Heute ist
wieder so ein Tag, an dem der innere Druck mir meinen Atem abschnürt. Ich kann
kaum einen einzigen klaren Gedanken fassen. Selbst die kleinste Bewegung fällt
mir schwer. Ich bin furchtbar müde und abgeschlagen. Am liebsten möchte ich
schlafen, doch zum einen weiß ich, dass ich dadurch keine Erholung fände und
zum anderen kann ich die Nacht dann komplett vergessen. Also muss ich mich wohl
oder übel irgendwie beschäftigen, um nicht durchzudrehen. Aber an Tagen wie
diesen macht mir nichts Freude. Alles ödet mich an und erscheint mir wenig
sinnbringend.
An Tagen wie
diesen möchte ich am liebsten von einer Brücke springen. Dabei meine ich das
eher im übertragenden Sinn. Denn auch wenn ich der felsenfesten Überzeugung
bin, dass der Tod die einzige Möglichkeit für mich ist, Frieden zu erlangen, so
werde ich mein Leben trotzdem nicht beenden. Nicht, weil ich gerne lebe,
sondern weil ich mir nicht das Leben nehmen KANN.
Immerhin
begleiten mich diese Gedanken nun seit meinem zwölften Lebensjahr und ich habe
etliche Versuche unternommen. Ich habe meinen Ausstieg aus diesem Leben genau geplant
und seit langer Zeit Briefe parat. Die Notwendigkeit, diese Briefe zu ändern,
bestand nie, da sich an meinen Gründen letztlich nie wirklich etwas geändert
hat. Ich kann dieser Welt und den auf ihr lebenden Menschen nichts Gutes
abgewinnen. Nicht allen Menschen per se. Aber doch dem Großteil. Mich machen
die Ignoranz und Gedankenlosigkeit der Gesellschaft wütend. Ich kann mit den
Grausamkeiten, zu denen nur der Mensch fähig ist, nicht umgehen. Ich begreife
nicht, warum ich mit all dem leben sollte. Es ergibt für mich keinen Sinn. Außerdem halte ich
mich weder für unersetzbar noch für bedeutsam. Warum sollte genau ich leben? Wozu? Um
anderen Menschen zu helfen? Nein, das können andere sicher besser. Es gibt
keine stichhaltige Argumentation, die mir erklären könnte, weshalb ich leben
sollte.
Wozu also der
Kampf? Wozu all die Mühe und Anstrengung? Wozu das Verstellen und
Versteckspiel? Ganz ehrlich? Ich bin es so leid. Ich bin dieses Leben so leid.
Ich bin es leid, mich innerlich zu zerfleischen. Ich bin es leid, dass mich die inneren Stimmen ständig fertig machen. Ich ertrage diese seelischen
Schmerzen nicht mehr. Dieser ständige Selbstzweifel. Die Vorwürfe und die
Selbstzerstörung. Diese toxischen Gedanken und Bilder. Ich will nicht mehr. Ich
möchte nur noch, dass alles still ist.
Ich bin erschöpft
vom ständigen Kampf mit mir selbst. Es macht mich müde zu sehen, wie ich mich
selbst immer wieder in Stücke reiße. Es laugt mich aus, mit mir selbst streiten
zu müssen, weil ich mir nichts erlauben kann und es doch so gerne möchte. Ich
habe keine Kraft mehr, mich meinem inneren Feind entgegenzustellen. Egal, was
ich tue, ich kann ihn nicht besiegen. Zwar schaffe ich es, ihn eine gewisse
Zeit über klein zu halten, doch dann bricht er umso mächtiger aus und treibt
mich zu noch destruktiveren Verhaltensweisen als zuvor. Wenn ich etwas Gutes
gemacht habe, auf das ich zurecht stolz bin, wird mein persönlicher Feind zum
Teufel und reißt mich derart in Stücke, sodass ich mich am Ende dafür schäme,
stolz gewesen zu sein.
Es macht mich
sehr traurig. Ich bin betrübt, weil nichts, aber auch wirklich nichts hilft, um
diesen Feind loszuwerden. Ich trage mein eigenes Gift in mir. Und ich weiß
nicht, weshalb ich noch dagegen kämpfen soll. Wozu?
Ich hasse
mich. Ich hasse diesen Teil in mir, der mir derartigen Schaden zufügt. Ich
hasse diesen Teil in mir, der Täter ist. Ich hasse all die Menschen, die diesen
Teil in mich verpflanzt haben.
Es quält
mich, ich zu sein. Es quält mich, in diesem Gefängnis zu stecken. Es quält
mich, der Dunkelheit nicht entkommen zu können.
Denn an Tagen
wie diesen, in denen ich mich geschlagen gebe und den Teufel in mir machen
lasse, ist es erträglicher. Wenn ich aufgebe und in mir verschwinde, kann ich
der Schwere für eine Weile entkommen. Doch das ist kein Leben. Ich hänge
lediglich zwischen den Welten. Und wenn ich mich geschlagen gebe, werden die Impulse der Selbstverletzung stärker. Ich möchte mir entsetzliche Schmerzen zufügen, mir die Haut abziehen, mich leiden sehen. Wenn der Feind erstmal an der Macht ist, bleiben jedesmal Wunden zurück, die nur langsam heilen.
Ich tanze auf
den Wolken, weil ich keine Energie habe, um meinem gespiegelten Feind Einhalt
zu gebieten. Und ich frage mich, wie lange soll das noch so gehen? Wie lange kann
ich das noch aushalten? Wann finde ich endlich ein Mittel, um dem Teufel den
Garaus zu machen?
Dieser Zustand macht
mich am wütendsten auf all die Dinge, die waren. Auf all die Menschen, die es
geschafft haben, mich nachhaltig zu schädigen. Die mich in ein Gefängnis steckten,
das für die meisten Menschen nicht sichtbar und für die allermeisten nicht
verstehbar ist. Dieses Gefängnis ist die Hölle auf Erden und sie ist direkt in mir.
Wolkentänzerin
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