Montags ist Therapietag. Zumindest noch. Ab nächster Woche
werden es dann zwei Termine pro Woche. Wir steigern uns. Naja, immerhin was die
Häufigkeit unserer Gespräche betrifft. Denn was den Inhalt betrifft, bin ich
mir über eine Bewertung hinsichtlich etwaiger Fortschritte nicht so sicher.
Heute haben wir wieder über die Schuld gesprochen. Dr. Freud
hat erneut wiederholt, dass ich keine Schuld trage, weil ich ein Kind war und
lediglich die betreffenden Erwachsenen verantwortlich waren. Das klingt einfach.
Zu einfach. Ich kann seine Worte nicht akzeptieren. In mir sträubt sich bei
diesen Aussagen alles. Letztlich ist das aber wohl ein gutes Zeichen, oder? Ich
meine, ließen mich seine Sätze gänzlich kalt, hieße das im Umkehrschluss, dass
die Therapie zweckfrei wäre. Nichts käme in Bewegung. Nichts änderte sich. Vielleicht
sollte ich anfangen, es häufiger aus dieser Perspektive zu betrachten.
Während unseres Gespräches tauchten immer wieder Sequenzen
meines Lebens vor meinem inneren Auge auf und katapultierten mich eine Zeitlang
in eine andere Sphäre. Über all die Jahre habe ich gelernt, die Intrusionen zu
kontrollieren. In Situationen, in denen ich mich besonders reglementiere,
klappt das auch ganz gut. Ich kann mich zurück ins Hier und Jetzt holen.
Allerdings kostet das eine große Portion Kraft und ist daher nicht endlos
aufrecht zu halten. Bin ich allein, lasse ich meinen Geist daher oft ziehen. Dann
fliege ich durch Raum und Zeit und finde mich an unterschiedlichsten Stellen
meines Lebens wieder. Eine Begebenheit führt zur nächsten. Ein Schlüsselreiz
jagt den anderen. Auf diese Weise können Stunden vergehen, ohne, dass ich
hinterher sagen könnte, ich hätte sie wahrhaftig erlebt. Es sind zeitliche
Einheiten meines Lebens, die ich in einer Welt verbrachte, die bloß in mir
existiert. Sie besteht aus Ruinen meiner Vergangenheit und kehre ich dann am
Ende zurück, bin ich verwirrt, abgekämpft, verletzt und voller Selbsthass.
Dr. Freud hat mich heute gebeten, ihn an meinen Bilder
teilhaben zu lassen. Er möchte wissen, was ich sehe und denke, während wir
miteinander sprechen. Ich soll ihm sagen, was ich empfinde. In der Theorie
klingt das durchaus machbar. Aber versuche ich es schließlich, bringe ich
keinen Ton hervor. Ich komme mir unfassbar dumm, inkompetent und schwach vor.
Ich schäme mich für meine Gedanken und fühle mich abrupt unwohl in meiner Haut.
Eine Schnittstelle zwischen meiner Seelenwelt und der äußeren Atmosphäre zu schaffen,
jagt mir eine Heidenangst ein. Meist stammle ich bloß dämlich vor mich hin und
scheitere bereit bei dem Versuch, auch nur einen einzigen sinnvollen Satz von
mir zu geben.
Meine Gedanken zu verschriftlichen ist deutlich einfacher.
Ich kann meine Finger über die Tastatur schweben lassen und die Buchstaben
aneinanderreihen. Zwar lese ich, was ich hier schreibe, aber es hat doch eine
gewisse Distanz zu mir. Und auch das Geschriebene hat seine Grenzen. Ich kann
umschreiben, was war. Ich kann Metaphern finden und mir damit behelfen.
Allerdings bin ich unfähig, die Dinge konkret zu beschreiben. Ihnen eine
realistische Form zu geben. Ich spreche die Begriffe nicht aus. Zum einen, weil
ich mir noch immer nicht sicher bin, dass sie passen. Und zum anderen, weil mich
die Worte schmerzen. Aber das ist wohl eine andere Geschichte und soll an einer
anderen Stelle erzählt werden.
Zwischendurch fragte mich Dr. Freud heute, was passieren
wird, wenn ich anfange, die Gefühle zu empfinden, die ich vollständig von mir
abgespalten habe. Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Mit dieser Frage
habe ich mich in letzter Zeit intensiv beschäftigt und einige Szenarien
entworfen. Keine davon erscheint mir annähernd rosig. Ja, was ist, wenn ich
anfange, zu fühlen? Im Grunde möchte ich es nicht wissen. Doch ich schätze, ich
werde es früher oder später herausfinden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.
Ich bin erschöpft und enorm müde. Nicht nur physisch. Vielmehr
habe ich das Gefühl, mich in einer nicht enden wollenden Dunkelheit zu
befinden. Jeder Schritt ist wackelig. In meinen Augen sind lediglich die Stäbchen
aktiv – alles erscheint grau. Ich kann meine Umgebung nicht mehr erkennen. Sie sind formlosen Umrissen gewichen, die mir Rätsel aufgeben. Ich fühle mich orientierungslos. Mir kommt es vor, als irre ich schon eine Ewigkeit durch die Nacht. Ohne zu wissen, wohin ich eigentlich will. Vielleicht habe ich mich auch nur im Kreis gedreht. Das würde zumindest meine Übelkeit erklären.
Ich möchte bloß noch schreien. Ich möchte mir die Seele aus
dem Leib schreien, weil ich dieses innere Entsetzen nicht ertrage. Es lässt
mich nicht in Ruhe und ich fühle einen so mächtigen Schmerz in mir, dass es mir
mitunter den Atem raubt.
In meinem Leben habe ich nach außen immer versucht, die
Starke zu mimen. Ich habe mir geschworen, niemanden sehen zu lassen, was in mir
vorgeht. All meine Kraft verwendete ich dazu, ein funktionierendes Ich zu
erschaffen, das sich um andere kümmert und gibt. Ich spüre jedoch, dass ich das
nicht mehr leisten kann.
Am liebsten möchte ich aussteigen und den Lebenszug
verlassen. Ich möchte all das nicht erneut durchleben. Mich nicht damit
beschäftigen, was es mit mir machte. Mich nicht mit diesem Leben
auseinandersetzen. Ich möchte mir die Pulsadern aufschneiden und mich verbluten
lassen. Ich möchte mich quälen und dafür bestrafen, dass ich bin, wer ich bin.
Ich möchte all dem ein gewaltsames Ende setzen. Doch das ist keine Option. Ich
weiß, dass diese Gedanken ein Symptom meines Lebens sind. Sie sind ein Teil des
toxischen Systems, das ich versuche zu bekämpfen. Gebe ich jetzt auf, war alles
tatsächlich und unabänderlich sinnfrei.
Wolkentänzerin