Ohje, heute muss ich mich richtiggehend zwingen, um etwas zu
Papier zu bringen. Doch es muss aus meinem Kopf heraus. Wie ein rostiges Messer
stecken diese dunklen Gedanken in meinem Herzen und vergiften mich von innen
heraus. Ich will sie loswerden, doch allein der Versuch tut einfach nur weh.
Doch es führt kein anderer Weg aus der Finsternis. Immerhin muss ich
funktionieren und kann und will mir keine Auszeit erlauben. Ich möchte nicht
stehen bleiben. Denn nur in der Bewegung bleibt es einigermaßen erträglich. Ja,
ich muss rennen. Immer schneller. Immer weiter weg. Nur so habe ich eine
Chance, dem Schlamassel für eine Weile zu entkommen. Und dabei ist es erstmal
egal, ob er mich einholen wird. Ob mein geschundenes Ich wegen all der
Anstrengung kollabiert. Alles ist besser als stehen zu bleiben.
Mir graut davor, der Chronologie des Grauens ins Auge zu
blicken. Ich wehre mich dagegen, diese bittere Pille zu schlucken. Ich bin noch
nicht so weit. Für eine Weile möchte ich noch ich bleiben. Wobei ich wohl die
Frage zulassen muss, ob ich danach nicht mehr ich wäre. Wer weiß das schon? Wer
weiß überhaupt etwas? Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich habe keinen blassen
Schimmer vom Leben. Ich habe am Ende ja nicht mal eine Ahnung von meiner
kleinen Welt. Etliche Winkel meines kleinen Kosmos sind mir nicht bekannt. Wie unzählige
Puzzleteile, die noch im Verborgenen liegen. Tja, ich habe auch keine große
Lust, mich auf die Suche nach den fehlenden Stücken zu begeben. Was soll das
auch bringen?
„Versuchen Sie es mit radikaler Akzeptanz“, sagten die
Therapeuten und meinten es sicher gut. Ich will aber nicht akzeptieren. Ich
will mich nicht mit den Dingen abfinden. Mit jeder Faser meines Seins lehne ich
diese Rolle für mich ab.
Ich kann es nicht leiden, über mich zu reden. Es löst große
Beklemmung in mir aus. Nicht nur, weil ich Ablehnung oder Vorwürfe erwarte.
Nein, ich denke vielmehr, dass das vergeudete Zeit ist. Ich empfinde es als
sehr unangenehm, meine Gedanken jemand gegenüber laut zu äußern. Ich komme mir
dabei dumm und wertlos vor. Ich schäme mich für die Worte, die aus mir
raussprudeln. Meine Stimme überschlägt sich zudem häufig und ich finde nicht
die richtigen Umschreibungen, um mein Innerstes zu offenbaren. Mit jemand zu
sprechen, ist für mich ein echter Kraftakt und so lasse ich es lieber sein.
Zumal mich im Anschluss an ein Gespräch direkt die Selbstzweifel und Vorwürfe
in Beschlag nehmen und lange gefangen halten.
Dann doch lieber schreiben. Hierbei sieht mich nämlich
niemand. Sieht nicht die Tränen, die Grimassen, das Zusammenzucken, das Ritzen.
Gedanken schriftlich äußern, das ist einfach. Ich kann die Gedankenfetzen wie
Fäden aus meinem Gehirn ziehen und sie in Buchstaben übertragen.
Aneinandergereihte Denkfäden, die eventuell sogar ein Gebilde ergeben, das
Sinnhaftigkeit enthält. Und wenn nicht ist es auch nicht schlimm, dann lösche
ich es eben wieder. Oder lese es mir als Mittel der Selbstreflexion durch, um mich
wieder ein bisschen in die Spur zu bringen.
Oftmals wünsche ich mir, ich könnte ausschließlich schriftlich
mit anderen Menschen kommunizieren. Die Gefahr dadurch entstehender
Missverständnisse könnte ich in Anbetracht der Vorteile verschmerzen. Zumindest
verkrampfte ich dann nicht ständig, wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt
träte. Gespräche mit anderen machen mich immer in gewisser Weise einsam. Denn
ich fühle mich oft missverstanden und verziehe mich dann schnell in mir. Ich
kann mich, um einen Vergleich zu nennen, nicht in die Arme eines anderen fallen
lassen. Lieber lasse ich mich in meine Dunkelheit fallen.
Da fällt mir gerade ein Liedtext von Kärbholz ein:
„Auch Fallen fühlt
sich an wie Fliegen für 'nen kurzen Augenblick,
Bist du schwerelos, dann bricht es dir dein Genick...“
Bist du schwerelos, dann bricht es dir dein Genick...“
…ja, naja, so viel
dazu. Das ist wohl auch die Krux an dieser elendigen Dunkelheit. Sie gaukelt
einem Sicherheit vor, ist letztlich aber genau das Gegenteil davon. Manchmal scheint
diese allesvernichtende Finsternis auch wie ein heller Stern. Dabei ist es bloß
ein Irrlicht, das einem mit dem anlockt, wonach man sich am meisten sehnt. In
meinem Fall die Freiheit.
So, liebe Gedanken,
ich habe euch einen Raum gegeben. Ich habe euch wahrgenommen. Nun gebt bitte
Ruh und lasst mir einen Moment zum Durchatmen. Denn ich bin unendlich
erschöpft, müde und kraftlos. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Also
bitte, bitte, bitte gönnt mir diese kurze Auszeit. Ich halte das sonst nicht
mehr aus.
Wolkentänzerin
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