Wer bin ich, wenn ich die projezierte Identifikation abwerfe? Was bleibt übrig, wenn ich die aufgestülpten Denkmuster verlasse? Wer bin ich?
Mich erfasst ein mulmiges Gefühl, wenn ich daran denke, dass die Möglichkeit besteht, dass tatsächlich das Monster in mir ist. Das Monster, das ich mit all meiner Kraft zu kontrollieren versuche. Um es nicht an die Oberfläche zu lassen, wäge ich meine Worte ab, zerdenke jegliche Handlungen und ersticke im toxischen Nebel des Selbstzweifels. Bösartige Stimmen flüstern mir süßlich ins Ohr und wollen mich von meiner Schlechtigkeit überzeugen.
Dr. Freud sagt, ich hätte mir mein Kern-Ich bewahrt und sei nur deshalb kein Zombi ohne Gefühl geworden. Deshalb quälten mich die Dinge auch so. Das ergibt rational Sinn für mich und ist auch nachvollziehbar. Allerdings kann ich dem nichts Gutes abgewinnen. Ich bin sogar wütend auf mich, weil ich denke, dass es mir doch gar nicht zusteht, dieses Kern-Ich zu haben. Stattdessen sollte ich büßen. Ja, Buße tun für all die Dinge, die ich tat.
Ich soll die Verantwortung abstreifen und mich davon befreien. Dabei geht das nicht. Veränderte ich diese Denkstrukturen, dann ergäbe all das am Ende keinen Sinn mehr. Dann wäre ich lediglich eine Witzfigur des Universums. Nein, ich muss einfach die Verantwortung für all das tragen. Anders ist es nicht aushaltbar.
Gestern war wieder Sitzung und ich war kurz davor zu implodieren. Mein Körper wäre beinahe nicht mehr kontrollierbar gewesen. Wie peinlich! Dr. Freud sagte, er wüsste nicht, wie er mir helfen könnte. Ich war ihm dankbar für seine Ehrlichkeit, auch wenn es mir ein intensives Gefühl der Einsamkeit bescherte. Manchmal frage ich mich, weshalb es kein Wundermittel gibt. Eine nette Pille, die alles ins Lot bringt. Wobei fraglich ist, was das überhaupt bedeuten soll. Am Ende bot mir Dr. Freud an, am selben Tag nochmal wiederkommen zu können, um mich ein wenig zu stabilisieren. Ich verließ die Praxis und lief ziellos durch die triste Dezemberlandschaft. In mir tobte ein Sturm, dem ich vollkommen machtlos gegenüberstand. Ich rang mit mir. Einige Male ging ich zurück Richtung Praxis, doch der Selbsthass überwog. Ich konnte mir schlichtweg nicht erlauben, die Unterstützung anzunehmen. Das war und bin ich nicht wert.
Nun fühlt sich alles vertraut taub an. Mein Geist hat sich verabschiedet. Jeder Gedanke ist schwammig. Gedankenfetzen fliegen in meinem Kopf herum und bilden eine diffuse Wolke. Diese Nacht habe ich keinen Schlaf bekommen, habe alles versucht, um die Erinnerungen zu verdrängen, bin jedoch kläglich gescheitert.
Den Tag über war ich komplett überdreht, um die Spannung zu kompensieren. Lief rastlos durch die Gegend. Der Wunsch ist riesig, mich einfach nur zu verlieren. Worin? Ganz egal. Es soll bloß aufhören. Wie kann einen das eigene Gehirn so dermaßen in den Wahnsinn treiben?
Habe sogar bei Dr. Freud angerufen. Er meinte, ich solle ihm auf die Mailbox quatschen, dann würde er zurückrufen. Habe seine Ansage abgehört und mich verließ der Mut. Der Selbsthass war zurück und die Stimmen in mir schrien mich an und mein Kern-Ich hat sich erneut verkrümelt.
Jetzt steht das Wochenende an und das macht mir eine Heidenangst. Ich fühle, dass mich die Energie verlässt. Nach überdreht kommt erledigt.
Ich will, dass es aufhört und ich kämpfe dafür. Ich kämpfe für ein Stück eigenes Leben. Für ein Stück weniger Suizidgedanken. Für ein bisschen mehr Leben. Aber manchmal wünschte ich mir, es wäre nicht immer derart schmerzhaft. Ist das zu viel verlangt?
Wolkentänzerin
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