Gestern war wieder Therapie. Und es war wieder enorm anstrengend und verwirrend. Immerhin haben wir nun entschieden, dass es zu einer Zusammenarbeit kommen wird. Unter der Prämisse, dass ich Bescheid gebe, wenn ich eine Krise habe und dann gegebenenfalls in eine Klinik gehen werde. Schließlich könne keiner von uns beiden einschätzen, was in mir passiert, wenn ich anfange, über die Dinge in mir zu sprechen.
Wobei das Sprechen sowieso so eine Sache ist. Die Psychoanalyse basiert auf der freien Assoziation. Das bedeutet, dass sich der Therapeut im Hintergrund hält, sodass der Klient den Raum füllen und über alles reden kann, was in ihm vorgeht.
Allerdings fällt es mir enorm schwer, von mir aus loszuplappern. Ich warte immer darauf, dass mir jemand Fragen stellt und mir somit die Erlaubnis erteilt, den Raum einzunehmen. Ja, ich brauche die Legitimation existieren zu dürfen.
Ich erklärte ihm, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich ein Mensch mögen könnte. Dass ich es nicht glauben kann, ganz gleich wie oft mein Gegenüber es mir auch sagen mag. Vielmehr bin ich davon überzeugt, ein Monster zu sein. Ein Mensch, der anderen bloß Schaden zufügt und sich deshalb lieber fernhalten sollte. Ich habe schreckliche Angst davor, dass der andere erkennen könnte, dass mit mir etwas nicht stimmt und sich dann abwendet und geht.
Dr. Freud (ich werde ihn nun einfach im weiteren Verlauf so nennen) erklärte mir, dass ich mich mit der Projektion meiner Eltern auf mich identifiziert habe. Sie waren und sind wohl tatsächlich davon überzeugt, all das Schlechte sei nur passiert, weil ich eine so furchtbare Tochter war und bin. Dadurch haben sie sich selbst entlastet, weil sie mir die Verantwortung übertrugen.
Zwischendurch wurde Dr. Freud sehr laut und hat meine Eltern als Monster und Perverse bezeichnet. Er wurde sehr emotional, was mich absolut verwirrt hat. Er fragte mich, ob mir bewusst sei, dass er das tue, weil ich es nicht könne. Naja, das macht es aber nicht unbedingt leichter. Ich meine, natürlich ist mir bewusst, dass ich lernen muss, die Dinge mit Emotionen zu verknüpfen und dadurch richtig einordnen zu können. Doch dieser unsagbare innere Schmerz ist einfach nur heftig. Es fühlt sich an, als würde ich innerlich bluten und dabei hilflos zusehen, weil ich nicht weiß, wie ich die Blutung stillen soll.
Ich habe wohl eine starke Persönlichkeitsstörung, weil ich all die Dinge, die meine Eltern mir antaten, nun mir selbst antue. Immer und immer wieder. Die erlernten Überzeugungen sitzen so tief, dass ich enorm viel Therapie brauche. Ein niederschmetterndes Urteil. Ich weiß, dass es naiv klingt, aber ich habe bis zuletzt gehofft, dass es vielleicht doch einen magischen Schalter gibt, den ich umlegen und endlich „normal“ sein könnte. Nix da. Er rechnet mit drei Jahren intensiver Therapie bis ich ansatzweise mit dem Erlebten zurechtkommen kann. Drei Jahre. Drei verdammt anstrengende Jahre voller Kampf und Schmerz.
Es widerstrebt mir, jemanden für meine Lage verantwortlich zu machen. Immerhin bin ich eine erwachsene Frau und kann eigene Entscheidungen treffen. Aber so deutlich mitgeteilt zu bekommen, wie stark mein Ich eingeengt und von mir klein gehalten wird, macht mich sprachlos. Meine Eltern haben meine Seele vergiftet und es wird mich so viel Kraft kosten, es loszuwerden. Wobei es am Ende keine Garantie dafür gibt, dass es funktionieren wird.
Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob es all den Aufwand und Schmerz wert ist. Ich möchte gerade an einen einsamen Ort gehen und so laut schreien wie es mir nur irgend möglich ist. Ich möchte das Brennen in mir löschen. Ich möchte die erdrückende Schwere in mir loswerden. Ich möchte mir die Haut abziehen. Ich möchte mir den Kopf abreißen. Ich möchte mir den Schädel einschlagen. Ich möchte mir schlimmste Dinge antun. Ich möchte aufhören zu existieren.
Meine Mutter sagte oft zu mir, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nie geboren worden wäre, weil allen dann viel Leid erspart geblieben wäre. Und weißt du was, Mutter? Ich glaube, damit hattest du tatsächlich recht…
Wolkentänzerin

Vielen vielen Dank für deinen lieben Kommentar ♥ Das bedeutet mir sehr viel.
AntwortenLöschenZu diesem Post... Du bist kein Monster. Du bist auch nicht Schuld am Leid anderer Menschen. Ich weiß, du kannst das jetzt wahrscheinlich schwer glauben, aber hoffe das wird eines Tages einfacher.
Liebe Grüße, Ria