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Dienstag, 18. August 2020

Abgetaucht

Langsam tauche ich meinen Kopf unter Wasser. Ich spüre die Kälte auf meiner Haut. Kann wahrnehmen, wie meine Haut mit jeder weiteren Sekunde an Temperatur verliert. Das Wasser ist derart kalt, dass es mir wie Brennen vorkommt. Allmählich fühle ich den Druck auf meinem Brustkorb. Ich kann nicht atmen. Mit all meiner Kraft stelle ich mich gegen das Verlangen, aufzutauchen und nach Luft zu japsen. Mein Körper kämpft gegen meinen Geist. Ich fange an zu zucken. Ich genieße die Panik, die in mir aufsteigt. Für einen Moment habe ich die absolute Kontrolle über mich. Ich habe das Gefühl, über mein Leben genauso wie über meinen Tod bestimmen zu können. Und ich koste diesen Moment in vollen Zügen aus. Bis ich schließlich keuchend und vollkommen erschöpft an die Wasseroberfläche zurückkehre. Noch immer den süßen Geschmack des Todes auf meinen Lippen.

Die letzten Wochen können durchaus als kraftraubend bezeichnet werden. Ich hatte erste Therapiesitzungen. Naja, mehr Erstgespräche. Doch die hatten es in sich. Bei einem Psychoanalytiker hatte ich bisher vier Sitzungen. Er ist sich jedoch noch unsicher, ob das mit uns funktionieren könnte, da er den Grad der Traumatisierung nicht abschätzen kann. Und ich bin ihm dabei wohl auch keine große Hilfe. Denn ich habe mich ein Stück weit geöffnet und möchte mich nicht damit auseinandersetzen müssen, dass es „umsonst“ gewesen sein könnte. Schließlich hat schon das bisschen, das ich erzählte, vieles in mir ausgelöst. Vor allem eine riesige Menge Schmerz, Traurigkeit und eine Ahnung von jenen Fesseln, die noch immer in mir sind. Der Therapeut bezeichnete mich als verschachtelt und innerlich stark verknotet. Er sagte, ich wirke wie erstarrt.

Wir sprachen darüber, dass es mir schwerfällt, meine Gedanken und Gefühle verbal mit jemandem zu teilen. Dass ich stets die Zuhörerin bin und mich in den Hintergrund stelle. Wir sprachen über meine Eltern und auch grob über die Dinge, die waren. Mich intensiv damit auseinanderzusetzen, welches eingeschränkte Leben ich führe, tat mir sehr weh. Mir vor Augen zu führen, dass ich diese Einsamkeit und die Mauer des Schweigens schon so lange mit mir herumtrage, hat mich enorm traurig gemacht.

Der Therapeut geht davon aus, dass vor mir ein sehr weiter Weg liegt, der viele Jahre in Anspruch nehmen wird. Aber was habe ich denn auch erwartet? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich erwartet habe. Obwohl, doch, wahrscheinlich habe ich eine Wunderheilung erwartet. Ein paar Gespräche und et voila kommt eine perfekt an die Gesellschaft angepasste Wolkentänzerin dabei heraus. Ja, ich weiß, ich hatte schon clevere Ideen…

Die Gespräche haben mich in jedem Fall enorm aufgewühlt und eine Lawine an Emotionen losgetreten. Ich fühle all das, was das kleine Kind in mir fühlte. Da ist viel Verletzung, aber auch Unsicherheit, Angst und Schrecken. Und ich frage mich, warum Verarbeitung bedeutet, nochmal durch die absolute Hölle gehen zu müssen.

Zu allem Überfluss hatte ich außerdem noch Kontakt zu meinen Eltern. Meine Mutter rief mich aus heiterem Himmel an und wollte von mir, dass ich mich für meinen Vater einsetze. Dieser hatte sich nämlich in eine, naja, nennen wir es „ungünstige“ Situation gebracht. Meine Mutter verlangte von mir, dass ich ihn da rausboxe. Immerhin sei es meine Pflicht als Tochter und allmählich auch mal an der Zeit, dass ich etwas zurückgebe. Schließlich hätten sie mich großgezogen und sich den Ar*** für mich und meine Brüder aufgerissen. Sie hätten sogar ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um uns alles zu ermöglichen, was wir brauchen. Ja, klar, bis auf Liebe und eine unversehrte Kindheit vielleicht. Aber das ist sicher Meckern auf hohem Niveau, oder Mutter? Ich war von diesem Anruf so perplex, dass es mir die Stimme verschlug. Mir fehlten die Worte. Es war das erste Gespräch seit einer gefühlten Ewigkeit und meine Mutter tat einfach so, als wäre nie etwas gewesen. Nein, stattdessen hatte sie sogar die Unverfrorenheit, mir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen. Sie drückte genau die Knöpfe, die mir mein Leben so schwer machen. Sie erzählte mir, dass mein Vater schwere Depressionen habe und das im Grunde ja auch meine Schuld sei, weil ich den Kontakt abgebrochen habe. Ohja, das wird der einzige Grund sein, weshalb er psychisch erkrankte. Einen anderen Grund kann es letztlich natürlich auch nicht geben. Am Ende sagte meine Mutter dann noch, dass sie mir von meinem Vater ausrichten soll, dass er jetzt verstehen könnte, wie ich mich damals fühlte. Moment! Bitte was? Das habe ich jetzt nicht gehört. Er kann verstehen, wie ich mich fühlte? Soll das ein Scherz sein? Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass er Grund für den größten Schmerz in mir ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in der Klinik war und für ein Wochenende heimkehrte und ihr mir sagtet, ich solle erst wieder nach Hause kommen, wenn ich gesund wäre. Dabei wart ihr der Grund dafür, dass ich mich umbringen wollte. Daran ist nichts zu verstehen. Aber okay, ihr hattet eben schon immer eure eigene Wahrheit. Nach der ihr niemals etwas falsch gemacht habt. Nach der mein Vater ein wundervoller Vater und meine Mutter eine großartige Mutter war… Bevor das Gespräch endete, in dem ich übrigens kaum ein Wort hervorbrachte, sagte meine Mutter, dass Gott unsere Familie besonders segne, sodass er uns immer wieder Prüfungen schicke, um uns immer wieder die Möglichkeit zu bieten, unsere Unerschütterlichkeit unter Beweis zu stellen.

Was soll ich sagen? Ich habe nicht getan, worum meine Mutter mich bat. Zum einen das schlicht nicht im Bereich meiner Möglichkeiten. Zum anderen hat mein Vater etwas getan, das mich zutiefst erschüttert hat und mir vor Augen führte, dass er sich kein bisschen verändert hat. Vielmehr hat es mich mit meiner Verantwortlichkeit konfrontiert. Damit, dass ich letztlich tatenlos zuschaue und es nicht verhindere. Doch ich wehre mich dagegen, mich auch nur einen weiteren Tag verantwortlich für meine Eltern zu fühlen. Es geht nicht. Und ich weiß, dass ich mich damit schuldig mache. Aber es geht eben nicht. Punkt.

Drei Tage später kontaktierte mich mein Vater. Er hatte mir mehrere Nachrichten geschrieben und mich einige Male angerufen. Irgendwann ging ich dran. Schlau kann man das wohl definitiv nicht nennen. Er sagte mir, dass der Hund meiner Eltern verstorben sei. Eine tatsächlich sehr traurige Nachricht. Ich hing enorm an diesem Hund und habe wundervolle Erinnerungen an ihn. Er erzählte mir, dass meine Mutter einen Nervenzusammenbruch habe und er nicht wisse, was er tun solle. Moment! Seit wann bin ich die Telefonseelsorge für meine Eltern? Wann genau ist das eigentlich passiert? Was genau hat sie dazu veranlasst, zu glauben, ihre Sorgen würden bei mir Anklang finden? Was in den letzten Jahren hat ihnen das Gefühl vermittelt, ich wäre für die Art des Kontakts empfänglich? Mir hat es sofort die Sprache verschlagen. Allein seine Stimme zu hören, war schon zu viel. Er nannte mich seine „Prinzessin“ und sagte mir, wie lieb er mich habe und wie sehr er mich vermissen würde. Ich habe mich so dreckig und klein gefühlt. Er sagte außerdem, dass er nur derart in der Miesere stecke, weil ich keinen Kontakt mehr wolle. Dass er diese Dinge nur getan habe, weil er mich so vermisse. Klar, das soll mich nochmal davon überzeugen, dass es meine Pflicht ist, dich rauszuboxen. Mich für dich einzusetzen und sagen, was für ein toller Mensch du bist. Ich war rasend vor Wut. Doch ich schluckte diese Wut herunter und hörte ihm zu. Ich ließ ihn über mich drüber walzen. Ich war unfähig, meine Grenzen aufzuzeigen und mich für mich stark zu machen. Mit jedem weitern Wort, das in mein Ohr drang, verschwand ich ein Stück mehr. Das Gespräch endete mit einer Empfehlung meinerseits dazu, wie er meiner Mutter helfen könnte. Wow, was für eine Meisterleistung – nur eben nicht von mir.

Ich habe sogar darüber nachgedacht, ob meine Eltern spezielle Antennen haben. Was für ein Zufall es doch ist, dass ich eine Therapie beginne und versuche, meine traumatische Kindheit und Jugend zu verarbeiten und just in dem Augenblick melden sich meine Eltern bei mir.

Wobei ich auch auf eine gewisse Art froh über diesen Kontakt war. Denn er hat mir einmal mehr deutlich gemacht, wie meine Eltern sind. Sie haben sich nicht geändert. Und auch, wenn das bedeutet, dass ich niemals die Liebe erhalten werde, die ich mir von ihnen wünsche, hat es mir gezeigt, dass ich nicht verrückt bin. Ich bilde mir diese Dinge nicht ein. Mein Vater tut einige Dinge noch immer und sieht nicht ein, wie falsch das ist. Und meine Mutter beschützt ihn, wie sie es auch schon damals tat. Und all das begründen sie mit göttlichem Segen und ihrem treuen Glauben. Täten ihre Worte und Taten mir nicht so weh, könnte ich tatsächlich Mitleid mit ihnen empfinden.

 

Erneut tauche ich meinen Kopf in das kalte Nass und lausche dem Rauschen in meinen Ohren. Irgendwann muss es mir doch gelingen, den Kampf zu gewinnen und endlich die süße Ruhe zu erlangen, die ich mir so sehnlich wünsche. Irgendwann muss ich dem Sog, der sich mein Leben nennt, doch entkommen können. Irgendwann…

 

Wolkentänzerin

2 Kommentare:

  1. Hey, es ist schön, wieder von dir zu lesen! Hab mich schon gefragt ob bei dir alles in Ordnung ist, da du so lange nichts geschrieben hattest.
    Naja, jedenfalls finde ich es sehr mutig, dass du all die Erstgespräche gemeistert hast. Ich weiß, dass das alles andere als einfach ist. Man will sich nicht zu sehr öffnen, für den Fall dass man bei dieser Person nicht bleiben kann, gleichzeitig müssen die genug erfahren, um das einschätzen zu können... *seuzf*
    Und was deine Eltern betrifft - mach dir nicht so viele Vorwürfe, dass du deine Grenzen nicht so deutlich machen konntest. Vielleicht reicht es für den Anfang ja schon, dass du nicht (mehr?) das tust, was sie von dir verlangen.
    Ganz liebe Grüße, Ria

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    1. Liebe Ria,
      deine Zeilen berühren mich sehr und ich bin dir sehr dankbar dafür!
      Ich sende dir ein ganz helles, warmes und wohltuendes Licht, damit auch du weißt, dass du nicht allein bist!
      Es ist wunderbar, dass es dich gibt!

      Herzliche Grüße
      Wolkentänzerin

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