkeln. Kein künstliches Licht verschmutzt die Welt. Die Menschen scheinen zu schlafen. Das beruhigt mich. In der Dunkelheit fühle ich mich sicherer. Als habe sich eine schützende Schicht auf die Welt gelegt. Niemand kann mich sehen. Ich kann ich sein.

Wenn gar nichts mehr geht, dann hilft einzig noch der Wald. Als könnten die hölzernen Riesen meine Einsamkeit verstehen. Immerhin sind auch sie ständig der unerbittlichen Witterung ausgesetzt. Müssen im Winter ihre schmückenden Blätter abwerfen, um zu überleben. Vielleicht ist es ihr Überlebenskampf, der mich fasziniert. 

Meine Füße tragen mich zum nahegelegenden See. Ein wunderschönes Fleckchen Erde. Für einen Moment bleibe ich stehen und blicke auf die spiegelglatte Wasseroberfläche. Das Abbild der am Ufer stehenden Bäume wird vom kalten Nass zurückgeworfen. Eine beeindruckende Szenerie. 

Ich setze mich auf einen moosüberwucherten Baumstumpf und lasse meinen Kopf in meine Hände sinken. Ich bin müde und irgendwie ziemlich durch den Wind. Die Erinnerungen flattern wie schwarze Gestalten durch meinen Geist. Dann und wann greift eine dieser Gestalten mein Inneres an und ein unerbittlicher Kampf um die Vorherrschaft bricht aus. Es ist anstrengend und ich wünsche mir eine Pause. Es ist keine Energie mehr da, um weiterhin gegen die dunklen Wesen zu kämpfen. 

Ein einzelnes, kleines Blatt löst sich von einem kargen Ast und segelt hinuter. Wie in Zeitlupe gleitet es hinuter, bis es schließlich die Oberflächenspannung des Sees in Bewegung versetzen lässt. Winzige Kreise bilden sich auf dem Wasser. Sofort denke ich über die Analogie dieses Naturphänomens mit meinen Gedanken nach. Ein einzelnes Wort hat oft die Kraft, eine Welle auszulösen. Versuche ich dann, wieder Ruhe zu schaffen, verschlimmere ich es bloß und löse ganze Taifune aus. 

Ich komme allmählich zur Ruhe. Allein hier draußen an diesem See fühle ich mich wohl. Das Verlangen keimt in mir auf, in die nassen Massen hineinzuwaten und unterzutauchen. Mich in die Tiefen ziehen zu lassen und endlich befreit zu sein. In meinen Gedanken stelle ich es mir vor und eine kitzelnde Vorfreude erfasst mich. Nein, das geht nicht. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich es nicht. Dazu bin ich zu schwach. Diese Erkenntnis tut weh und lässt meinen Selbsthass aufkeimen. Minuten voller Vorwürfe und Selbstzerfleischung beginnen. Am Ende bin ich erschöpft und innerlich leer. 

Langsam erhellt sich der Horizont. Die Sonne hüllt den Himmel in ein sattes Purpur, mächtige Schatten tänzeln über den See. Ein atemberaubendes Lichterspiel voller Eleganz. 

Ich erhebe mich, um meine Rückkehr anzutreten. Für immer verstecken geht eben nicht. 

Unter meinen Füßen knacken vereiste Äste. Quasi ein letzter Lebenshauch fast toter Organismens. Bald werden sie wieder in den Lebenkreislauf zurückgeführt werden. Keine sonderlich schöne Vorstellung für mein Ende, finde ich. Ich möchte nicht in den Lebenszyklus zurückkehren. Nein, ich möchte vollständig ausscheiden. 

Auf meinem Heimweg betrachte ich die vereisten Pflanzen um mich herum. Ist es so auch mit mir? Habe ich immer wieder eine schützende Eisschicht um mein Inneres gelegt? Dann und wann kam ein warmer Schauer und hat einen Teil davon geschmolzen. Doch zu groß war die Angst, als dass ich mich hätte ganz auftauen lassen können. Also zog ich eine weiter Schicht über die kleine Lebenspflanze meines Ichs. Nun ist sie tief vergraben unter etlichen Eisschichten. Ich komme nicht umhin mich zu fragen, was ich mache, wenn all das Eis geschmolzen ist und ich erkenne, dass das kleine Pflänzchen schon längst eingegangen ist? Nicht überleben konnte, weil die Wärme fehlte? Dann doch lieber in Eis erstarrt bleiben und an eine Illusion glauben können. Lieber ein Scheinleben als gar kein Leben. Oder? 


 

Wolkentänzerin


Samstag, 18. Dezember 2021

Der Strand der Verdammnis

Manchmal habe ich das Gefühl, an einem Strand zu sein. Mein Blick auf die bedrohlichen Wellen der Erinnerung gerichtet, die sich schäumend in meine Richtung bewegen. Am tristen grauen Himmel hängen einige schwere Wolken, die sich allmählich in salzige Tränen auflösen und in den eisigen Wassermassen aufgehen. Ein ungnädiger Regenschauer nähert sich also. Doch ich kann nicht fliehen. Denn an den Strand grenzt ein riesiger Zaun an, den ich nicht überwinden kann. Ich sitze in der Falle. Kurz überlege ich, einfach in die Wellen hineinzulaufen und mich ihnen zu ergeben. Doch ich kann nicht. Ich will nicht. Also suche ich Schutz hinter einem riesigen Findling. Allerdings auf der dem Meer zugewandten Seite. Denn ich will nicht, dass die Menschen auf der anderen Seite sehen können, wie ich kämpfe. Ich möchte nicht zum Objekt ihrer neugierigen und verurteilenden Blicke werden. Also klammere ich mich an meinen steinigen Freund und hoffe darauf, dass alles gut werden möge. Die unerbittlichen Wogen drücken mich gegen die glitschige und raue Oberfläche des Steines. Jegliche Luft wird aus meinen Lungen gepresst und ich habe das Gefühl, es nicht auszuhalten. Ich habe Angst und möchte schreien. Doch das geht nicht. Weil mir die Luft fehlt und weil ich keine Aufmerksamkeit erregen möchte. Niemand soll mich so sehen. Diese jämmerliche Gestalt zu Gesicht bekommen, die ich bin.

Ich möchte auf die andere Seite des Zauns. Oder? Ja, das möchte ich. Ich möchte dazugehören. Nur ein einziges Mal in meinem Leben. Ich möchte die Denkmuster abstreifen, die mich in ein Korsett zwängen, dass mich schon fast gänzlich deformiert hat. Ich möchte ein Teil der Gesellschaft sein. Ganz ohne diesen furchtbaren Zynismus. Ohne die Stimmen in mir, die mir süßlichen Selbsthass einflüstern und mir sagen, dass ich zu diesem einsamen Leben an diesem elendigen Strand verdammt bin. Doch dann denke ich mir wieder, dass ich es verdient habe. Dass ich zu viele Dinge angestellt habe, als dass es mir erlaubt sein könnte, ein "freies" Leben führen zu können. Ich bin schuld. Das muss ich sein. Ansonsten ergäbe das alles gar keinen Sinn. Und es muss einen Sinn haben. Es muss logisch erklärbar sein.

Hier sitze ich nun. Im matschigen Sand. Vollständig durchnässt und abgekämpft. Ich versuche mich zu sammeln und mir zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wie ich dieser Hölle entkommen kann. Dabei habe ich doch schon so viel versucht. Oder? Vielleicht ist die Wahrheit auch, dass ich zu viel Angst habe. Dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich auch nur ein Mensch wirklich mögen könnte. Nein, unmöglich. Dafür kenne ich mich zu gut. Oder?

Ich möchte den düsteren Gesalten der Nacht entkommen. Ich möchte den niederschmetternden Wellen mit ihrer mächtigen Zerstörungskraft entkommen. Aber ich weiß nicht wie und das macht mich wahnsinnig. Ich bin es so leid. So so leid...



Wolkentänzerin

Mittwoch, 23. September 2020

Vom Wollen und Sollen und der Scham, die über allem thront

Woher weiß ein Mensch, dass er etwas will? Dass diese eine Sache genau das Richtige für einen ist? Mir wurde häufig eingeredet, dass ich dieses oder jenes wolle, weil ich mich sonst nicht auf die ein oder andere Art verhielte.

Gestern wurde ich gefragt, was ich will und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich dazu sagen sollte.

Mir wurde eine riesige Chance angeboten. Ich wurde sehr gelobt und mir wurde gesagt, dass ich großes Potential und hohe kognitive Fähigkeiten habe.

Seitdem geht es mir absolut elendig. Ich fühle mich furchtbar. Wie die größte Hochstaplerin der Geschichte. Ich habe riesige Angst, dass sie erkennen werden, dass sie sich in mir getäuscht haben. Dass sie sich irren. Dass all das bloß heiße Luft war.

Dabei möchte ich diese Chance ergreifen. Will ich das wirklich? Was will ich?

Jetzt gerade möchte ich sie anschreien und ihnen sagen, dass sie sich irren. Dass sie mich falsch einschätzen.

Ich habe lediglich meine Arbeit verrichtet. Ich wollte nicht auffallen, sondern im Stillen meine Aufgaben erledigen und sie zufrieden stellen.

Ich habe Magenschmerzen und könnte heulen, weil ich es nicht fassen kann. Wieso ist die Fremdwahrnehmung derart konträr zur Eigenwahrnehmung? Was ist, wenn ich scheitere? Wenn ich mal wieder versage? Daran ist eine Menge Geld und im Falle meines Scheitern letztlich auch eine Menge Schulden geknüpft.

Ich wünsche mir, dass ich mich nicht länger so elendig fühlen muss. Ich glaube nämlich, dass sie falsch liegen. Ich denke nicht, dass ich ein großes Potential habe. Ich glaube nicht, dass bei mir das Gesamtpaket stimmt. Ganz im Gegenteil...

Allerdings ist es eine so großartige Chance. Es scheinen Menschen zu sein, die mir etwas Gutes wollen. Doch das darf nicht sein. Es darf solche Menschen nicht geben. Denn dann formen sie den Kontrast zu den Menschen, die genau das gesollt aber nicht getan haben.

Es klingt vielleicht paradox, aber diese Chance verstärkt meinen Drang, mir das Leben nehmen zu wollen. Schließlich kann ich so nicht wieder verlieren oder es vermasseln.

In mir brodelt es. Mir ist übel. Die Welt um mich herum schwankt bedrohlich. Und ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun soll. Am schlimmsten ist nämlich diese unerträgliche Scham. Dieses heiße Brennen und das Gefühl, all das nicht verdient zu haben.

 

Wolkentänzerin