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Montag, 12. Oktober 2020

Die prokrastinierte Hausaufgabe

Neben mir liegt ein Blatt Papier. Format A4. Darauf sind 10 Punkte zu finden. Diese Punkte gliedern sich wiederum in die Unterpunkte a)-d).

Dieses schlichte schwarz-weiße Dokument hat mir in den vergangenen zwei Stunden so manche Nerven gekostet. Dabei sind die Fragen, die darauf aufgeführt sind, im Grunde einfach zu beantworten. Ja, naja, so richtig einfach ist es auch wieder nicht - aber immerhin ist es kein Quiz. Es ist lediglich ein Fragebogen zu meiner Familiengeschichte. Dr. Freud möchte die Antworten haben, um den Langzeitantrag bei der Krankenkasse stellen zu können.

Ich habe heute sozusagen Hausaufgaben aufbekommen. Ganz wie zu Schulzeiten. Nur, dass ich diesmal keinen blassen Schimmer habe, was ich schreiben soll.

Bei jedem verfassten Satz, den ich mir nur schwer abringen konnte, säuselt die Stimme in meinem Kopf drauflos. "Wie kannst du nur so über uns reden?", "Du bist eben eine undankbare Egoistin keines gleichen"...

Seit der Therapiesitzung heute ist mir speiübel. Ich fühle mich irgendwie krank. Dieses Mal war es wieder besonders intensiv und anstrengend. Wir haben die Beziehung zu meiner Mutter beleuchtet und ich spüre wieder all die Empfindungen, die ich als Kind wahrgenommen hatte. All der Kummer und die lähmende Hilflosigkeit sind wieder derart präsent, dass es mir schwerfällt, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Ich will hier nicht sitzen und darüber nachdenken. Denn ich ertrage diesen unbeschreiblichen Schmerz nicht. Ich habe das Gefühl, als steche jedes Mal jemand mit einem Messer auf mich ein. Und ich kann mich nicht dagegen wehren. Stattdessen lasse ich es sogar zu, weil ich glaube, dass es langfristig helfen wird. Aber was genau? Dass es irgendwann nicht mehr so wehtut, weil ich abgehärtet bin? Weil ich erkannt habe, dass ich an den inneren Verletzungen nicht sterben werde? Oder bin ich dann vielleicht längst dran gestorben?

Dr. Freud sagt, das Verstehen der Welt hätte mir geholfen zu überleben. Die Zusammenhänge zu kennen, habe mich letztlich gerettet. Allerdings fühlt es sich absolut nicht so an. Vielmehr habe ich das Gefühl, durch all das Verständnis eine umso stärkere Zerrissenheit in mir zu haben. Denn wenn ich weiß, weshalb meine Eltern sich verhielten, wie sie es taten, wie kann ich ihnen das dann noch übelnehmen? Und darf ich das überhaupt? Ohje, jetzt sind wir wieder bei den ganz tiefgründigen und alles entscheidenden Fragen angelangt, auf die es sowieso keine Antwort gibt.

Schade ist, dass ich bei dieser Hausaufgabe nicht abschreiben kann. Wobei ich das sowieso selten tat. Ich hatte immer viel zu große Angst davor, erwischt zu werden und dann aufzufallen. Deshalb habe ich auch noch nie in meinem Leben bei einer Klassenarbeit oder Klausur gespickt. Nicht ein einziges Mal. Darauf bin ich nicht stolz. Vielmehr macht es mich traurig. Am Ende sagt das nämlich nur, dass die Angst seit jeher die Melodie meines Lebens ist.

Doch zurück zum Thema und nicht wieder prokrastinieren. Da fällt mir ein, dass ich kürzlich einen sehr interessanten TED-Talk dazu gehört habe. Dabei ging es unter anderem darum, dass Menschen, die Aufgaben aufschieben, das meist tun, um negative Gefühle zu vermeiden. Es soll daher helfen, sich eine zweite Identität zu schaffen, die die Aufgabensetzung strukturiert und zur Ordnung ruft. Vielleicht sollte ich das mal versuchen. Wobei sich die Frage anschließt, wie der Fragebogen dann am Ende aussieht. Erschaffe ich mir dann in einem Zug gleich fiktive Eltern mit dazu? Abgesehen davon, dass die Expertin das im Podcast so sicher nicht meinte, wäre es auch alles andere als zweckdienlich.

Tja, dieser Blogeintrag hat mir jetzt nicht viel gebracht. Außer der Erkenntnis, dass ich mich von meiner eigentlichen Aufgabe ablenken wollte. Also Schluss damit, wirren Gedanken nachzuhängen und zurück zur Essenz. Immerhin wird dieses Dokument solange über mir schweben, bis ich es endlich vollständig bearbeitet habe.

Ich sollte mir erst dann Gedanken über die Richtig- und Wichtigkeit meiner Antworten machen, wenn ich sie auch tatsächlich niedergeschrieben habe. Alles andere wäre wohl eine allzu vermeidbare Energieverschwendung. 








Wolkentänzerin






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