Manche von
uns schmücken sich mit dieser Kette und zeigen offen, was sie ausmacht. Sie
betrachten ihre Erlebnisse als Geschenk und definieren sich darüber. Und
letztlich tun wir das wohl alle. Ob wir wollen oder nicht. Immerhin ist es auch gar nicht möglich, es nicht zu tun. Denn wie wollen wir wissen, wer oder
was wir sind, wenn nicht über all die Erfahrungen, die wir machten?
Wie Viele
andere habe auch ich oft den Wunsch, auf die ‚Reset‘-Taste drücken und einen
Neuanfang bekommen zu können. Zurück auf Werkeinstellung. Doch was würde das
verändern? Wie viele weitere Stellschrauben müssten verändert werden, damit am
Ende eine andere Wolkentänzerin dabei herauskäme?
Ich komme
nicht umher, mich zu fragen, ob unsere Wege nicht bereits geebnet sind. Ob
nicht längst feststeht, wohin wir uns bewegen werden. Denn letztlich treffen
wir unsere heutigen Entscheidungen auf Basis unserer bisher gemachten
Erfahrungen. Wir handeln nach Werten, die uns beigebracht wurden. Unser
Weltbild unterliegt einer Ideologie, die wir in die Wiege gelegt bekamen. Wir
agieren aus der Notwendigkeit heraus, als Teil dieser Gesellschaft überleben zu
wollen. Dazu gehören eine gewisse Anpassung und der Glauben daran, dass all das
einen Sinn ergibt. Wir glauben an die Idee eines Staates, an Geld und daran,
dass unserem Leben als Spezies des ‚Homo sapiens sapiens‘ eine besondere
Bedeutung zukommt. Ja, wir sind bemüht, unserer Existenz eine übergeordnete
Wichtigkeit zu geben. Immerhin muss all die Mühe doch für etwas gut sein, nicht
wahr?
Wir Menschen
sind immer auf der Suche nach dem Glück. Sind getrieben von Selbstoptimierung
und -verwirklichung. Die großen Denker dieser Welt haben unzählige Theorien und
Empfehlungen entwickelt, die dem Menschen endlich die ersehnte Zufriedenheit ermöglichen
sollen. Und auch die Religionen haben es sich auf die Fahnen geschrieben, die
Erlösung der Seele zu ermöglichen. Naja, und wenn nicht zu Lebzeiten, dann eben
in der Ewigkeit. Irgendwann wird es schon eintreten. Glaub nur fest daran.
Ich selbst
habe lange daran geglaubt, dass es Gott gibt. Dass ich „nur“ die
vorgeschriebenen Regeln einhalten muss und dadurch irgendwann Freiheit erlange.
Dabei möchte ich an dieser Stelle von der Tatsache absehen, dass der Glaube in
meinem Fall instrumentalisiert wurde, um mich bewusst klein und gefügig zu
halten. Denn das ist wohl ein Thema an sich. Wobei die Toxizität des Gottesbildes,
das ich von Geburt an kennenlernte, massiv zu meinem heutigen Unglauben beitrug.
Ich finde einfach die Vorstellung, dass es da einen unsichtbaren Zuschauer
gibt, der über uns steht und uns am Ende richten wird, gruselig. Vielleicht gab
es in meinem Leben auch schlichtweg zu viele mächtige Wesen, die mir
unermesslichen Schmerz zugefügt haben, sodass ich nun unfähig bin, das nochmal
zuzulassen. Wer weiß.
Es heißt,
jeder Mensch habe einen freien Willen. Jeder Mensch könne sich entscheiden.
Jeder Mensch habe die Fähigkeit, Gutes oder Schlechtes zu tun. Doch inwiefern
ist das denn überhaupt ein freier Wille, wenn die Definition dieser beiden
Parameter fremdbestimmt ist? Wenn einem jeden Menschen von Geburt an eine Ideologie
eingepflanzt wird, die die Welt zu dem formt, als das wir sie unser Leben lang
sehen werden? Was ist daran denn bitte frei? Und was ist frei daran,
gesellschaftlichen Zwängen zu unterliegen, von denen wir uns nicht ohne Weiteres
lossagen können?
Mir wird oft
gesagt, ich solle nach vorne schauen. Solle mein Leben in die Hand nehmen und
tun, was ich will. Solle die Fesseln zerschlagen, die noch immer in meinen
Gedanken existieren. Dabei vergessen die Menschen oft, dass wir alle solche
Fesseln im Gehirn haben. Dass wir alle Gedankengut in uns tragen, das wir nur
mit großem Energieaufwand angehen können. Und selbst dann ist fraglich, ob wir
es loswerden können. Mein beliebtestes Beispiel ist das, des Fleischverzehrs.
Uns ist beigebracht worden, dass es sowohl moralisch als auch ethisch vollkommen
korrekt ist, Tiere zu töten und sie zu essen. Uns wird gesagt, dass es sogar
eine evolutionäre Notwendigkeit ist und alles andere unserer Gesundheit schade.
Die Ideologie des Carnismus ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Dabei ist
es letztlich ein Glaube, der uns eine Aktion ermöglicht, die wir mit unserem
Gewissen vereinbaren können. Die wir vor uns rechtfertigen können. Wenn alle es
tun, kann es schließlich auch nicht falsch sein, oder?
Ich wünsche
mir, dass die Menschen endlich verstehen, dass es Gedanken und Überzeugungen
gibt, die nicht einfach ablegbar sind. Dass es große Anstrengung und auch
Schmerz bedeutet, sich den inneren Annahmen zu stellen. Dass ein Mensch nicht ‚einfach‘
nach vorne schauen und dadurch aus den inneren Gedankengefängnissen ausbrechen
kann. Denn wenn ich dir, um ein simples Bild zu wählen, sage, dass stehlen
nicht verwerflich ist, wirst du mich verwirrt anschauen. Du würdest denken, ich
sei nicht ganz dicht. Du würdest mit mir diskutieren und deinen Standpunkt
erläutern. Um dich vom Gegenteil zu überzeugen, bedürfe es viel Zeit, Geduld
und eine Menge guter Argumente. Tja, und selbst, wenn es mir irgendwie gelingt,
dich davon zu überzeugen, dass stehlen vollkommen in Ordnung ist, heißt das
nicht, dass du dieser Meinung bleibst. Denn du hast es anders gelernt und es ist nicht mit deinem Weltbild vereinbar. Es erscheint dir trotz all meiner Mühe abwegig. Mal ganz abgesehen von deiner emotionalen Bewertung des Ganzen. Du
verstehst sicher, worauf ich hinauswill. Es sei dazugesagt, dass es sich hier
um eine vereinfachte Erklärung handelt. Am Ende ist das Ganze wahrscheinlich doch
etwas komplexer.
Was ich damit
letztlich sagen möchte, ist, dass ich keine Ahnung habe, was ich noch glauben
soll. Ich sehe keinen Sinn in all den Ideologien, die diese Welt mir bietet. Keine
Argumentation erscheint mir schlüssig. Es gibt keine Erklärung für all die Phänomene
dieser Erde, die mich beschäftigen. Es ist mir nicht mehr möglich, dem Treiben
auf unserem Planeten eine Sinnhaftigkeit zu geben. Und ja, ich habe es
versucht. Ich habe all meine Kraft mobilisiert und bis zur Erschöpfung
gekämpft. Einige hartnäckige Stimmen in meinem Kopf sind jedoch geblieben. Sie haben sich
über all die Zeit manifestiert und mich von innen heraus vergiftet. Ich werde sie nicht los, was auch immer ich tue. Und wenn sie doch mal still sind, kehren sie nach einer Weile zurück und beginnen erneut, mich zu quälen. Diese Stimmen sind der Inbegriff der Dunkelheit. Sie nehmen mir die Luft zu atmen. Sie verhindern, dass ich mich öffnen kann. Sie haben mich im Griff.
In mir ist
eine Art Traurigkeit, die ich nicht in Worte fassen kann. Es fühlt sich wie ein
Abschied an. Als hätte ich etwas unbeschreiblich Wertvolles verloren. Und
wohlmöglich stimmt das auch. Immerhin habe ich meine Hoffnung vergraben.
Ich wünsche
mir nichts sehnlicher als mit dem, was aus mir gemacht wurde, leben zu können.
Das Grauen und mich akzeptieren zu können. Doch ich habe keinen blassen Schimmer,
wie ich das noch Wirklichkeit werden lassen soll. Ich weiß nur, dass der
Schmerz unerträglich geworden ist und mir jegliche Orientierung fehlt.
Wolkentänzerin
Liebe Wolkentänzerin,
AntwortenLöschenich überlege schon seit 2 Tagen, was ich Dir zur Aufmunterung schreiben könnte, es fällt mir aber nichts wirklich Aufbauendes ein ...
Ich selber hatte bisher einmal im Herbst/Winter vor 2 Jahren eine lange Depression/Burnout, wo mich nichts und niemand erfreuen oder Trost spenden könnte und es haben auch keine noch so gut gemeinten Rat-'Schläge' irgendetwas verändert .... aaaaber anscheinend waren dann meine Gefühle irgendwann 'durchgefühlt' und vielleicht mit dem besseren Wetter im Frühjahr und verhältnismäßig viel Aktivität in der Natur (in den Bergen wandern und in den damals doch noch recht kalten Seen schwimmen) ist es dann quasi von alleine vergangen ...
In meinem Bekanntenkreis habe ich auch 3 Leute mit schrecklicher Kindheit, Selbstmordgedanken, Klinikaufenthalten .... und ja, zwei von ihnen haben (nach Jahren) wieder Sinn und Aufgabe gefunden und können inzwischen auch mal wieder lachen und meistern ihre Emotionen beachtlich toll ...
Ja, niX bleibt fix, so wünsche ich Dir vom Herzen, dass auch Du Deine schwierige Phase durchfühlst und durchstehst und dass irgendwann auf deinem Horizont Freude und Glück auftauchen ...
Alles Gute aus München wünscht Dir
Jaro
Lieber Jaro,
Löschenvielen lieben Dank für deine Worte! Sie berühren mich sehr! Danke!
Auch ich habe natürlich Phasen, in denen es mal besser und mal schlechter ist. Doch die Stimmmen der Zerstörung bleiben immer da - zwar mal leiser und mal lauter - aber immer da. Die Gedanken aufzuschreiben, hilft mir schon sehr und gibt mir das Gefühl, meiner Dunkelheit einen externen Raum zu geben.
Deine Kommentar ist ein echtes Licht in meiner Finsternis. Danke nochmal dafür! Es bedeutet mir viel!
Dir auch liebe Grüße und alles Gute
Wolkentänzerin
Ein ausgezeichneter Eintrag, mit ganz herausragenden Gedankengängen. Da weiß ich fast gar nicht, wo ich ansetzen soll. Beim Fleischverzehr, bei der Freiheits"meinung", bei der Sinnfrage oder der Bestrebung nach dem glücklichen Leben.
AntwortenLöschenZu allem, könnte ich nickend abdanken, dennoch entschloss ich mich einen Kommentar da zu lassen, weil ich ein Beispiel von dir ganz besonders trefflich fand. Die Sache mit dem Stehlen oder der Erklärung, warum es nicht richtig ist. Beim Lesen kam mir sogleich der Gedanke an einem Film auf, denn ich dir auf dem kurzen Weg empfehlen will. Er ist auf YT kosenlos zu sehen und heißt "Die Zeitreise". Hier der Link: „Die Zeitreise“ - https://youtu.be/UUHnOW9PInY
Liebe Wolkentänzerin,
AntwortenLöschenwie geht es Dir so? Wie kommst Du mit der Corona-bedingten Lebenseinschränkungen zurecht? Vielleicht hilft Dir das langsam besser werdende Wetter mehr Zeit in der Natur zu verbringen und Sonne & Kraft zu 'tanken' und vielleicht sogar stufenweise etwas Hoffnung zu gewinnen. Oder halt was anderes. Schön wäre es auf alle Fälle ...
Hmmmm, auch wenn ich nicht genau sagen kann, welche Stimmungsmuster in mir mich sporadisch zu Deinem Blog hinführen, ich lese mir gerne Deine (auch wenn so traurige) Gedankengänge durch und finde immer wieder wertvolle Impulse für mich bzw. mein Weltbild ... deshalb wollte ich Dich fragen/bitten, ob ich diesen Deinen (auch wenn sehr persönlichen) Text als Gastbeitrag auf meinem Blog posten könnte? Ich habe zwar nicht viele Leser, aber für mich selber und paar Wenige werden Deine Wörter sicherlich eine wertvolle Bereicherung sein ...
Danke + LG,
Jaro
Lieber Jaro,
Löschenerstmal vielen lieben Dank für deine Nachfrage!
Ich kann gar nicht so richtig sagen, wie es mir geht. Es schwankt sehr. Aber das Wetter tut tatsächlich ganz gut. Ich hoffe, dir hilft es auch und gibt dir viele Momente der Ruhe und des Friedens!
Deine Zeilen berühren mich sehr. Es macht mich still und auch beschämt, wenn ich lese, dass meine Worte dich nachdenken lassen. Und ja, du kannst den Beitrag gern auf deiner Seite posten.
Ganz liebe Grüße und einen hellen und warmen Sonnenstrahl dir
Wolkentänzerin
Vielen lieben Dank, liebe Wolkentänzerin ...
AntwortenLöschenJa, das gute Wetter tut auch mir sehr gut und wir verbringen momentan viel Zeit am See ... das Schwimmen im doch noch ziemlich kalten Wasser und das Lauschen dem Vögelgezwitscher beruhigt Geist und Seele und vermittelt das Gefühl, das in diesem Augenblick alles so ist wie es sein sollte ...
Danke auch für Deinen Gastbeitrag:
https://jarogruber.blogspot.com/2020/06/tick-tack-tick-tack-tick-tack.html
Alles Gute + bis demnächst mal wieder,
Jaro