Heute war die bisher schlimmste Sitzung bei Dr. Freud. Ich bin einem inneren Dämonen begegnet, der ein enormes Zerstörungspotenzial besitzt und mir eine Heidenangst einjagt. Mir ist etwas über die Lippen gekommen, dass ich bisher noch niemals in meinem Leben vermocht habe auszusprechen. Doch ich fühle mich deshalb nicht erleichtert oder besser. Vielmehr möchte ich mich am liebsten zerfleischen. Woher dieser Drang kommt, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es, weil ich mich so dermaßen schäme. Vielleicht ist es auch, weil ich das Gefühl habe, ein Gesetz gebrochen zu haben und nun die Strafe erwarten zu müssen.
Seit heute Nacht hat mich mein Rheuma wieder fest im Griff. Meine Handgelenke, Füße und Knie sitzen mit Entzündungen zu. Einige Mal riss mich der Ruheschmerz diese Nacht aus dem Schlaf. Ich mochte meinen Körper noch nie, aber in diesen Momenten könnte mein Hass auf mich selbst nicht größer sein. Manchmal stelle ich mir vor, dass all die Erinnerungen wie eine toxische Flüssigkeit durch meine zahlreichen Adern fließt und mich von innen zerfrisst. Als habe sich die Negativität auf meinen Organismus übertragen. Als hätten sich meine Suizidgedanken verselbstständigt und sich einen Weg aus meinem Gehirn hin zu allen anderen Zellen erschlichen. Unaufhaltsam sorgen sie nun für meinen Niedergang. Wer weiß…
Dr. Freud hat mich gefragt, welche Wünsche ich habe. Er ist nicht der Erste, der mir diese Frage stellt. Von Zeit zu Zeit denke ich, dass dieser Frage ein wundersamer Zauber innewohnen muss. Als wäre die Antwort darauf die Lösung für all meine Probleme. Finde ich nur die korrekte Erwiderung habe ich eine Prüfung bestanden und bin würdig, die nächste Stufe zu erreichen. Zuweilen kommt es mir auch so vor, als wolle mir mein Gegenüber damit eine Falle stellen. Vertrau mir und verrate mir deine Wünsche. Dir wird auch nichts passieren. Ich halte es nicht für klug, darauf einzugehen und mich zum Gespött der Nation zu machen. Welch eine Lachfigur machte ich aus mir, äußerte ich meine innersten Sehnsüchte, nur um zu erkennen, wie abwegig das ist. Wie töricht wäre ich, wenn ich glaubte, es gäbe auch nur den Funken einer Chance, dass meine Wünsche Realität werden könnten?
Außerdem ist das Äußern von Wünschen immer mit einer gewissen Gefahr verbunden. Der Gegenüber erhält dadurch ein gewisses Maß an Macht über mich. Dieses Risiko ist mir definitiv zu hoch. Und ich spreche dabei nicht von Wünschen, die den Alltag betreffen. Denn, ja, ich habe berufliche Wünsche, die ich auch versuche zu erreichen. Ich spreche von jenen Wünschen, die einen jeden von uns ausmachen. Von den Sehnsüchten, die mitunter tief verborgen in uns schlummern und darauf warten, dass wir uns ihrer annehmen. Jene Wünsche, die sich in Leidenschaft transformieren können, wenn ihnen der Raum zur Entfaltung gegeben wird.
Ja, ich habe auch solche Wünsche. In meinem ganz persönlichen Universum verbinde ich mit diesen Sehnsüchten jedoch nichts Positives. Ich verachte mich dafür, ein derartiges Gedankengut in mir zu tragen. Dann und wann bestrafe ich mich, weil ich es nicht akzeptieren kann, derart töricht zu sein. In solchen Momenten sind die Stimmen in meinem Kopf wie ein Orkan des Bösen. Ich höre dann all die Worte, die all die Menschen über all die Jahre zu mir sagten. In solchen Momenten wünsche ich mir dann nur noch, dieses Leben zu beenden und endlich Erlösung zu finden.
Ich möchte kein Mensch sein, der Wünsche in sich trägt. Denn viel zu oft hat mich das in meinem Leben bereits zu Fall gebracht. Ich habe mich sosehr nach dem Stillen meiner Sehnsucht verzehrt, dass ich die Gefahr aus dem Blick verlor und unachtsam wurde.
Es gab eine Vielzahl an Menschen, die mir sagten, ich solle ihnen vertrauen. Die sagten, sie meinten es gut mit mir. Die mich anlächelten, mir die Hand reichten und mich mit allerlei süßlicher Versprechen lockten. Nur, um mich anschließend in den finsteren Abgrund zu ziehen. Sie spielten mit meinen Wünschen und saugten mir dabei meine Lebensenergie aus. Sie versprachen mir das Blaue vom Himmel und nahmen mir doch jegliches Licht.
Ich mache an dieser Stelle niemandem einen Vorwurf. Immerhin war es meine eigene Dummheit. Es war mein dummes Streben nach der Erfüllung meiner Wünsche, das mich derart angreifbar machte. Ich war ein leichtes Ziel, weil ich dermaßen leichtgläubig und naiv war. Das werde ich mir wohl niemals verzeihen können.
Somit muss ich Dr. Freud enttäuschen, denn ich werde ihm nicht sagen, welche Wünsche ich habe. Nochmal falle ich nicht darauf rein.
Wolkentänzerin

wünsche sind i.d.r. was schnönes und geben hoffnung/lebensfreude. auch wenn ich deine traurigen texte sehr ansprechend finde, würde ich dir gerne helfen, wieder ein bißchen optimismus zu gewinnen ... mit meiner mangelnder empathie würde es natürlich nicht gehen. ich glaube, meine frau könnte es ... anders als dr. freud, würde sie vermutlich anstreben, dass du frieden mit deinen emotionen/erinnerungen schließen könntest. vielleicht kannst ja in ihren texten paar anregungen finden, die dir etwas halt gaben würden? auf alle fälle alles, alles gute, liebe wolkentänzerin :-) .... https://photos.google.com/share/AF1QipP53J7HRnIk0XNQqnMiwCmFyO7l27OwWXRc5rlZcYXXHAEcSHH0pJp9KjurCyukew/photo/AF1QipPeTa_LJEiMSTJnEyQ9MxHGCy9vl196Nw7NLSt4?key=OFcxLUlXN2dmOUtiQjhvcXVWcUdDaThFT0w5aU5B
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