Manchmal fühle ich mich, als stände ich an einer steilen Klippe. In Mitten des tosenden Sturms blicke ich hinab in die aufgebrachte See. In meinem Kopf existiert dann nur noch diese eine liebreizende Stimme, die mir sanft ins Ohr säuselt, ich solle einfach springen. Endlich das zarte Band des Lebens zerschneiden und mich mutig in die Tiefe stürzen.
Derzeit scheint die Dunkelheit um mich herum an Intensität gewonnen zu haben. Mich quälen Sequenzen meines Lebens und ich schaffe es nicht, Distanz dazu zu gewinnen. Ich fühle mich innerlich zerrissen und mir schwindet erneut der Lebensmut. In mir drängen so viele Fragen, auf die ich keine Antwort erhalten werde. Warum? Weil kein Mensch fähig ist, sie zu beantworten. Weil es Phänomene auf dieser Welt gibt, die nicht zufriedenstellend erklärt werden können.
Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich auf die Wissenschaft vertraute und glaubte, dort Antworten zu finden. Ich dachte, hätte ich erst alle Schemata durschaut, käme die Erleuchtung ganz von allein. Und ja, ich bekam einen Theorienkatalog und mir wurde beigebracht, menschliches Verhalten in mathematische Formeln zu gießen und anschließend zu analysieren. Mir wurde erläutert, welche Aktion zu welcher Reaktion führen kann. Doch so plausibel sich all das anhörte, es konnte mein Verlangen nach einer Art allumfassenden Verstehens nicht stillen.
Ich möchte verstehen, weshalb Menschen sich gegenseitig furchtbarste Dinge antun. Es gibt nichts, was ein Mensch einem anderen noch nicht angetan hätte. Keine andere Spezies dieser Welt zieht Befriedigung aus sadistischen, brutalen und unvorstellbaren Gräueltaten. Nur der Mensch. Die selbsternannte Krone der Schöpfung besitzt ein derart mächtiges Zerstörungspotential und versteht es, sich dessen zu bemächtigen.
Menschen katalysieren eigene entsetzliche Erfahrungen, indem sie sie anderen zufügen und dadurch jene Macht erfahren, unter der sie selbst zu leiden hatten. Opfer werden zu Tätern und produzieren weitere Opfer. Ein nicht enden wollender Teufelskreis der Gewalt und Vernichtung.
Gesellschaften erfinden wohlklingende Namen, mit denen sie sowohl moralisch als auch ethisch verwerfliche Taten verschleiern können. Sie wollen anderen Menschen Glauben machen, es gäbe eine edle Motivation in ihrem Handeln. Dabei steckt meist nichts anderes als Habgier, Neid, Geltungsdrang, Egoismus oder Angst hinter diesen Taten.
Ich verstehe nicht, was an diesem Leben so reizvoll sein soll. Ich verstehe nicht, warum ich Freude empfinden soll. Ich verstehe nicht, warum ich meine Zukunft planen soll.
Am Ende ist es doch so: wir jagen irrealen Fantasien nach. Wir sind gefangen in gesellschaftlichen Strukturen, die uns diktieren, wie das ideale Leben auszusehen hat. Ein Ausstieg ist kaum möglich.
Ja, ich kann mir auf die Fahnen schreiben, meine Lebenszeit damit zu füllen, anderen Menschen eine Hilfe zu sein. Ja, ich kann zu Teilen Gutes in dieser Welt bewirken. Ja, ich kann aufstehen und mich für Menschen stark machen, die schutz- und hilflos sind. Ja, ich kann eine Stimme für Menschen sein, die sich selbst nicht äußern können. Das alles sind zweifelsohne sinnvolle Inhalte, mit denen sich ein Leben füllen ließe. Aber es wird niemals aufhören. Solange es den Menschen geben wird, wird es ebenfalls unfassbares Leid auf dieser Erde geben. Allein der Mensch ist schließlich sogar fähig dazu, seine eigene Existenzgrundlage, diesen Planeten, zu zerstören. Wie absurd ist das?
Wir werden alle sterben. Das ist eine unausweichliche Wahrheit, die jeden einzelnen von uns betrifft. Was genau ändert die Anzahl an Lebensjahren daran? Der Mensch kommt und geht. Nichts ist je von Dauer. Ich kann weiterhin kämpfen und versuchen, meine Seelensplitter mühsam zusammenzusetzen. In der Hoffnung, irgendwann in diese Gesellschaft und dieses Leben zu passen. Mit dem Ziel, irgendwann mit meiner inneren Dunkelheit leben zu können. Ich kann all meine Energie aufwenden und mich nach Kräften bemühen, das Böse nicht gewinnen zu lassen. Ja, all das kann ich.
Allerdings sehe ich den Sinn darin nicht. Ich könnte genauso gut heute aus dem Leben scheiden. Es machte unterm Strich keinen Unterschied. Zumindest nicht für mich.
Niemand kann mir sagen, worin genau der Unterschied bestehen soll. Ja, es ist unsagbar traurig, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben scheidet. Keine Frage. Es ist ein Schmerz, der schwer bis kaum erträglich ist und ich selbst weiß, wie grausam eine solche Erfahrung ist.
Jedoch im Leben zu bleiben, um andere nicht traurig zu machen, ist ein schwaches Argument. Denn letztlich wird es so oder so passieren. Lediglich der Zeitpunkt würde variieren. Also: worin besteht der Sinn, dieses Leben nicht eher zu verlassen, sondern auf den Moment zu warten, an dem es auf „natürliche“ Weise geschieht?
Ich habe mir selbst das Versprechen abgenommen, der Therapie eine Chance zu geben. Dazu gehört, dass ich hundertprozentig bei der Sache bin und mitarbeite. Daran ändern meine Gedanken nichts. Denn ich kann keine Behauptungen aufstellen und gleichzeitig unwillig sein, mir Gegenargumente anzuhören. Zum Diskutieren gehören schließlich eine wertschätzende Atmosphäre und die Bereitschaft, die eigene Meinung zu hinterfragen. Ich bleibe also auf der Suche und hoffe, irgendwann Antworten zu finden. Und wenn nicht habe ich ja noch Plan B.
Wolkentänzerin





