So schwer es mir gestern fiel, meine Gedanken
niederzuschreiben, so einfach fällt es mir heute. Ich weiß nicht, was den
Anlass dazu gegeben hat. Die Worte sprudeln heute auf jeden Fall wie eine unter Druck stehende
Fontäne aus mir heraus. Es fühlt sich an, als habe jemand das Ventil aufgedreht. Ich kann mit jedem Buchstaben die ersehnte Erleichterung deutlich wahrnehmen.
Keine Ahnung warum, aber ich muss schon den gesamten Tag
über an mein inneres Kind denken. Dabei hege ich keine große Sympathie oder gar
Empathie für diese kleine Gestalt, die in mir lebt. Es wäre sogar richtig zu
sagen, dass ich dieses winzige Geschöpf in mir hasse. Ich wünschte, ich könnte
diesen Teil meiner Persönlichkeit aus mir herausschneiden. Tja, ich habe es
sogar versucht – es hat leider nicht funktioniert.
Um mich mir selbst erklärbar zu machen, habe ich einige
Bilder entwickelt, die es mir ermöglichen, mich meinem Inneren anzunähern. Es
hilft mir, innere Vorgänge als Metaphern auszudrücken. Dann sind sie zwar
plastisch und verstehbar, aber auch entmystifiziert und etwas weniger schmerzhaft.
Ich stelle mir mein Innenleben gern als Wohnung vor. Dort
gibt es unterschiedliche Räume. Keiner gleicht dem anderen und alle haben ihren eigenen Sinn.
Zum einen ist dort das Wohnzimmer. Es nimmt den meisten
Platz in meiner Wohnung ein. Lediglich ein Holzofen an einer steinernen Wand
versorgt diesen Ort mit warmem Licht und sorgt für eine schummrige Atmosphäre.
Das Mobiliar sagt mir leider nicht ganz zu. Denn wie alle anderen Räume in
meiner Wohnung wurde es zu großen Teilen nicht von mir selbst ausgesucht. Es wurde von jenen Menschen ausgesucht, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind und mich zu dem machten, was ich heute bin.
Allerdings tröstet
mich ein riesiges Bücherregal über diese Tatsache hinweg. Es erstreckt sich über die
gesamte Breite einer der Wände. Die Welt der Bücher war schon immer essenziell
für mich. Wenn die Last der Realität mich zu zerquetschen drohte, nahm ich mir
eins meiner Lieblingsbücher zur Hand und tauchte in eine andere Welt ab. Sozusagen eine Wolke aus Papier und Tinte.
Ansonsten befindet sich in meinem Wohnzimmer noch ein Sofa und eine flauschige Decke.
Wird mir die Welt vor meinen Augen zu unerträglich, ziehe
ich mich in mich zurück, setze mich auf das Sofa, decke mich zu und nehme mir
ein Buch zur Hand. Meistens leisten mir dann all die Tiere Gesellschaft, die mich
eine gewisse Zeit meines Lebens begleitet haben. Erst vor Kurzem starb mein
über alles geliebter Kater in meinen Armen. Ein herber Verlust, den ich noch
nicht ganz überwunden habe. Er war definitiv der beste Seelentröster, den ich
hätte haben können. So habe ich ihn immerhin noch gedanklich bei mir.
Zusätzlich zum Wohnzimmer gibt es in meiner Wohnung noch
einen kleinen Raum und einen Bunker.
In den Bunker flüchte ich immer dann, wenn ich den intensiven
Bildern und dem Wiedererleben nicht entkommen kann. Wenn ich das Gefühl habe, dass
zwischen den Monstern und mir kaum noch Abstand ist. Wenn die Bewohner, die
ebenfalls in meiner Wohnung leben, nicht mehr zu kontrollieren sind. Wenn ich
bei ihnen mit guten Worten nichts mehr erreichen kann. Wenn die
Zerstörungskraft meiner inneren Dämonen zu groß wird. Wenn ich das Gefühl habe,
von innen heraus zu verbrennen. Wenn ich blanke Angst vor mir selbst habe.
Dann
verschanze ich mich in einer Festung aus dicken Mauern und einer massiven
Stahltür. Dorthin gelangt kein Ton, kein Licht, kein Leben. In diesem Bunker
ist nichts als tiefstes Schwarz. Alles hört auf zu existieren. Dort kann ich
aufhören zu kämpfen. Dort kann ich mich für einen Moment ergeben und ins
Nichts fallen lassen.
Der Besuch dieses Ortes ist leider enorm anstrengend.
Alles abzuschalten und mich vollkommen taub zu machen, bedarf einer Menge
Kraft. Außerdem lässt es mich den Geschmack von Freiheit kosten. Ein Geschmack wie süßlicher
Nektar, der sich in meinem Mund ausbreitet und mir den Durst auf mehr beschert.
Daher ist der Aufenthalt in meinem Schutzbau zeitlich limitiert. Ich
darf mich dieser Versuchung nicht zu stark hingeben. Denn je länger ich dortbleibe,
desto größer wird das Risiko, dass ich nicht mehr zurückkehre.
Ja, und dann gibt es da noch diesen einen ganz besonderen Bewohner.
Ein Wesen, das ich nur allzu gern loswürde: mein inneres Kind.
Ich kann mit dieser kleinen Gestalt nicht umgehen. Nicht
selten löst es schier unerträgliche Gefühle in mir aus. Gefühle, die mein Herz
zum Zerspringen bringen.
Also schmiedete ich einen Plan. Ich dachte, wenn ich
aufhöre, diesem winzigen Wesen Aufmerksamkeit zu schenken, dann verschwindet es
vielleicht von allein. Quasi eine ressourcenschonende Problemlösung.
Doch Fehlanzeige. Stattdessen fing das Kind irgendwann an zu
jammern. Erst sehr leise, kaum wahrnehmbar. Dann steigerte sich die Lautstärke,
bis es sich irgendwann zu einem grässlichen Schreien entwickelt hatte. Ich
versuchte, dem Lärm mit Musik entgegenzuwirken. Also setzte ich mir Kopfhörer
auf und ließ meine Ohren unter anderem von Alice Cooper mit „Poison“ betäuben
(die Ironie daran ging mir erst viel später auf). Tatsächlich half es auch. Zumindest
für eine Weile. Bis die Gestalt darauf reagierte, indem es sich direkt vor mich
stellte und mich einfach nur anstarrte. Dieser vorwurfsvolle, verletzte Blick
durchdrang jede Zelle meines Seins und durchstach mich wie tausende Nadelstiche.
Als Ergebnis daraus richtete ich meinem inneren Kind ein
eigenes Zimmer ein. Ich dachte, wenn es merkt, dass es einen festen Platz in
meiner Wohnung hat, beruhigt es sich und lässt mich in Ruhe. Mein Vorhaben
schien anfänglich auch Früchte zu tragen. Naja, bis es dann wieder anfing zu
schluchzen. Und egal, was ich auch versuchte, ich konnte es nicht trösten.
Offen gestanden, waren meine Versuche auch eher halbherziger Natur. Denn mein
Mitleid für dieses Kind hält sich mehr als in Grenzen. Ich finde es abstoßend. Ich
finde, es hat kein Recht, derart schwach und jämmerlich zu sein. Immerhin hat es
sich die ganze Miesere, in der es steckt, doch selbst eingebrockt.
Irgendwann ging ich dazu über, die nervtötende Gestalt in
seinem Zimmer einzusperren. Es half nichts. Sie tauchte immer wieder vor mir
auf. Meine Geduld war zunehmend am Ende und meine Hilflosigkeit verwandelte
sich in Wut. Ich schrie das Kind an. Ich beschimpfte es. Ich versuchte sogar,
es umzubringen. Es verschwand daraufhin auch. Allerdings nur, um nach ein paar
Tagen noch entsetzlich dreinschauender wiederzukehren. Der Schuss ging gehörig
nach hinten los.
Mittlerweile will ich bloß noch, dass es endlich still ist. Dabei
weiß ich, dass das nur gelingt, wenn ich anerkenne, dass ich dieses Kind war
und bin. Dass dieses Kind Abbild meiner inneren Wunden und unverarbeiteten
Traumata ist.
Ach man, was für ein verdammter Mist das doch alles ist.
Warum tun Menschen einem so weh und zwingen einem dann auch noch die elendige
Aufgabe auf, die ganze Hölle erneut zu durchleben? Ich meine, weshalb muss der
Mensch zum Wiederkäuer werden, um schlechte Dinge zu verarbeiten, während positive
Empfindungen niemals wieder so intensiv werden wie im Moment des Erlebens? Klar,
wenn einem ein rostiges Messer im Körper steckt, muss man es wohl oder übel
herausziehen, um nicht Gefahr zu laufen, an einer Sepsis zu sterben. Aber
fair ist das definitiv nicht. Wobei, was ist in dieser Welt schon fair?
Wolkentänzerin
sooo traurig ,,,, aber ja, was für ein seltsamer zufall, ich habe gerade heute ein bild über (ein anderes) inneres kind auf facebook gepostet. hat sie mich auf deinen blog geführt? wer weiß?
AntwortenLöschenalles gute, liebe wolkentänzerin und bis demnächst mal wieder ...
ps: das andere innere kind (ich hoffe, der häßliche link funktioniert zumindest): https://lh3.googleusercontent.com/pw/ACtC-3dKpyK5b_Vm26DsF1vDd35H1jVHB9Q63igS5yPM-_lFtdLYHJZQ-nDqqVnfzsiHUNL3pyiZN7hlFyaJyeH9oLJSyIDTKztMa-X71XtkzZ6KfCVJ1pNstXVQA2MMePG05wqabwnlFV82LD8e5_FWlkzHcg=w762-h787-no?authuser=0