Warnung

Triggerwarnung! Dieser Blog enthält sensible Inhalte! Bitte lies nicht weiter, wenn es dir nicht gut geht oder spezielle Themen nicht gut für dich sind. Bitte geh achtsam mit dir um!

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Gib dem Kind einen Namen

Wir Menschen haben für alles einen Namen. Von Gegenständen, über Menschen, bis hin zum kleinsten Teilchen haben wir Bezeichnungen vergeben. Ist der kleinste Unterschied zu erkennen, muss eine neue Betitelung her, um der Andersartigkeit Ausdruck zu verleihen. Und auch uns als Menschen wird, sobald wir diese Erde betreten, ein Name gegeben. Oftmals bereitet werdenden Eltern gerade das die meisten Schwierigkeiten. Denn bei jeder Bezeichnung schwingt automatisch eine Bewertung mit.

Unsere Welt ist in Kategorien unterteilt und wir folgen festen Schemata, um uns in unserem sozioökonomischen Umfeld orientieren zu können. Nach Piaget adaptieren wir bereits in frühster Kindheit neue Informationen zu vorhandenen Schemata. Dadurch erstellen wir uns nach und nach einen Baum der Logik und des Verständnisses. Wir beobachten und werten. Wir lernen zu erkennen und zu unterscheiden. 

Kindern werden neue Begriffe oft beigebracht, indem Erwachsene auf Gegenstände zeigen und sagen, was sie sehen. Oder sie hindern die Kinder daran, etwas in den Mund zu stecken und geben dem Kind zu verstehen, dass das ekelig oder dreckig ist. Sobald wir auf der Welt sind, errichten die Menschen um uns herum, unser Weltverständnis und unseren Umgang mit uns und dem Umfeld, mit dem wir tagtäglich in Aktion treten.

Schon früh lernen wir außerdem, uns gegebenen Namen entsprechend zu verhalten. Wir sind Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde, Schüler, Lehrer und so weiter. Daran sind feste Erwartungen geknüpft, die wir erfüllen müssen. Genauso wie wir im Gegenzug etwas von unserem Gegenüber erwarten, wenn wir ihn unseren Freund nennen.

Es scheint, als könne sich der Mensch nur zurechtfinden, wenn er seine Umwelt labelt. Alles muss eine Bedeutung haben, jede Beziehung einen Namen tragen. Wir brauchen klare Strukturen und Rahmenbedingungen. Nur so kann das Miteinander funktionieren. Es sind festgeschrieben Statuten, denen wir uns schwer bis gar nicht entziehen können. Verhalten Menschen sich anders, sind sie Systemsprenger oder schlicht unfähig, sich anzupassen. Vielleicht bezeichnen wir sie auch als Querulanten und unangenehme Zeitgenossen. Immerhin brauchen wir auch dafür einen Namen und eine Wertung. Wir brauchen für alles und jeden Schubladen. Erst das Einsortieren in die jeweilige Kategorie ermöglicht es uns, unser Verhalten und unsere Denkweise anzupassen.

Haben wir deshalb Angst vor den dunklen Wesen, die in der Nacht lauern? Weil sie namenlose Gestalten sind, die wir nicht greifen können? Oder ist es vielmehr die Furcht davor, ein Mensch könnte aus der Reihe tanzen und sich entgegen seiner Kategorie verhalten? Wie groß ist doch das Entsetzen, wenn sich der Nachbar als unmoralische, verbrecherische Person entpuppt? Dann sagen die Menschen, sie hätten das nie von ihrem Nachbarn erwartet. Und wie auch? Die Bezeichnung Nachbar umfasst eben ganz spezielle Verhaltensweisen und Eigenschaften. Alles darüber hinaus wird ausgeblendet oder am Ende sogar verblendet.

Die Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Neue Situationen, die keinem Schema zu entsprechen scheinen, werden daher oftmals sehr unterschiedlich bewertet. Die Menschen geben ein- und derselben Situation mitunter viele unterschiedliche Namen. Wir versuchen, das Unbekannte mit Bekannten in Einklang zu bringen. Das nennt sich in der Entwicklungspsychologie Assimilation. Die unterschiedliche Assimilation zweier Menschen birgt eine Menge Konfliktpotenzial. Insbesondere dann, wenn ein jeder meint, sein eigenes Konzept verteidigen zu müssen, um am Ende sich selbst zu schützen. Die Reibung ist meistens auch nur erträglich, weil es im Kern eben doch diesen einen gemeinsamen Nenner an Werten gibt. Wobei auch das sicher seine Grenzen hat…

Fällt es mir deshalb schwer, die Dinge beim Namen zu nennen? Die Bezeichnung „Ding“ ist letztlich ein Platzhalter, der es uns ermöglicht, eine Sache weitgehend wertfrei zu betrachten. Wenn ich sage, dass Dinge passiert sind, dann erlaube ich mir, eine eigene Wertung zu haben. Ich werde nicht gezwungen, die gesellschaftliche Bedeutung zu adaptieren. Was mir wiederum die Freiheit lässt, mit diesen Erlebnissen auf meine eigene Art umgehen zu können. Ich schaffe mir eine Art Schlupfloch.

Wohnt der Betitelung der Tatsachen der eigentliche Schmerz inne? Immerhin wird mir gesagt, wie ich mich wegen dieser oder jener Phänomene fühlen soll. Es gibt so viele Worte, mit denen sich die inneren Vorgänge beschreiben lassen. Sie können in Formen gegossen und betrachtet werden. Sie können analysiert, bewertet und korrigiert werden. Die Beschreibungen sind jedoch viel zu oft mangelhaft. Sie bilden nur einen kleinen Teil des Gesamtbildes ab. Zumindest fühlt es sich so an. Ich muss mich mit Worten erklären, die von Menschen erfunden wurden, die Außenstehende sind. Oftmals fühle ich mich wie jemand, der aus einer anderen Kultur kommt und sich durch die Sprachbarriere nicht richtig verständigen kann. Und nicht selten stoße ich auf Unverständnis oder gar Ablehnung, weil ich eben nicht so bin, wie die vielen anderen. 

Ich habe Schwierigkeiten in dieser Welt, weil ich dem Stempel, der mir aufgedrückt wurde, nicht entsprechen möchte. In mir ist dieser brennende Wunsch, mich von den Fesseln dieser Gesellschaft zu befreien. Denn ich bin sehr müde geworden. Ich bin müde, die Rollen zu spielen, die mir das Leben gab.

Bei einer der Therapiesitzungen fragte ich Dr. Freud, ob ich auch dann Probleme hätte, in dieser Welt zurecht zu kommen, wenn die Gesellschaft andere Werte hätte. Wäre der Leidensdruck der gleiche, wäre ich anders sozialisiert worden? Lebte ich nicht in dieser Gesellschaft, die ihre ganz eigenen Wert- und Moralvorstellungen hat? Wäre mein inneres Entsetzen dann noch vorhanden? Bräuchte ich überhaupt eine Therapie, gäbe es diese Zerrissenheit nicht, die bloß existiert, weil meine innere Welt so konträr zur äußeren ist? Mal ganz abgesehen davon, dass eine solche Welt ein furchtbarer Ort wäre, kann ich keine Antwort auf diese Frage finden. Und am Ende ist sie auch irrelevant. Denn ich lebe nun mal in genau dieser Gesellschaft mit genau diesen Werten, Regeln und Normen. Und letztlich leide ich, weil eben diese Konzepte in meinem Leben mit den Füßen getreten wurden.

Nun wird von mir erwartet, dass ich die Werte der anderen übernehme und all die Namen, die ich lernte, zu vergessen. Ich soll einsehen, dass Beziehungen anders funktionieren und andere Erwartungen stellen.

Ich finde das alles sehr verwirrend und weiß manchmal nicht, was ich tun soll. Ich habe oft das Gefühl, es nicht richtig machen zu können oder mich zu doof anzustellen. Dann verfalle ich in erlernte Muster und verkrieche mich in meiner eigenen kleinen Welt. Schließlich ist es das, was ich kenne und was mir vermeintlichen Schutz bietet.

Es ist nämlich so: mit der Korrektur eines Begriffes und einer damit verknüpften Bewertung ist es nicht getan. Denn ist Wurzel bereits vergiftet, hat das sogar Auswirkungen auf das kleinste Blatt. 


 

Wolkentänzerin

Freitag, 13. November 2020

Long Story Short

 Die Hausaufgabe ist geschrieben. Die Besprechung blieb bisher aus. Ein Gefühl zwischen Freude und Enttäuschung. Zwischen bangen und hoffen. Immer im Zwiespalt. Immer in zwei Welten.

Derzeit fühlt es sich an, als träfen meine beiden Realitäten aufeinander. Ein furchtbarer Crash bahnt sich an und ich kann nichts dagegen tun. Fühle mich wie ein Beobachter bei einem Unfall. Hin- und hergerissen zwischen Faszination und Erschrecken. Ich spüre den Tatendrang – genauso wie die lähmende Hilflosigkeit.

Ich kann nicht atmen. Nein, vielmehr halte ich den Atem seit einer gefühlten Ewigkeit an und warte auf diesen einen entscheidenden Moment. Den Augenblick, in dem ich endlich ausatmen kann. Stattdessen schwebe ich durch die Zeit und weiß nicht mehr, wo oben oder unten ist. Ich habe die Orientierung verloren, weil sich die Dunkelheit in mein Leben geschlichen hat. War sie denn nicht schon immer da? Ja, gewiss, das war sei. Aber eben in mir drin.

Mein Inneres und die Welt dort draußen sind vollkommen unterschiedliche Dimensionen, die ich bisher strikt voneinander zu trennen versuchte. Mein funktionierendes Alltagsich ließ keinen Kompromiss zu. Irgendwie musste ich es eben schaffen, die Aufgaben zu erledigen, die an mich gestellt wurden und auch weiterhin werden. Niemals wollte ich, dass mir jemand ansehen kann, wie es mir geht.

Ein Stück weit habe ich meine Daseinsberechtigung verloren. Schließlich bestand sie darin, anderen Menschen zu helfen. Das schaffe ich derzeit jedoch nicht. Ich habe dafür schlicht und ergreifend keine Kraft. Doch wie kann ich das vor mir rechtfertigen? Wie kann ich es wagen, diesen egoistischen Akt der Therapie in Anspruch zu nehmen und das nicht auszugleichen? Die Stimme meiner Mutter dröhnt so laut in meinem Kopf und zwingt mich in die Knie.

Der Schmerz, über diese Themen zu sprechen oder sie zumindest anzureißen, ist überwältigend. Als ramme mir jemand ein Messer in den Rumpf. Immer und immer wieder. Und ich weiß, dass ich mich mit diesen Themen beschäftigen muss. Doch dieser Schmerz ist dermaßen einnehmend und alles überschattend, dass ich nicht weiß, wie ich das aushalten soll.

Letztlich ist es jedoch so, dass ich nicht aufgeben kann und werde. Ich darf diesen übermächtigen und drängenden Suizidgedanken nicht nachgeben. Denn was passiert, wenn ich es tue? Ich sterbe und das wäre das Ende dieser Geschichte. Was bliebe, wäre Dunkelheit und Schmerz. Diese Dinge blieben, zwar nicht in meinem Leben, aber in den Leben anderer. Es wäre bloß eine Übertragung. Und das kann ich nicht mit mir vereinbaren. Noch nicht.

 



 

Wolkentänzerin

Montag, 12. Oktober 2020

Die prokrastinierte Hausaufgabe

Neben mir liegt ein Blatt Papier. Format A4. Darauf sind 10 Punkte zu finden. Diese Punkte gliedern sich wiederum in die Unterpunkte a)-d).

Dieses schlichte schwarz-weiße Dokument hat mir in den vergangenen zwei Stunden so manche Nerven gekostet. Dabei sind die Fragen, die darauf aufgeführt sind, im Grunde einfach zu beantworten. Ja, naja, so richtig einfach ist es auch wieder nicht - aber immerhin ist es kein Quiz. Es ist lediglich ein Fragebogen zu meiner Familiengeschichte. Dr. Freud möchte die Antworten haben, um den Langzeitantrag bei der Krankenkasse stellen zu können.

Ich habe heute sozusagen Hausaufgaben aufbekommen. Ganz wie zu Schulzeiten. Nur, dass ich diesmal keinen blassen Schimmer habe, was ich schreiben soll.

Bei jedem verfassten Satz, den ich mir nur schwer abringen konnte, säuselt die Stimme in meinem Kopf drauflos. "Wie kannst du nur so über uns reden?", "Du bist eben eine undankbare Egoistin keines gleichen"...

Seit der Therapiesitzung heute ist mir speiübel. Ich fühle mich irgendwie krank. Dieses Mal war es wieder besonders intensiv und anstrengend. Wir haben die Beziehung zu meiner Mutter beleuchtet und ich spüre wieder all die Empfindungen, die ich als Kind wahrgenommen hatte. All der Kummer und die lähmende Hilflosigkeit sind wieder derart präsent, dass es mir schwerfällt, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Ich will hier nicht sitzen und darüber nachdenken. Denn ich ertrage diesen unbeschreiblichen Schmerz nicht. Ich habe das Gefühl, als steche jedes Mal jemand mit einem Messer auf mich ein. Und ich kann mich nicht dagegen wehren. Stattdessen lasse ich es sogar zu, weil ich glaube, dass es langfristig helfen wird. Aber was genau? Dass es irgendwann nicht mehr so wehtut, weil ich abgehärtet bin? Weil ich erkannt habe, dass ich an den inneren Verletzungen nicht sterben werde? Oder bin ich dann vielleicht längst dran gestorben?

Dr. Freud sagt, das Verstehen der Welt hätte mir geholfen zu überleben. Die Zusammenhänge zu kennen, habe mich letztlich gerettet. Allerdings fühlt es sich absolut nicht so an. Vielmehr habe ich das Gefühl, durch all das Verständnis eine umso stärkere Zerrissenheit in mir zu haben. Denn wenn ich weiß, weshalb meine Eltern sich verhielten, wie sie es taten, wie kann ich ihnen das dann noch übelnehmen? Und darf ich das überhaupt? Ohje, jetzt sind wir wieder bei den ganz tiefgründigen und alles entscheidenden Fragen angelangt, auf die es sowieso keine Antwort gibt.

Schade ist, dass ich bei dieser Hausaufgabe nicht abschreiben kann. Wobei ich das sowieso selten tat. Ich hatte immer viel zu große Angst davor, erwischt zu werden und dann aufzufallen. Deshalb habe ich auch noch nie in meinem Leben bei einer Klassenarbeit oder Klausur gespickt. Nicht ein einziges Mal. Darauf bin ich nicht stolz. Vielmehr macht es mich traurig. Am Ende sagt das nämlich nur, dass die Angst seit jeher die Melodie meines Lebens ist.

Doch zurück zum Thema und nicht wieder prokrastinieren. Da fällt mir ein, dass ich kürzlich einen sehr interessanten TED-Talk dazu gehört habe. Dabei ging es unter anderem darum, dass Menschen, die Aufgaben aufschieben, das meist tun, um negative Gefühle zu vermeiden. Es soll daher helfen, sich eine zweite Identität zu schaffen, die die Aufgabensetzung strukturiert und zur Ordnung ruft. Vielleicht sollte ich das mal versuchen. Wobei sich die Frage anschließt, wie der Fragebogen dann am Ende aussieht. Erschaffe ich mir dann in einem Zug gleich fiktive Eltern mit dazu? Abgesehen davon, dass die Expertin das im Podcast so sicher nicht meinte, wäre es auch alles andere als zweckdienlich.

Tja, dieser Blogeintrag hat mir jetzt nicht viel gebracht. Außer der Erkenntnis, dass ich mich von meiner eigentlichen Aufgabe ablenken wollte. Also Schluss damit, wirren Gedanken nachzuhängen und zurück zur Essenz. Immerhin wird dieses Dokument solange über mir schweben, bis ich es endlich vollständig bearbeitet habe.

Ich sollte mir erst dann Gedanken über die Richtig- und Wichtigkeit meiner Antworten machen, wenn ich sie auch tatsächlich niedergeschrieben habe. Alles andere wäre wohl eine allzu vermeidbare Energieverschwendung. 








Wolkentänzerin






Mittwoch, 23. September 2020

Vom Wollen und Sollen und der Scham, die über allem thront

Woher weiß ein Mensch, dass er etwas will? Dass diese eine Sache genau das Richtige für einen ist? Mir wurde häufig eingeredet, dass ich dieses oder jenes wolle, weil ich mich sonst nicht auf die ein oder andere Art verhielte.

Gestern wurde ich gefragt, was ich will und ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich dazu sagen sollte.

Mir wurde eine riesige Chance angeboten. Ich wurde sehr gelobt und mir wurde gesagt, dass ich großes Potential und hohe kognitive Fähigkeiten habe.

Seitdem geht es mir absolut elendig. Ich fühle mich furchtbar. Wie die größte Hochstaplerin der Geschichte. Ich habe riesige Angst, dass sie erkennen werden, dass sie sich in mir getäuscht haben. Dass sie sich irren. Dass all das bloß heiße Luft war.

Dabei möchte ich diese Chance ergreifen. Will ich das wirklich? Was will ich?

Jetzt gerade möchte ich sie anschreien und ihnen sagen, dass sie sich irren. Dass sie mich falsch einschätzen.

Ich habe lediglich meine Arbeit verrichtet. Ich wollte nicht auffallen, sondern im Stillen meine Aufgaben erledigen und sie zufrieden stellen.

Ich habe Magenschmerzen und könnte heulen, weil ich es nicht fassen kann. Wieso ist die Fremdwahrnehmung derart konträr zur Eigenwahrnehmung? Was ist, wenn ich scheitere? Wenn ich mal wieder versage? Daran ist eine Menge Geld und im Falle meines Scheitern letztlich auch eine Menge Schulden geknüpft.

Ich wünsche mir, dass ich mich nicht länger so elendig fühlen muss. Ich glaube nämlich, dass sie falsch liegen. Ich denke nicht, dass ich ein großes Potential habe. Ich glaube nicht, dass bei mir das Gesamtpaket stimmt. Ganz im Gegenteil...

Allerdings ist es eine so großartige Chance. Es scheinen Menschen zu sein, die mir etwas Gutes wollen. Doch das darf nicht sein. Es darf solche Menschen nicht geben. Denn dann formen sie den Kontrast zu den Menschen, die genau das gesollt aber nicht getan haben.

Es klingt vielleicht paradox, aber diese Chance verstärkt meinen Drang, mir das Leben nehmen zu wollen. Schließlich kann ich so nicht wieder verlieren oder es vermasseln.

In mir brodelt es. Mir ist übel. Die Welt um mich herum schwankt bedrohlich. Und ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun soll. Am schlimmsten ist nämlich diese unerträgliche Scham. Dieses heiße Brennen und das Gefühl, all das nicht verdient zu haben.

 

Wolkentänzerin

Sonntag, 20. September 2020

There ain't no future in the past...

 Still und leise höre ich in mich hinein und versuche mich an einer Bestandsaufnahme. Die ist auch mehr als fällig. Zu lange habe ich mal wieder verdrängt und mich in destruktive Muster fallen lassen, weil der innere Druck schlicht und ergreifend zu groß war. Also: Was geht in mir vor? Was empfinde ich? Wo sind meine Gedanken in diesem Moment? Bin in entspannt? Fühle ich mich wohl? Tanze ich auf den Wolken oder kann ich den Boden unter meinen Füßen wahrnehmen?

In mir ist eine bleierne Schwere. Mein Kopf durch einen dichten Nebel verschleiert. Kein einziger Gedanke ist greifbar. Jeder Muskel meines Körpers fühlt sich verspannt an. Meine Fuß- und Fingergelenke schmerzen. Ein Rheumaschub, der mir seit Tagen zu schaffen macht und mich mitunter an der Rand meiner Kraft bringt. Außerdem spüre ich, dass mein Körper sich derzeit viel mit Erinnerungen beschäftigt. Immerhin ist er der Speicher für all das, was uns im Leben begegnet. Unser Körper vergisst nicht, sondern erinnert sich auf seine ganz eigene Art und Weise. Ein eindeutiger Indikator dafür, dass es wieder Zeit wird, den inneren Impulsen und Vorgängen Raum zu geben. Die Kapazität der Verdrängung ist erschöpft.

Oftmals komme ich nicht umher, mich zu fragen, wann all das wohl endlich aufhört. Wann ich mich endlich aus dieser Erstarrung befreien kann. In der Vergangenheit ist schließlich keine Zukunft. Doch „[das] Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ (William Faulkner). Denn für mein Inneres und meinen Körper sind die Erlebnisse noch immer aktuell. Gefangen in einer Zeitschleife, die ich bis heute nicht zu durchbrechen vermag. Mein Gedächtnis unterliegt in diesem Kontext keiner Veränderung.

Dabei ist genau das so wichtig, um im Leben voran zu kommen. Unsere Erlebnisse formen den Kompass, mit dem wir in ungewohnten Situationen Orientierung erlangen können. Wir verlassen uns auf unsere gemachten Erfahrungen, um Entscheidungen zu treffen. Durch persönliche Entwicklung schaffen wir neue Perspektiven und können dadurch unseren ganz individuellen Lebensteppich in einem anderen Licht betrachten. Muster erscheinen auf einmal anders. Farben verlieren oder gewinnen an Intensität. Plötzlich ergeben Situationen einen Sinn und ermöglichen es uns, das Gefühl der Kontinuität und Stabilität zu empfinden.

Traumatische Erfahrungen hingegen sind statisch. Sie verändern sich nicht. Stattdessen existieren sie seit jeher als fragmentierte Splitter in mir. Und wann immer sie traktiert werden, verletzen sie mich. Was wiederum bedeutet, zu einem nicht enden wollenden Albtraum verurteilt zu sein.

All die Therapie, die ich bisher versuchte, fühlte sich an, als kämpfte ich gegen ein überirdisches Wesen. Wann immer ich dieses Monster verwundet hatte, wuchs ihm ein neues Körperteil oder die Wunde heilte schneller als ich gucken konnte. Und auch das Verdrängen hat sein Grenzen. So sehr ich mich auch bemühe, geht das Licht aus, ist der Schrecken präsent.

Ich hätte gerne Hoffnung. Ich möchte gern glauben, dass diese Therapie diesmal Früchte trägt. Dass ich es schaffen kann, die Vergangenheit zu beenden. Dass mein Leben in Bewegung gerät.

Aber wohin mit all der Angst? Augen zu und durch? Zur Not muss eben ein Klinikaufenthalt her.

Doch wer gibt mir das Recht, mich derart wichtig zu nehmen? Ich darf nicht durchhängen. Nicht aufschreien. Nicht auffallen. Ich muss normativ sein. Unauffällig. Unkompliziert. Unsichtbar. Denn was passiert, wenn ich tue, was ich will? Die Menschen fangen an, mich zu bemerken. Sie schauen genauer hin. Von da bis zur Verurteilung und dem Abwenden ist es dann nicht mehr weit.

Bisher tue ich mein Möglichstes, um meinem Umfeld zu gefallen. Immer lächeln. Immer freundlich sein. Immer akzeptieren. Immer helfen. Immer zuhören. Immer runterschlucken. Immer nicken. Immer defensiv. Immer Fragen stellend. Immer im Hintergrund bleibend. Wenn überhaupt, dann lasse ich die Menschen lediglich an der Oberfläche kratzen. Doch niemals mehr. Zu groß ist die Gefahr, sie könnten erkennen, welches Monster ich bin und mich dann zurücklassen. Mir sagen, ich sei unerträglich.

Ich wünschte, ich könnte das Alles etwas lockerer betrachten. Ich wünschte, ich könnte die Signale meines Gegenüber richtig deuten und interpretieren. Ich wünschte, ich könnte damit aufhören, mir den Kopf zu zermartern und mich zu zerfleischen, weil ein sozialer Kontakt nicht so lief wie erhofft. Ich wünschte, ich könnte mich einmal sicher im Umgang mit einem Menschen fühlen und glauben, dass alles gut ist und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. Nur einmal.

Aber…I still remember…

Wolkentänzerin

Dienstag, 1. September 2020

Der See des Vergessens

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, diese Welt nicht mehr ertragen zu können. Wo ich auch hinsehe, offenbart sich Leid, Elend und das Böse dieser Zeit.

Tagtäglich lausche ich den Geschichten meiner Mitmenschen über persönliche Schicksalsschläge, allgemeine Unzufriedenheit, tiefe Niedergeschlagenheit und weiterem Seelenballast, der sie bedrückt. Ich höre zu und nehme all das in mich auf.

In mir war schon immer der Drang, meinen Gegenüber anzusprechen, wenn ich eine gewisse Traurigkeit oder Bedrückung wahrnehmen konnte. Ich stelle Fragen und lasse den anderen den Raum füllen, den ich zur Verfügung stelle. Ich bin da. Ich bin verständnisvoll, emphatisch, wertschätzend und nehme mich selbst zurück.

Keine Frage, ich bin von ganzem Herzen dankbar dafür, dass Menschen mir Vertrauen können und mich in ihre Herzen blicken lassen. Ich bin dankbar dafür, dass sich mir Menschen zeigen können, wie sie sind. Ich erfreue mich an dem Austausch und daran, meinen Horizont durch die Perspektive des anderen erweitern zu können. Ich bin gern da und ich freue mich, der Mensch sein zu können, der ein wenig Licht spenden kann.

 

Doch manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Herz auch öfter mal jemand so ausschütten. Ich wünsche mir, nicht immer vorsichtig sein zu müssen. Stattdessen muss ich aufpassen, wie viel ich wem sage.

Denn Menschen haben leider oft die Angewohnheit, Vertrauliches weiterzuerzählen. Nicht aus bösem Willen heraus. Nein, sie haben nur endlich mal wieder etwas Spannendes zu erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die sich gut „verkaufen“ lässt. Doch ich möchte mehr sein als eine Sensation. Ich möchte als Person gesehen werden. Ich möchte verstanden werden. Ich möchte keine Phrasen hören, die bloß als Platzhalter für Unsicherheit dienen. Ich möchte keine Rücksicht nehmen müssen. Ich möchte erzählen und gesehen werden.

Ganz ehrlich? Ich bin es so leid, auf gesellschaftliche Konzepte Rücksicht zu nehmen.Mir bluten die Ohren, wenn ich nochmal höre, dass ich bloß nach vorne schauen und mich beschäftigen brauche und sich dadurch schon alles zum Besseren wenden werde. Dass ich doch endlich mal auf die Fuße kommen und mich meiner Karriere widmen müsse. Dass ich endlich Fortschritte machen müsse.

Außerdem bin ich es so leid zu hören, dass jemand an mich denkt. Was genau soll mir das bringen? Weshalb soll ich dafür dankbar sein? Damit erleichtert der andere bloß sein eigenes Gewissen und kann sich das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Aber ich bin dann verpflichtet, dankbar zu sein. Dankbar für etwas, das mir letztlich nichts bringt. Und um ehrlich zu sein, macht mich das traurig. Denn unterm Strich bin ich dann noch einsamer. An jemand zu denken, ist etwas sehr passives - zumindest für mein Empfinden. Ich möchte kein Andenken. Ich möchte ein Dasein.

Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit einem traumatisierten Menschen umgehen sollen. Sie sind überfordert, wenn dieser Mensch nicht so reagiert, wie erhofft. Schnell werden Vorwürfe laut. Schnell macht sich Frust breit, weil der andere es immer noch nicht geschnallt hat. „Du gehst doch jetzt schon so lange zu Therapie. Warum ist es denn noch immer noch nicht besser?“. „Warum kannst du mir nicht endlich mal vertrauen?“. „Ich habe es dir doch schon so oft gesagt. Warum kannst du mir nicht endlich mal glauben?“.

Warum? Weil ich es nicht kann. Ich habe kein Urvertrauen gelernt. Ich kann nicht sagen, was ich brauche. Deshalb sage ich das, wovon ich glaube, dass du es hören möchtest. Ich lasse dich über meine Grenzen latschen, weil ich nicht gelernt habe, mich für mich selbst stark zu machen. Ich höre lieber dir zu, anstatt dir deine Zeit zu stehlen, indem ich über mich rede.

 

Ich möchte frei über mich sprechen können, ohne dich am Ende auffangen zu müssen. Ich möchte mir nicht anhören müssen, dass du dir nicht vorstellen willst, wie sich das anfühlen muss. Nein, ich kann nicht einfach damit abschließen. Wie soll das auch gehen? Es ist mein Leben. Mein Leben, das ich ständig verstecken muss. Mein Leben, das sich anfühlt, als existiere es lediglich in einem Paralleluniversum. Mein Leben, das sich die meisten nicht vorstellen wollen. Sie lassen nicht zu, dass ich sie damit konfrontiere, weil sie Angst um ihre heile Welt haben.

 

Ich bin es leid, mir die Vorwürfe anhören zu müssen. Die Menschen wollen, dass ich mich ihnen öffne. Dass ich ihnen sage, was ich empfinde. Doch sie können nicht verstehen, dass ich das nicht kann. Dass ich Angst vor der Reaktion habe. Denn es tut höllisch weh, wenn ich mich öffne und mein Gegenüber erwidert eine Phrase. Einen nichtssagenden, bedeutungslosen Satz. Um überhaupt etwas zu sagen. Dann muss ich danke sagen und wieder die Starke mimen. Ich muss dem anderen das Gefühl vermitteln, dass mir seine Worte helfen. Dass alles letztlich ok ist und ich schon klarkomme. Dass ich dankbar bin. Ich fange dann den anderen auf und gebe ihm ein gutes Gefühl. In solchen Momenten spüre ich nicht nur den massiven inneren Schmerz, weil ich über diese Dinge gesprochen habe, sondern auch das unerträgliche Brennen der intensiven Scham. Weil ich vom Gegenüber nicht in meinem Empfinden abgeholt wurde. Es beschämt mich, mich überhaupt geöffnet zu haben. Ich komme mir dumm vor. Ich trete innerlich einen Schritt zurück, verstecke mich wieder, setze die Maske auf und kümmere mich um meinen Gegenüber.

Mir ist absolut bewusst, dass ich meinen Mitmenschen keinen Vorwurf machen kann. Sie handeln überwiegend aus gutem Willen heraus und tun ihr Bestes. Und wie sollen sie auch wissen, was es bedeutet eine zersplitterte Seele zu haben, wenn ihnen das zum Glück erspart geblieben ist?

Wie soll ein Mensch verstehen, was es bedeutet? Was es heißt, wenn der Mensch, der die Aufgabe hat, dich zu schützen, dir den Weg in ein gutes Leben zu ebnen und dem du kindlich vertraust, eben das ausnutzt, um sich selbst zu bereichern? Was es heißt, den Schmerz als festen Bestandteil ins Leben zu integrieren. Und das noch bevor du überhaupt dazu fähig bist, eigenständige Gedanken zu haben.

Wie soll ein Mensch verstehen, dass du lange dachtest, dass das alles normal sei. Dass zwei Herzen in deiner Brust schlagen. Dass du ein Widerspruch in dir selbst bist? Dass du Nähe und Abstand gleichermaßen willst und brauchst? Dass du manchmal vor Sprachlosigkeit aufschreien willst? Dass du dich öffnen willst und es nicht kannst, weil es dir einfach nur furchtbare Angst macht?

 

Doch ich bin es leid, so verdammt allein mit mir zu sein. Einsam damit, diese Dinge erlebt zu haben. Mich immer und immer wieder erklären zu müssen, weil ich eben nicht so bin wie die anderen. Ich möchte nicht mehr dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sein. Einer Gesellschaft, die von mir erwartet zu funktionieren. Die erwartet, dass ich mich anpasse – koste es, was es wolle. Eben jene Gesellschaft, die ständig wegschaut. Die nicht eingriff, als es noch Rettung möglich gewesen wäre. Die aufschreit, wenn sie von diesen furchtbaren Dingen erfährt, es jedoch genauso schnell wieder verdrängt. Die Verständnis heuchelt, dir aber Vorhaltungen macht, wenn du nach der festgeschriebenen Zeit noch immer nicht funktionierst. Die dich abschreibt, wenn du es nicht schaffst, dein Ich von dir abzuspalten, um Leistung zu bringen.

Ich möchte schreien, weil ich das heiße Verlangen in mir spüre, endlich frei sein zu können. Frei von den niederdrückenden Gedanken. Frei von den Selbstvorwürfen. Frei vom Selbsthass. Frei vom anstrengenden Verantwortungsgefühl. Frei vom Glauben, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Frei von Schuld. Frei von Scham. Frei von Erinnerungen. Frei vom Wiedererleben. Frei von Krämpfen. Frei von Albträumen. Frei von Entsetzen. Frei von gedanklichen Fesseln. Frei von Selbstverletzung und -zerstörung. Frei von Angst.

Ich wünsche mir einen Moment der Schwerelosigkeit. Einen Moment zum Durchatmen. Einen Moment, in dem ich mich fallen lassen kann. Einen Moment der absoluten Stille.

Ja, ich möchte mich in das tiefe Dunkel sinken lassen und mich von den sanften Wogen davontragen lassen. Ich möchte in die schäumenden Wellen des berauschenden Nichts eintauchen und mich fortreißen lassen. Ich möchte hinabtauchen in den See des Vergessens. Ich möchte aufhören, mich zu fühlen. Ich möchte spüren, wie die eisige Kälte meine Zellen ausfüllt und mich taub werden lässt. Ich möchte mich verschlingen lassen und nie wieder zurückkehren.

Doch ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß, dass ich weitermachen muss. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen.

Und so wird morgen ein neuer Tag beginnen. Ein neuer Tag, an dem ich zuhören und geben werde, was ich geben kann. Ich werde mein Bestes versuchen, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Ich werde da sein und hoffen, dass es irgendwann genug sein wird. Dass ich irgendwann genug getan haben werde, um all die Fehler wiedergutzumachen, die ich beging… 


 

Wolkentänzerin