Langsam tauche ich meinen Kopf
unter Wasser. Ich spüre die Kälte auf meiner Haut. Kann wahrnehmen, wie meine
Haut mit jeder weiteren Sekunde an Temperatur verliert. Das Wasser ist derart
kalt, dass es mir wie Brennen vorkommt. Allmählich fühle ich den Druck auf
meinem Brustkorb. Ich kann nicht atmen. Mit all meiner Kraft stelle ich mich
gegen das Verlangen, aufzutauchen und nach Luft zu japsen. Mein Körper kämpft
gegen meinen Geist. Ich fange an zu zucken. Ich genieße die Panik, die in mir
aufsteigt. Für einen Moment habe ich die absolute Kontrolle über mich. Ich habe
das Gefühl, über mein Leben genauso wie über meinen Tod bestimmen zu können.
Und ich koste diesen Moment in vollen Zügen aus. Bis ich schließlich keuchend
und vollkommen erschöpft an die Wasseroberfläche zurückkehre. Noch immer den
süßen Geschmack des Todes auf meinen Lippen.
Die letzten Wochen können durchaus
als kraftraubend bezeichnet werden. Ich hatte erste Therapiesitzungen. Naja,
mehr Erstgespräche. Doch die hatten es in sich. Bei einem Psychoanalytiker hatte
ich bisher vier Sitzungen. Er ist sich jedoch noch unsicher, ob das mit uns
funktionieren könnte, da er den Grad der Traumatisierung nicht abschätzen kann.
Und ich bin ihm dabei wohl auch keine große Hilfe. Denn ich habe mich ein Stück
weit geöffnet und möchte mich nicht damit auseinandersetzen müssen, dass es „umsonst“
gewesen sein könnte. Schließlich hat schon das bisschen, das ich erzählte,
vieles in mir ausgelöst. Vor allem eine riesige Menge Schmerz, Traurigkeit und
eine Ahnung von jenen Fesseln, die noch immer in mir sind. Der Therapeut
bezeichnete mich als verschachtelt und innerlich stark verknotet. Er sagte, ich
wirke wie erstarrt.
Wir sprachen darüber, dass es mir
schwerfällt, meine Gedanken und Gefühle verbal mit jemandem zu teilen. Dass ich
stets die Zuhörerin bin und mich in den Hintergrund stelle. Wir sprachen über
meine Eltern und auch grob über die Dinge, die waren. Mich intensiv damit
auseinanderzusetzen, welches eingeschränkte Leben ich führe, tat mir sehr weh.
Mir vor Augen zu führen, dass ich diese Einsamkeit und die Mauer des Schweigens
schon so lange mit mir herumtrage, hat mich enorm traurig gemacht.
Der Therapeut geht davon aus, dass
vor mir ein sehr weiter Weg liegt, der viele Jahre in Anspruch nehmen wird.
Aber was habe ich denn auch erwartet? Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich
erwartet habe. Obwohl, doch, wahrscheinlich habe ich eine Wunderheilung
erwartet. Ein paar Gespräche und et voila kommt eine perfekt an die
Gesellschaft angepasste Wolkentänzerin dabei heraus. Ja, ich weiß, ich hatte
schon clevere Ideen…
Die Gespräche haben mich in jedem
Fall enorm aufgewühlt und eine Lawine an Emotionen losgetreten. Ich fühle all
das, was das kleine Kind in mir fühlte. Da ist viel Verletzung, aber auch Unsicherheit,
Angst und Schrecken. Und ich frage mich, warum Verarbeitung bedeutet, nochmal
durch die absolute Hölle gehen zu müssen.
Zu allem Überfluss hatte ich außerdem
noch Kontakt zu meinen Eltern. Meine Mutter rief mich aus heiterem Himmel an und
wollte von mir, dass ich mich für meinen Vater einsetze. Dieser hatte sich nämlich
in eine, naja, nennen wir es „ungünstige“ Situation gebracht. Meine Mutter
verlangte von mir, dass ich ihn da rausboxe. Immerhin sei es meine Pflicht als
Tochter und allmählich auch mal an der Zeit, dass ich etwas zurückgebe. Schließlich
hätten sie mich großgezogen und sich den Ar*** für mich und meine Brüder
aufgerissen. Sie hätten sogar ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um uns alles
zu ermöglichen, was wir brauchen. Ja, klar, bis auf Liebe und eine
unversehrte Kindheit vielleicht. Aber das ist sicher Meckern auf hohem Niveau,
oder Mutter? Ich war von diesem Anruf
so perplex, dass es mir die Stimme verschlug. Mir fehlten die Worte. Es war das
erste Gespräch seit einer gefühlten Ewigkeit und meine Mutter tat einfach so,
als wäre nie etwas gewesen. Nein, stattdessen hatte sie sogar die
Unverfrorenheit, mir ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen. Sie drückte genau
die Knöpfe, die mir mein Leben so schwer machen. Sie erzählte mir, dass mein
Vater schwere Depressionen habe und das im Grunde ja auch meine Schuld sei,
weil ich den Kontakt abgebrochen habe. Ohja, das wird der einzige Grund
sein, weshalb er psychisch erkrankte. Einen anderen Grund kann es letztlich natürlich
auch nicht geben. Am Ende sagte meine Mutter dann noch, dass sie mir von
meinem Vater ausrichten soll, dass er jetzt verstehen könnte, wie ich mich
damals fühlte. Moment! Bitte was? Das habe ich jetzt nicht gehört. Er kann
verstehen, wie ich mich fühlte? Soll das ein Scherz sein? Mal ganz abgesehen
von der Tatsache, dass er Grund für den größten Schmerz in mir ist. Ich kann
mich noch gut daran erinnern, wie ich in der Klinik war und für ein Wochenende
heimkehrte und ihr mir sagtet, ich solle erst wieder nach Hause kommen, wenn
ich gesund wäre. Dabei wart ihr der Grund dafür, dass ich mich umbringen
wollte. Daran ist nichts zu verstehen. Aber okay, ihr hattet eben schon immer
eure eigene Wahrheit. Nach der ihr niemals etwas falsch gemacht habt. Nach der
mein Vater ein wundervoller Vater und meine Mutter eine großartige Mutter war… Bevor
das Gespräch endete, in dem ich übrigens kaum ein Wort hervorbrachte, sagte
meine Mutter, dass Gott unsere Familie besonders segne, sodass er uns immer
wieder Prüfungen schicke, um uns immer wieder die Möglichkeit zu bieten, unsere
Unerschütterlichkeit unter Beweis zu stellen.
Was soll ich sagen? Ich habe nicht getan, worum meine Mutter mich bat. Zum
einen das schlicht nicht im Bereich meiner Möglichkeiten. Zum anderen hat mein
Vater etwas getan, das mich zutiefst erschüttert hat und mir vor Augen führte,
dass er sich kein bisschen verändert hat. Vielmehr hat es mich mit meiner
Verantwortlichkeit konfrontiert. Damit, dass ich letztlich tatenlos zuschaue
und es nicht verhindere. Doch ich wehre mich dagegen, mich auch nur einen
weiteren Tag verantwortlich für meine Eltern zu fühlen. Es geht nicht. Und ich
weiß, dass ich mich damit schuldig mache. Aber es geht eben nicht. Punkt.
Drei Tage später kontaktierte mich mein Vater. Er hatte mir mehrere
Nachrichten geschrieben und mich einige Male angerufen. Irgendwann ging ich
dran. Schlau kann man das wohl definitiv nicht nennen. Er sagte mir, dass der
Hund meiner Eltern verstorben sei. Eine tatsächlich sehr traurige Nachricht.
Ich hing enorm an diesem Hund und habe wundervolle Erinnerungen an ihn. Er
erzählte mir, dass meine Mutter einen Nervenzusammenbruch habe und er nicht
wisse, was er tun solle. Moment! Seit wann bin ich die Telefonseelsorge für
meine Eltern? Wann genau ist das eigentlich passiert? Was genau hat sie dazu
veranlasst, zu glauben, ihre Sorgen würden bei mir Anklang finden? Was in den
letzten Jahren hat ihnen das Gefühl vermittelt, ich wäre für die Art des
Kontakts empfänglich? Mir hat es sofort die Sprache verschlagen. Allein
seine Stimme zu hören, war schon zu viel. Er nannte mich seine „Prinzessin“ und
sagte mir, wie lieb er mich habe und wie sehr er mich vermissen würde. Ich habe
mich so dreckig und klein gefühlt. Er sagte außerdem, dass er nur derart in der
Miesere stecke, weil ich keinen Kontakt mehr wolle. Dass er diese Dinge nur
getan habe, weil er mich so vermisse. Klar, das soll mich nochmal davon
überzeugen, dass es meine Pflicht ist, dich rauszuboxen. Mich für dich einzusetzen
und sagen, was für ein toller Mensch du bist. Ich war rasend vor Wut. Doch
ich schluckte diese Wut herunter und hörte ihm zu. Ich ließ ihn über mich drüber
walzen. Ich war unfähig, meine Grenzen aufzuzeigen und mich für mich stark zu
machen. Mit jedem weitern Wort, das in mein Ohr drang, verschwand ich ein Stück
mehr. Das Gespräch endete mit einer Empfehlung meinerseits dazu, wie er meiner
Mutter helfen könnte. Wow, was für eine Meisterleistung – nur eben nicht von mir.
Ich habe sogar darüber nachgedacht, ob meine Eltern spezielle Antennen
haben. Was für ein Zufall es doch ist, dass ich eine Therapie beginne und versuche,
meine traumatische Kindheit und Jugend zu verarbeiten und just in dem Augenblick
melden sich meine Eltern bei mir.
Wobei ich auch auf eine gewisse Art froh über diesen Kontakt war. Denn
er hat mir einmal mehr deutlich gemacht, wie meine Eltern sind. Sie haben sich
nicht geändert. Und auch, wenn das bedeutet, dass ich niemals die Liebe
erhalten werde, die ich mir von ihnen wünsche, hat es mir gezeigt, dass ich
nicht verrückt bin. Ich bilde mir diese Dinge nicht ein. Mein Vater tut einige
Dinge noch immer und sieht nicht ein, wie falsch das ist. Und meine Mutter
beschützt ihn, wie sie es auch schon damals tat. Und all das begründen sie mit göttlichem
Segen und ihrem treuen Glauben. Täten ihre Worte und Taten mir nicht so weh, könnte
ich tatsächlich Mitleid mit ihnen empfinden.
Erneut tauche ich meinen Kopf in das kalte Nass und lausche dem
Rauschen in meinen Ohren. Irgendwann muss es mir doch gelingen, den Kampf zu
gewinnen und endlich die süße Ruhe zu erlangen, die ich mir so sehnlich
wünsche. Irgendwann muss ich dem Sog, der sich mein Leben nennt, doch entkommen
können. Irgendwann…
Wolkentänzerin