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Freitag, 19. Februar 2021

Zwei Universen in einer Welt

Dr. Freud hat vorgeschlagen, dass wir uns nun zu Beginn jeder Therapiesitzung mit dem Motiv der Schuld beschäftigen. Zum einen denkt er, dass das eine gute Möglichkeit sei, dem Schweigen entgegenzuwirken. Und, zum anderen meint er, dass die Schuld eins der größten Themen in mir sei.

Zum zweiten Punkt finde ich weder ein Argument der Zustimmung noch der Ablehnung. Ich möchte gerne sagen, dass ich mich nicht aus falschen Gründen schuldig fühle. Dass diese Empfindung seine Berechtigung habe und wir nichts daran ändern müssen. Immerhin muss es so sein. Es ist richtig, dass sich die eiskalte Hand der übermächtigen Schuld um meinen Hals legt und mir dann und wann die Luft abdrückt. Nichts anderes habe ich verdient. Nichts anderes wäre auch nur ansatzweise in Ordnung. Gleichzeitig weiß und spüre ich irgendwo in mir, dass es eben nicht in Ordnung ist. Dass ich eben keine Schuld an so manch erschütternden Augenblick trage.

Doch welchen Unterschied macht das? Mir ist bewusst, dass ich die Schuld ablegen muss, um ein Stück in die Richtung der Freiheit zu gehen. Denn die Schuld ist jenes Empfinden, das mir einen Grund gibt, mich einzuschränken und zu maßregeln. Ich habe Buße zu tun und kann mir daher keine Freimütigkeit gewähren. Wie sollte das auch möglich sein?

Führe ich mir vor Augen, welche desaströsen Auswirkungen mein Verhalten mitunter auslöste, möchte ich im Boden versinken. Ja, ich habe viele Entscheidungen nicht aus freien Stücken gefällt, aber so fühlt es sich eben nicht an. Ich sehe die Momente vor meinem inneren Auge und blicke in einen Spiegel, der die Tatsachen verzerrt. Zumindest, wenn ich Dr. Freud Glauben schenken möchte.

Letztlich scheitere ich an mir selbst, weil ich nicht bereit bin, die Erlebnisse umzudeuten und ihnen einen neuen Wert zu geben. Denn ändern wir die Variablen, erhalten wir ein anderes Endergebnis. Ich fürchte mich davor und daher bleibe ich stehen. Verteidige meinen Standpunkt und bestätige meine eigenen toxischen Gedankengänge und Handlungsweisen.

Derzeit fühlt es sich an, als führe ich zwei Leben. Wie zwei Paralleluniversen, zwischen denen ich stetig hin- und herreise. Und eine Stimme in mir sagt mir, dass das nicht der Realität entspricht. Diese Stimme zwingt mich, hinzusehen und zu erkennen, dass es keine zwei Welten sind, sondern bloß mein Leben ist. Mein Leben, dass ich zu gewissen Teilen von mir abgespalten habe. Du das Abstoßen einiger Lebenssequenzen habe ich jedoch auch Empfindungen und Lebendigkeit eingebüßt. Und ja, ich habe immense Angst davor, lebendig zu werden und mich den Dingen zu stellen. Ich wehre mich dagegen und das ist mir absolut bewusst. Ich spüre den Drang in mir, endlich anzufangen, mich den Dämonen zu stellen und in Bewegung zu geraten. Doch ich kann nicht. Ich möchte schreien, weil es so verdammt wehtut und ich will nur noch, dass es aufhört. Aber das wird es nicht. Nicht, wenn ich dem Schmerz und all seinen Begleitern keinen Raum gebe und ihnen zubillige, existieren zu dürfen.

Vor mir liegt eine Zeit voller Erkenntnis und Erfahrung. Ich habe die Chance, zum Leben erwachen zu können. Dafür muss ich jedoch erstmal sterben. Ich muss meine gesamte Identität abwerfen, durch die Hölle gehen und mich Stück für Stück erneut zusammensetzen. Eine Vorstellung, die mir nicht gerade rosig erscheint, doch am Ende die einzige Möglichkeit ist, all das zu überstehen.


Wolkentänzerin

2 Kommentare:

  1. Ich habe mich vor nicht ganz drei Jahren für das Leben entschieden... ohne zu wissen, was genau auf diesem Weg auf mich zukommt. Und auch wenn unsere Ausgangslagen gerade sehr unterschiedlich zu sein scheinen, kann ich dir zumindest sagen, dass ich diese Entscheidung nicht bereut habe. Nein - es war nicht einfach, das schätzt du schon richtig ein. Und ja - es gibt immer noch Momente, bzw. depressive Phasen in denen ich denke, es wäre besser gewesen, man hätte mich einfach sterben lassen. Aber wenn ich dann wieder "klar denken" kann fällt mir auf, wie dankbar ich eigentlich bin. Jedenfalls wünsche ich dir die Kraft und den Mut, es zumindest zu versuchen ♥

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    1. Liebe Ria,
      ich danke Dir von Herzen für deine lieben Zeilen!
      Es ist wunderbar und großartig, dass du derart kämpfst und nicht aufgibst! Danke für deine mutmachenden Worte, die mich tief bewegen und mir viel bedeuten. Danke!

      Wie schön, dass es Dich gibt, liebe Ria!

      Herzliche Grüße
      Wolkentänzerin

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