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Dienstag, 23. Februar 2021

Seelendunst

Dienstage sind Wolkentage. Sie sind die Tage danach. Nach der Therapie. Der Staub, der montags aufgewirbelt wird, flirrt dienstags durch die Luft. Wie winzig kleine Splitter tanzt er über die Oberfläche. Vielleicht sind es Fragmente meiner Seele, die durch die Atmosphäre geschleudert werden. Orientierungslos schwirren sie über der Oberfläche dahin. Ein jedes wird von der Sonne angestrahlt und reflektiert auf seine ganz eigene Weise. Ein säuselnder Wind trägt die Seelenteile mal weiter weg und mal näher zu mir heran. Doch scheinbar fehlt dem pudrigen Nebel die eine bestimmte Anziehungskraft, um sich wieder zu legen. Stattdessen hält die Verstreuung an und macht sich breit. Der Seelendunst nimmt mir die Sicht und macht mir das Atmen schwer. Ich fühle mich wie in einer Wolke. Manchmal bleibe ich wie angewurzelt stehen und blicke fasziniert in die glitzernden Splitter. Dann bewegen mich die unterschiedlichsten Gedanken und ich fühle mich, als wäre ich einer vollkommen anderen Welt.

An Dienstagen fehlt mir oft der Kontakt zu dieser Erde. Ich höre, was die Menschen um mich herum sagen und ich nehme meine Aufgaben wahr. Aber ich bin nicht präsent. Eine unbeschreibliche Taubheit erfüllt mich. Sicher ein Abwehrmechanismus, um mich den Gefühlen nicht stellen zu müssen. Mein Nervensystem ist derart überreizt, dass es sich zum Eigenschutz runterfährt. Außerdem friere ich dienstags übermäßig stark. Mir läuft es ständig eiskalt den Rücken hinunter. Sowohl äußerlich als innerlich.

Dieser Zustand ist schwer änderbar und ich verurteile mich dafür. Ein gefundenes Fressen für mich, mich zu kritisieren und abzuwerten. Daher werde ich mich gleich auf mein Fahrrad schwingen, um mich nicht wieder anderweitig zu verletzen und so versuchen, dem Nebel und mir für einen Moment zu entkommen. Wobei vor sich selbst wegzulaufen wohl niemals die beste Lösung ist. Für den Augenblick ist das jedoch das Einzige, womit ich mir zu helfen weiß.


 

Wolkentänzerin

Montag, 22. Februar 2021

Die Dunkelheit in Raum und Zeit

Montags ist Therapietag. Zumindest noch. Ab nächster Woche werden es dann zwei Termine pro Woche. Wir steigern uns. Naja, immerhin was die Häufigkeit unserer Gespräche betrifft. Denn was den Inhalt betrifft, bin ich mir über eine Bewertung hinsichtlich etwaiger Fortschritte nicht so sicher.

Heute haben wir wieder über die Schuld gesprochen. Dr. Freud hat erneut wiederholt, dass ich keine Schuld trage, weil ich ein Kind war und lediglich die betreffenden Erwachsenen verantwortlich waren. Das klingt einfach. Zu einfach. Ich kann seine Worte nicht akzeptieren. In mir sträubt sich bei diesen Aussagen alles. Letztlich ist das aber wohl ein gutes Zeichen, oder? Ich meine, ließen mich seine Sätze gänzlich kalt, hieße das im Umkehrschluss, dass die Therapie zweckfrei wäre. Nichts käme in Bewegung. Nichts änderte sich. Vielleicht sollte ich anfangen, es häufiger aus dieser Perspektive zu betrachten.

Während unseres Gespräches tauchten immer wieder Sequenzen meines Lebens vor meinem inneren Auge auf und katapultierten mich eine Zeitlang in eine andere Sphäre. Über all die Jahre habe ich gelernt, die Intrusionen zu kontrollieren. In Situationen, in denen ich mich besonders reglementiere, klappt das auch ganz gut. Ich kann mich zurück ins Hier und Jetzt holen. Allerdings kostet das eine große Portion Kraft und ist daher nicht endlos aufrecht zu halten. Bin ich allein, lasse ich meinen Geist daher oft ziehen. Dann fliege ich durch Raum und Zeit und finde mich an unterschiedlichsten Stellen meines Lebens wieder. Eine Begebenheit führt zur nächsten. Ein Schlüsselreiz jagt den anderen. Auf diese Weise können Stunden vergehen, ohne, dass ich hinterher sagen könnte, ich hätte sie wahrhaftig erlebt. Es sind zeitliche Einheiten meines Lebens, die ich in einer Welt verbrachte, die bloß in mir existiert. Sie besteht aus Ruinen meiner Vergangenheit und kehre ich dann am Ende zurück, bin ich verwirrt, abgekämpft, verletzt und voller Selbsthass.  

Dr. Freud hat mich heute gebeten, ihn an meinen Bilder teilhaben zu lassen. Er möchte wissen, was ich sehe und denke, während wir miteinander sprechen. Ich soll ihm sagen, was ich empfinde. In der Theorie klingt das durchaus machbar. Aber versuche ich es schließlich, bringe ich keinen Ton hervor. Ich komme mir unfassbar dumm, inkompetent und schwach vor. Ich schäme mich für meine Gedanken und fühle mich abrupt unwohl in meiner Haut. Eine Schnittstelle zwischen meiner Seelenwelt und der äußeren Atmosphäre zu schaffen, jagt mir eine Heidenangst ein. Meist stammle ich bloß dämlich vor mich hin und scheitere bereit bei dem Versuch, auch nur einen einzigen sinnvollen Satz von mir zu geben.

Meine Gedanken zu verschriftlichen ist deutlich einfacher. Ich kann meine Finger über die Tastatur schweben lassen und die Buchstaben aneinanderreihen. Zwar lese ich, was ich hier schreibe, aber es hat doch eine gewisse Distanz zu mir. Und auch das Geschriebene hat seine Grenzen. Ich kann umschreiben, was war. Ich kann Metaphern finden und mir damit behelfen. Allerdings bin ich unfähig, die Dinge konkret zu beschreiben. Ihnen eine realistische Form zu geben. Ich spreche die Begriffe nicht aus. Zum einen, weil ich mir noch immer nicht sicher bin, dass sie passen. Und zum anderen, weil mich die Worte schmerzen. Aber das ist wohl eine andere Geschichte und soll an einer anderen Stelle erzählt werden.

Zwischendurch fragte mich Dr. Freud heute, was passieren wird, wenn ich anfange, die Gefühle zu empfinden, die ich vollständig von mir abgespalten habe. Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Mit dieser Frage habe ich mich in letzter Zeit intensiv beschäftigt und einige Szenarien entworfen. Keine davon erscheint mir annähernd rosig. Ja, was ist, wenn ich anfange, zu fühlen? Im Grunde möchte ich es nicht wissen. Doch ich schätze, ich werde es früher oder später herausfinden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Ich bin erschöpft und enorm müde. Nicht nur physisch. Vielmehr habe ich das Gefühl, mich in einer nicht enden wollenden Dunkelheit zu befinden. Jeder Schritt ist wackelig. In meinen Augen sind lediglich die Stäbchen aktiv – alles erscheint grau. Ich kann meine Umgebung nicht mehr erkennen. Sie sind formlosen Umrissen gewichen, die mir Rätsel aufgeben. Ich fühle mich orientierungslos. Mir kommt es vor, als irre ich schon eine Ewigkeit durch die Nacht. Ohne zu wissen, wohin ich eigentlich will. Vielleicht habe ich mich auch nur im Kreis gedreht. Das würde zumindest meine Übelkeit erklären.

Ich möchte bloß noch schreien. Ich möchte mir die Seele aus dem Leib schreien, weil ich dieses innere Entsetzen nicht ertrage. Es lässt mich nicht in Ruhe und ich fühle einen so mächtigen Schmerz in mir, dass es mir mitunter den Atem raubt.

In meinem Leben habe ich nach außen immer versucht, die Starke zu mimen. Ich habe mir geschworen, niemanden sehen zu lassen, was in mir vorgeht. All meine Kraft verwendete ich dazu, ein funktionierendes Ich zu erschaffen, das sich um andere kümmert und gibt. Ich spüre jedoch, dass ich das nicht mehr leisten kann.

Am liebsten möchte ich aussteigen und den Lebenszug verlassen. Ich möchte all das nicht erneut durchleben. Mich nicht damit beschäftigen, was es mit mir machte. Mich nicht mit diesem Leben auseinandersetzen. Ich möchte mir die Pulsadern aufschneiden und mich verbluten lassen. Ich möchte mich quälen und dafür bestrafen, dass ich bin, wer ich bin. Ich möchte all dem ein gewaltsames Ende setzen. Doch das ist keine Option. Ich weiß, dass diese Gedanken ein Symptom meines Lebens sind. Sie sind ein Teil des toxischen Systems, das ich versuche zu bekämpfen. Gebe ich jetzt auf, war alles tatsächlich und unabänderlich sinnfrei.


 

Wolkentänzerin

Sonntag, 21. Februar 2021

Die Komplimentefalle

Als ich jünger war, hatte ich nie das Gefühl, mich könne jemand mögen. Ich habe mich stets als Außenseiterin gesehen, die nirgendwo hineinzupassen schien. Es gab kaum Freunde in meinem Leben. Keinen Menschen, auf den ich mich zu hundert Prozent hätte verlassen können. Niemand, dem ich zugebilligt hätte, meinen inneren Kern zu sehen. Ich fing früh damit an, eine gewisse Scharade zu spielen. Bis zur Perfektion kreierte ich einen Menschen, den ich nach außen hin präsentieren wollte.

Seit ich denken kann, ist da diese unermessliche Scham. Ich schäme mich ob meiner Selbst. In sozialen Kontexten bin ich enorm unsicher und denke, mein Gegenüber könne mich überhaupt nicht mögen. Ich halte mich für hässlich. Blickt mich jemand an oder gehen zwei Menschen hinter mir her, glaube ich, sie würden sich über mich lustig machen, weil ich so komisch aussehe. Mal ganz abgesehen davon, dass das ziemlich egozentrisch ist, ist es definitiv kein schönes Gedankengut. Macht mir ein Mensch ein Kompliment, wird mir übel und mich überkommt eine intensive Beklemmung. Einerseits freue ich mich. Keine Frage. Doch auf der anderen Seite ist da diese unbändige Angst. Angst davor, derjenige mache sich bloß einen Spaß aus mir. Als wolle er mir eine Falle stellen. Denn ich fürchte, mein Gegenüber habe das Kompliment geäußert, um zu sehen, ob ich darauf eingehe. Tue ich es, wird er mich auslachen und mich fragen, wie ich annehmen könne, dass das erstgemeint war. Immerhin ist es doch sehr abwegig, dass das Gesagte tatsächlich stimmen könnte.

Ich weiß, dass das Ablehnen von Komplimenten häufig mit kokettieren verwechselt werden kann. Und vielleicht ist es im Kern das gleiche Motiv, das dahintersteckt. Doch ich kann nur sagen, dass ich nicht möchte, dass mein Gegenüber das Gesagte wiederholt. Ich möchte, es einfach nicht hören. Es ist mir schlicht und ergreifend höchst unangenehm und beschämt mich. In meinem Kopf werden zudem all die vernichtenden Stimmen laut und quälen mich.

Es gibt vieles, was mir unangenehm ist und Angst in mir auslöst: Menschenansammlungen, Situationen, in denen ich im Fokus stehe wie Vorträge, Behördengänge oder Arztbesuche, die erwähnten Komplimente und Gespräche, in denen ich mich behaupten muss. Sicher könnten dieser Auflistung noch weitere Punkte hinzugefügt werden, doch ich möchte es an dieser Stelle dabei belassen.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffen kann, mit diesen Dingen umzugehen zu lernen. Doch ich denke, ich werde es in die morgige Therapiesitzung mit Dr. Freud mitnehmen und schauen, was sich daraus entwickeln wird. 


 

Wolkentänzerin

Freitag, 19. Februar 2021

Zwei Universen in einer Welt

Dr. Freud hat vorgeschlagen, dass wir uns nun zu Beginn jeder Therapiesitzung mit dem Motiv der Schuld beschäftigen. Zum einen denkt er, dass das eine gute Möglichkeit sei, dem Schweigen entgegenzuwirken. Und, zum anderen meint er, dass die Schuld eins der größten Themen in mir sei.

Zum zweiten Punkt finde ich weder ein Argument der Zustimmung noch der Ablehnung. Ich möchte gerne sagen, dass ich mich nicht aus falschen Gründen schuldig fühle. Dass diese Empfindung seine Berechtigung habe und wir nichts daran ändern müssen. Immerhin muss es so sein. Es ist richtig, dass sich die eiskalte Hand der übermächtigen Schuld um meinen Hals legt und mir dann und wann die Luft abdrückt. Nichts anderes habe ich verdient. Nichts anderes wäre auch nur ansatzweise in Ordnung. Gleichzeitig weiß und spüre ich irgendwo in mir, dass es eben nicht in Ordnung ist. Dass ich eben keine Schuld an so manch erschütternden Augenblick trage.

Doch welchen Unterschied macht das? Mir ist bewusst, dass ich die Schuld ablegen muss, um ein Stück in die Richtung der Freiheit zu gehen. Denn die Schuld ist jenes Empfinden, das mir einen Grund gibt, mich einzuschränken und zu maßregeln. Ich habe Buße zu tun und kann mir daher keine Freimütigkeit gewähren. Wie sollte das auch möglich sein?

Führe ich mir vor Augen, welche desaströsen Auswirkungen mein Verhalten mitunter auslöste, möchte ich im Boden versinken. Ja, ich habe viele Entscheidungen nicht aus freien Stücken gefällt, aber so fühlt es sich eben nicht an. Ich sehe die Momente vor meinem inneren Auge und blicke in einen Spiegel, der die Tatsachen verzerrt. Zumindest, wenn ich Dr. Freud Glauben schenken möchte.

Letztlich scheitere ich an mir selbst, weil ich nicht bereit bin, die Erlebnisse umzudeuten und ihnen einen neuen Wert zu geben. Denn ändern wir die Variablen, erhalten wir ein anderes Endergebnis. Ich fürchte mich davor und daher bleibe ich stehen. Verteidige meinen Standpunkt und bestätige meine eigenen toxischen Gedankengänge und Handlungsweisen.

Derzeit fühlt es sich an, als führe ich zwei Leben. Wie zwei Paralleluniversen, zwischen denen ich stetig hin- und herreise. Und eine Stimme in mir sagt mir, dass das nicht der Realität entspricht. Diese Stimme zwingt mich, hinzusehen und zu erkennen, dass es keine zwei Welten sind, sondern bloß mein Leben ist. Mein Leben, dass ich zu gewissen Teilen von mir abgespalten habe. Du das Abstoßen einiger Lebenssequenzen habe ich jedoch auch Empfindungen und Lebendigkeit eingebüßt. Und ja, ich habe immense Angst davor, lebendig zu werden und mich den Dingen zu stellen. Ich wehre mich dagegen und das ist mir absolut bewusst. Ich spüre den Drang in mir, endlich anzufangen, mich den Dämonen zu stellen und in Bewegung zu geraten. Doch ich kann nicht. Ich möchte schreien, weil es so verdammt wehtut und ich will nur noch, dass es aufhört. Aber das wird es nicht. Nicht, wenn ich dem Schmerz und all seinen Begleitern keinen Raum gebe und ihnen zubillige, existieren zu dürfen.

Vor mir liegt eine Zeit voller Erkenntnis und Erfahrung. Ich habe die Chance, zum Leben erwachen zu können. Dafür muss ich jedoch erstmal sterben. Ich muss meine gesamte Identität abwerfen, durch die Hölle gehen und mich Stück für Stück erneut zusammensetzen. Eine Vorstellung, die mir nicht gerade rosig erscheint, doch am Ende die einzige Möglichkeit ist, all das zu überstehen.


Wolkentänzerin

Montag, 25. Januar 2021

Antwortjäger

Manchmal fühle ich mich, als stände ich an einer steilen Klippe. In Mitten des tosenden Sturms blicke ich hinab in die aufgebrachte See. In meinem Kopf existiert dann nur noch diese eine liebreizende Stimme, die mir sanft ins Ohr säuselt, ich solle einfach springen. Endlich das zarte Band des Lebens zerschneiden und mich mutig in die Tiefe stürzen.

Derzeit scheint die Dunkelheit um mich herum an Intensität gewonnen zu haben. Mich quälen Sequenzen meines Lebens und ich schaffe es nicht, Distanz dazu zu gewinnen. Ich fühle mich innerlich zerrissen und mir schwindet erneut der Lebensmut. In mir drängen so viele Fragen, auf die ich keine Antwort erhalten werde. Warum? Weil kein Mensch fähig ist, sie zu beantworten. Weil es Phänomene auf dieser Welt gibt, die nicht zufriedenstellend erklärt werden können.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich auf die Wissenschaft vertraute und glaubte, dort Antworten zu finden. Ich dachte, hätte ich erst alle Schemata durschaut, käme die Erleuchtung ganz von allein. Und ja, ich bekam einen Theorienkatalog und mir wurde beigebracht, menschliches Verhalten in mathematische Formeln zu gießen und anschließend zu analysieren. Mir wurde erläutert, welche Aktion zu welcher Reaktion führen kann. Doch so plausibel sich all das anhörte, es konnte mein Verlangen nach einer Art allumfassenden Verstehens nicht stillen.

Ich möchte verstehen, weshalb Menschen sich gegenseitig furchtbarste Dinge antun. Es gibt nichts, was ein Mensch einem anderen noch nicht angetan hätte. Keine andere Spezies dieser Welt zieht Befriedigung aus sadistischen, brutalen und unvorstellbaren Gräueltaten. Nur der Mensch. Die selbsternannte Krone der Schöpfung besitzt ein derart mächtiges Zerstörungspotential und versteht es, sich dessen zu bemächtigen.

Menschen katalysieren eigene entsetzliche Erfahrungen, indem sie sie anderen zufügen und dadurch jene Macht erfahren, unter der sie selbst zu leiden hatten. Opfer werden zu Tätern und produzieren weitere Opfer. Ein nicht enden wollender Teufelskreis der Gewalt und Vernichtung.

Gesellschaften erfinden wohlklingende Namen, mit denen sie sowohl moralisch als auch ethisch verwerfliche Taten verschleiern können. Sie wollen anderen Menschen Glauben machen, es gäbe eine edle Motivation in ihrem Handeln. Dabei steckt meist nichts anderes als Habgier, Neid, Geltungsdrang, Egoismus oder Angst hinter diesen Taten.

Ich verstehe nicht, was an diesem Leben so reizvoll sein soll. Ich verstehe nicht, warum ich Freude empfinden soll. Ich verstehe nicht, warum ich meine Zukunft planen soll.

Am Ende ist es doch so: wir jagen irrealen Fantasien nach. Wir sind gefangen in gesellschaftlichen Strukturen, die uns diktieren, wie das ideale Leben auszusehen hat. Ein Ausstieg ist kaum möglich.

Ja, ich kann mir auf die Fahnen schreiben, meine Lebenszeit damit zu füllen, anderen Menschen eine Hilfe zu sein. Ja, ich kann zu Teilen Gutes in dieser Welt bewirken. Ja, ich kann aufstehen und mich für Menschen stark machen, die schutz- und hilflos sind. Ja, ich kann eine Stimme für Menschen sein, die sich selbst nicht äußern können. Das alles sind zweifelsohne sinnvolle Inhalte, mit denen sich ein Leben füllen ließe. Aber es wird niemals aufhören. Solange es den Menschen geben wird, wird es ebenfalls unfassbares Leid auf dieser Erde geben. Allein der Mensch ist schließlich sogar fähig dazu, seine eigene Existenzgrundlage, diesen Planeten, zu zerstören. Wie absurd ist das?

Wir werden alle sterben. Das ist eine unausweichliche Wahrheit, die jeden einzelnen von uns betrifft. Was genau ändert die Anzahl an Lebensjahren daran? Der Mensch kommt und geht. Nichts ist je von Dauer. Ich kann weiterhin kämpfen und versuchen, meine Seelensplitter mühsam zusammenzusetzen. In der Hoffnung, irgendwann in diese Gesellschaft und dieses Leben zu passen. Mit dem Ziel, irgendwann mit meiner inneren Dunkelheit leben zu können. Ich kann all meine Energie aufwenden und mich nach Kräften bemühen, das Böse nicht gewinnen zu lassen. Ja, all das kann ich.

Allerdings sehe ich den Sinn darin nicht. Ich könnte genauso gut heute aus dem Leben scheiden. Es machte unterm Strich keinen Unterschied. Zumindest nicht für mich.

Niemand kann mir sagen, worin genau der Unterschied bestehen soll. Ja, es ist unsagbar traurig, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben scheidet. Keine Frage. Es ist ein Schmerz, der schwer bis kaum erträglich ist und ich selbst weiß, wie grausam eine solche Erfahrung ist.

Jedoch im Leben zu bleiben, um andere nicht traurig zu machen, ist ein schwaches Argument. Denn letztlich wird es so oder so passieren. Lediglich der Zeitpunkt würde variieren. Also: worin besteht der Sinn, dieses Leben nicht eher zu verlassen, sondern auf den Moment zu warten, an dem es auf „natürliche“ Weise geschieht?

Ich habe mir selbst das Versprechen abgenommen, der Therapie eine Chance zu geben. Dazu gehört, dass ich hundertprozentig bei der Sache bin und mitarbeite. Daran ändern meine Gedanken nichts. Denn ich kann keine Behauptungen aufstellen und gleichzeitig unwillig sein, mir Gegenargumente anzuhören. Zum Diskutieren gehören schließlich eine wertschätzende Atmosphäre und die Bereitschaft, die eigene Meinung zu hinterfragen. Ich bleibe also auf der Suche und hoffe, irgendwann Antworten zu finden. Und wenn nicht habe ich ja noch Plan B. 


 

Wolkentänzerin

Sonntag, 24. Januar 2021

Von den Namen des Zufalls

 Dr. Freud sagt, er habe großen Respekt davor, wie ich mein Leben bisher gemeistert habe. Wie gut es mir gelungen sei, im Alltag zu funktionieren und ein gewisses Maß an Ich-Stärke zu entwickeln.

Doch darin liegt, meiner Meinung nach, sicher keine persönliche Leistung. Nein, stattdessen war es eine Reihe zufälliger Ereignisse, die mich zu dem machten, was ich heute bin. Es wäre vermessen, mir deshalb auf die Schulter zu klopfen und einen falschen Stolz zu empfinden.

Menschen reden nur allzu gern von Glück, wenn ihnen etwas Positives widerfährt. Oder sie sprechen von Unglück, wenn eben genau das Gegenteil eintritt und das erhoffte Ergebnis ausbleibt. Dabei sind Glück und Unglück nichts anderes als sehr individuell bewertete Zufälle.

Was aus einem Menschen wird, unterliegt einer großen Anzahl an zufälligen Wendungen des persönlichen Werdeganges. Auf die meisten davon haben wir kaum oder gar keinen Einfluss. Es obliegt nicht unserer Entscheidung, in welchen sozioökonomischen Kontext wir hineingeboren werden. Ebenso wenig wie die jeweilige familiäre Dynamik oder jene Ideologie, die unser Leben maßgeblich formen wird. Uns wird ein Wertesystem eingeflößt, das wir erst viele Jahre später zu hinterfragen imstande sein werden. Bis dahin haben wir jedoch unzählige wegweisende Entscheidungen getroffen und unsere Persönlichkeit dadurch geformt.

Mir erscheint es sehr absurd, Zufälle in Kategorien einzuteilen und ihnen somit einen höheren Wert beizumessen, als letztlich angebracht wäre. Denn, dass ich bin, wer ich bin, ist nicht mein Verdienst. Es ist bloß das Zusammenspiel unzähliger kleiner Puzzleteile, die am Ende ein Gesamtbild ergeben.

Wie arrogant wäre es zu behaupten, dass ich heute da bin, wo ich bin, habe ich mir allein zu verdanken? Das ist sicher nicht mal im Entferntesten die Wahrheit. Nein, ich bin ein Gebilde aus unzähligen Zufällen. Wie ein jeder von uns.

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es persönliche Erfolge oder berechtigten Stolz gibt. Doch ich denke, dass es nie verkehrt ist, einen Schritt zurückzutreten und sich zu überlegen, welche ungreifbare Anzahl an Stellschrauben dabei mitwirkten, dieses Ereignis erst möglich zu machen. 


 

Wolkentänzerin

Montag, 11. Januar 2021

Wunschlose Wünsche

Heute war die bisher schlimmste Sitzung bei Dr. Freud. Ich bin einem inneren Dämonen begegnet, der ein enormes Zerstörungspotenzial besitzt und mir eine Heidenangst einjagt. Mir ist etwas über die Lippen gekommen, dass ich bisher noch niemals in meinem Leben vermocht habe auszusprechen. Doch ich fühle mich deshalb nicht erleichtert oder besser. Vielmehr möchte ich mich am liebsten zerfleischen. Woher dieser Drang kommt, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es, weil ich mich so dermaßen schäme. Vielleicht ist es auch, weil ich das Gefühl habe, ein Gesetz gebrochen zu haben und nun die Strafe erwarten zu müssen.

Seit heute Nacht hat mich mein Rheuma wieder fest im Griff. Meine Handgelenke, Füße und Knie sitzen mit Entzündungen zu. Einige Mal riss mich der Ruheschmerz diese Nacht aus dem Schlaf. Ich mochte meinen Körper noch nie, aber in diesen Momenten könnte mein Hass auf mich selbst nicht größer sein. Manchmal stelle ich mir vor, dass all die Erinnerungen wie eine toxische Flüssigkeit durch meine zahlreichen Adern fließt und mich von innen zerfrisst. Als habe sich die Negativität auf meinen Organismus übertragen. Als hätten sich meine Suizidgedanken verselbstständigt und sich einen Weg aus meinem Gehirn hin zu allen anderen Zellen erschlichen. Unaufhaltsam sorgen sie nun für meinen Niedergang. Wer weiß…

Dr. Freud hat mich gefragt, welche Wünsche ich habe. Er ist nicht der Erste, der mir diese Frage stellt. Von Zeit zu Zeit denke ich, dass dieser Frage ein wundersamer Zauber innewohnen muss. Als wäre die Antwort darauf die Lösung für all meine Probleme. Finde ich nur die korrekte Erwiderung habe ich eine Prüfung bestanden und bin würdig, die nächste Stufe zu erreichen. Zuweilen kommt es mir auch so vor, als wolle mir mein Gegenüber damit eine Falle stellen. Vertrau mir und verrate mir deine Wünsche. Dir wird auch nichts passieren. Ich halte es nicht für klug, darauf einzugehen und mich zum Gespött der Nation zu machen. Welch eine Lachfigur machte ich aus mir, äußerte ich meine innersten Sehnsüchte, nur um zu erkennen, wie abwegig das ist. Wie töricht wäre ich, wenn ich glaubte, es gäbe auch nur den Funken einer Chance, dass meine Wünsche Realität werden könnten?

Außerdem ist das Äußern von Wünschen immer mit einer gewissen Gefahr verbunden. Der Gegenüber erhält dadurch ein gewisses Maß an Macht über mich. Dieses Risiko ist mir definitiv zu hoch. Und ich spreche dabei nicht von Wünschen, die den Alltag betreffen. Denn, ja, ich habe berufliche Wünsche, die ich auch versuche zu erreichen. Ich spreche von jenen Wünschen, die einen jeden von uns ausmachen. Von den Sehnsüchten, die mitunter tief verborgen in uns schlummern und darauf warten, dass wir uns ihrer annehmen. Jene Wünsche, die sich in Leidenschaft transformieren können, wenn ihnen der Raum zur Entfaltung gegeben wird.

Ja, ich habe auch solche Wünsche. In meinem ganz persönlichen Universum verbinde ich mit diesen Sehnsüchten jedoch nichts Positives. Ich verachte mich dafür, ein derartiges Gedankengut in mir zu tragen. Dann und wann bestrafe ich mich, weil ich es nicht akzeptieren kann, derart töricht zu sein. In solchen Momenten sind die Stimmen in meinem Kopf wie ein Orkan des Bösen. Ich höre dann all die Worte, die all die Menschen über all die Jahre zu mir sagten. In solchen Momenten wünsche ich mir dann nur noch, dieses Leben zu beenden und endlich Erlösung zu finden.

Ich möchte kein Mensch sein, der Wünsche in sich trägt. Denn viel zu oft hat mich das in meinem Leben bereits zu Fall gebracht. Ich habe mich sosehr nach dem Stillen meiner Sehnsucht verzehrt, dass ich die Gefahr aus dem Blick verlor und unachtsam wurde.

Es gab eine Vielzahl an Menschen, die mir sagten, ich solle ihnen vertrauen. Die sagten, sie meinten es gut mit mir. Die mich anlächelten, mir die Hand reichten und mich mit allerlei süßlicher Versprechen lockten. Nur, um mich anschließend in den finsteren Abgrund zu ziehen. Sie spielten mit meinen Wünschen und saugten mir dabei meine Lebensenergie aus. Sie versprachen mir das Blaue vom Himmel und nahmen mir doch jegliches Licht.

Ich mache an dieser Stelle niemandem einen Vorwurf. Immerhin war es meine eigene Dummheit. Es war mein dummes Streben nach der Erfüllung meiner Wünsche, das mich derart angreifbar machte. Ich war ein leichtes Ziel, weil ich dermaßen leichtgläubig und naiv war. Das werde ich mir wohl niemals verzeihen können.

Somit muss ich Dr. Freud enttäuschen, denn ich werde ihm nicht sagen, welche Wünsche ich habe. Nochmal falle ich nicht darauf rein.

Wolkentänzerin


 

Freitag, 18. Dezember 2020

Alle Jahre wieder

Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr habe ich Magenschmerzen und eine unbeschreibliche Schwere in mir. Meine Gedanken schwirren wie rastlose Fliegen durch meinen Kopf. Kaum einen vermag ich zu greifen. Ich selbst bin ruhelos und weiß nichts mit mir anzufangen. Dann und wann blitzen Erinnerungen auf. Erinnerungen an Weihnachtsfeste, die sich anfühlen, als hätten sie in einem anderen Leben stattgefunden. Und vielleicht ist ja auch etwas dran. Vielleicht ist es tatsächlich ein anderes Leben. Zumindest fühlt es sich in manchen Momenten unendlich weit entfernt an. Doch da gibt es auch die Momente, in denen das Erlebte förmlich spürbar ist. All die Empfindungen jener Zeit werden heiß und unerträglich.

Häufig überkommt mich ein bohrendes, schlechtes Gewissen. Ich fühle mich meiner Mutter gegenüber schuldig, weil ich sie nicht besuchen oder auf andere Weise kontaktieren werde. Es kostet mich enorm viel Kraft – auch, weil ich mich noch immer nicht emotional von ihr trennen konnte. In meinem Inneren bin ich bis heute das verängstigte Kind, das versucht, die mütterliche Liebe zu gewinnen. Die Wahrheit ist jedoch, dass ich sie nicht erhalten werde. Ganz gleich, was ich tue.

Mir ist bewusst, dass ein friedliches Weihnachtsfest wohl eher eine romantisch verklärte und von Hollywood hochstilisierte Vorstellung ist, die sehr selten etwas mit der Realität zu tun hat. Stattdessen entlädt sich an den Feiertagen oftmals jener Stress, der sich über das gesamte Jahr angestaut hat. Das macht mich irgendwie betroffen. Ich meine, wenn die Harmonie nicht der Standard ist, was bedeutet das dann für uns als Menschen? Was bedeutet das für diese Welt, in der wir leben? Wieso gibt es dermaßen viel Wut, Neid, Anfeindung und Hass auf dieser Erde?

Zu Weihnachten explodierte es in meiner Familie regelmäßig. Es war möglich, die Uhr danach zu stellen. Die gesamte Adventszeit über lag eine gefährliche Spannung in der Luft. Wir Kinder hielten dauernd den Atem an, weil wir fürchteten, ein falsches Wort könnte die Eruption verursachen. Schon ein falscher Blick reichte aus, um einen Tobsuchtanfall auszulösen. Infolgedessen wurde uns oft gedroht, sie gäben uns weg. Sie sagten, wir wären nicht länger zu ertragen. Dass wir ihnen ihr Leben zerstörten und ihre Körper ruinierten, weil sie sich für uns kaputt arbeiteten.

Ich hasse Weihnachten nicht. Nein, ich kann durchaus den wundersamen Zauber verstehen, die diese besondere Jahreszeit für viele Menschen bedeutet. Und ich wünsche jedem, dass er/sie es genießen möge. Für mich persönlich ist es nur wahnsinnig anstrengend. Überall die Weihnachtslieder, die Rede von Familienglück und dem trauten Beisammensein. Mir führt das Weihnachtsfest vor Augen, was ich verpasst habe. Es formt den indiskutablen Kontrast zu meinem eigenen Erleben und das ist mitunter nur schwer erträglich.

Zu Weihnachten fühle ich mich am stärksten von dieser Welt entfremdet. Ich kann schlecht mit dem Schein der Harmonie und Liebe umgehen. Und auch, wenn ich weiß, dass es eben häufig nur ein Schein ist, macht es mir sehr zu schaffen.

Doch es gibt einen Hoffnungsstern in dieser düsteren Nacht: auch Weihnachten geht vorbei.

 

Wolkentänzerin

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Gib dem Kind einen Namen

Wir Menschen haben für alles einen Namen. Von Gegenständen, über Menschen, bis hin zum kleinsten Teilchen haben wir Bezeichnungen vergeben. Ist der kleinste Unterschied zu erkennen, muss eine neue Betitelung her, um der Andersartigkeit Ausdruck zu verleihen. Und auch uns als Menschen wird, sobald wir diese Erde betreten, ein Name gegeben. Oftmals bereitet werdenden Eltern gerade das die meisten Schwierigkeiten. Denn bei jeder Bezeichnung schwingt automatisch eine Bewertung mit.

Unsere Welt ist in Kategorien unterteilt und wir folgen festen Schemata, um uns in unserem sozioökonomischen Umfeld orientieren zu können. Nach Piaget adaptieren wir bereits in frühster Kindheit neue Informationen zu vorhandenen Schemata. Dadurch erstellen wir uns nach und nach einen Baum der Logik und des Verständnisses. Wir beobachten und werten. Wir lernen zu erkennen und zu unterscheiden. 

Kindern werden neue Begriffe oft beigebracht, indem Erwachsene auf Gegenstände zeigen und sagen, was sie sehen. Oder sie hindern die Kinder daran, etwas in den Mund zu stecken und geben dem Kind zu verstehen, dass das ekelig oder dreckig ist. Sobald wir auf der Welt sind, errichten die Menschen um uns herum, unser Weltverständnis und unseren Umgang mit uns und dem Umfeld, mit dem wir tagtäglich in Aktion treten.

Schon früh lernen wir außerdem, uns gegebenen Namen entsprechend zu verhalten. Wir sind Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde, Schüler, Lehrer und so weiter. Daran sind feste Erwartungen geknüpft, die wir erfüllen müssen. Genauso wie wir im Gegenzug etwas von unserem Gegenüber erwarten, wenn wir ihn unseren Freund nennen.

Es scheint, als könne sich der Mensch nur zurechtfinden, wenn er seine Umwelt labelt. Alles muss eine Bedeutung haben, jede Beziehung einen Namen tragen. Wir brauchen klare Strukturen und Rahmenbedingungen. Nur so kann das Miteinander funktionieren. Es sind festgeschrieben Statuten, denen wir uns schwer bis gar nicht entziehen können. Verhalten Menschen sich anders, sind sie Systemsprenger oder schlicht unfähig, sich anzupassen. Vielleicht bezeichnen wir sie auch als Querulanten und unangenehme Zeitgenossen. Immerhin brauchen wir auch dafür einen Namen und eine Wertung. Wir brauchen für alles und jeden Schubladen. Erst das Einsortieren in die jeweilige Kategorie ermöglicht es uns, unser Verhalten und unsere Denkweise anzupassen.

Haben wir deshalb Angst vor den dunklen Wesen, die in der Nacht lauern? Weil sie namenlose Gestalten sind, die wir nicht greifen können? Oder ist es vielmehr die Furcht davor, ein Mensch könnte aus der Reihe tanzen und sich entgegen seiner Kategorie verhalten? Wie groß ist doch das Entsetzen, wenn sich der Nachbar als unmoralische, verbrecherische Person entpuppt? Dann sagen die Menschen, sie hätten das nie von ihrem Nachbarn erwartet. Und wie auch? Die Bezeichnung Nachbar umfasst eben ganz spezielle Verhaltensweisen und Eigenschaften. Alles darüber hinaus wird ausgeblendet oder am Ende sogar verblendet.

Die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Neue Situationen, die keinem Schema zu entsprechen scheinen, werden daher oftmals sehr unterschiedlich bewertet. Die Menschen geben ein- und derselben Situation mitunter viele unterschiedliche Namen. Wir versuchen, das Unbekannte mit Bekannten in Einklang zu bringen. Das nennt sich in der Entwicklungspsychologie Assimilation. Die unterschiedliche Assimilation zweier Menschen birgt eine Menge Konfliktpotenzial. Insbesondere dann, wenn ein jeder meint, sein eigenes Konzept verteidigen zu müssen, um am Ende sich selbst zu schützen. Die Reibung ist meistens auch nur erträglich, weil es im Kern eben doch diesen einen gemeinsamen Nenner an Werten gibt. Wobei auch das sicher seine Grenzen hat…

Fällt es mir deshalb schwer, die Dinge beim Namen zu nennen? Die Bezeichnung „Ding“ ist letztlich ein Platzhalter, der es uns ermöglicht, eine Sache weitgehend wertfrei zu betrachten. Wenn ich sage, dass Dinge passiert sind, dann erlaube ich mir, eine eigene Wertung zu haben. Ich werde nicht gezwungen, die gesellschaftliche Bedeutung zu adaptieren. Was mir wiederum die Freiheit lässt, mit diesen Erlebnissen auf meine eigene Art umgehen zu können. Ich schaffe mir eine Art Schlupfloch.

Wohnt der Betitelung der Tatsachen der eigentliche Schmerz inne? Immerhin wird mir gesagt, wie ich mich wegen dieser oder jener Phänomene fühlen soll. Es gibt so viele Worte, mit denen sich die inneren Vorgänge beschreiben lassen. Sie können in Formen gegossen und betrachtet werden. Sie können analysiert, bewertet und korrigiert werden. Die Beschreibungen sind jedoch viel zu oft mangelhaft. Sie bilden nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes ab. Zumindest fühlt es sich so an. Ich muss mich mit Worten erklären, die von Menschen erfunden wurden, die Außenstehende sind. Oftmals fühle ich mich wie jemand, der aus einer anderen Kultur kommt und sich durch die Sprachbarriere nicht richtig verständigen kann. Und nicht selten stoße ich auf Unverständnis oder gar Ablehnung, weil ich eben nicht so bin, wie die vielen anderen. 

Ich habe Schwierigkeiten in dieser Welt, weil ich dem Stempel, der mir aufgedrückt wurde, nicht entsprechen möchte. In mir ist dieser brennende Wunsch, mich von den Fesseln dieser Gesellschaft zu befreien. Denn ich bin sehr müde geworden. Ich bin müde, die Rollen zu spielen, die mir das Leben gab.

Bei einer der Therapiesitzungen fragte ich Dr. Freud, ob ich auch dann Probleme hätte, in dieser Welt zurecht zu kommen, wenn die Gesellschaft andere Werte hätte. Wäre der Leidensdruck der gleiche, wäre ich anders sozialisiert worden? Lebte ich nicht in dieser Gesellschaft, die ihre ganz eigenen Wert- und Moralvorstellungen hat? Wäre mein inneres Entsetzen dann noch vorhanden? Bräuchte ich überhaupt eine Therapie, gäbe es diese Zerrissenheit nicht, die bloß existiert, weil meine innere Welt so konträr zur äußeren ist? Mal ganz abgesehen davon, dass eine solche Welt ein furchtbarer Ort wäre, kann ich keine Antwort auf diese Frage finden. Und am Ende ist sie auch irrelevant. Denn ich lebe nun mal in genau dieser Gesellschaft mit genau diesen Werten, Regeln und Normen. Und letztlich leide ich, weil eben diese Konzepte in meinem Leben mit den Füßen getreten wurden.

Nun wird von mir erwartet, dass ich die Werte der anderen übernehme und all die Namen, die ich lernte, zu vergessen. Ich soll einsehen, dass Beziehungen anders funktionieren und andere Erwartungen stellen.

Ich finde das alles sehr verwirrend und weiß manchmal nicht, was ich tun soll. Ich habe oft das Gefühl, es nicht richtig machen zu können oder mich zu doof anzustellen. Dann verfalle ich in erlernte Muster und verkrieche mich in meiner eigenen kleinen Welt. Schließlich ist es das, was ich kenne und was mir vermeintlichen Schutz bietet.

Es ist nämlich so: mit der Korrektur eines Begriffes und einer damit verknüpften Bewertung ist es nicht getan. Denn ist Wurzel bereits vergiftet, hat das sogar Auswirkungen auf das kleinste Blatt. 


 

Wolkentänzerin

Freitag, 13. November 2020

Long Story Short

 Die Hausaufgabe ist geschrieben. Die Besprechung blieb bisher aus. Ein Gefühl zwischen Freude und Enttäuschung. Zwischen bangen und hoffen. Immer im Zwiespalt. Immer in zwei Welten.

Derzeit fühlt es sich an, als träfen meine beiden Realitäten aufeinander. Ein furchtbarer Crash bahnt sich an und ich kann nichts dagegen tun. Fühle mich wie ein Beobachter bei einem Unfall. Hin- und hergerissen zwischen Faszination und Erschrecken. Ich spüre den Tatendrang – genauso wie die lähmende Hilflosigkeit.

Ich kann nicht atmen. Nein, vielmehr halte ich den Atem seit einer gefühlten Ewigkeit an und warte auf diesen einen entscheidenden Moment. Den Augenblick, in dem ich endlich ausatmen kann. Stattdessen schwebe ich durch die Zeit und weiß nicht mehr, wo oben oder unten ist. Ich habe die Orientierung verloren, weil sich die Dunkelheit in mein Leben geschlichen hat. War sie denn nicht schon immer da? Ja, gewiss, das war sei. Aber eben in mir drin.

Mein Inneres und die Welt dort draußen sind vollkommen unterschiedliche Dimensionen, die ich bisher strikt voneinander zu trennen versuchte. Mein funktionierendes Alltagsich ließ keinen Kompromiss zu. Irgendwie musste ich es eben schaffen, die Aufgaben zu erledigen, die an mich gestellt wurden und auch weiterhin werden. Niemals wollte ich, dass mir jemand ansehen kann, wie es mir geht.

Ein Stück weit habe ich meine Daseinsberechtigung verloren. Schließlich bestand sie darin, anderen Menschen zu helfen. Das schaffe ich derzeit jedoch nicht. Ich habe dafür schlicht und ergreifend keine Kraft. Doch wie kann ich das vor mir rechtfertigen? Wie kann ich es wagen, diesen egoistischen Akt der Therapie in Anspruch zu nehmen und das nicht auszugleichen? Die Stimme meiner Mutter dröhnt so laut in meinem Kopf und zwingt mich in die Knie.

Der Schmerz, über diese Themen zu sprechen oder sie zumindest anzureißen, ist überwältigend. Als ramme mir jemand ein Messer in den Rumpf. Immer und immer wieder. Und ich weiß, dass ich mich mit diesen Themen beschäftigen muss. Doch dieser Schmerz ist dermaßen einnehmend und alles überschattend, dass ich nicht weiß, wie ich das aushalten soll.

Letztlich ist es jedoch so, dass ich nicht aufgeben kann und werde. Ich darf diesen übermächtigen und drängenden Suizidgedanken nicht nachgeben. Denn was passiert, wenn ich es tue? Ich sterbe und das wäre das Ende dieser Geschichte. Was bliebe, wäre Dunkelheit und Schmerz. Diese Dinge blieben, zwar nicht in meinem Leben, aber in den Leben anderer. Es wäre bloß eine Übertragung. Und das kann ich nicht mit mir vereinbaren. Noch nicht.

 



 

Wolkentänzerin