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Samstag, 18. Dezember 2021

Der Strand der Verdammnis

Manchmal habe ich das Gefühl, an einem Strand zu sein. Mein Blick auf die bedrohlichen Wellen der Erinnerung gerichtet, die sich schäumend in meine Richtung bewegen. Am tristen grauen Himmel hängen einige schwere Wolken, die sich allmählich in salzige Tränen auflösen und in den eisigen Wassermassen aufgehen. Ein ungnädiger Regenschauer nähert sich also. Doch ich kann nicht fliehen. Denn an den Strand grenzt ein riesiger Zaun an, den ich nicht überwinden kann. Ich sitze in der Falle. Kurz überlege ich, einfach in die Wellen hineinzulaufen und mich ihnen zu ergeben. Doch ich kann nicht. Ich will nicht. Also suche ich Schutz hinter einem riesigen Findling. Allerdings auf der dem Meer zugewandten Seite. Denn ich will nicht, dass die Menschen auf der anderen Seite sehen können, wie ich kämpfe. Ich möchte nicht zum Objekt ihrer neugierigen und verurteilenden Blicke werden. Also klammere ich mich an meinen steinigen Freund und hoffe darauf, dass alles gut werden möge. Die unerbittlichen Wogen drücken mich gegen die glitschige und raue Oberfläche des Steines. Jegliche Luft wird aus meinen Lungen gepresst und ich habe das Gefühl, es nicht auszuhalten. Ich habe Angst und möchte schreien. Doch das geht nicht. Weil mir die Luft fehlt und weil ich keine Aufmerksamkeit erregen möchte. Niemand soll mich so sehen. Diese jämmerliche Gestalt zu Gesicht bekommen, die ich bin.

Ich möchte auf die andere Seite des Zauns. Oder? Ja, das möchte ich. Ich möchte dazugehören. Nur ein einziges Mal in meinem Leben. Ich möchte die Denkmuster abstreifen, die mich in ein Korsett zwängen, dass mich schon fast gänzlich deformiert hat. Ich möchte ein Teil der Gesellschaft sein. Ganz ohne diesen furchtbaren Zynismus. Ohne die Stimmen in mir, die mir süßlichen Selbsthass einflüstern und mir sagen, dass ich zu diesem einsamen Leben an diesem elendigen Strand verdammt bin. Doch dann denke ich mir wieder, dass ich es verdient habe. Dass ich zu viele Dinge angestellt habe, als dass es mir erlaubt sein könnte, ein "freies" Leben führen zu können. Ich bin schuld. Das muss ich sein. Ansonsten ergäbe das alles gar keinen Sinn. Und es muss einen Sinn haben. Es muss logisch erklärbar sein.

Hier sitze ich nun. Im matschigen Sand. Vollständig durchnässt und abgekämpft. Ich versuche mich zu sammeln und mir zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wie ich dieser Hölle entkommen kann. Dabei habe ich doch schon so viel versucht. Oder? Vielleicht ist die Wahrheit auch, dass ich zu viel Angst habe. Dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mich auch nur ein Mensch wirklich mögen könnte. Nein, unmöglich. Dafür kenne ich mich zu gut. Oder?

Ich möchte den düsteren Gesalten der Nacht entkommen. Ich möchte den niederschmetternden Wellen mit ihrer mächtigen Zerstörungskraft entkommen. Aber ich weiß nicht wie und das macht mich wahnsinnig. Ich bin es so leid. So so leid...



Wolkentänzerin

Lautloser Schrei

 Was stimmt bloß nicht mit mir? Wohin mit all dem inneren Druck? Doch für immer gehen? Oder bleiben und aushalten? Ich drehe mich im Kreis. Oder dreht sich die Welt, während ich stehengeblieben bin? Herauskatapultiert worden, weil das Entsetzen so groß war? 

Ich brauche Beschäftigung, sonst drehe ich noch durch. Oder bin ich das längst? Ist das vielleicht des Pudels Kern? 

Sinnlose Worte werden aneinandergereiht, in die Welt hinausgespuckt, weil es irgendwie raus muss. Weil es sonst nicht ausgesprochen werden kann. Nur Getippe auf einer Tastatur ist möglich. Alles andere zu bedrohlich. Zu schwierig. 

Ich möchte schreien. Mir die Seele aus dem Leid krakelen. Doch es bleibt bei dem Wunsch. Mehr passiert nicht. Stattdessen bleibt der Druck hängen und verstopft mich von innen. Ich bekomme kaum noch Luft, habe Angst. Wann geht diese miese Dunkelheit endlich weg? Wann?



Wolkentänzerin


Freitag, 17. Dezember 2021

Stürme der Nacht

 Wer bin ich, wenn ich die projezierte Identifikation abwerfe? Was bleibt übrig, wenn ich die aufgestülpten Denkmuster verlasse? Wer bin ich? 

Mich erfasst ein mulmiges Gefühl, wenn ich daran denke, dass die Möglichkeit besteht, dass tatsächlich das Monster in mir ist. Das Monster, das ich mit all meiner Kraft zu kontrollieren versuche. Um es nicht an die Oberfläche zu lassen, wäge ich meine Worte ab, zerdenke jegliche Handlungen und ersticke im toxischen Nebel des Selbstzweifels. Bösartige Stimmen flüstern mir süßlich ins Ohr und wollen mich von meiner Schlechtigkeit überzeugen. 

Dr. Freud sagt, ich hätte mir mein Kern-Ich bewahrt und sei nur deshalb kein Zombi ohne Gefühl geworden. Deshalb quälten mich die Dinge auch so. Das ergibt rational Sinn für mich und ist auch nachvollziehbar. Allerdings kann ich dem nichts Gutes abgewinnen. Ich bin sogar wütend auf mich, weil ich denke, dass es mir doch gar nicht zusteht, dieses Kern-Ich zu haben. Stattdessen sollte ich büßen. Ja, Buße tun für all die Dinge, die ich tat. 

Ich soll die Verantwortung abstreifen und mich davon befreien. Dabei geht das nicht. Veränderte ich diese Denkstrukturen, dann ergäbe all das am Ende keinen Sinn mehr. Dann wäre ich lediglich eine Witzfigur des Universums. Nein, ich muss einfach die Verantwortung für all das tragen. Anders ist es nicht aushaltbar. 

Gestern war wieder Sitzung und ich war kurz davor zu implodieren. Mein Körper wäre beinahe nicht mehr kontrollierbar gewesen. Wie peinlich! Dr. Freud sagte, er wüsste nicht, wie er mir helfen könnte. Ich war ihm dankbar für seine Ehrlichkeit, auch wenn es mir ein intensives Gefühl der Einsamkeit bescherte. Manchmal frage ich mich, weshalb es kein Wundermittel gibt. Eine nette Pille, die alles ins Lot bringt. Wobei fraglich ist, was das überhaupt bedeuten soll. Am Ende bot mir Dr. Freud an, am selben Tag nochmal wiederkommen zu können, um mich ein wenig zu stabilisieren. Ich verließ die Praxis und lief ziellos durch die triste Dezemberlandschaft. In mir tobte ein Sturm, dem ich vollkommen machtlos gegenüberstand. Ich rang mit mir. Einige Male ging ich zurück Richtung Praxis, doch der Selbsthass überwog. Ich konnte mir schlichtweg nicht erlauben, die Unterstützung anzunehmen. Das war und bin ich nicht wert. 

Nun fühlt sich alles vertraut taub an. Mein Geist hat sich verabschiedet. Jeder Gedanke ist schwammig. Gedankenfetzen fliegen in meinem Kopf herum und bilden eine diffuse Wolke. Diese Nacht habe ich keinen Schlaf bekommen, habe alles versucht, um die Erinnerungen zu verdrängen, bin jedoch kläglich gescheitert. 

Den Tag über war ich komplett überdreht, um die Spannung zu kompensieren. Lief rastlos durch die Gegend. Der Wunsch ist riesig, mich einfach nur zu verlieren. Worin? Ganz egal. Es soll bloß aufhören. Wie kann einen das eigene Gehirn so dermaßen in den Wahnsinn treiben? 

Habe sogar bei Dr. Freud angerufen. Er meinte, ich solle ihm auf die Mailbox quatschen, dann würde er zurückrufen. Habe seine Ansage abgehört und mich verließ der Mut. Der Selbsthass war zurück und die Stimmen in mir schrien mich an und mein Kern-Ich hat sich erneut verkrümelt. 

Jetzt steht das Wochenende an und das macht mir eine Heidenangst. Ich fühle, dass mich die Energie verlässt. Nach überdreht kommt erledigt. 

Ich will, dass es aufhört und ich kämpfe dafür. Ich kämpfe für ein Stück eigenes Leben. Für ein Stück weniger Suizidgedanken. Für ein bisschen mehr Leben. Aber manchmal wünschte ich mir, es wäre nicht immer derart schmerzhaft. Ist das zu viel verlangt? 




Wolkentänzerin

Montag, 13. Dezember 2021

Endlosschleife?!

Nur noch ein Tag. Komm. Ein weiterer Tag. Das schaffst du. Lächerliche 24 Stunden.

Wie oft habe ich mir das in den letzten Wochen gesagt? Meine persönliche, lachhafte Durchhalteparole. Dabei weiß ich ja sogar, dass ich mich selbst veräppel. Es ist bloß eine trügerische Illusion, die ich mir selbst erschaffe. Und mit dem Mal, da ich mir diese Worte sage, verliere ich mich ein Stück mehr. Als habe mein Inneres verstanden, dass ich es nicht retten werde, weshalb es sich nun von der Welt verabschiedet und in die hinterste Ecke verkrümelt hat. 

Bin ich zu zynisch für diese Erde? Ein zu negatives Wesen, um leben zu können? Die Synapsen zu stark deformiert, als dass 'normale' Denkmuster überhaupt möglich sein können? 

Jeden Morgen packt mich die unerbittliche Angst, wieder hinaus in diese Welt zu müssen. Stattdessen möchte ich fliehen und endlich frei sein. Es soll aufhören. Aber dazu bin ich zu feige. Zu schwach.

Ich hasse mich. Mit jeder Zelle meines Seins. Dr. Freud meint, dass mich das hat überleben lassen. Als sei das was Gutes... Nein, nein, mir steht all das nicht zu. Ich darf das nicht. Immer kontrolliert bleiben. Immer funktionieren. Immer rücksichtsvoll. Ich möchte schreien, weil ich es so leid bin. 

Nur noch ein Tag. Komm. Ein weiterer Tag. Das schaffst du. Lächerliche 24 Stunden...




Wolkentänzerin


Dienstag, 23. Februar 2021

Seelendunst

Dienstage sind Wolkentage. Sie sind die Tage danach. Nach der Therapie. Der Staub, der montags aufgewirbelt wird, flirrt dienstags durch die Luft. Wie winzig kleine Splitter tanzt er über die Oberfläche. Vielleicht sind es Fragmente meiner Seele, die durch die Atmosphäre geschleudert werden. Orientierungslos schwirren sie über der Oberfläche dahin. Ein jedes wird von der Sonne angestrahlt und reflektiert auf seine ganz eigene Weise. Ein säuselnder Wind trägt die Seelenteile mal weiter weg und mal näher zu mir heran. Doch scheinbar fehlt dem pudrigen Nebel die eine bestimmte Anziehungskraft, um sich wieder zu legen. Stattdessen hält die Verstreuung an und macht sich breit. Der Seelendunst nimmt mir die Sicht und macht mir das Atmen schwer. Ich fühle mich wie in einer Wolke. Manchmal bleibe ich wie angewurzelt stehen und blicke fasziniert in die glitzernden Splitter. Dann bewegen mich die unterschiedlichsten Gedanken und ich fühle mich, als wäre ich einer vollkommen anderen Welt.

An Dienstagen fehlt mir oft der Kontakt zu dieser Erde. Ich höre, was die Menschen um mich herum sagen und ich nehme meine Aufgaben wahr. Aber ich bin nicht präsent. Eine unbeschreibliche Taubheit erfüllt mich. Sicher ein Abwehrmechanismus, um mich den Gefühlen nicht stellen zu müssen. Mein Nervensystem ist derart überreizt, dass es sich zum Eigenschutz runterfährt. Außerdem friere ich dienstags übermäßig stark. Mir läuft es ständig eiskalt den Rücken hinunter. Sowohl äußerlich als innerlich.

Dieser Zustand ist schwer änderbar und ich verurteile mich dafür. Ein gefundenes Fressen für mich, mich zu kritisieren und abzuwerten. Daher werde ich mich gleich auf mein Fahrrad schwingen, um mich nicht wieder anderweitig zu verletzen und so versuchen, dem Nebel und mir für einen Moment zu entkommen. Wobei vor sich selbst wegzulaufen wohl niemals die beste Lösung ist. Für den Augenblick ist das jedoch das Einzige, womit ich mir zu helfen weiß.


 

Wolkentänzerin

Montag, 22. Februar 2021

Die Dunkelheit in Raum und Zeit

Montags ist Therapietag. Zumindest noch. Ab nächster Woche werden es dann zwei Termine pro Woche. Wir steigern uns. Naja, immerhin was die Häufigkeit unserer Gespräche betrifft. Denn was den Inhalt betrifft, bin ich mir über eine Bewertung hinsichtlich etwaiger Fortschritte nicht so sicher.

Heute haben wir wieder über die Schuld gesprochen. Dr. Freud hat erneut wiederholt, dass ich keine Schuld trage, weil ich ein Kind war und lediglich die betreffenden Erwachsenen verantwortlich waren. Das klingt einfach. Zu einfach. Ich kann seine Worte nicht akzeptieren. In mir sträubt sich bei diesen Aussagen alles. Letztlich ist das aber wohl ein gutes Zeichen, oder? Ich meine, ließen mich seine Sätze gänzlich kalt, hieße das im Umkehrschluss, dass die Therapie zweckfrei wäre. Nichts käme in Bewegung. Nichts änderte sich. Vielleicht sollte ich anfangen, es häufiger aus dieser Perspektive zu betrachten.

Während unseres Gespräches tauchten immer wieder Sequenzen meines Lebens vor meinem inneren Auge auf und katapultierten mich eine Zeitlang in eine andere Sphäre. Über all die Jahre habe ich gelernt, die Intrusionen zu kontrollieren. In Situationen, in denen ich mich besonders reglementiere, klappt das auch ganz gut. Ich kann mich zurück ins Hier und Jetzt holen. Allerdings kostet das eine große Portion Kraft und ist daher nicht endlos aufrecht zu halten. Bin ich allein, lasse ich meinen Geist daher oft ziehen. Dann fliege ich durch Raum und Zeit und finde mich an unterschiedlichsten Stellen meines Lebens wieder. Eine Begebenheit führt zur nächsten. Ein Schlüsselreiz jagt den anderen. Auf diese Weise können Stunden vergehen, ohne, dass ich hinterher sagen könnte, ich hätte sie wahrhaftig erlebt. Es sind zeitliche Einheiten meines Lebens, die ich in einer Welt verbrachte, die bloß in mir existiert. Sie besteht aus Ruinen meiner Vergangenheit und kehre ich dann am Ende zurück, bin ich verwirrt, abgekämpft, verletzt und voller Selbsthass.  

Dr. Freud hat mich heute gebeten, ihn an meinen Bilder teilhaben zu lassen. Er möchte wissen, was ich sehe und denke, während wir miteinander sprechen. Ich soll ihm sagen, was ich empfinde. In der Theorie klingt das durchaus machbar. Aber versuche ich es schließlich, bringe ich keinen Ton hervor. Ich komme mir unfassbar dumm, inkompetent und schwach vor. Ich schäme mich für meine Gedanken und fühle mich abrupt unwohl in meiner Haut. Eine Schnittstelle zwischen meiner Seelenwelt und der äußeren Atmosphäre zu schaffen, jagt mir eine Heidenangst ein. Meist stammle ich bloß dämlich vor mich hin und scheitere bereit bei dem Versuch, auch nur einen einzigen sinnvollen Satz von mir zu geben.

Meine Gedanken zu verschriftlichen ist deutlich einfacher. Ich kann meine Finger über die Tastatur schweben lassen und die Buchstaben aneinanderreihen. Zwar lese ich, was ich hier schreibe, aber es hat doch eine gewisse Distanz zu mir. Und auch das Geschriebene hat seine Grenzen. Ich kann umschreiben, was war. Ich kann Metaphern finden und mir damit behelfen. Allerdings bin ich unfähig, die Dinge konkret zu beschreiben. Ihnen eine realistische Form zu geben. Ich spreche die Begriffe nicht aus. Zum einen, weil ich mir noch immer nicht sicher bin, dass sie passen. Und zum anderen, weil mich die Worte schmerzen. Aber das ist wohl eine andere Geschichte und soll an einer anderen Stelle erzählt werden.

Zwischendurch fragte mich Dr. Freud heute, was passieren wird, wenn ich anfange, die Gefühle zu empfinden, die ich vollständig von mir abgespalten habe. Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Mit dieser Frage habe ich mich in letzter Zeit intensiv beschäftigt und einige Szenarien entworfen. Keine davon erscheint mir annähernd rosig. Ja, was ist, wenn ich anfange, zu fühlen? Im Grunde möchte ich es nicht wissen. Doch ich schätze, ich werde es früher oder später herausfinden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Ich bin erschöpft und enorm müde. Nicht nur physisch. Vielmehr habe ich das Gefühl, mich in einer nicht enden wollenden Dunkelheit zu befinden. Jeder Schritt ist wackelig. In meinen Augen sind lediglich die Stäbchen aktiv – alles erscheint grau. Ich kann meine Umgebung nicht mehr erkennen. Sie sind formlosen Umrissen gewichen, die mir Rätsel aufgeben. Ich fühle mich orientierungslos. Mir kommt es vor, als irre ich schon eine Ewigkeit durch die Nacht. Ohne zu wissen, wohin ich eigentlich will. Vielleicht habe ich mich auch nur im Kreis gedreht. Das würde zumindest meine Übelkeit erklären.

Ich möchte bloß noch schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien, weil ich dieses innere Entsetzen nicht ertrage. Es lässt mich nicht in Ruhe und ich fühle einen so mächtigen Schmerz in mir, dass es mir mitunter den Atem raubt.

In meinem Leben habe ich nach außen immer versucht, die Starke zu mimen. Ich habe mir geschworen, niemanden sehen zu lassen, was in mir vorgeht. All meine Kraft verwendete ich dazu, ein funktionierendes Ich zu erschaffen, das sich um andere kümmert und gibt. Ich spüre jedoch, dass ich das nicht mehr leisten kann.

Am liebsten möchte ich aussteigen und den Lebenszug verlassen. Ich möchte all das nicht erneut durchleben. Mich nicht damit beschäftigen, was es mit mir machte. Mich nicht mit diesem Leben auseinandersetzen. Ich möchte mir die Pulsadern aufschneiden und mich verbluten lassen. Ich möchte mich quälen und dafür bestrafen, dass ich bin, wer ich bin. Ich möchte all dem ein gewaltsames Ende setzen. Doch das ist keine Option. Ich weiß, dass diese Gedanken ein Symptom meines Lebens sind. Sie sind ein Teil des toxischen Systems, das ich versuche zu bekämpfen. Gebe ich jetzt auf, war alles tatsächlich und unabänderlich sinnfrei.


 

Wolkentänzerin

Sonntag, 21. Februar 2021

Die Komplimentefalle

Als ich jünger war, hatte ich nie das Gefühl, mich könne jemand mögen. Ich habe mich stets als Außenseiterin gesehen, die nirgendwo hineinzupassen schien. Es gab kaum Freunde in meinem Leben. Keinen Menschen, auf den ich mich zu hundert Prozent hätte verlassen können. Niemand, dem ich zugebilligt hätte, meinen inneren Kern zu sehen. Ich fing früh damit an, eine gewisse Scharade zu spielen. Bis zur Perfektion kreierte ich einen Menschen, den ich nach außen hin präsentieren wollte.

Seit ich denken kann, ist da diese unermessliche Scham. Ich schäme mich ob meiner Selbst. In sozialen Kontexten bin ich enorm unsicher und denke, mein Gegenüber könne mich überhaupt nicht mögen. Ich halte mich für hässlich. Blickt mich jemand an oder gehen zwei Menschen hinter mir her, glaube ich, sie würden sich über mich lustig machen, weil ich so komisch aussehe. Mal ganz abgesehen davon, dass das ziemlich egozentrisch ist, ist es definitiv kein schönes Gedankengut. Macht mir ein Mensch ein Kompliment, wird mir übel und mich überkommt eine intensive Beklemmung. Einerseits freue ich mich. Keine Frage. Doch auf der anderen Seite ist da diese unbändige Angst. Angst davor, derjenige mache sich bloß einen Spaß aus mir. Als wolle er mir eine Falle stellen. Denn ich fürchte, mein Gegenüber habe das Kompliment geäußert, um zu sehen, ob ich darauf eingehe. Tue ich es, wird er mich auslachen und mich fragen, wie ich annehmen könne, dass das erstgemeint war. Immerhin ist es doch sehr abwegig, dass das Gesagte tatsächlich stimmen könnte.

Ich weiß, dass das Ablehnen von Komplimenten häufig mit kokettieren verwechselt werden kann. Und vielleicht ist es im Kern das gleiche Motiv, das dahintersteckt. Doch ich kann nur sagen, dass ich nicht möchte, dass mein Gegenüber das Gesagte wiederholt. Ich möchte, es einfach nicht hören. Es ist mir schlicht und ergreifend höchst unangenehm und beschämt mich. In meinem Kopf werden zudem all die vernichtenden Stimmen laut und quälen mich.

Es gibt vieles, was mir unangenehm ist und Angst in mir auslöst: Menschenansammlungen, Situationen, in denen ich im Fokus stehe wie Vorträge, Behördengänge oder Arztbesuche, die erwähnten Komplimente und Gespräche, in denen ich mich behaupten muss. Sicher könnten dieser Auflistung noch weitere Punkte hinzugefügt werden, doch ich möchte es an dieser Stelle dabei belassen.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffen kann, mit diesen Dingen umzugehen zu lernen. Doch ich denke, ich werde es in die morgige Therapiesitzung mit Dr. Freud mitnehmen und schauen, was sich daraus entwickeln wird. 


 

Wolkentänzerin

Freitag, 19. Februar 2021

Zwei Universen in einer Welt

Dr. Freud hat vorgeschlagen, dass wir uns nun zu Beginn jeder Therapiesitzung mit dem Motiv der Schuld beschäftigen. Zum einen denkt er, dass das eine gute Möglichkeit sei, dem Schweigen entgegenzuwirken. Und, zum anderen meint er, dass die Schuld eins der größten Themen in mir sei.

Zum zweiten Punkt finde ich weder ein Argument der Zustimmung noch der Ablehnung. Ich möchte gerne sagen, dass ich mich nicht aus falschen Gründen schuldig fühle. Dass diese Empfindung seine Berechtigung habe und wir nichts daran ändern müssen. Immerhin muss es so sein. Es ist richtig, dass sich die eiskalte Hand der übermächtigen Schuld um meinen Hals legt und mir dann und wann die Luft abdrückt. Nichts anderes habe ich verdient. Nichts anderes wäre auch nur ansatzweise in Ordnung. Gleichzeitig weiß und spüre ich irgendwo in mir, dass es eben nicht in Ordnung ist. Dass ich eben keine Schuld an so manch erschütternden Augenblick trage.

Doch welchen Unterschied macht das? Mir ist bewusst, dass ich die Schuld ablegen muss, um ein Stück in die Richtung der Freiheit zu gehen. Denn die Schuld ist jenes Empfinden, das mir einen Grund gibt, mich einzuschränken und zu maßregeln. Ich habe Buße zu tun und kann mir daher keine Freimütigkeit gewähren. Wie sollte das auch möglich sein?

Führe ich mir vor Augen, welche desaströsen Auswirkungen mein Verhalten mitunter auslöste, möchte ich im Boden versinken. Ja, ich habe viele Entscheidungen nicht aus freien Stücken gefällt, aber so fühlt es sich eben nicht an. Ich sehe die Momente vor meinem inneren Auge und blicke in einen Spiegel, der die Tatsachen verzerrt. Zumindest, wenn ich Dr. Freud Glauben schenken möchte.

Letztlich scheitere ich an mir selbst, weil ich nicht bereit bin, die Erlebnisse umzudeuten und ihnen einen neuen Wert zu geben. Denn ändern wir die Variablen, erhalten wir ein anderes Endergebnis. Ich fürchte mich davor und daher bleibe ich stehen. Verteidige meinen Standpunkt und bestätige meine eigenen toxischen Gedankengänge und Handlungsweisen.

Derzeit fühlt es sich an, als führe ich zwei Leben. Wie zwei Paralleluniversen, zwischen denen ich stetig hin- und herreise. Und eine Stimme in mir sagt mir, dass das nicht der Realität entspricht. Diese Stimme zwingt mich, hinzusehen und zu erkennen, dass es keine zwei Welten sind, sondern bloß mein Leben ist. Mein Leben, dass ich zu gewissen Teilen von mir abgespalten habe. Du das Abstoßen einiger Lebenssequenzen habe ich jedoch auch Empfindungen und Lebendigkeit eingebüßt. Und ja, ich habe immense Angst davor, lebendig zu werden und mich den Dingen zu stellen. Ich wehre mich dagegen und das ist mir absolut bewusst. Ich spüre den Drang in mir, endlich anzufangen, mich den Dämonen zu stellen und in Bewegung zu geraten. Doch ich kann nicht. Ich möchte schreien, weil es so verdammt wehtut und ich will nur noch, dass es aufhört. Aber das wird es nicht. Nicht, wenn ich dem Schmerz und all seinen Begleitern keinen Raum gebe und ihnen zubillige, existieren zu dürfen.

Vor mir liegt eine Zeit voller Erkenntnis und Erfahrung. Ich habe die Chance, zum Leben erwachen zu können. Dafür muss ich jedoch erstmal sterben. Ich muss meine gesamte Identität abwerfen, durch die Hölle gehen und mich Stück für Stück erneut zusammensetzen. Eine Vorstellung, die mir nicht gerade rosig erscheint, doch am Ende die einzige Möglichkeit ist, all das zu überstehen.


Wolkentänzerin

Montag, 25. Januar 2021

Antwortjäger

Manchmal fühle ich mich, als stände ich an einer steilen Klippe. In Mitten des tosenden Sturms blicke ich hinab in die aufgebrachte See. In meinem Kopf existiert dann nur noch diese eine liebreizende Stimme, die mir sanft ins Ohr säuselt, ich solle einfach springen. Endlich das zarte Band des Lebens zerschneiden und mich mutig in die Tiefe stürzen.

Derzeit scheint die Dunkelheit um mich herum an Intensität gewonnen zu haben. Mich quälen Sequenzen meines Lebens und ich schaffe es nicht, Distanz dazu zu gewinnen. Ich fühle mich innerlich zerrissen und mir schwindet erneut der Lebensmut. In mir drängen so viele Fragen, auf die ich keine Antwort erhalten werde. Warum? Weil kein Mensch fähig ist, sie zu beantworten. Weil es Phänomene auf dieser Welt gibt, die nicht zufriedenstellend erklärt werden können.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich auf die Wissenschaft vertraute und glaubte, dort Antworten zu finden. Ich dachte, hätte ich erst alle Schemata durschaut, käme die Erleuchtung ganz von allein. Und ja, ich bekam einen Theorienkatalog und mir wurde beigebracht, menschliches Verhalten in mathematische Formeln zu gießen und anschließend zu analysieren. Mir wurde erläutert, welche Aktion zu welcher Reaktion führen kann. Doch so plausibel sich all das anhörte, es konnte mein Verlangen nach einer Art allumfassenden Verstehens nicht stillen.

Ich möchte verstehen, weshalb Menschen sich gegenseitig furchtbarste Dinge antun. Es gibt nichts, was ein Mensch einem anderen noch nicht angetan hätte. Keine andere Spezies dieser Welt zieht Befriedigung aus sadistischen, brutalen und unvorstellbaren Gräueltaten. Nur der Mensch. Die selbsternannte Krone der Schöpfung besitzt ein derart mächtiges Zerstörungspotential und versteht es, sich dessen zu bemächtigen.

Menschen katalysieren eigene entsetzliche Erfahrungen, indem sie sie anderen zufügen und dadurch jene Macht erfahren, unter der sie selbst zu leiden hatten. Opfer werden zu Tätern und produzieren weitere Opfer. Ein nicht enden wollender Teufelskreis der Gewalt und Vernichtung.

Gesellschaften erfinden wohlklingende Namen, mit denen sie sowohl moralisch als auch ethisch verwerfliche Taten verschleiern können. Sie wollen anderen Menschen Glauben machen, es gäbe eine edle Motivation in ihrem Handeln. Dabei steckt meist nichts anderes als Habgier, Neid, Geltungsdrang, Egoismus oder Angst hinter diesen Taten.

Ich verstehe nicht, was an diesem Leben so reizvoll sein soll. Ich verstehe nicht, warum ich Freude empfinden soll. Ich verstehe nicht, warum ich meine Zukunft planen soll.

Am Ende ist es doch so: wir jagen irrealen Fantasien nach. Wir sind gefangen in gesellschaftlichen Strukturen, die uns diktieren, wie das ideale Leben auszusehen hat. Ein Ausstieg ist kaum möglich.

Ja, ich kann mir auf die Fahnen schreiben, meine Lebenszeit damit zu füllen, anderen Menschen eine Hilfe zu sein. Ja, ich kann zu Teilen Gutes in dieser Welt bewirken. Ja, ich kann aufstehen und mich für Menschen stark machen, die schutz- und hilflos sind. Ja, ich kann eine Stimme für Menschen sein, die sich selbst nicht äußern können. Das alles sind zweifelsohne sinnvolle Inhalte, mit denen sich ein Leben füllen ließe. Aber es wird niemals aufhören. Solange es den Menschen geben wird, wird es ebenfalls unfassbares Leid auf dieser Erde geben. Allein der Mensch ist schließlich sogar fähig dazu, seine eigene Existenzgrundlage, diesen Planeten, zu zerstören. Wie absurd ist das?

Wir werden alle sterben. Das ist eine unausweichliche Wahrheit, die jeden einzelnen von uns betrifft. Was genau ändert die Anzahl an Lebensjahren daran? Der Mensch kommt und geht. Nichts ist je von Dauer. Ich kann weiterhin kämpfen und versuchen, meine Seelensplitter mühsam zusammenzusetzen. In der Hoffnung, irgendwann in diese Gesellschaft und dieses Leben zu passen. Mit dem Ziel, irgendwann mit meiner inneren Dunkelheit leben zu können. Ich kann all meine Energie aufwenden und mich nach Kräften bemühen, das Böse nicht gewinnen zu lassen. Ja, all das kann ich.

Allerdings sehe ich den Sinn darin nicht. Ich könnte genauso gut heute aus dem Leben scheiden. Es machte unterm Strich keinen Unterschied. Zumindest nicht für mich.

Niemand kann mir sagen, worin genau der Unterschied bestehen soll. Ja, es ist unsagbar traurig, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben scheidet. Keine Frage. Es ist ein Schmerz, der schwer bis kaum erträglich ist und ich selbst weiß, wie grausam eine solche Erfahrung ist.

Jedoch im Leben zu bleiben, um andere nicht traurig zu machen, ist ein schwaches Argument. Denn letztlich wird es so oder so passieren. Lediglich der Zeitpunkt würde variieren. Also: worin besteht der Sinn, dieses Leben nicht eher zu verlassen, sondern auf den Moment zu warten, an dem es auf „natürliche“ Weise geschieht?

Ich habe mir selbst das Versprechen abgenommen, der Therapie eine Chance zu geben. Dazu gehört, dass ich hundertprozentig bei der Sache bin und mitarbeite. Daran ändern meine Gedanken nichts. Denn ich kann keine Behauptungen aufstellen und gleichzeitig unwillig sein, mir Gegenargumente anzuhören. Zum Diskutieren gehören schließlich eine wertschätzende Atmosphäre und die Bereitschaft, die eigene Meinung zu hinterfragen. Ich bleibe also auf der Suche und hoffe, irgendwann Antworten zu finden. Und wenn nicht habe ich ja noch Plan B. 


 

Wolkentänzerin

Sonntag, 24. Januar 2021

Von den Namen des Zufalls

 Dr. Freud sagt, er habe großen Respekt davor, wie ich mein Leben bisher gemeistert habe. Wie gut es mir gelungen sei, im Alltag zu funktionieren und ein gewisses Maß an Ich-Stärke zu entwickeln.

Doch darin liegt, meiner Meinung nach, sicher keine persönliche Leistung. Nein, stattdessen war es eine Reihe zufälliger Ereignisse, die mich zu dem machten, was ich heute bin. Es wäre vermessen, mir deshalb auf die Schulter zu klopfen und einen falschen Stolz zu empfinden.

Menschen reden nur allzu gern von Glück, wenn ihnen etwas Positives widerfährt. Oder sie sprechen von Unglück, wenn eben genau das Gegenteil eintritt und das erhoffte Ergebnis ausbleibt. Dabei sind Glück und Unglück nichts anderes als sehr individuell bewertete Zufälle.

Was aus einem Menschen wird, unterliegt einer großen Anzahl an zufälligen Wendungen des persönlichen Werdeganges. Auf die meisten davon haben wir kaum oder gar keinen Einfluss. Es obliegt nicht unserer Entscheidung, in welchen sozioökonomischen Kontext wir hineingeboren werden. Ebenso wenig wie die jeweilige familiäre Dynamik oder jene Ideologie, die unser Leben maßgeblich formen wird. Uns wird ein Wertesystem eingeflößt, das wir erst viele Jahre später zu hinterfragen imstande sein werden. Bis dahin haben wir jedoch unzählige wegweisende Entscheidungen getroffen und unsere Persönlichkeit dadurch geformt.

Mir erscheint es sehr absurd, Zufälle in Kategorien einzuteilen und ihnen somit einen höheren Wert beizumessen, als letztlich angebracht wäre. Denn, dass ich bin, wer ich bin, ist nicht mein Verdienst. Es ist bloß das Zusammenspiel unzähliger kleiner Puzzleteile, die am Ende ein Gesamtbild ergeben.

Wie arrogant wäre es zu behaupten, dass ich heute da bin, wo ich bin, habe ich mir allein zu verdanken? Das ist sicher nicht mal im Entferntesten die Wahrheit. Nein, ich bin ein Gebilde aus unzähligen Zufällen. Wie ein jeder von uns.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es persönliche Erfolge oder berechtigten Stolz gibt. Doch ich denke, dass es nie verkehrt ist, einen Schritt zurückzutreten und sich zu überlegen, welche ungreifbare Anzahl an Stellschrauben dabei mitwirkten, dieses Ereignis erst möglich zu machen. 


 

Wolkentänzerin